Die erste Frau im Vatikan – „Revolution der Zärtlichkeit“

23.01.2020 Feminismus

Gute Nachrichten aus dem Vatikan: Papst Franziskus hat tatsächlich eine Führungsposition in der vatikanischen Regierung mit einer Frau besetzt: Die Juristin Francesca Di Giovanni wird Untersekretärin im Staatssekretariat, also eine Art Vizeaußenministerin. Das Staatssekretariat ist für die diplomatischen Beziehungen des Vatikans zuständig, die 66 Jahre alte Di Giovanni soll sich dort um die multilateralen Beziehungen kümmern. Sie ist die erste Frau, die ein Führungsamt in der wichtigsten Behörde der Kurie bekleidet. Eine nahezu revolutionäre Personalie, ist der Vatikan doch – wie überhaupt die katholische Kirche – eine Männerbastion, wo Frauen lediglich als Heilige Maria oder rebellische Nonnen in Erscheinung treten.

Die Frau als Spenderin des Friedens

So weit, so gut. Vielleicht wird aus Papst Franziskus, der in Reden und Predigten immer mal wieder für mehr Frauen in Führungspositionen der katholischen Kirche plädiert, ja doch noch sowas wie ein Feminist – kleiner Scherz, solange der Papst sowohl Empfängnisverhütung als auch Schwangerschaftsabbrüche ablehnt, geht in die Richtung nicht so viel. Aber nun gibt es ja Quasi-Vizeaußenministerin Francesca Di Giovanni, die ihren Job nicht trotz ihres Geschlechts bekommen hat – sondern gerade deshalb! Di Giovanni selbst verweist in einem Interview mit dem Medienportal Vatican News auf die Predigt von Papst Franziskus am ersten Januar 2020. Darin heißt es:

„Bitten wir um die Gnade, dass wir dieses Jahr mit dem Wunsch leben, uns die anderen zu Herzen zu nehmen, uns um die anderen zu kümmern. Und wenn wir eine bessere Welt wollen, die ein Haus des Friedens und nicht Schauplatz für Krieg ist, möge uns die Würde jeder Frau am Herzen liegen. Von der Frau wurde der Friedensfürst geboren. Die Frau ist Spenderin und Mittlerin des Friedens und muss an den Entscheidungsprozessen voll beteiligt werden. Denn wenn die Frauen ihre Gaben weitergeben können, dann ist die Welt geeinter und friedvoller. Daher ist eine Errungenschaft für die Frau eine Errungenschaft für die ganze Menschheit.“

Huren und Heilige

Kurz zusammengefasst: Frauen sollten deshalb in Führungspositionen arbeiten, weil sie die „natürliche“ Gabe haben, sich um andere zu kümmern. Sie sind von Natur aus friedliebend und pazifistisch – im Gegensatz zu, das wird nicht explizit gesagt, Männern. Wie aus einem Seifenspender fließt bei Frauen Güte und Herzenswärme. Di Giovanni betont im Interview zwar, der Heilige Vater habe eine „innovative Entscheidung“ getroffen, die Verantwortung, die er ihr übertragen habe, hänge aber „mehr mit der Aufgabe zusammen als mit dem Fakt, eine Frau zu sein.“ Tatsächlich? Kurz danach spricht Di Giovanni nämlich von „gewissen Fähigkeiten“, die Frauen hätten, darunter die, Gemeinsamkeiten zu finden und Beziehungen zu heilen, und zwar mit „Einigkeit im Herzen“. Immerhin gibt sie zu, dass einige dieser angeblich weiblichen Fähigkeiten sich auch bei ihren männlichen Kollegen finden.

 

Aber wenn das so ist, dann würde das ja bedeuten… dass angeblich inhärent weiblichen Eigenschaften wie Friedensliebe und herzige Einigkeit gar nicht inhärent weiblich sind? Sondern: erlernt? Anerzogen? Es ist keine große Überraschung, dass Vatikan und katholische Kirche so vom Ewigweiblichen schwärmen, von einer weiblichen Essenz, und damit einhergehend spezifisch weiblichen Eigenschaften und Fähigkeiten. Frauen mögen dort Huren oder Heilige sein, aber in keiner dieser Verkörperungen zetteln sie Kriege an. Alarmierender ist, dass sich diese Art von Denken zunehmend auch in anderen gesellschaftlichen Diskursen findet. Geht es beispielsweise um Frauen in Führungspositionen, ist schnell davon die Rede, dass Frauen bestimme Positionen besetzen sollten, weil sie Frauen sind, und dadurch ja viel besser vermitteln können, teamfähiger sind, empathischer, und so weiter.

Dabei gerät oft in Vergessenheit, warum Frauen tatsächlich öfter als Männer über diese Eigenschaften verfügen: weil sie dazu erzogen wurden, so zu sein. Man wird nicht als Frau geboren, man wird es. John Gerzema und Michael D’Antonio, Autoren des Buchs The Athena Doctrine. How women (and the men who think like them) will rule the future, plädieren deshalb dafür, weiblich konnotierte Fähigkeiten wie Selbstlosigkeit nicht als einem bestimmten Geschlecht zugehörig anzusehen, sondern als eine Form der Innovation: als Dinge, die man(n) lernen kann – und nicht als etwas, über das Frauen qua Geburt automatisch verfügen.

„Revolution der Zärtlichkeit“

Aber das geht nun wirklich zu weit in den Bereich Gender-Theorie, mit der Papst Franziskus, wie man weiß, nicht so viel anfangen kann, da diese, auch das weiß man, zum Ziel hat, Männer und Frauen zu androgynen, geschlechtslosen und identischen Wesen zu machen. Gut, dass die katholische Kirche dem etwas entgegensetzt und eine „Revolution der Zärtlichkeit“ (O-Ton Papst Franziskus) ausruft, die von Jesus höchstpersönlich, dank seiner Mutter Maria, eingeleitet wurde. Was ja bedeuten würde… dass Jesus von seiner Mutter so etwas wie „weibliche“ Fähigkeiten mitbekommen hat? Sowas wie Empathie und Friedlichkeit? Heilige Muttergottesundvaterobenimhimmel.

2 Kommentare

  1. R-R Odenwald

    Man muss wohl von Haus aus katolisch sein um all dies zu verstehen. Als gebürtiger Protestant und interessierter Laie, erscheinen diese Debatte derart antiquiert und aus der Zeit gefallen.
    Der Kirchenstaat scheint tatsächlich ein klein wenig von seiner Omnipotenz abgeben zu wollen, siehe da,
    es dürfen Frauen sogar in die Männerdomäne einrücken. Fragt sich was für Frauen? Mit feministischen Vorstellungen dürften sie wohl kaum etwas zu tun haben. Der Altmännerverein gibt ein bisschen Zucker.
    Die Reformation war vor 500 Jahren, ungefähr zur selben Zeit hat Magelan die erste Weltumschiffung in die Tat umgesetzt. Man ist doch erstaunt wie geduldig das kath. Kirchenvolk dem Budenzauber anhängt und die Parallelwelt des Protestantismus so tiefgründig ignoriert, als hätte nicht vor 500 Jahren diese grundsätzliche Debatte ihren ersten Efekt erzielt.

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