Der Vaginal-Kapitalismus – „This candle smells like my vagina!“

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer Bekannten darüber, wie erstaunlich das eigentlich ist: dass Feminismus zu etwas geworden ist, das sich vermarkten und zu Geld machen lässt. Das war noch vor gar nicht allzu langer Zeit kaum absehbar. Und so sehr ich die allgemeine Entwicklung, dass feministische Themen und Anliegen sind in den Mainstream gelangt sind, begrüße: Der monetäre Aspekt des Ganzen verursacht bei mir ein doch eher flaues Gefühl im Magen.

Symbol des Widerstands

Vor allem dann, wenn es um die Vagina geht. Sie hat in den letzten Jahren einen nahezu kometenhaften Aufstieg hingelegt: Von etwas, über das man lieber nicht sprach, das versteckt und ignoriert wurde, ist sie nun zu einem Symbol des Widerstand, der Rebellion geworden (#PussyPower). Die Vagina findet sich (sehr abstrahiert) in Form sogenannter Pussy Hats auf dem Women’s March, sie wird auf T-Shirts gedruckt und in Songs besungen. Und das ist, nach Jahrhunderten, nach Jahrtausenden, in denen die Vagina als ekelig und dreckig galt, toll. Die Kehrseite ist, dass mit der Vagina nun Geld verdient wird, richtig viel Geld. Eines der berüchtigsten Beispiele ist die von Goop – a.k.a. Gwyneth Paltrows Wellness-Imperium – produzierte ‚Vagina Candle‘. Dabei handelt es sich um eine Kerze, auf der „Smells like my vagina“ steht. Kostenpunkt: 75 US-Dollar, also circa 68 Euro. Die Kerze wurde zum viralen Hit und war auf der Goop-Webseite innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. 

Bis vor kurzem bot Goop auch Eier aus Jade an (‚Yoni Eggs‘), die, in die Vagina geschoben, dort angeblich allerlei Positives bewirken. Mediziner*innen allerdings meldeten Zweifel an und Goop wurde zu einer Strafe von 145.000 US-Dollar verurteilt, wegen „Irreführung“ der Konsument*innen.

Nun ist Goop vielleicht kein besonders lebensnahes Beispiel, es hat schließlich nicht jede*r ein paar hundert Euro rumliegen, die in Vagina-Kerzen und -Eier investiert werden können. Oder sollten. Aber das Ganze ist ein gutes Beispiel für eine Art von Vaginal-Kapitalismus, die sich als Teil des Femvertising-Phänomens herausgebildet hat. Wo die Industrie früher damit Geld verdiente, dass Frauen sich für ihre angeblich stinkende und dreckige Vagina schämten und dementsprechend diskrete und wohlriechende Produkte dafür wollten (eher: wollen sollten), macht man sich heute den neu-erwachten vaginalen Stolz zu Nutzen.

Völlig neue Unabhängigkeit

Nirgendwo zeigt sich das besser als im Bereich Periode: Menstruationstassen und Periodenunterwäsche sind gefühlt überall, was durchaus einer gesteigerten Nachfrage nach solchen Produkten entspricht. Der positive Effekt ist natürlich, dass solche Produkte günstiger werden, wenn mehr Unternehmen sie produzieren. Allerdings ist die Art und Weise, wie Frauen zum Kauf angeregt werden sollen, in vielen Fällen fragwürdig. Denn es wird – mal wieder – jede Menge empowerndes Vokabular verwendet.

 

 
 
 
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So wirbt ein Unternehmen nicht nur damit, wie umweltfreundlich und hygienisch die Menstruationstasse ist, sondern auch mit der „völlig neuen Unabhängigkeit“, die diese Frauen „schenkt“. Unabhängigkeit von was? Von wem? Auch die diversen Zyklus-Apps verwenden oft eine ähnliche Sprache und versprechen, dank ihnen ließe sich der eigene Körper besser kennenlernen. Blöd nur, dass einige dieser Apps die gesammelten Daten an Facebook & Co weitergeben (siehe auch hier).

Die Sache ist die: Prinzipiell finde ich die Tatsache, dass es Zyklus-Apps, Menstruationstassen und meinetwegen auch die Vagina-Kerze gibt, super. Es ist doch großartig, dass mehr über die Vagina und das, was aus ihr herausfließt, gesprochen wird. Lange Zeit wurde beides tabuisiert, wurde Frauen permanent eingeredet, sie seien unhygienisch und unrein. Noch immer gibt es bei diesem Thema viel zu tun, kriegen viele einen Herzinfarkt, sobald der Begriff „Vagina“ fällt, muss darüber gesprochen und Aufklärung geleistet werden. Trotzdem werde ich das flaue Gefühl im Magen nicht los, weil da dieser Verdacht ist: dass große Unternehmen etwas Gutes, Wichtiges nehmen, und daraus Kapital schlagen. Dass die Vagina zu einer Art Merchandise-Artikel geworden ist – und eine emanzipatorische Haltung mal wieder zu etwas, das sich (angeblich) kaufen lässt. 

5 Kommentare

  1. Isabella

    Danke für den Artikel! Du fasst diesen bitteren Beigeschmack, den ich von Beginn an im Anbetracht dieser Entwicklung hatte, wunderbar in Worte.

    Was mir zu diesem ganzen pink washing noch einfällt, sind die ganzen Feminist T-Shirts (die fast fashion Version von h&m, Zara und Mango, versteht sich) . Quasi ein nicht ganz so expliziter, weniger offensivervVorläufer, der aber auf genau das gleiche rauswollte: Feminismus als Kommerzgut in seiner ignorantesten und exclusivsten Form, auf dem Rücken anderer Frauen. Emanzipation als Statement, über das man sich keine Gedanken im Vorraus machen muss –geschweige denn Handlung ergreifen. Nein, ein Statement zur Schau stellen (sei es der Spruch auf dem T-Shirt oder der Vulva Sticker auf der Handyhülle) ist genug der Handlung, Öffentlichwirksamkeit ist schließlich König. Alles was tiefer geht stellt sich doch bitte hinten an.

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  2. Luise

    VIVA LA VULVA. Deshalb mag ich euch so. Selbst wenn ihr so ein Shirt tragen würdet, würde was dahinter stecken. Jede Menge sogar. Danke für euch! Seit euch weiß ich erst, was Feminismus ist. Das muss mindestens sieben Jahre her sein – und da gab es in Deutschland niemanden, der das popkulturell eingebunden hat. Im Grunde seid ihr doch Pioniere, hat euch das mal jemand gesagt?

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  3. Alexander Konzelmann

    oh, wie humorlos, arme Gwyneth Paltrow!
    Erinnern Sie sich an Nietzsche über Moralisten: „Es muss immer etwas geben, über da absolut nicht gelacht werden darf.“
    Vorschlag: Eigene Ideen haben anstatt anderer Leute gute Ideen neidvoll schlecht zu reden.
    zweiter Vorschlag: ab und zu mitlachen, gibt zwar Fältchen im Gesicht, schont aber die Magenschleimhaut.

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