Good Vibes Only? Über das Phänomen „Toxic Positivity“ & schlechte Ratschläge

26.03.2020 Leben, Gesellschaft, box1

„Stay Positive“, „Good Vibes Only“, „Happy Mind, Happy Life“ — Wer in den vergangenen Jahren ein wenig Zeit in den sozialen Medien verbracht hat, dürfte bereits über diese oder ähnliche Botschaften gestolpert sein, immerhin gehört eine solch positive Denkweise mittlerweile zur Etikette von Instagram, Pinterest & Co. Doch auch im Leben außerhalb des Internets haben sich jene Phrasen längst etabliert, werden bevorzugt an Freund*innen oder Familienmitglieder, die sich in weniger schönen Umständen befinden, weitergegeben. Es sind nett gemeinte Ratschläge, die jedoch oftmals nichts weiter, als leere Hüllen sind. Problematischer noch ist jedoch die Tatsache, dass jene Positivität nicht unmittelbar die beste Methode ist, um anderen zu helfen — tatsächlich kann sie auf Menschen, die nach Unterstützung oder Hilfe fragen, sogar einen gegenteiligen Effekt haben, wie Jenn Selby auf Refinery29 schreibt. Toxic Positivity nennt man das dann. 

Dieser Begriff beschreibt das Phänomen, zu glauben, eine ausschließlich positive Einstellung sei das einzig richtige Konzept, nach dem jede*r ihr/sein Leben leben sollte. Es bedeutet letztlich, sich nur auf die positiven Dinge zu konzentrieren und all das, was negative Emotionen triggern könnte, per se abzulehnen, wie Konstantin Lukin, Autor und Psychologe, erklärt. Dieses Ablehnen oder Vermeiden unangenehmer Gefühle ließe sie letztlich jedoch größer werden, statt sie gänzlich verschwinden zu lassen. Gerade indem wir sie unterdrücken und vermeiden, sie zu fühlen, glauben wir, es sei in Ordnung, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken, ja sie gar gänzlich zu ignorieren — ein Zustand, der über einen längeren Zeitraum in einen Kreislauf übergehen kann, den wir so leicht nicht mehr durchbrechen können. Schwierige Emotionen und Gefühle zuzulassen, sei vor allem notwendig, um wichtige Informationen, wie etwa Warnsignale nicht zu verlieren, so Lukin. Ein Angstgefühl kann uns somit etwa auf eine Gefahrensituation hinweisen oder uns, ganz simpel gesprochen, daran erinnern, uns vermehrt um unsere psychische Gesundheit zu kümmern.

 
 
 
 
 
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Erzählen wir also anderen Personen von unseren negativen Emotionen oder aussichtslosen Situationen und erhalten darauf eine Antwort, die so oder so ähnlich wie „Sei doch nicht traurig“ oder „Denk positiv“ klingt, löst dies oftmals das Gefühl aus, sich für die eigene Traurigkeit rechtfertigen zu müssen, was, im schlechtesten aller Fälle, lediglich dazu führt, dass wir mit unserem Gegenüber über das Recht auf die eigenen Gefühle diskutieren, nicht aber über die eigentliche Gemütslage sprechen.

Dass Antworten regelmäßig von leeren, vermeintlich positiven Phrasen durchzogen sind, sobald es um die Leiden anderer Menschen geht, liegt vor allem daran, dass sich viele Menschen hilflos oder unwohl fühlen, sobald sie mit den Problemen anderer konfrontiert werden.

Toxic Positivity sei der Versuch, jene Gefühle möglichst schnell für beide Personen zu eliminieren, erklärt die Psychologin Mary Hoang in einem Interview. Besonders problematisch sei in diesem Zusammenhang das Schlüsselwort „sollte“ — heißt: Wenn wir uns ohnehin schlecht fühlen und etwa Sätze wie „Du solltest dankbar sein“ oder „Du solltest dich nicht so fühlen“, hören, löst es ein zusätzlich belastendes Schamgefühl aus und signalisiert oftmals, dass es nicht okay ist, unsere Gefühle zu fühlen.

Oftmals steckt hinter Toxic Positivity keine böse Absicht, vielmehr ist es Unwissenheit sowie ein Selbstschutz vor negativen Gefühlen, denn auch die Auseinandersetzung mit den Emotionen anderer beeinflusst unser eigenes Gemüt. Ein Aspekt, den wir schlichtweg hinnehmen müssen, wenn wir anderen Menschen helfen wollen, wie Daria Kuss, Psychologie-Professorin, betont. Wichtig sei jedoch auch, dass es nicht darum gehe, ein Problem lösen zu wollen, sobald sich eine Person öffnet. Hilfreich sei in solchen Momenten lediglich das aktive Zuhören sowie die Fähigkeit, sich in die Situation und die Gefühle des Gegenübers hineinversetzen zu können und letztlich zu akzeptieren, dass es menschlich ist, verletzt, traurig, enttäuscht oder wütend zu sein und auch mal darunter zu leiden. Es kann also durchaus hilfreicher sein, einer Person die negativen Gefühle zuzusprechen, statt zu versuchen, sie mit positiven Worten aufzumuntern.

 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von whitney goodman lmft (@sitwithwhit) am

Natürlich spricht nichts gegen eine allgemeine, positive Lebenseinstellung, denn die kann in einigen Momenten durchaus helfen, durchzuhalten. Wer mit einem positiven Mantra leichter durch das Leben geht, muss dieses also nicht gleich verwerfen. Dennoch gilt es, Gefühle aller Art stets zuzulassen, ihnen Platz zu schaffen und sie zu akzeptieren. Und das nicht bloß bei uns selbst, sondern auch bei anderen. Auch, wenn das bedeutet, das Risiko einzugehen, die eigene Stimmung einen Moment lang ins Wanken geraten zu lassen.

6 Kommentare

  1. Anner

    Ah, das ist interessant! Ich glaube, meine Mutter neigt (mit besten Absichten!) zu toxischer Positivität, weshalb ich mich ihr schon sehr früh nicht mehr anvertraut habe. Interessant, hier eine Einordnung und Erklärung zu finden. Danke!

    Antworten
  2. Pingback: Cherry Picks #10 - amazed

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