Mach doch mal was, das dich glücklich macht

„Mit 26, da werde ich ganz sicher auch heiraten und ein Haus kaufen und zwei Kinder bekommen“, gab ich mit 10 Jahren voller Überzeugung von mir, wohlwissend, dass ich eigentlich gar keine Kinder haben wollte, ja, vielleicht nicht einmal eine Ehe. Aber das mussten ja meine besten Freundinnen nicht erfahren, immerhin, so hatte ich es schon damals gelernt, gibt es Dinge, die man am besten für sich behält — zumindest, wenn man eine Einstellung hat, die von der Norm abweicht. Dass meine Einstellung zuweilen eine andere war, wurde mir in den kommenden Jahren jedenfalls noch einige Male mit kritischem Unterton mitgeteilt, etwa, als man versuchte, mir irgendwann einzureden, mein Werdegang sei die falsche Wahl („Damit verdient man doch kein Geld!“), meine Beziehung sei ja nun schon wirklich merkwürdig, immerhin würden mein Freund und ich uns ja nicht täglich sehen, oder dass die Kinder schon noch kommen würden, ich solle doch bloß abwarten, das ginge „ja vielen Frauen so“. Kurzum: Wenn es um die Lebensweisen anderer Personen geht, tun manche Menschen ihre Meinung wahnsinnig gerne kund. 

Dieses ständige Bewerten, Einmischen und die Verteilung gut gemeinter Ratschläge beginnt natürlich nicht erst bei den großen Lebensfragen wie Kinder, Partnerschaft und Beruf. Oftmals sind es nämlich bereits die kleinen Dinge, auf die sich Menschen wie Stadttauben, die ein paar Brezel-Krümmel entdeckt haben, stürzen. Kürzlich erst flogen mir diverse ironische Kommentare zum noch immer nicht vollständig eingerichteten Zimmer meiner Wohnung um die Ohren, Mensch Meier, so langsam sollte man doch meinen, ich würde endlich zum Ende kommen. Zunächst vertrieb ich die Worte noch wie lästige Fruchtfliegen mit der Hand, dann ging ich bloß dazu über, sie zu ignorieren, und stellte fest: Klappt viel besser so. Im nächsten Moment spürte ich neben der neuen Ruhe aber eben auch, wie sich ein merkwürdiges Gefühl in mir ausbreite, fast so, als würde sich da ein schlechtes Gewissen einschleichen und sich hämisch grinsend niederlassen. Moment mal, dachte ich noch, als ich versuchte, es zu verdrängen, aber da war es zweifelsohne schon längst zu spät. Kurze Zeit darauf ertappte ich mich bereits dabei, akribisch nach Möbeln zu suchen.

Dieses dämliche Gefühl, etwas tun zu wollen, bloß weil es eben alle tun, um irgendeiner Erwartung gerecht zu werden, ganz gleich, ob sie denn nun erfüllend ist oder eben nicht, war mir durchaus nicht neu. Tatsächlich nämlich waren wir uns schon viele Male begegnet. Natürlich bin ich da kein Einzelfall, vielmehr dürfte dieses Phänomen zahlreichen anderen Personen bekannt vorkommen, was ganz einfach daran liegt, dass wir meist von klein auf lernen, uns an gesellschaftlichen Normen zu orientieren. Wie genau diese Normen für Einzelne aussehen, liegt insbesondere am Umfeld, in dem wir aufwachsen und uns letztlich bewegen, denn hier schauen wir uns ständig ab, was normal und folglich auch richtig ist. „Das Prinzip der sozialen Bestätigung“ nannte der Autor und Psychologie-Doktorand Rob Henderson dieses Phänomen einst und hob im gleichen Zuge die Relevanz von Popularität hervor: Kaufen etwa viele Menschen das gleiche Produkt, glauben auch wir, dass es sich lohnt, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Oder: Leben viele Menschen nach ähnlichen Vorstellungen und Werten, orientieren auch wir uns daran, um bloß nichts falsch zu machen. Jene Denkweisen beeinflussen so nicht nur unsere Kaufentscheidungen, sondern auch unser Verhalten, unser Aussehen, unsere Berufswahl oder die Frage nach Beziehungsmodellen.

 

 
 
 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Ein Beitrag geteilt von Cat Morrison (@__s____o) am

Sonderlich verwunderlich ist es da also nicht, dass es Menschen gibt, die aus jenen gesellschaftlichen Erwartungshaltungen ausbrechen möchten, einfach mal Reißaus nehmen, um ihnen zu entkommen und endlich mal gegen diesen blöden Strom zu schwimmen. Bloß gibt es sie eben auch dort, diese Erwartungen, wo sie eigentlich niemand so recht vermutet. Werden manche Entscheidungen ganz plötzlich freudestrahlend akzeptiert, gibt es hier eben andere Dinge, die sich herrlich kritisieren lassen, weil man vielleicht doch noch freier, noch unkonventioneller sein könnte. Und ehe man sich versieht, steckt man wieder mitten in ihm drin, diesem gesellschaftlichen Strudel, der gerne alles aufsaugt, das ihm in die Quere kommt.

Zugegeben, das klingt jetzt erst einmal nach einer reichlich negativen, misslichen Lage, in der es kein Vor oder Zurück, kein endgültiges Entkommen gibt — und doch, das glaube ich zumindest, kann man alldem auch etwas Gutes abgewinnen. Immerhin geben gesellschaftliche Normen auch Orientierung für all jene, die verloren durch die Welt wandern und nicht so recht wissen, wohin mit sich. Sie bieten aber — zumindest in privilegierten Situationen — eben auch die Möglichkeit, sich von ihnen zu lösen, sofern sie denn kein gutes Gefühl verbreiten, Druck ausüben und unglücklich machen. Im Umkehrschluss heißt das: Wer häufiger in sich hinein hört und sich mit sich selbst auseinandersetzt, kann ganz wunderbar herausfinden, was sie/ihn glücklich macht, um schließlich selbst zu entscheiden, welchen Weg sie/er im Leben einschlägt, ganz gleich, ob die Erwartungshaltungen anderer erfüllt werden oder man von der Norm abweicht. Das Schöne daran ist doch, dass uns die Kritik, nörgelnde Kommentare oder zynische Worte anderer spätestens dann schnurzpiepegal sein können, wenn wir etwas aus vollster Überzeugung tun — mit anderen Worten: Mach doch mal was, das dich glücklich macht.

4 Kommentare

  1. Franziska

    Du sprichst mir (mal wieder) so aus der Seele!
    Es ist halt für viele Menschen viel einfacher andere Menschen aufgrund ihrer vermeintlich „falschen“ Lebensführung zu kritisieren als sich selbst im Spiegel zu betrachten und vielleicht über die eigenen Schwächen nachzudenken. Über die eigenen Schwächen, Fehler oder sogar der Unmut über das eigene Lebensmodell denkt niemand gerne nach also lässt es sich viel leichter an anderen rummäkeln.
    Ich habe noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich niemals heiraten möchte und keine Kinder bekommen möchte. Ich bin nun fast 32 Jahre alt und was ich mir in den vergangenen Jahren dazu schon hab anhören dürfen ist echt unglaublich. Ich weiß also genau was du meinst.

    Antworten
  2. Ina

    Du sprichst mir auch aus der Seele. Ich bin Ende 30, werde von jedem und allem (beruflich und privat) ungefragterweise permanent mit der Kinderfrage konfrontiert, die ich immer gelassen beantworte, nämlich, dass das nicht mein Weg ist. Ich ernte so gut wie immer großes Unverständnis – zuletzt wurde ich moralisch richtig unter Druck gesetzt: Wann es denn mal endlich soweit sei. Und wenn nicht, dann müsste man sich ja schon mal nach dem Sinn des eigenen Lebens fragen. Gefolgt von: ich sei ja sowieso zu alt. Das führte dazu, dass ich mich von der mir näherstehenden Person distanzierte. Das geht meines Erachtens deutlich zu weit.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Mehr von

Related