Serien-Tipp: „Das Damengambit“ — Über feine Kleider, intellektuelle Herausforderungen & die große Ähnlichkeit zu Simone de Beauvoir

(Achtung: Spoiler für The Queen’s Gambit!) Das vorab: The Queen’s Gambit, eine neue Netflix-Miniserie über ein verwaistes Schach-Wunderkind im Amerika der 1960er, ist genauso gut, wie man überall hört und liest. Jede einzelne der sieben Folgen ist perfekt geschneidert wie ein teures Designer-Kleid. Sie zwingt das Binge-Watching-erfahrene Publikum, zu verweilen, die Augen über das atemberaubende Décor und die Kostüme gleiten zu lassen. Sich jede Folge aufzusparen, als sei sie eine hochfeine Praline. Zumindest ich habe es so gemacht. Eine Szene ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben, hängt mir nach. 

Wie berauscht von der Niederlage

Die Szene ereignet sich in der fünften Folge: Der gerade erst dem Teenager-Alter entwachsene Schach-Star Beth Harmon (Anya Taylor-Joy) trifft 1967 bei der amerikanischen Schach-Meisterschaft auf einen alten Konkurrenten, Benny Watts (Thomas Brodie-Sangster). Der überredet sie, am Abend vor der finalen Runde – in der er und Beth gegeneinander antreten – mit ihm Schach zu spielen, statt sich alleine in ihrem Zimmer auf das Match vorzubereiten. Vor einem stetig wachsenden Publikum liefern die beiden sich Runde um Runde, Benny gewinnt immer und immer wieder. Nach dieser für sie, so sollte man meinen, demütigenden Erfahrung, stürmt Beth in ihr Zimmer – ihre Augen blitzen, sie ist euphorisch und glücklich. Sie, die es gewohnt ist, zu siegen, scheint wie berauscht von ihrer Niederlage gegen Benny – und das, weil Benny sie fordert, weil sie an ihm wachsen kann. Im Finale am nächsten Tag wird Beth Benny mühelos schlagen.

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Beim Zuschauen erinnerte ich mich an eine andere, ähnliche Szene. An einem Juli-Abend 1929 diskutiert im Pariser Jardin du Luxembourg eine junge Frau mit einem jungen Mann über das Problem einer philosophischen Moral: Die junge Frau hält an der von ihr erfundenen „pluralistischen Moral“ fest, der junge Mann hält dagegen. Gnadenlos zerpflückt er ihre Argumentation, drei Stunden lang, bis die junge Frau sich schließlich geschlagen gibt. Zu Hause angekommen notiert sie begeistert in ihrem Tagebuch: „Enthüllung eines Lebensreichtums, der unvergleichbar ist mit dem des zu verschlossenen Parks, in den ich mich einschließe. […] Ich fühle in mir etwas Beunruhigendes, das mir Angst macht, eine Heftigkeit, die mich aufreibt.“ Die junge Frau heißt Simone de Beauvoir, sie ist 21 Jahre alt – und hat gerade gegen den 24-jährigen Jean-Paul Sartre die größte intellektuelle Niederlage ihres bisherigen Lebens erfahren. Doch statt sich verschüchtert zurückzuziehen und ihre Wunden zu lecken, nimmt die junge Simone die intellektuelle Herausforderung an. Sie hat endlich einen Mann gefunden, der sich ohne falsche Zurückhaltung mit ihr misst, der sie nicht schont. In Jean-Paul sieht Simone einen „wunderbaren intellektuellen Trainer“. Jemanden, der ihr zeigt, was möglich ist, wenn sie nur will.

In The Queen’s Gambit scheint es Beth mit Benny ähnlich zu gehen. Sie fühlt sich nicht besiegt – sondern beflügelt. Nach den amerikanischen Meisterschaften lädt Benny Beth ein, zu ihm nach New York zu ziehen, um für das nächste große Turnier in Paris zu trainieren. In Bennys Wohnung spielen die beiden tagelang und intensiv Schach und landen schließlich, es schien von Anfang an unvermeidlich, im Bett. Danach staunt Beth: „So soll sich das also anfühlen.“ Damit meint sie nicht nur den Sex an sich – sie meint alles, was dazu gehört: den intellektuellen Kampf auf dem Schachbrett, die unterschwellige Konkurrenz. Es ist wie ein Rausch. Benny ist für Beth, endlich, ein echter Gegner. Zumindest so lange, bis Beth ihn überflügelt und es nichts mehr gibt, was er ihr beibringen könnte.

Eine ästhetisch ansprechende Fantasie

In vielerlei Hinsicht funktioniert The Queen’s Gambit wie eine ästhetisch ansprechende Fantasie: ein junges Mädchen mit unvorteilhafter Frisur und aus schwierigen Verhältnissen triumphiert, allen Widrigkeiten zum Trotz, und das allein aufgrund ihres schieren Talents und ihrer intellektuellen Power.

Am Ende spielt Beth in Moskau gegen ihre persönliche Nemesis, den russischen Weltmeister Vasily Borgov (Marcin Dorociński). Im letzten Augenblick erhält sie telefonische Hilfe aus Amerika, wo eine boy group aus ehemaligen Gegnern und Liebhabern sie mit Infos zu Borgovs Spiel versorgt. Doch den Sieg gegen Borgov holt Beth sich ganz allein. Es ist ihr Sieg. Und Borgov? Zeigt sich als großzügiger Verlierer. Im Kontext der Serie ist das einerseits überraschend, wurde Borgov bisher doch als düstere und bedrohliche Präsenz inszeniert – und dann auch wieder nicht. Denn abgesehen von einigen, schnell vergessenen Ausnahmen, sind hier alle Männer Beth gegenüber wohlgesonnen. Alle wollen, dass sie Erfolg hat, alle erkennen ihre Überlegenheit an.

 
 
 
 
 
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Das ist umso erstaunlicher, weil Beth sich nicht klein macht. Sie will die Beste sein – dafür entschuldigt sie sich nicht. Und vielleicht ist das das Fantastischste an dieser Fantasie: dass eine junge Frau ehrgeizig, zielstrebig und talentiert sein kann, und dafür von den Männern in ihrer Branche respektiert, mehr noch: gefeiert wird. Trotz oder wegen ihres attraktiven Äußeren? Eine interessante Frage.

Der Beginn von etwas Neuem

Wenn mich die Szene, in der Beth gegen Benny verliert, so berührt, dann auch deshalb, weil Beth dort ungefähr so alt ist wie Simone de Beauvoir, als diese Sartre unterlag. Für beide Frauen ist ihre Niederlage der Beginn von etwas Neuem, der Schritt in eine undefinierte, aber verheißungsvoll schimmernde Zukunft. Es mögen Männer sein, die ihnen die Tür zu bisher unentdeckten Räumen in ihrem Kopf geöffnet haben – aber sie selbst sind es, die durchgehen. Weiter, und immer weiter.

Foto-Credit: PR / Netlfix 

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