Buchtipp: „Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen“ von Jutta Allmendinger

13.01.2021 Buch, Feminismus

Als feministisch bewegter Mensch unterwegs zu sein, bedeutet, sich oft verteidigen zu müssen. Irgendwer vertritt nämlich immer die Meinung, dass Feminismus total überholt sei und schlicht nicht mehr gebraucht würde, schließlich sei in Deutschland die Gleichberechtigung nahezu erreicht (hier kommt gerne der Hinweis auf Angela Merkel oder auf ein Paar im Bekanntenkreis, wo sie „eindeutig die Hosen anhat“). Mehr noch: Genau genommen seien die Frauen schon längst im Vorteil und die Männer die Abgehängten. In solchen Diskussionen ist man immer wieder dankbar für Menschen wie Jutta Allmendinger: Die Soziologin und WZB-Präsidentin erklärt seit Jahren – in Talkshows, Artikeln, Interviews oder Studien –, warum es mit der Gleichberechtigung hapert und woran genau das liegt. Eloquent, ruhig und geduldig und anhand von konkreten Zahlen. 

In der Phase des „schnellen“ Übergangs

Jetzt hat Allmendinger ein neues Buch geschrieben, oder vielleicht müsste man sagen, ein Manifest: Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen heißt es und ist schlanke 144 Seiten lang. Und das Beste ist, dass es 2020 geschrieben wurde, also mitten in der Pandemie – die ja gerade zeigt, wie wenig progressiv Geschlechterrollen hierzulande tatsächlich sind. Allmendinger schreibt, leicht amüsiert: „Seit vierzig Jahren entgegnet man mir, dass wir uns in einer Phase des ‚schnellen‘ Übergangs befinden. Die nächste Frauengenerationen würden es einfacher haben, Gleichstellung sei in Sicht. Etwas Geduld, bitte.“ Tatsächlich hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges getan, aber eben nicht genug. Und jetzt also Covid-19, welches im Frühling 2020 von so einigen zum „Sesam-öffne-dich, zum Schlüssel für eine bessere und gerechtere Welt, zumindest was die Sache der Frauen betrifft“ erklärt wurde. Allmendinger kann angesichts dieser verfehlten Euphorie nur den Kopf schütteln, aber „bejubelt werden immer Ereignisse, die als etwas Positives wahrgenommen werden, als Fortschritt, als Sieg. Der Jubel zeigt also eine Übereinstimmung im Ziel – wer jubelt, hat erkannt, dass in Sachen Geschlechtergerechtigkeit noch viel zu tun ist.“

Ja, es ist noch viel zu tun. Beispiel „Systemrelevanz“: So fehlen in der Definition und Klassifikation Kritischer Infrastrukturen (KRITIS) Einrichtungen wie Schulen und solche der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Behindertenhilfe – und damit all die Menschen, die die Betreuung von Kindern und Jugendlichen sicherstellen. Was laut Allmendinger mal wieder zeigt, „dass Erwerbstätigkeit und Familie nicht zusammengedacht werden.“ Sie fragt: „Wurde hier als selbstverständlich angenommen, dass Frauen im Krisenfall ihre Erwerbstätigkeit aufgeben und sich stattdessen um die Kinder kümmern?“ Hinzu kommt: Sogenannte systemrelevante Tätigkeiten werden überdurchschnittlich häufig von Frauen ausgeübt. Zwar werden gerade überall Loblieder auf diese Tätigkeiten und die Menschen, die sie ausüben, gesungen – aber die Wahrheit ist natürlich, dass diese Tätigkeiten immer noch weniger anerkannt sind als die Arbeit in anderen Bereichen. 

Menschen, die in diesen Branchen arbeiten, werden nicht ausreichend geschützt und nicht angemessen bezahlt. Immer wieder zeigt Allmendinger, dass etwas, was auf den ersten Blick zu bestätigen scheint, dass die Krise in irgendeiner Form „gut“ für Frauen ist, sich auf den zweiten Blick als hochproblematisch erweist. So wie das Home Office, welches in Allmendingers Augen junge Mütter „dazu verführt, das Hier und Jetzt zu optimieren, die Zukunft aber aus den Augen zu verlieren.“

Fahrplan für die Zukunft

Bewaffnet mit Zahlen, Statistiken und der ein oder anderen gut platzierten persönlichen Anekdote führt Allmendinger vor Augen, wie fundamental ungleichberechtigt Deutschland bereits vor der Pandemie war – und wie sehr diese bestimmte Mängel und Probleme verschärft hat. Im Kern geht es Allmendinger vor allem um das große Themen Wahlfreiheit und darum, wie oft vermeintlich „freiwillige“ Entscheidungen von Frauen (zum Beispiel für Teilzeitarbeit) auf eindeutige politisch-gesellschaftliche Anreize zurückzuführen sind. Darauf, dass Frauen eben oft nicht die Wahl haben. Das zeigt sich vor allem beim Thema Arbeit: Die meisten Frauen, so Allmendinger, arbeiten in Teilzeit, weil sie Kinder betreuen müssen. Ganz anders die Männer: Bei ihnen machen „weder der Familienstand noch Kinder im Haushalt einen Unterschied. Ihre Erwerbsbeteiligung und ihre Arbeitszeiten sind völlig unabhängig von ihrer familiären Situation.“ Es ist der vielleicht eindrücklichste Aspekt im ganzen Buch, und der, der am wütendsten macht: Wie sehr Frauen über die Jahrzehnte versucht haben, sich den männlichen Lebensläufen anzunähern, ihre Erwerbsarbeit ausgebaut und trotzdem noch alles andere gemacht haben, Kinder, Haushalt und so weiter. Und wie wenig sich dagegen Männer bewegt, wie wenig sich ihre Lebensläufe verändert haben.

Geschlechtergerechtigkeit könne nur gemeinsam erreicht werden, schreibt Allmendinger: „Gemeinsam mit Partnern, mit der Wirtschaft, mit dem Staat und dessen Politiken. Getragen von einer Kultur, die diesen Entwicklungen nicht entgegensteht oder sie sogar untergräbt.“ Bis dahin ist es noch ein weiter, frustrierender Weg – das zeigt Allmendingers Buch ganz deutlich. Aber (ein großes aber): Es gibt so viele konkrete Dinge, die getan werden können, zum Beispiel die Angleichung der bezahlten und unbezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern. Es geht nur gemeinsam! endet mit einem Fahrplan für die Zukunft – und in der Gegenwart fühlt man sich dank Allmendinger nun gut gerüstet für die nächste Auseinandersetzung über die Notwendigkeit von Feminismus.

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