Gleichberechtigung: Es braucht mehr männliche Vorbilder

31.03.2021 Feminismus

Vor Kurzem veröffentlichte Regisseurin Olivia Wilde einen Instagram-Post, in dem sie den Sänger und Schauspieler Harry Styles dafür lobte, dass er in ihrem neuen Film eine Nebenrolle übernimmt. Wilde schrieb: „Was viele nicht wissen: Die meisten männlichen Schauspieler wollen keine Nebenrolle in Frauen-fokussierten Filmen spielen. Die Filmindustrie hat sie in dem Glauben aufwachsen lassen, dass es ihre Macht mindert (also ihren finanziellen Wert), wenn sie diese Rollen annehmen, was einer der Gründe dafür ist, warum es so schwer ist, die Finanzierung für Filme zu bekommen, die sich auf weibliche Geschichten konzentrieren. Kein Witz, es ist so schwer, einen Schauspieler zu finden, der versteht, warum es wertvoll ist, wenn die Frau im Rampenlicht steht“. Ganz anders Styles, der seiner Kollegin Florence Pugh in Wildes neuem Film Don’t worry darling nur allzu gerne das Rampenlicht überlassen habe. 

Es braucht männliche Vorbilder

Es mag sein, dass Wilde sich von ihren Gefühlen für Styles (die beiden sind angeblich ein Paar) etwas hat mitreißen lassen – denn mal ehrlich, verdient dieser wirklich eine derartige Lobeshymne für etwas, das ganz selbstverständlich sein sollte? Andererseits kennt man das ja: In Sachen Gleichberechtigung scheinen die Erwartungen an Männer manchmal derart niedrig zu sein, dass sofort Applaus aufbrandet, wenn Männer es schaffen, diese zu erfüllen oder gar zu übertreffen. Da schiebt ein Vater einmal den Kinderwagen und schon werden ihm von vorbeigehenden Frauen anerkennende Blicke zugeworfen. Da sagt ein Schauspieler, er sei natürlich Feminist, und schon ertönt verzücktes Seufzen aus tausenden Frauenkehlen.

Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es für eine gleichberechtigte Gesellschaft auch der aktiven Mitarbeit von Männern bedarf, sonst sind Themen wie der Gender Care Gap oder Diskriminierung von Müttern am Arbeitsplatz – beispielsweise – in hundert Jahren nämlich immer noch aktuell. Das Problem war und ist allerdings, dass viele Männer keine Lust auf Gleichberechtigung oder gar Feminismus haben. Was auch daran liegt, dass es für sie letztendlich darum geht, Macht und Privilegien abzugeben. Und wer verzichtet schon gerne freiwillig darauf? Also braucht es männliche Vorbilder. Männer, die im Sinne der Gleichberechtigung handeln, und dadurch ihre Geschlechtsgenossen ermutigen, es ihnen nachzutun.

 
 
 
 
 
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Vermeintlich selbstverständlich

Und so werden Podeste gebaut und Männer darauf positioniert. Seht her, der engagierte Vater! Seht her, der Mann, dessen Partnerin mehr verdient als er! Seht her, der Schauspieler, der sich mit einer Nebenrolle in einem von Frauen dominierten Film zufriedengibt! Mal ehrlich: Braucht es das? Sollten wir nicht eigentlich schon viel weiter sein – und Selbstverständlichkeiten nicht dermaßen in den Himmel loben?

Sollten wir eigentlich, ja. Tatsache ist jedoch: So weit sind wir offenbar noch nicht. Weil es in unserer Gesellschaft eben immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, dass ein Mann den Großteil der Elternzeit nimmt, und nicht nur die zwei sogenannten „Vätermonate“. Oder dass ein Mann sich mit der Rolle als „Mann an ihrer Seite“ zufriedengibt. Oder dass ein berühmter Sänger und aufstrebender Schauspieler in einem von Frauen geprägten Film mitspielt, obwohl es dabei nur um eine Nebenrolle geht. In einer perfekten Welt wäre solches männliche Verhalten derart normal, dass es nicht erwähnt oder gelobt werden müsste. In unserer Welt hingegen braucht es – immer noch – männliche Vorbilder. Vorbilder, die mit patriarchalen und stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit und männlichem Verhalten brechen. Die zeigen, dass „Mann sein“ viele Dinge bedeuten kann.

Natürlich, man muss es mit dem Lob nicht übertreiben. Und schon gar nicht sollten die Erwartungen an Männer so niedrig gehalten werden, dass möglichst viele Männer sie erfüllen können. Männer müssen nicht auf Podeste gestellt werden. Aber sehen, dass es auch anders geht als das, was die patriarchale Gesellschaft ihnen vorgibt: Das müssen sie.

2 Kommentare

    1. Tee

      Gegenfrage: Darf man nicht darüber sprechen, wenn Männer genau das tun, was wir alle anstreben? Warum nicht auch Erfolge feiern? Warum nicht auf die positiven Beispiele hinweisen? Wer erwartet Podeste? Wer sagt, dass die Erwartungen niedrig sein sollen? Und wie verhält es sich mit den Frauen etwa in Führungspositionen? Darf man über die auch nicht sprechen? Sie feiern?
      Mich wenigstens nervt es zunehmend, wenn alles, was Menschen tun, um Gleichberechtigung zu erreichen, kleinge- und zerredet wird.
      Es ist immer das gleiche Problem identitärer Bewegungen, dass nichts zählt, außer der Erreichung des absoluten Zieles – das, zu unseren Lebzeiten, da kann man realistisch sein – niemals ganz erreichbar sein wird. Es ist eine Generationenaufgabe. Moonshot Vision? Gerne! Aber mit einer absoluten Haltung, die nichts neben dem finalen Erfolg gelten lässt, verändert man rein gar nichts.
      Im übrigen empfinde ich den Post von Olivia Wild nicht als „Lobeshymne“ sondern allenfalls als eine wohlwollende Darstellung eines Sachverhaltes. Aber da ist die Wahrnehmung der Autorin wohl auch gefärbt.

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