Das Problem Friedrich Merz, oder: Mann müsste man sein

20.01.2021 box3, Feminismus, Politik

Nur mal so hypothetisch gedacht: Da ist jemand, der Vorsitzender einer großen deutschen Partei – einer sogenannten Volkspartei – werden will. Das Jahr ist 2021 und die Partei, um die es geht, hat in den letzten Jahren viel darüber diskutiert, dass sie auf moderne Art konservativ sein und mehr junge Menschen und Frauen als potenzielle Wähler*innen ansprechen möchte. Seit mehr als 15 Jahren stellt die Partei in Deutschland die Bundeskanzlerin, seit mehr als 15 Jahren steht eine Frau an der Parteispitze. Nun ist dieser jemand, der gerne Vorsitzender werden möchte, in der Vergangenheit mit eher unmodernen Gedanken unter anderem zum Thema Gleichstellung aufgefallen, was viele weibliche Parteimitglieder und Frauen generell irritiert und gegen ihn aufgebracht hat. Man könnte also davon ausgehen – nur mal so hypothetisch gedacht –, dass dieser jemand in seiner finalen Bewerbungsrede auf dem Parteitag alles gibt, um Zweifel an seiner Modernität und damit seiner Eignung für das höchste Parteiamt, auszuräumen. Man könnte davon ausgehen, dass er zumindest versucht, auf seine weiblichen Kritiker zuzugehen. Nur mal so hypothetisch gedacht.

„Ein Wort zu den Frauen“

 
 
 
 
 
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Praktisch stellte sich das Ganze jedoch völlig anders dar. Beim digitalen CDU-Parteitag am Wochenende mussten sich die Delegierten à la „Eins, zwei, oder drei, letzte Chance… vorbei!“ für einen neuen Vorsitzenden entscheiden. Zur Wahl standen Armin Laschet, Norbert Röttgen und Friedrich Merz. So weit, so männlich. Laschet hielt dann eine überraschend gute Rede und heimste am Ende den Preis ein: den Parteivorsitz. Merz hielt eine überraschend schlechte Rede und verlor – überraschend schlecht deshalb, weil man seit Monaten, ach, Jahren!, über ihn liest, er sei ein so dermaßen überragender Redner, dass allein deshalb alle politischen (und innerparteilichen) Gegner*innen vor ihm erzittern müssten. Quasi die Unionsversion des Zauberers Saruman aus Herr der Ringe, der mit der Macht seiner Stimme den Willen anderer kontrollieren kann.

Bei Merz‘ Rede am Samstag erzitterte man tatsächlich, vor allem als Frau und vor allem aus den falschen Gründen. Da versprach Merz nämlich: „Auch diejenigen, die sozial schwach sind, finden gerade bei uns ein Herz und Zuwendung.“ Nur um dann mit süffisantem Lächeln folgende Überleitung zu machen: „Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang ein Wort zu den Frauen sagen.“ Weil, klar, Herz und Zuwendung, das wollen Frauen doch. Das selbstzufriedene Grinsen der sich selbst applaudierenden Redenschreiber (männliche Form) kann man sich an dieser Stelle nur allzu gut vorstellen. Doch nun wurde es ernst, denn Merz hatte eine wichtige Botschaft für all die biestigen und gleichstellungspolitisch bewegten Frauen, die es gewagt hatten, ihn in der Vergangenheit zu kritisieren: „Ich höre und lese ja teilweise […] ich hätte da ein altes Bild vor Augen.“ Aber, liebe Frauen, diese Sorgen waren unbegründet, denn „wenn das so wäre, dann hätten mir meine Töchter schon längst die gelbe Karte gezeigt und meine Frau mich vor 40 Jahren auch nicht geheiratet.“

 
 
 
 
 
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Mann müsste man sein

Und an dieser Stelle dachte man sich dann, mal wieder: Mann müsste man sein. Denn nur als Mann scheint man es völlig angemessen zu finden, seine vermeintlich feministische Haltung (oder zumindest eine, die vage pro Gleichberechtigung ist) dadurch auszudrücken, dass man auf die weiblichen Menschen in seinem Leben verweist. Diese Menschen werden, ob sie wollen oder nicht, als Beweis dafür herangezogen, dass der betroffene Mann ja gar kein Sexist/Macho/an Gleichstellung uninteressierter Politiker sein kann – schließlich hat er eine Schwester, eine Ehefrau, eine Mutter, und, am allerwichtigsten: Töchter!

Mittlerweile kennt man das ja: Mann wird Vater einer Tochter und entdeckt plötzlich, dass diese Welt ungerecht und sexistisch ist. Mit frischem Blick und großen Augen geht er nun durch diese Welt und kann den Anblick dessen, was er da sehen muss, kaum ertragen. Bevor seine Tochter geboren wurde, wusste er einfach nicht, wie sehr Frauen in ihr diskriminiert, belästigt und vergewaltigt, wie sie klein gehalten und auf ihr Frausein reduziert werden. Doch nun ist er erwacht, und er möchte seine Erkenntnis mit der Welt teilen, gerne im Internet oder in einem Artikel, in dem er dieses sein Erwachsen ausgiebig analysiert und schwört, alles dafür zu tun, dass seine Tochter in einer besseren, gerechteren Welt aufwachsen kann. Als Frau liest man diese emotionalen Erweckungsberichte und fragt sich, was mit all den Frauen war, die dieser Mann vor der Geburt seiner Tochter in seinem Leben hatte. Offenbar sind nur weibliche Wesen, an deren Produktion der Mann direkt beteiligt ist, dazu geeignet, ihm die Augen zu öffnen.

 

 
 
 
 
 
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Leblose Pappaufsteller

Merz allerding verwies nicht nur auf die Existenz seiner Ehefrau und Töchter, sondern insinuierte auch noch, diese seien zumindest emanzipiert, vielleicht sogar feministisch, und hätten ihm eine klare Ansage gemacht, wäre er wirklich der unemanzipierte Macho, als der er völlig zu Unrecht in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Das Problem dabei ist allerdings, dass man abgesehen von der Tatsache, dass sie die Ehefrau und Töchter von Friedrich Merz sind, wenig bis nichts über diese Frauen weiß – Merz selbst gab sich in seiner Rede keinerlei Mühe, sie als etwas anderes als leblose Pappaufsteller zu präsentieren, als Mittel zum Zweck. Ganz anders Barack Obama, der 2016 in einem Artikel für Glamour schrieb, es sei wichtig für seine Töchter, dass ihr Vater Feminist ist, denn das würden sie schließlich von allen Männern erwarten. Merz hingegen schien wild entschlossen, Begriffe wie „Gleichberechtigung“ oder „Gleichstellungspolitik“ gleich ganz zu vermeiden. Lieber sprach er vage davon, man müsse „hier besser werden“ und „gerade jungen Frauen, jungen Menschen, eine Idee […] geben, ein Bild […] geben, wie wir uns diese Politik denn vorstellen.“

Das Problem ist natürlich, dass Merz selbst nicht zu wissen scheint, wie er sich „diese Politik“ vorstellt. Ach ja, Mann müsste man sein. Dann ist es nicht nur hypothetisch denkbar, sondern auch praktisch möglich, sich um den Vorsitz der größten Partei Deutschlands zu bewerben und von einer Politik für die Zukunft zu sprechen, ohne auch nur einen Gedanken an das Thema Gleichstellung verschwendet zu haben. Mal sehen, ob Merz dafür von seiner Ehefrau und den Töchtern die gelbe Karte bekommt.

10 Kommentare

    1. RiGe

      Leider spricht das Volljuristinsein nicht unbedingt für ein progressives Weltbild oder die Einsicht, wir hätten noch einiges zu tun hinsichtlich echter Gleichstellung. Ich bin selber Volljuristin und der Großteil der Menschen, die Rechtswissenschaft studieren und mir auch während Studium und Ausbildung begegnet sind, sind urkonservativ, da muss man sich nichts vormachen.

      Antworten
        1. Tanja

          Ich teile die Ansichten der Verfasserin dieses Artikels.

          Von Nike ist hier kürzlich ein Artikel erschienen, wo sie schreibt, dass sie Männer hasst. Ziemlich krasse Aussage. Misogynie wird zu Recht verurteilt, aber Männer hassen ist ok, wird offen ausgesprochen und man ist noch stolz drauf?
          So wird sich unsere Gesellschaft leider auch nicht zum guten verändern.

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  1. Lena

    Er bestritt allerdings, Ocasio-Cortez als „fucking bitch“ bezeichnet zu haben und verwies darauf, dass er eine Frau und Töchter habe.
    „Ich bin zwei Jahre jünger als die jüngste Tochter von Herrn Yoho“, sagte Ocasio-Cortez. „Ich bin auch die Tochter von jemandem. Mein Vater ist glücklicherweise nicht mehr am Leben um zu sehen, wie Herr Yoho seine Tochter behandelt.“ Ihre Mutter habe die Aussage von Yoho jedoch im Fernsehen gesehen. „Und ich bin hier, weil ich meinen Eltern zeigen muss, dass ich ihre Tochter bin – und dass sie mich nicht erzogen haben, die Beschimpfungen von Männern zu akzeptieren.“

    das „Argument“ von Merz kommt mir seltsam bekannt vor …

    Antworten
  2. Bettina

    Liebe Julia,
    ganz vielen lieben Dank für den tollen Artikel. Ich bin SO SO SO froh, dass es nicht der Merz geworden ist. Hoffen wir, dass er ganz schnell wieder in der Wirtschafts-Versenkung verschwindet, aus der er gekrochen kam. Das ist der Typ Mann, der Feminismus nur erwähnt, weil er glaubt, das entspräche dem Zeitgeist. Im Grunde hat er gar nichts verstanden und er will das auch nicht.
    Und zu Tanja und der Aussage über Nike und „ich hasse Männer“: Ja, das ist eine krasse Aussage, aber wenn man das Buch gelesen hat, dann sieht man das anders. Ich dachte auch erst „oha, jetzt geht´s aber zu weit“, aber die Autorin hat in weiten Teilen sehr Recht: Alle weißen, heterosexuellen Männer, die mit ihrem Geschlecht einverstanden sind, haben einen so unfassbar großen Pool an Privilegien und nehmen das als naturgemäß so normal hin, dass mensch wirklich ab und zu einen Hass darauf bekommen kann in welch unbedarfter Erdbeer-Welt diese Männer leben dürfen.
    Abschließend noch ein ganz großes DANKE für die tollen feministischen Artikel und Buchtipps. Das ist der Grund, warum ich diese Seite lese.
    Liebe Grüße,
    Bettina (manchmal Männerhasserin 😉

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  3. Verena

    Sorry, aber wer ausgerechnet in der CDU (!) ein progressives Weltbild erwartet, hat sich vielleicht die falsche Partei angeschaut. Schlußendlich ist Merz oder nicht Merz zuallererst ein Thema für die CDU Frauen, die müssen ja mit oder ohne ihn klarkommen.

    Wie man von Wirtschafts-Versenkung reden kann, in die Herr Merz verschwinden soll und gleichzeitig die Privilegien alter weißer Männer beklagen, erschließt sich mir auch nicht so richtig. Diese Privilegien sind doch entstanden, WEIL sie die Wirtschaft dominieren. Wäre es da nicht sinnvoller, sich als Frau den zustehenden Teil zu nehmen? Solange Frauen im Schnitt wirtschaftlich schwächer sind, werden immer andere mehr Privilegien haben. Kann frau doof finden, kann frau aber auch zu ändern versuchen.

    liebe Grüße!

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  4. Clarissa

    Liebe Julia,

    einmal mehr ein großartiger Text, ich weiß schon, warum du meine Lieblingsfeministin in Deutschland bist. Und das Schlimmste: wenn du in dem Text „Friedrich Merz“ durch „CDU“ (inkl. der Damen Merkel, von der Leyen, Kramp-Karrenbauer, Klöckner, Karlicek, und diese pseudojugendliche Reaktionäre mit dem Hut auch!) ersetzen würdest, er wäre immer noch genauso wahr.

    Das muss allen Frauen klar sein (nur Frau Baerbock ist zu dumm oder zu machtgeil): die Herren Laschet und Söder sind kein bisschen weniger misogyn als Herr Merz. Sie reden nur etwas netter.

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