Kolumne: Eine Spritztour durch die Woche Richtung Frauenfeindlichkeit

01.02.2021 Leben, Feminismus, Kolumne

Eigentlich hatte ich vor, an diesem Montag über ein neues Phänomen der Sozialen Medien zu schreiben, oder besser darüber, ob so was überhaupt existiert: die Glorifizierung von Struggle nämlich. Und zwar nur darüber. Dann kam das Leben dazwischen und mit jedem Tag ein neues Thema hinzu, an dem meine gesamte Aufmerksamkeit kleben bleib. Am Sonntag sah mein Notizbuch schließlich aus wie der Stundenplan meines Kindes und auch wie ein Schweizer Käse. Überall Löcher, also offene Fragen und rudimentäre Gedankengänge. Es gibt viel zu tun. Weshalb ich euch heute lieber mitnehme auf eine schnelle Spritztour durch die Geschehnisse und geteilten Überlegungen der vergangenen Woche.

Beginnen wir doch mit Madeleine, die ihr wahrscheinlich als @DariaDaria kennt. Vor Kurzem kaufte sie sich von ihrem eigenen Geld eine eigene Wohnung, seither lässt sie uns unter anderem am Prozess des Einrichtens teilhaben. Das freut mich und viele andere, aber die Welt wäre nicht wie sie ist, bliebe es in einem solchen Fall bei gut gemeinten Glückwünschen. Oder eben Desinteresse. Schnell folgten die kritischen, zutiefst enttäuschten Stimmen. Sogar persönliche Angriffe. „The apartment, the clothes, the happiness“ – Madeleine sei nicht mehr „relatable“ und Schlimmeres, deshalb tschau Kakao. 

„I’m happier now. I’m not doubting myself as much, and that is making me confident and stronger, so I’m suffering less. I have noticed that it seems easier for the world to love a suffering woman than it is for the world to love a joyful, confident woman“, zitierte sie irgendwann die bemerkenswerte Schriftstellerin Glennon Doyle („Untamed“). Einerseits als Antwort, andererseits als Appell. Oder Denkanstoß. Um uns daran zu erinnern, dass es nicht schadet, die eigenen Empfindungen gelegentlich zu hinterfragen. In diesem Fall geht es nämlich längst nicht mehr um persönliche Wehwehchen oder darum, wer wen blöder findet oder ob hier jemandem etwas geneidet wird.

Das hatte Madeleine schon begriffen, lange bevor sie sich als Teil einer Kooperation völlig zu Recht eine glänzende Waschmaschine in ihr Dachgeschoss tragen ließ. Weshalb sie einigen der motzenden Follower*innen offenbar nicht nur in Sachen Hausarbeit einen großen Schritt voraus zu sein scheint. Es geht, zum Beispiel, um so etwas wie internalisierte Rollenmuster und Misogynie, bzw. gelernte und verinnerlichte Frauenfeindlichkeit. Und schon wieder um das Patriarchat. Dem spielt es nämlich in die Karten, dass wir dazu erzogen wurden, eher die Interessen der Männer zu vertreten, statt unsere eigenen. Dass wir gelernt haben, erfolgreiche, selbstbewusste Frauen als weniger sympathisch zu empfinden, wohingegen Erfolg dem männlichen Geschlecht rundum zugute kommt. Uns nicht. Erfolg als Makel (wo sind die Kinder??), Selbstzufriedenheit als arrogante Charakterschwäche, Glück und Geld als Gründe zu hassen – klingt schräg, ist aber Fakt, das sagt die Wissenschaft. Misogynie kann demnach als so etwas wie die Exekutive des Patriarchats betrachtet werden. Als eine der wirksamsten Werkzeuge im Kampf gegen die Gleichberechtigung überhaupt.

Zeit für einen kurzen Selbsttest: Fasst du die Aussage „Du bist wirklich nicht wie die anderen Frauen!“ als Kompliment auf? Hast du schon mal gedacht „Die stelle ich ganz sicher nicht meinem Freund/ meiner Freundin vor, so hübsch wie sie ist“? Schon mal Sachen gesagt wie „Jungs sind viel cooler, Mädchen sind so schrecklich zickig!“? Oder „Die Beauty-Tussi kann ja überhaupt nichts in der Birne haben“? 

Gut, ich auch. Daran lässt sich allerdings einiges ändern.

Madeleine schreibt derweil: 

„The more often I show my life now, the happy, good life I’m allowed to currently live, the more I get criticized for exactly that. Especially for successful women this creates an endless loop of guilt and shame. The thought of not deserving any of it, the thought of upsetting people who preferred the old me (I’ve even gotten messages literally saying “I want the Madeleine from five years ago back”).“

So etwas tut weh. Persönlich, wenn man selbst gemeint ist. Aber auch universell betrachtet. Weil Missstände wie diese aufzeigen, wie schwer es bis heute sein kann, Banden zu bilden. Aber ohne diese Banden, ohne den Zusammenhalt und das gegenseitige Halten und Stärken, wird es noch mehr als ein Jahrhundert dauern, bis wir echte Gleichberechtigung erlangen. Was wieder kein Geheimnis ist.

Zur Erinnerung ein Beispiel: Erst seit 1962 dürfen Frauen in Deutschland eigene Konten eröffnen und über Geld verfügen. Vergesst solche Details nie, niemals.

Wir sollten nicht nur deshalb nach wie vor vor Begeisterung grölen, wann immer eine von uns von sich behaupten kann, finanziell unabhängig zu sein. Denn auch das ist aufgrund der andauernden und strukturellen Geschlechtsdiskrimierung mitnichten eine Selbstverständlichkeit, trotz dieser opulenten Zahl 2021. Frauen werden seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, leisten den Großteil der unbezahlten und auch der unterbezahlten Care-Arbeit, sie geraten schneller in die Teilzeit-Falle und sind durch diese und weitere Faktoren massiv von Altersarmut bedroht, Stichpunkt „Renten-Pay-Gap“. Das geschieht trotz vermeintlicher Privilegien.

Was passiert, wenn eine Frau gleichzeitig von mehreren Diskriminierungen wie Rassismus, Ableism, Klassismus oder Homophobie und Trans*-Diskriminierung betroffen ist, sollte mensch sich mittlerweile vorstellen können. 

Wirklich. Applaudiert doch einfach mal statt nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Solidarisiert euch! Stärkt euch. Seid verletzlich. Reflektiert. Rudert zurück. Macht euch, wenn nötig, den Hof. Seid furchtlos voreinander. Emphatisch miteinander. Hinterfragt eure eigenen Gefühle. Macht andere groß, statt sie klein zu halten. Ist das Glück der anderen mal schwer zu ertragen, ist das nur menschlich und verständlich in diesen neuen Zeiten des Herzeigens. Drückt einfach den „Unfollow Button“ statt zum Gegenangriff anzusetzen. Das ist für beide Seiten gesünder. Auch wenn die Medien uns unter anderem durch Klatschzeitungen, durch  permanentes Slut Shaming, durch Peter Pan und den Stress zwischen Wendy und Glöckchen oder das sogenannte „Schlumpfinen-Syndrom“ beigebracht haben, dass wir in Konkurrenz zueinander stehen: Nein.

Wehrt euch dagegen, auch gegen euch selbst. Es heißt ja nicht, dass wir alle Frauen dieser Erde feiern müssen, gar nicht. Frauen können selbstverständlich richtig scheiße sein. Und Arschlöcher. Aber nicht, weil sie Frauen, sondern weil sie nunmal Menschen sind. Das zu beurteilen, ob jemand uns missfällt, meine ich, sollte aber unbedingt aus den richtigen Gründen, bzw. mithilfe valider Kriterien statt durch den Nebel der mitunter giftiger Sozialisation geschehen. Denn ja, Kritik ist und bleibt ebenfalls essenziell, sonst wächst am Ende niemand mehr.

Cloudy Zakrockys Instagram Post (Tag zwei) der in Auszügen wie folgt lautet, schlägt übrigens auf gewisse Weise in die gleiche Kerbe:

„Es scheint, dass früher jede*r auf Social Media unbedingt happy sein musste und es als komisch empfunden wurde, wenn jemand zu kämpfen hatte, während heutzutage es genau anders herum zu sein scheint, und die Leute unbedingt andere strugglen sehen wollen und es wiederum komisch finden, wenn jemand einfach happy ist, vor allem in diesen harten Zeiten der Pandemie.“

Stecken wir nun tatsächlich im anderen Extrem fest? Und sollte em so sein, warum? Ich glaube erstens ja und zweitens na deshalb. Aus unterschiedlichsten Gründen. Aber auch, weil es uns so viel leichter fällt, Frauen zu mögen, bei denen nicht alles prima läuft. Die uns nicht dauernd toller vorkommen. Die zwar hübsch, aber dafür traurig, die erfolgreich, aber voller Makel sind. Wir begrüßen es, wenn jemand in der Welt der hübschen Bilder ausnahmsweise mal keinen unserer vom Kapitalismus befeuerten Komplexe triggert, sondern ähnlich tief in der Kacke sitzt.

Eine gesunde, beruhigende, fast rührende Entwicklung könnte das sein, denn das alles hat ja auch viel mit Empathie und Echtheit zu tun. Mit dem wirklichen Leben. Wir sollten nur aufpassen, dass wir es nicht zu bunt treiben. Das richtige Maß finden. Negative Gefühle normalisieren. Aber auch lernen, uns wieder für das Glück der anderen zu freuen. Uns unserem Inneren wieder annähern, sollten wir merken: So richtig fair sind meine Gedanken gerade nicht. Woher kommen sie? Denn meistens, das ist bekannt, verraten sie uns mehr über uns selbst als über unser Gegenüber.

Ist im Prinzip nicht so schwer, mensch muss es nur erst einsehen und dann angehen, Scheitern inklusive. Mache ich andauernd. 

In Bezug auf (andere) Influencerinnen zum Beispiel. Ein Glück, dass Ida Marie Sassenberg mir einen weiteren Tag später den Kopf gewaschen hat:

 
 
 
 
 
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Wir wären dann jetzt auf Seite drei meines Notizbuches und noch längst nicht am Ende angelangt. Alles ist nur an- nichts zu Ende gedacht. Und schon wieder grätscht mir das (Pandemie)Leben dazwischen.

Eigentlich würde ich mich jetzt tierisch aufregen – aber ich lasse es diesmal einfach bleiben. Auch, weil ich weiß: Was ihr hierzu denkt, wird die Lücken des Schweizer Käses besser füllen als ich es allein je könnte.

 

8 Kommentare

  1. Fritzi

    Liebe Nike, danke für den schönen Text. Mir sind dabei zwei Gedenken gekommen, weil ich das Gefühl habe, dass der Text in zwei verschiedene Richtungen weist: Zum einen teile ich deine Kritik an dem ständigen Gegenseitig-fertig-Machen voll und ganz. Dennoch denke ich, dass es auch einen Mittelweg zwischen Bashing und Sich-füreinander-Freuen geben sollte, und zwar den der konstruktiven, wohlmeinende Kritik. Das schließt natürlich Beschimpfungen, moralische Diffarmiereungen und Abwertungen aus. Aber ich halte es – gerade unter Frauen* – für absolut wichtig, dass wir uns nicht nur miteinander und für einander freuen, sondern uns gegenseitig auf die Finger klopfen, unser Handeln immer wieder gegenseitig hinterfragen, kritisch nachfragen, um so gemeinsam zu wachsen. Persönlich finde ich es eine Frage des Respekts, dass mir auch Kritik entgegengebracht wird, denn nur so fühle ich mich als intelligentes Wesen ernstgenommen.
    Und zum anderen geht es um die veränderte Wahrnehmung des „struggles“. Ich bin eigentlich selbst nicht in sozialen Medien unterwegs, aber kann das auch in anderen Medien beobachten. Und eigentlich ist es ja ein ganz logisches Phänomen, denn schließlich einverleibt sich der Kapitalismus ja bekanntlich seine eigenen Gegner (These von Luc Boltanski und Eve Chiapello) und so ist es wenig verwunderlich, dass das, was als kritischer Kampf mit und gegen ökonomisch-politisch-legale Verhältnisse begann, nun auch symbolisches Kapital bringt. Das heißt natürlich nicht, dass gewisse Kämpfe weniger wichtig und das Leiden dahinter weniger real wäre, aber trotzdem scheint hier eine Komodifizierung stattzufinden, die es sicherlich kritisch zu beobachten gilt. Vielleicht ist es auch genau diese Dynamik, die dann so eine Wut entstehen lässt, wie die Madeleine erfahren hat (das ist nicht als Entschuldigung dieser gemeint, sondern ein Versuch, dieses Phänomen zu verstehen).

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  2. Rachel

    Danke danke danke für dieses Text! Du triffst da grad in ne kerbe von mir persönlich (Frauen nicht als Konkurrenz sehen, Eifersucht, ) aber beschreibst es auch sehr treffend allgemeiner. Ich liebe immer wieder wie du was beschreibst. Mercie 🙂

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  3. Nina

    Liebe Nike,
    toller Text. Ich praktiziere schon seit Jahren Frauen nicht als Konkurrenz zu betrachten. Das ist extrem befreiend. Auf allen Seiten.
    Ich finde es auch schade, dass Menschen anderen Menschen nicht ihre Zufriedenheit gönnen können, aber das sagt meistens mehr über den Kritiker aus als über den Kritisierten.
    Dabei frage ich mich, was Menschen für einen Content auf Instagram sehen wollen. Der Umgang mit diesen Medien sollte auch gelernt sein und wenn der nicht gut für einen ist, dann sollte man eben das Handy zur Seite legen und dreimal tief einatmen. Nicht dass ich konstruktive Kritik nicht als sinnvoll und erweiternd empfinde, Bashing jeder Art ist allerdings sehr kontraproduktiv.
    In diesem Sinne:
    THINK BEFORE YOU SPEAK. READ BEFORE YOU THINK. (Fran Leibovitz)

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  4. Marion

    Ganz wunderbarer Text, vielen lieben Dank! Ich bin jedes Mal erschüttert, wenn ich dieses Frauen bashing durch Frauen mitbekomme oder schlicht anerzogene Vorurteile gegen Frauen von Frauen geäußert (aus meiner bubble!!! Gruselig….). Jedenfalls möglicherweise auch radikal – mir aber völlig egal: ich folge auf Instagram zu 99% Frauen, ich fördere und unterstütze im beruflichen Kontext bewusst zuerst Frauen (es gibt überall tolle Kandidatinnen, erzählt mir nichts!) und ich werde alles daran setzen, meinen Sohn zu einem Feministen zu erziehen. Und Widerspruch! Immer wieder Widerspruch, wenn Frauen klein gemacht werden.

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  5. Marion

    Hallo ihr Lieben, ich fange demnächst eine Stelle an – in einem Team das komplett aus Frauen besteht und (das auch noch!) mit Mädchen in der Pubertät arbeitet. Die Reaktionen darauf, die meist von Frauen kommen, sind: „Oh mein Gott, viel Spaß beim Zickenkrieg!“ oder: „Oh Frauenteams sind richtig krass – das wird krachen, garantiert!“. Ich verteidige das dann, nicht immer, aber denke mir auch – dieser Konkurrenzgedanke wurde uns so früh „eingeimpft“ (stichwort „Stutenbissigkeit“) – So ein Quatsch! Ich hoffe eher darauf, dass es möglich sein wird Dinge anzusprechen, Gefühle zu reflektieren und die Weiblichkeit zu feiern!

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    1. Nina

      Hallo Marion,
      ich habe bis jetzt fast ausschließlich irgendwo gearbeitet, wo es fast nur Frauen gab. Ich habe diese „Stutenbissigkeit“ nie erlebt. Ich finde es viel angenehmer!!!!!! Viel Spaß bei deiner neuen Arbeit.

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  6. Lara

    Hallo 🙂 Fritzis Kommentar möchte ich unbedingt supporten, ganz wichtig! 🙂 Noch eine kleine Anmerkung von mir: Madeleine (Daria Daria) hat vollkommen Recht damit, auf das unangemessene Verhalten, Unrecht hinzuweisen, dass ihr widerfahren ist. Da sollte es eigentlich gar keine Diskussion geben, tolle Frau, die unseren Planeten zu einem besseren Ort macht.

    Davon mal abgesehen, muss es aber möglich sein, dass System zu kritisieren. Wenn eine Frau Milliardärin/ Multimillionärin ist, dann ist das nicht ihr persönlicher Erfolg, sondern ein Fehler des Systems, der dazu führt, dass einige Menschen sehr reich werden und viele weitere dafür ausgebeutet werden. Punkt. Nun kommt dann oft das sogenannte „Neid-Argument“ – man gönnt ihr/ihm den Erfolg nicht usw. – und dieses Argument ist ein ganz schlimmes Totschlag-Argument, welches ich in ähnlicher Form auch schon auf thisisjanewayne.de gelesen habe.
    Bin also sehr für Differenzierung: (Erfolgreiche) Frauen supporten absolut, Missstände des Kaptialismus aber deutlich benennen. Und dieses verflixte Neid-Argument für immer hinter uns lassen.

    Herzliche Grüße! 🙂

    P.S. Habe ich sehr über den Artikel von Fabienne zum Thema Klassismus gefreut. Weiter so! 🙂 🙂

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  7. Verena

    Liebe Lara

    ist Frau Kladden keine Frau? Wo fängt frau an, das System zu kritisieren, wer legt die Grenzen fest? Gäbe es auch Eigentumswohnungen in anderen Systemen, von Kooperationen mit Waschmaschinen ganz zu schweigen?

    Ich finde es schwierig, auf der einen Seiten den Erfolg anderer Frauen zu würdigen, und auf der anderen Seite gegen Kapitalismus zu sein. Es widerspricht sich einfach. Auch eine Plattform wie diese hier ist ein Produkt des Kapitalismus, schließlich finanziert sie sich zumindest teilweise von Kooperationen (schlicht Werbung).

    Mir gefällt der Artikel samt Aufruf zu mehr Support anderer Frauen. Persönlich muss ich leider sagen, dass die wesentlichen Unterstützungen in meinem Leben von Männern gekommen sind und der größte Hass/Neid von Frauen. Es freut mich, wenn es anderen anders ergangen ist.

    herzliche Grüße!

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