Goodbye Instagram – Ein erstes Fazit

29.06.2021 Leben, Kolumne

Gesagt — getan. Vor über einer Woche, kurz nach einer spannenden Diskussion in der Kommentarspalte zu meinem Instagram-Frust, war für mich der Zenit erreicht und ich endgültig bereit, meiner ganz persönlichen Nemesis den Kampf anzusagen: Social Media für eine unabsehbare Zeit erst einmal Lebewohl zu sagen, die Bildschirmzeit zu regulieren und mir ein paar Gedanken dazu zu machen, wie ein gutes Auskommen mit dem sozialen Netzwerk irgendwann möglich sein kann. Eine Woche ist vorbei. Ein erstes Fazit.

Keine*r vermisst mich

Oh Wunder. Ein lebendiger Austausch unter Bekannten und Freund*innen, die die eigene Follower*innenschaft ab einer gewissen Reichweite bei dir hinterlässt, ist lediglich eine Illusion, denn es sind sicherlich nicht die Menschen, die immerzu an dich denken, sobald man* sich für einige Zeit in den Urlaub verabschiedet. Ganz im Gegensatz zu den Freund*innen, die ich persönlich kenne, legen bei einem Following von über 20.000 Menschen herzlich wenig Menschen besonderen Wert darauf, wie aktiv und lustig ich mich gerade in meiner Freizeit inszeniere. Ich glaube an die Relevanz von digitalen Räumen und auch an die Freund*innenschaften, die hier entstehen. Ich enttarne jedoch geradezu die Illusion, der ich die vergangenen Jahre auf den Leim gegangen bin: Diese Freund*innen geben mir einen Einblick in ihre Welt, ein bisschen Dopamin durch ein Like, vielleicht einen gelegentlichen Lacher oder sprechen mir Mut zu, wenn ich „realen“ Content teile. Wirklichen Beistand, Rückhalt oder Solidarität kann und will ich von ihnen aber nicht einfordern.

Den gibt es auch nicht auf Instagram. Zumindest nicht so nachhaltig, wie ich ihn gebrauchen kann. Warum sollten Menschen, die innerhalb weniger Minuten eine große Menge an anderem Content konsumieren können, ohne auch nur einen Gedanken an den Mangel meiner Präsenz zu verschwenden, mich auch vermissen? Ich habe lange an eine kleine Community geglaubt, die sich hier und da durch meine Weekly Recaps oder politischen Analysen gebildet zu haben schien. Jetzt weiß ich, dass auch die wenigen, die diese Inhalte wirklich gerne und aufmerksam verfolgt haben, noch ein bisschen warten können, bis sie wieder zurückkommen. Wenn sie das überhaupt müssen. Nicht nur kann ich den Inhalt aktuell als austauschbar identifizieren, ich kann auch so ehrlich zu mir sein und nicht einmal das, was ich als real und authentisch deklarieren würde, keiner Inszenierung folgt. Flaschen, Müll, alte Unterhosen und den Wäscheständer aus dem Bild räumen, bevor ich vor meinem Spiegel posiere? Check. Und ja, das machen wirklich alle so.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Fabienne Sand (@ffabae)

Die Utopie der Teilhabe

Nachrichten gucken, lesen und hören? Das bekomme ich auch ohne mein digitales Wohnzimmer Instagram hin. Was mir allerdings flöten geht, sind all die politischen und popkulturellen Diskurse geführt von den Menschen, deren Meinungen, Haltungen oder Recherchen mich hierzu ernsthaft berühren und interessieren. Wer nicht auf Instagram oder Twitter stattfindet, kann durch die Welt gehen und nur nebenbei mitbekommen, welche Diskurse die Medienwelt am Rande des Mainstream gerade bewegen. Was jedoch verpasst wird, sind Debatten, Positionierungen und Analysen von vielen, die an anderen Orten keinen Platz bekommen und vielleicht auch nicht brauchen, weil sie nur dort, wo sie sind, richtig funktionieren − eine Tatsache, die mich zum Nachdenken bringt. Auf der einen Seite finde ich es sehr schade, anders kaum Zugang zu Aufregern, Neuigkeiten und Entwicklungen zu haben, die mich noch vor Kurzem täglich beschäftigt haben, auf der anderen Seite hält es mir vor Augen, was viele Menschen schon lange ergründet haben: Wir haben noch nicht die Möglichkeit, digitale Diskurse auf eine Ebene zu heben, in der sich ihre Tragweite in einer gewissen Zuverlässigkeit auf den Rest unserer Lebensrealität übertragen lässt.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Global Self Hypnosis (@afffirmations)

Ich will damit nicht sagen, dass sie nichts bringen, ich will damit aber sagen, dass sie nicht nur Menschen ausschließen, sondern sich auch im Kreis drehen können, indem sie in hermetischen Räumen ihre Runden ziehen, bis sie nicht mehr interessant sind oder es eine neue News in die Mitte geschafft hat. Ich merke gerade, dass mein gesamter Headspace lange voll davon war. Von Streitereien und Shitstorms von Menschen, die ich nicht persönlich kenne, von Erfahrungsberichten oder Anschuldigungen. Von politischen Diskursen oder journalistischer Berichterstattung, aber auch von Tratsch, Gossip und toxischen Körperbildern. Von Debatten, von denen Freundinnen oder meine Familie, die sich in anderen Bubblen oder eben auch ganz offline herumtreiben, noch nie etwas gehört hatten. Und das alles passiert meist bereits in der ersten Stunde nach dem Aufwachen. 19 Stimmen in meinem Kopf, 8 Rezeptideen, 3 neugeborene Babys und natürlich all meine eigenen Gedanken dazu. Meine Morgenroutine sieht gerade ganz anders aus als zuvor. Nicht superproduktiv oder effizient. Allerdings intuitiv, ohne Handy in der Nähe und auch mit mehr Zeit. So eine halbe Stunde am Morgen kann vieles durcheinanderbringen.

Was macht eigentlich…?

Konstant zu wissen, was semi-bekannte Menschen aus meiner erweiterten Berlin-Bubble oder Stars und Influencer den lieben langen Tag so machen, war, so absurd es auch klingt, schon lange Teil meines Alltags. Nur hätte ich nicht gedacht, dass ich mich so leicht davon loseisen kann, sobald ich keinen Zugang mehr habe. FOMO, Dopaminmangel und das Bedürfnis, sich all die Inhalte immer wieder anzusehen, haben den ständigen Drang ausgelöst, den Feed zu erneuern und bestanden nur aus dem Angebot sowie der Möglichkeit, zu konsumieren, nicht aber aus dem tatsächlichen Bedürfnis, auf dem besten Stand zu bleiben. Nachdem meine Bildschirmzeit, inklusive Telefonate und Arbeit, von vier auf 1,5 Stunden am Tag gesunken ist, verstehe ich nun auch, warum ich diese ewige Zeit nie als so immens wahrgenommen habe. Wie oft habe ich schon mein Telefon in der Hand gehalten und vergeblich die App gesucht, um mich zwischendurch nicht zu langweilen − ich nehme es übrigens noch immer mit aufs Klo, nur um dann zu merken, dass es kaum Entertainment gibt. Es ist ein Learning. Ich erlerne es gerade neu, einfach in die Luft zu starren und abzuwarten. Gar nicht mal so übel für eine Woche.

Ein „niemals“ gibt es nicht

Mein Account ist inzwischen wieder aktiv. Einige berufliche Sachen ließen sich also doch nicht ganz ohne regeln, auch wenn ich es nur via Browser nutze und mein Handy bis auf Weiteres clean bleibt. In einer Form wird aber auch Instagram wieder Einzug auf meinem IPhone finden, dafür kenne ich mich einfach zu gut. Diese Welt wieder zu betreten, nachdem es sich so angefühlt hatte, als würde man einen Raum schließen und den Schlüssel im Schloss drehen, war für einen heavy User wie mich beängstigend und schockierend zugleich. Schon nach so kurzer Zeit spürte ich Überforderung, realisierte, wie wenig aufnahmefähig ich eigentlich für die ganzen Eindrücke bin und freute mich auf ein erneutes Deaktivieren in der kommenden Woche. Wenn ich wieder ganz zurück bin, wünsche ich mir einen sehr reduzierten Account, auf dem nur noch wenige Followings, ausgewählte Postings und Chats stattfinden sollen.

Zugegeben, eine Woche ist für ein Resümee etwas kurz, aber eben auch lang genug, um dankbar zu wissen, wie gut das Gespräch unter meinem letzten Text getan hat und um zu realisieren, dass ein wenig Abstand ganz schnell Auswirkungen auf meine mentale Gesundheit, mein Kaufverhalten und meine Handynutzung hatte. Eigentlich ist es ein schönes Ritual für den Sommer, der sich dann noch einmal ganz anders genießen lässt, eben ohne andere so lange daran teilhaben zu lassen, bis man selbst das Schwelgen im Moment vergisst. Ich werde es auf jeden Fall weiterhin versuchen und euch auf dem Laufenden halten.

3 Kommentare

  1. Marlene

    Vielen Dank dir für deinen Einblick und wie immer sau klugen Gedanken!
    Ich mache seit zwei Wochen auch (wieder einmal) eine Instagram Pause, weil ich aktiv gemerkt habe, wie es sich schlecht auf meine Psyche auswirkt. Absurderweise geht es mir seit dem deutlich schlechter, was sich glaube ich vor allem damit erklären lässt, dass die ständige „Betäubung“ und Ablenkung wegfällt und es schwieriger wird, mich vor der Konfrontation mit meinem Innenleben zu drücken.
    Gleichzeitig fehlt mir, wie dir, das leicht zugängliche Mitbekommen von politischen/aktivistischen Diskursen (muss dazu sagen, dass ich es ausschließlich privat und als Konsumentin nutze) und eben auch der leichte/lustige/“relatable“ Content von großartigen Menschen (ja, auch dein weekly recap haha).
    Aber auch in mir wirken die Kommentare unter deinem letzten Beitrag dazu noch nach. Es wirkt erstmal so profan, schließlich sind es nur Apps usw. aber die Auswirkungen und Aushandlungen wiegen echt echt schwer.
    Ich freue mich jedenfalls, wenn du uns an deinem Weg und Umgang damit teilhaben lässt und über weitere spannende Sichtweisen hier in den Kommentarspalten. .
    Liebe Grüße!

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  2. Svetlana

    Ah feel you 3000. Ich hab nach einigen kleineren Instagram-Pausen in den letzten Jahren, diesen März wegen Depression + Überforderung mein Profil deaktiviert und je mehr Zeit vergeht, desto weniger will ich zurück. Es ist diese komische Ambivalenz von „Es tut uns offensichtlich allen nicht besonders gut“ und „Wer bist du, wenn man dich nicht googeln kann“ die mich bisschen dizzy macht. Nach jeder Re-Aktivierung hab ich gemerkt, wie sich das Scrollen auf den eigentlich frischen Kopf wie ein zuerst ganz dünner, dann immer dicker werdender Schleier aus komischen Gefühlen legt.
    Würde mich also auch freuen über weitere Updates von dir und weiterhin so coole Kommentator*innen. Glaub gerade als soziale Wesen sind Veränderung im Team ne leichtere Sache. Sending Offline Hugs!
    PS.: Es gibt von Spotify Studios den Podcast „FOMO“, der fasst täglich ganz gut Internet-News zusammen, die glaube ich bei eh vielen von uns durch die Feeds wandern. So zum Thema Popkulturelles verpassen 🙂

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