Unbequeme Wahrheiten: Ich werde nie meinen Frieden mit Instagram schließen

15.06.2021 Leben, Gesellschaft, box2

Ein Jahr lang haben alle darüber geredet und nun habe ich den Salat: Die Verdichtung von digitalen Kommunikationswegen, die viele Zeit zu Hause und die sich stetig verändernden Freund*innenschaften aufgrund der Nähe, die so lange fehlte, hat einen Sturm nach sich gezogen. Einen Sturm, in dem ich mich zwischen einer Flut aus Push-Mitteilungen, Sturzbächen von Feedposts, die die Langeweile vertreiben sollen, Tornados an Gedanken über das, was alle zu haben scheinen, mir aber fehlt, wiederfinde. Mit Ende zwanzig unter dem toxischen Einfluss von Social Media noch einmal richtig zugrunde gehen? Check. Nie fühlte ich mich in einer Welt, die mir permanent vorhält, was ich nicht zu haben scheine, wie ich nicht aussehe und was ich mir nicht leisten kann, so sehr aufgesogen statt aufgehoben. Um die eine Ecke blickt ein Kleinkrieg der feministischen Bubble, um die andere blicken Hassnachrichten und ein Streit um alles von „Linker Hetze“ bis zur sogenannten „Identitätspolitik“ und „Sprachverboten“. Was tun, wenn wir Social Media weder löschen noch weitermachen können?

Nicht nur hier habe ich schon diverse Male um den Zwiespalt zwischen den Benefits und der Abscheu gesprochen, die ich mir und meinem Instagram-Verhalten gegenüber empfinde. Beruflich und privat überschneiden sich die Diskussionen um die Bildschirmzeit. Beruflich und privat profitiere ich von Vernetzung, Inspiration und Bildfülle. Viele meiner Jobs spielen sich in den sozialen Medien ab. Ein Großteil meiner freien Zeit beschäftigt sich mit Dingen, die ich auf sozialen Medien gesehen habe, die ich selber zeige oder für die Zukunft speichere. Und dabei bewege ich mich mit drei bis vier Stunden Bildschirmzeit am Tag nicht einmal in einem extremen Rahmen. Eines ist aber neu: das immer wiederkehrende schlechte Gefühl. Neid auf andere Körper und fremder Leute Häuser. Die fehlende Faszination für das Eigene und die Sorge, das, was andere haben,

nicht erreichen zu können. Und das, während ich mir der Illusion bewusst bin. Ich kenne die Tricks, habe selbst schon Bäuche eingezogen und Böden für besser Bilder freigeräumt und − voilà −, mich um meine eigene Realität betrogen. Was noch neu ist: die große Wut auf all das. Auf den eigenen Berufsweg, der eben ganz ohne soziale Medien nicht auskommen mag und die eigene Psyche, die immens darunter leidet, nicht im Jetzt zu sein, sondern in Soho, New York. Dort, wo der Sommer schon seit vier Wochen eingekehrt ist, alle einen Sommer in Europa planen und ich es mir auch beim 10. Mal nicht nehmen lasse, 25-jährige Frauen für ihre Wohnungen, Hunde und Klamotten zu bewundern. „Ach ich wär’ so gern…“.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von LOVE WATTS (@love.watts)

Unsicherheit, Selbstkritik und Körper-Issues − sicherlich nicht das Problem von jeder Person, die tagein, tagaus unter dem Einfluss von Social Media zu ersticken droht. Auch in professionelleren Kontexten entfachten vor allem zu Beginn des Jahres 2021 immer wieder Diskussionen, Schlagabtausch und Stimmungen, die nicht nur viele verstummen ließen, sondern nicht zuletzt auch mich mit einer Furcht überhäuften, mich in Debatte A bis F positionieren zu müssen. Weil es so viel Kraft raubt. Und weil wir verlernt zu haben scheinen, sensibel und gewaltfrei miteinander umzugehen. Und wenn es doch mal klappt, ist von Meinungsdiktatur und Feminazis die Rede. Auch dort, wo man es nicht erwartet. Tolle Wurst. Ein Fehler, den viele machen: All das, was sich online abspielt, als eine Welt, die mit realen Identitäten nichts zu tun haben soll, abzutun. Wer sich so wie ich mit Mühe einredet, dass die ganze private Gute-Laune-Inszenierung samt Haus, Hund, Hof und Kind nicht der Wahrheit entsprechen kann, der hat auch mit dem Geschrei in den Kommentarspalten so seine Probleme. Denn auch wenn wir inzwischen gelernt haben, hier und da ein paar Stellschrauben an der Realität zu drehen, dürfen wir nicht vergessen, dass am anderen Endgerät ein echter Mensch sitzt und leidet, mitfiebert, zittert. 

Was bleibt uns übrig? Die Social-Media-Pause in Form eines Urlaubs von Apps, die mehr als Nerven rauben? Klingt entzückend. Nur ist es dann auch überwältigend, wenn es wieder nach zwei, drei, vier Wochen von vorne losgeht und man dort mit voller Inbox und einer letzten Spur Fomo sitzt. Dann nämlich darf alles wieder in überfordernder Manier mit Suchtcharakter weitergehen. Vielleicht hilft ja ein radikales Aussortieren. Nur noch den Accounts folgen, die einen Mehrwert haben, einem ein gutes Gefühl vermitteln und Spaß machen. Vielleicht mit einer Obergrenze von 100, sodass man immer wieder gezwungen ist auszusortieren, wenn es wahllos wird.

Das Einschränken der Bildschirmzeit per App ist auch eine Idee. Eine Stunde Limit am Tag zwingt sogar dazu, die Lohnarbeit auf Social Media zeitlich zu begrenzen, um sie schneller abzuleisten. Statt kopflos zu scrollen, kann man sich hier die Inhalte vielleicht ganz genüsslich zu Gemüte führen. Und die ganzen Chats? Wer zu viel Zeit mit dem Schreiben mit Freundinnen verbringt, steigt vielleicht vom Social Media Messenger zur guten alten SMS-Flatrate um. Dort macht das Chatten zwar nicht ganz so viel Spaß, aber so bleibt eben auch mehr Zeit für das nächste Wiedersehen, weil man sich nicht mehr ewig mit der Planung beschäftigt. 

In der Vergangenheit habe ich anders als je zuvor gemerkt, wie extrem sich meine Instagram-Nutzung auf meine Psyche auswirkt. Und trotzdem kostet es mich unheimlich viel Kraft, nicht aus purem Zeitvertreib in der App zu hängen, nach Inspiration zu suchen und zu chatten, während ich gleichzeitig Jobanfragen beantworte, neue Ideen sammle oder eine Kooperation hochlade. Und was geradezu praktisch klingt, ist im Endeffekt ein toxischer Cocktail, der regelmäßig darin mündet, in Verzweiflung alles löschen zu wollen, um endlich meine Ruhe zu haben. Ich glaube realisiert zu haben, dass zumindest meine Lösung eine absolute sein muss. Nur befürchte ich, dass jetzt noch nicht die Zeit ist, beruflich Abstand zu nehmen, um mich auch privat vollends von den Vorteilen der Nutzung befreien zu können. Da hänge ich also, wie schon vor Jahren, zwischen den Seilen und hoffe, dass zumindest das schöne Wetter etwas Abhilfe verschafft. Das wird allerdings auch schwierig, während alle den Urlaub ihres Lebens haben und ich mit neidischem Blick versuche, die App endgültig zu schließen.

14 Kommentare

  1. Meena

    Danke für deinen Text Fabienne! I feel you. Ich sitze gerade in der Bibliothek (die endlich wieder geöffnet haben), versuche meine Bachelorarbeit zu schreiben und bin selbst hier mit den Gedanken doch ehrlicherweise viel zu oft bei all denen die „Alles“ zu haben scheinen. Obwohl ich innerlich und eigentlich für mich doch längst weiß, dass ich „alles“ habe, bin ich auf Dinge neidisch, die zugegeben oft schön sind, aber eigentlich nie dem entsprechen was ich wirklich möchte für mich und mein Leben. Ich glaube bei mir ist es meist das Glück welches ich in den Gesichtern all dieser fremden Personen zu sehen glaube, was meine Gedanken in Abgründe stürzt. Weil ich selbst nicht immer und ständig glücklich bin und, mit Mitte 20 (ich hab mir sagen lassen, dass hört wohl leider nie auf) immer noch so häufig so sehr überfordert bin mit allem, dem Leben und mir selbst. Ich frage mich, ob es überhaupt irgendeine Person gibt, die mit all dem was die Social-Media Welt so mit sich bringt wirklich, ernsthaft, immer und wahrhaftig gut umgehen kann. Ich glaub irgendwie nicht. P.S. Ich könnte Instagram natürlich einfach löschen, da ich im Vergleich zu dir, die App nicht für meinen Job / Karriere nutzen muss. Demnach jammere ich sehr auf hohem Niveau 🙂 Liebe Grüße, Meena

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  2. Michelle

    Ich benutze Instagram nur beruflich. Ich mache mir für jeden Kunden/Arbeitgeber einen eigenen Account (für Recherche, o.Ä.) und habe die App auch nicht auf dem Handy. Wenn jemand erwartet, dass ich für ihn/sie die App nutze, dann nicht auf meinem privaten Telefon.

    Es wundert die Menschen anfangs, aber meine gute Arbeit trotz dessen, zeigt ihnen dann, dass es funktioniert.

    Die Schiene fahre ich seit ca. zwei Jahren und ich bekomme trotzdem mit, was passiert, aber ohne das private Vergleichen, die Überforderung an Content oder dergleichen.

    Nur so als Input. 🙂

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  3. Fin

    Ich habe im Januar Instagram gelöscht- stattdessen verfrachte ich meine Social-Media Lust nun auf twitter. Das sorgt dafür, dass ich politisch besser informiert bin, deutlich weniger konsumiere (Kauflust ist total gesunken), aber eben auch für eine Dauerwut über die Welt und einen komischen neuen Einschlag in meinem Humor (weiß nicht ob es das Wort „twitter-bissigkeit“ gibt) verzeichnen muss.

    Dein Text klingt auf jedenfall so, als wäre es bei dir auch an der Zeit für radikale Maßnahmen- ob ich meinen Umgang empfehle weiß ich noch nicht. Und ich habe auch keine Arbeit die damit verknüpft ist.

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    1. Lena

      Twitter finde ich auch furchtbar.
      Ich habe vor einigen Tagen alle meine tweets gelöscht und überlege nun meinen twitter account zu löschen. Zuviel Hass und Hetze, extreme Meinungen.
      Mal schauen wie ich mich entscheide.
      Mit instagram komme ich dagegen gut klar.
      Ich folge 300 accounts. Da sind auch influencer*innen darunter aber eben
      niemand wie Kim Kardashian oder Chiara Ferragni
      (um nur ein paa Beispiele zu nennen), wo es nur darum geht sein schönes Leben, seinen tollen body, seine tollen Klamotten und Taschen herzuzeigen.
      Wenn mich ein account nervt oder frustiert enfolge ich.

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  4. Verena

    Liebe Fabienne

    ja, das Netz bringt nicht nur schönes in uns hervor, und Suchtpotential birgt es auch. Allerdings macht es mich stutzig – auch weil es öfter schon aufgetaucht ist – wie sehr dich der Neid beschäftigt.

    Normalerweise hat Neid eine ganze Menge mit uns zu tun, mit unserer Unzufriedenheit, mit unserem Bekanntenkreis, der vielleicht so eng nicht war wie bisher gedacht, mit unserem Job, der wenig glamourös ist. Aber all das geht nicht weg, nur weil man weniger im Netz ist, lediglich die Trigger werden weniger. Und ob das eine dauerhafte Lösung ist?

    Der Lockdown hat uns mit uns selbst konfrontiert und vielleicht manches gezeigt, womit wir nicht im Reinen sind. Der Neid könnte Ansporn zur Änderung sein.

    liebe Grüße!

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    1. Fabienne Sand Artikelautor

      Danke dir Verena! Du hast definitiv Recht. In meiner Therapie haben wir Neid weniger mit Unzufriedenheit, als mit einem geringen Selbstwertgefühl verknüpfen können. Ich merke aktuell vor allem, wie unglaubliche Überwindung es mich kostet mir all dies einzugestehen. Das sind ansonsten Gefühle, für die man sich schämt, vor allem als erwachsener Mensch der den Anspruch hat, gefestigt durchs Leben zu gehen. Danke für deine Gedanken und den Anstoß dem noch einmal nachzugehen.

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      1. Julia

        Hey liebe Fabiene, die wenigsten erwachsenen Menschen laufen dauerhaft gefestigt und stets sicher im eigenen Selbstwert durch das Leben. Ich bin 47 Jahre alt und lass dir gesagt sein, dass es in jedem Alter Unsicherheiten, Zweifel etc. gibt.
        Sie sind immer wieder eine Einladung zu wachsen und wir sollten uns dieser Gefühle nicht schämen müssen. Sie zeigen uns doch auch, dass wir fühlende Wesen sind, verletzlich und eben auch zu erschüttern. Und nur wenn wir dies sein dürfen, können wir uns auch weiterentwickeln. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Anspruch, stets, stark und gefestigt sein, weil man ja erwachsen ist absurd und illusorisch. Verletzlich und „schwach“ sein zu dürfen macht uns auch weich und hilft uns wahrhaft mitfühlend zu sein mit anderen Menschen. Jeder Mensch kann in jedem Alter Dinge erleben und erfahren, die ihn in seinem Selbstwert schwer erschüttern.

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  5. Sandra

    Hi liebe Fabienne, I feel you <3 2011 (!) bin ich ausgestiegen aus meiner Social Media Agentur für einen offline Job. Bis heute "vermisse" ich Social Media, denke in hashtags und 140 Zeichen, habe aber alle Accounts gelöscht und auch mein Business findet nur offline statt. Die hilfreichste Veränderung für mich war trotzdem, einen physischen Ort für Laptop und Handy zu finden. Dort "wohnt" meine digitale Medienwelt. Wenn ich weggehe, lasse ich die Gedanken auch dort. Vielleicht funktioniert es ja für dich oder Menschen, die das hier lesen.

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  6. Ava

    Liebe Fabienne, danke für Deine Gedanken, sie helfen mir gerade ungemein. Auch die Kommentare sind so gut. Es fängt alles mit bewusst-machen an und dann geht’s weiter zu den konkreten Schritten – was da für einen am besten passt, muss man ausprobieren, denke ich. Ich werde jetzt Michelle’s und Sandra’s Tipps umsetzen! Danke auch Euch beiden dafür.

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  7. Rosine

    Für mich ist bei Instagram das Gleichgewicht zwischen reinem Konsumieren und Kreativität entscheidend. Je mehr ich selbst poste, lustige Reels mache und Instagram quasi aktiv mitgestalte, desto wohlwollender begegne ich den Inhalten anderer. Ich freue mich sogar richtig, wenn die Leute, denen ich folge, etwas posten. Allerdings benutze ich Instagram ausschließlich privat, das ist sicherlich noch mal ein großer Unterschied.

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  8. Eva

    Toller Text, vielen Dank!
    Mir hat das Buch von Jenny Odell (Nichts tun) sehr geholfen. Grandioses Buch, nicht nur so ein oberflächliches Selbsthilfebuch. Plus Zeitbegrenzungsapp plus Meditieren. Weil ich dadurch das Unbehagen mit social media so, so viel stärker spüre und mich seitdem ganz oft deswegen gegen den Griff zum Handy entscheide.
    Wünsch dir sehr, dass du für dich bald das richtige Maß findest. Liebe Grüße

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  9. Lena

    Freund*innenschaften? Was soll das bitte sein?
    Freund, Freunde, Freundin, Freundinnen, Freund*innen,
    Freundschaft, Freundschaften.
    Freundschaft hat kein Geschlecht.

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