„Lächel doch mal!“ oder: Schlecht gelaunt sein ist ein Menschenrecht

Es ist ziemlich schwierig, mich zu schocken. Egal ob absurd anmutender Fetisch, kruder Indie-Horrorfilm oder wütende Männer in YouTube-Kommentarspalten: Ich habe schon alles gesehen und erlebt. Vor ein paar Monaten passierte trotzdem etwas, was mich in meinem lethargischen Grundpessimismus zutiefst erschütterte: Ein Mann forderte unter einem meiner Posts auf einer großen internationalen Networking-Plattform, ich solle doch mehr lächeln. Oder mir einen anderen Job suchen.

Klar, wie viele andere Frauen höre auch ich seitdem ich denken kann: „Lächel doch mal! Warum guckst du denn so ernst? Oho, die will mich wohl umbringen! Du bist so viel hübscher, wenn du lächelst!“ Dass sich ein fremder Mann allerdings dazu berufen fühlt, mir als frischgebackener Chefredakteurin einer der größten deutschen Filmseiten mitzuteilen, dass ich ihm auf meinem PR-Foto nicht freundlich genug gucke, das ist neu. Und macht mich auch Monate später noch unglaublich wütend.

Ich bin 32 Jahre alt, in einer Führungsposition, wurde vom Forbes-Magazin mit 27 unter die wichtigsten jungen Medienmenschen Europas gewählt, habe blaue Verifizierungshaken auf Twitter und Instagram und nur deswegen keinen Wikipedia-Eintrag, weil ich zu faul bin, mir selbst einen zu schreiben. Was muss ich als erwachsene Frau eigentlich noch tun, um nicht wie ein kleines Mädchen behandelt zu werden, das bitteschön freundlich und süß zu sein hat? Sterben?

Ich sehe nicht von Natur aus freundlich und zugänglich aus. Wenn meine Gesichtsmuskeln entspannt sind, erinnere ich an einen schlecht gelaunten Wombat mit Perücke. Oder, um eine meiner Schwestern zu zitieren: an einen Teddy, dem der Mund falsch herum angenäht wurde. Hadere ich manchmal damit? Ja. Aber tatsächlich erst, seitdem ich regelmäßig von süffisant grinsenden Personen ungefragt darauf hingewiesen werde.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von lisa ludwig (@notstrongonlyaggressive)

Egal, ob Bekannte meiner Eltern oder wildfremde Menschen auf der Straße, Kolleg*innen in beruflichen Situationen oder Menschen, die mich in einem Twitch-Livestream sehen, jeder scheint eine Meinung zu meiner Mimik zu haben. So als würde mein Gesicht nur existieren, um ihnen ein gutes Gefühl zu geben. So als würde mein Körper ihnen gehören.

Warum ist das so? Gehört zur unantastbaren Menschenwürde nicht auch irgendwie ein Recht auf schlechte Laune und ein Resting Bitch Face? Und: Ist das Leben nicht sowieso schon viel zu anstrengend, um die ganze Zeit zu lächeln?

Warum die Aufforderung, zu lächeln, niemals zu guter Laune führt

Wenn ich mich darüber beschwere, dass jemand sich ungefragt zu meiner Mimik äußert, bekomme ich meistens Zustimmung. Insbesondere von Frauen. Lächeln tut dabei übrigens niemand. Überraschung! Eine Anweisung dazu, was man mit dem eigenen Gesicht zu tun hat, sorgt bei niemandem für das zwingende Bedürfnis, strahlend zu lächeln. Verrückt, oder?

Es gibt allerdings auch Leute, die meinen Ärger nicht nachvollziehen können, und in der Regel in eines von zwei Antwortmustern verfallen.

Erstens: Gibt es nichts Schlimmeres? Worauf man im Zweifelsfall immer “Ja, klar” erwidern muss. Irgendwas ist immer schlimmer und dringlicher. Aber es ist einfacher, nerviges, unangebrachtes Verhalten abzustellen, als den Nahostkonflikt zu lösen oder das Konzept “Deutsche Comedy-Show, die Rassismus witzig findet” endlich zu beerdigen. Einfach mal die Klappe zu halten, statt sich ungefragt zu den Gesichtern anderer Menschen zu äußern, hält uns nicht davon ab, die wirklich großen Katastrophen im Auge zu behalten. Wahrscheinlich bringt es uns sogar alle näher zusammen.

Die zweite Art von Antwort geht in eine etwas andere Richtung. Sie unterstellt der “Lächel doch mal!”-Fraktion ein eigentlich lobenswertes Motiv. Was, wenn die Person sich einfach nur Sorgen macht? Wieso ist es etwas Schlechtes, darauf zu achten, ob andere unglücklich aussehen?

Ich fände es schön, wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, in dem jeder und jedem Einzelnen wichtig ist, dass es allen Menschen um ihn oder sie herum gut geht. In der man aufeinander achtgibt und sich Hilfe anbietet. Offen und ehrlich über mögliche Probleme spricht – auch und gerade dann, wenn sie psychischer Natur sind.

Aber die Sache ist: Wer anderen aufträgt, doch bitte mehr zu lächeln, der will gar nicht, dass es der Person gut geht. Wer wirklich besorgt ist, fragt, ob alles in Ordnung ist und tut dies auf eine Art, die nicht suggeriert, dass es hier nur um vermeintliches optisches Fehlverhalten geht.

VOGUE COMMUNITY

– Dieser Text von Lisa Ludwig wurde zuerst bei Vogue Germany veröffentlicht. Dort könnt ihr den Beitrag weiterlesen  –

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„Lächel doch mal!“ oder: Schlecht gelaunt sein ist ein Menschenrecht

  1. Nicole

    Fühle es zu 100%!
    Meine Teamleitung hat während eines Termins, der für die Übergabe vor dem Urlaub angedacht war, sich über meine Mimik beschwert.
    Ich würde genervt gucken. Ich schaue von Natur aus nicht gerade freundlich. Diese und weitere Anmerkungen zu meiner Persönlichkeit haben mich getroffen. Das Ganze ist 6 Wochen her, es lässt mif keknd Ruhe.
    Ex-Kollegen, Familue, Freunde und Bekannte haben mir zugedtimmt: Ich bin keine fröhliche Grinsebacke und werde es nie sein.

    Förderlich für die Atmosphäre war das nicht. Wer in solch einer Position nicht mit unterschiedlichen Persönlichkeiten klarkommt, sollte meiner Meinung nach überdenken, ob es das Richtige für einen ist.

    Antworten

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