Sexuelle Belästigung: Andrew Cuomo & der tragische Männerchor

10.08.2021 Feminismus, Politik

Bild © Governor Andrew M. Cuomo | Wann ist eine Umarmung nur eine Umarmung, eine Berührung nur eine Berührung – und wann wird daraus sexuelle Belästigung? Wo verläuft die Grenze? Die oft und gerne angeführte Erklärung von Seiten derjenigen, denen sexuelle Belästigung vorgeworfen wird (die überwältigende Mehrheit davon Männer) lautet so: Frauen haben die Deutungshoheit. Sie entscheiden darüber, was als belästigendes Verhalten gilt und was nicht. In diesem Szenario haben Frauen die Macht: Was sie sagen, stimmt. Die Männer hingegen sind ihnen und ihren widersprüchlichen Signalen hilflos ausgeliefert. Wie sollen wir denn wissen, was Frauen als unangenehm empfinden?, klagt der tragische Männerchor. 

I’m a hugger – ich bin eben so!

Eine relativ neue Stimme in diesem Chor ist Andrew Cuomo, Gouverneur von New York, Demokrat, und kurzzeitig mal ein Held im Kampf gegen Corona. Zahlreiche Frauen, viele davon Mitarbeiterinnen von Cuomo, haben ihm in den letzten Monaten sexuelle Belästigung vorgeworfen. Eine offizielle Untersuchung ist diesen Vorwürfen nachgegangen und kommt nun zu dem Ergebnis: Die Vorwürfe stimmen. Cuomos Reaktion darauf war einigermaßen überraschend, denn als Verteidigungsstrategie wählte der Gouverneur – eine PowerPoint-Präsentation. Zumindest erinnert seine Videobotschaft stark daran: Darin erklärt Cuomo zunächst mit ernster Stimme, er habe niemanden jemals unangemessen berührt. Später beginnt eine Slideshow mit Fotos von Cuomo, die ihn in Situationen zeigen, in denen er Menschen unter anderem umarmt oder ihr Gesicht umfasst. „Ich tue das mit allen“, sagt Cuomo: „Schwarz und weiß, jung und alt, heterosexuell und LGBTQ, mächtige Menschen, Freunde, Fremde, Menschen, die ich auf der Straße treffe.“ Diese Art von Körperkontakt ist also in der cuomoschen Logik normal und unproblematisch, schlicht deshalb, weil jede Person, die ihm begegnet, ihr ausgesetzt wird.

Was Cuomo sagt, ist: Ich bin eben so! I’m a hugger! Ich liebe es, Menschen körperlich nah zu sein! Er tut es, also ist es okay, denn schließlich tut er es. Dass diese Tautologie nicht die beste Verteidigung ist, hätte Cuomo eigentlich wissen können, schließlich gab es vor nicht allzu langer Zeit (zugegeben, jedes Corona-Jahr fühlt sich an wie sieben normale Jahre) ähnliche Vorwürfe gegen Joe Biden, damals noch nicht US-Präsident. Der Unterschied ist, dass Biden im Gegensatz zu Cuomo nicht sexuelle Belästigung von mehreren Mitarbeiterinnen vorgeworfen wurde, also von Frauen, deren Chef er war.

Alles harmlos, alles okay

Die Lage ist ernst, das hat Cuomo mittlerweile begriffen – Präsident Biden und mehrere Parteikolleg*innen fordern seinen Rücktritt, eine Mitarbeiterin hat Cuomo wegen sexueller Belästigung angezeigt, es droht ein Amtsenthebungsverfahren. Und Cuomo? Setzt auf eine so typische wie deprimierende Strategie: Angriff. Denn eigentlich, so findet der Gouverneur, sind doch die Frauen schuld, die die Vorwürfe gegen ihn vorgebracht haben: Sie konnten leider nicht zwischen einer harmlosen, nett gemeinten Berührung, und sexueller Belästigung unterscheiden (im Hintergrund schüttelt der tragische Männerchor betrübt die Köpfe: Ach, diese Frauen!). Was Cuomo vor allem zu empören scheint, ist die Tatsache, dass Frauen sich erdreisten, eine Sicht der Dinge zu erzählen, die der seinen widerspricht. Dass sie nicht klaglos seine Version der Realität akzeptieren. Dass sie sich anmaßen, besser darüber entscheiden zu können als er, welche Berührungen an ihrem Körper sie als unangenehm und belästigend empfinden.

 
 
 
 
 
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Cuomos Entschuldigung – alles harmlos, alles normal – fällt schnell und dramatisch in sich zusammen, wenn man sich den ausführlichen Untersuchungsbericht durchliest. Denn darin wird klar: Es geht mitnichten „nur“ um ein paar Umarmungen oder Küsschen, die von empfindsamen Frauen eventuell falsch verstanden worden sind. Stattdessen zeichnet der Bericht das Bild einer beruflichen Umgebung, die ausreichend Nährboden für sexuelle Belästigung bot und diese förderte: So habe Cuomo am Arbeitsplatz regelmäßig herumgeflirtet und anzügliche Kommentare gemacht, sowie Frauen ohne deren Einverständnis geküsst oder an den Hintern gefasst. Es entspricht dem, was Cuomos ehemalige Mitarbeiterin Lindsey Boylan in einem Artikel beschreibt: „Gouverneur Andrew Cuomo hat innerhalb seiner Verwaltung eine Kultur erschaffen, wo sexuelle Belästigung und Mobbing so allgegenwärtig sind, dass sie nicht nur hingenommen, sondern erwartet werden. Sein unangemessenes Verhalten gegenüber Frauen war eine Bestätigung, dass er dich mochte, dass du wohl etwas richtig machtest.“

Von wegen „normal“

Manchmal ist eine Umarmung nur eine Umarmung, eine Berührung nur eine Berührung. Manchmal überschätzt man, wie toll das jeweilige Gegenüber diese Art von Körperkontakt findet. Das passiert, Menschen sind Menschen, und Kommunikation kann auf so vielen Ebenen schieflaufen. Aber: Das macht körperliche und sexuelle Belästigung und Übergriffigkeit nicht okay. Etwas ist nicht „normal“ und harmlos, nur weil man selbst beschlossen hat, dass es normal sein muss, allein deshalb, weil man es ständig praktiziert. Schon gar nicht dann, wenn dieses Verhalten im beruflichen Kontext als Machtmittel genutzt und gezielt eingesetzt wird, um Menschen – Frauen – zu kontrollieren und einzuschüchtern. Das scheint Andrew Cuomo nicht verstehen zu wollen. (Der tragische Männerchor protestiert) Vielleicht sollte man ihm das alles mal in einer Slideshow erklären.

Sexuelle Belästigung: Andrew Cuomo & der tragische Männerchor

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