Unbequeme Wahrheiten: Warum uns wenig Arbeit manchmal mehr Stress bereitet

Zum Ende des Jahres liegen bei mir überraschenderweise weniger Aufträge auf dem Tisch. Anstatt mich ein bisschen zu entspannen, löst das aber vor allem eines aus: Stress!

Seit Beginn meiner Freiberuflichkeit strauchle ich immer dann, wenn gewisse Themen so richtig wichtig werden: Am Anfang waren es Selbstorganisation und Altersvorsorge, heute sind es Pausenzeiten und Elterngeldanträge. Es ist so, als würde man als selbstständige Person auf einem Dauerhaften Lehrgang sein – nur eben ganz ohne dozierende Personen und Klassenkammerad*innen. Und auch, wenn ich heute über mich sage, dass ich so ohne Weiteres keinen Fuß mehr in die Festanstellung setzen möchte, gibt es nebst etlicher Privilegien und Vorteile auch einen dicken Haufen an Dingen, die mich regelmäßig beunruhigen und aus der Fassung bringen. Allseits bekannt ist für viele sicherlich das Fehlen von Grenzen: Da reiht sich gerne Nachtschicht an Nachtschicht und statt sich ein Projekt sinnvoll aufzuteilen, macht man gerne alles auf einmal – wenn gerade schon einmal Zeit da ist. Da gibt es aber auch die andere Seite. Diese Seite, auf der es Flauten gibt, weniger Aufträge reinkommen und man, nach viel harter Arbeit und einem etwas größerem Notgroschen, auch mal ordentlich verschnaufen könnte, solange die gröbstem Kosten gedeckt und die mächtigsten Rechnungen beglichen sind. Was für eine schöne Idee! In der Realität allerdings beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.

Denn bei mir resultiert eines daraus: Weniger Arbeit = mehr Stress. Was so passend und unpassend zugleich klingt, ist komplizierter als gedacht. Mit weniger Arbeit geht in der Freelance-Welt weniger Geld einher. Die einzigen Sekunden, in denen ich meine Festanstellung vermisse, sind die, in denen die Kopfblockade so sehr kickt, dass ich halbstündig in die Leere starre, aber trotzdem die Gewissheit habe, auch fürs Nichtstun bezahlt zu werden. Ist im Arbeitsvertrag ja oftmals einkalkuliert. Ereignen sich solche Tage in der Freelance-Welt oder kündigt sich in der zweiten Woche infolge

wieder nur die Arbeit für die Buchhaltung an, wird einem doch rasch Angst und Bange. Nicht nur, dass ich verlernt habe, mir unter der Woche eine nette Zeit zu machen und für Verabredungen ohnehin nur die wenigsten Slots haben, sobald ich den Computer auf Stand-by schalte, macht sich ein auch noch ein unfassbar schlechtes Gewissen breit. Fast so, als würde ich ganz bewusst und kalkuliert in den finanziellen Ruin, ins berufliche Aus schlittern, weil es nach wilderen auch wieder ruhigere Wochen gibt.

Nachdem ich mich monatelang daran gewöhnen musste, dass es vollkommen okay ist, meine Arbeitszeit frei einzuteilen und man durchaus schon um 15 Uhr Feierabend machen darf, auch wenn der Arbeitsalltag für viele noch im vollen Gange ist, sind es aktuell die vollkommen ruhigen Tage, an denen sich ein leichtes Gefühl des Unbehagens breit gemacht hat. Selbst, wenn noch nicht alle Ausgangsrechnungen geschrieben und alle Gehälter bis zum Jahresende eingefahren sind, ist der Stress, der aufkommt, wenn Lohnarbeit mal nicht auf Prio Eins im Tagesplan steht, immens. Da würde man meinen, man könne sich getrost einen Larry machen und von den Rücklagen zehren, die sich über die vergangenen Jahre für genau solche Zeiten angesammelt haben und dennoch fühle ich mich faul und nutzlos.

Da arbeite ich lange für die eigene Freiheit und schäme mich trotzdem, wenn der perfekte Moment kommt, um ihn zu nutzen. Ärgerlich. Und während einem kapitalistische Narrative dazu bringen, selbst seine freien Tage nicht mehr genießen zu können, habe ich auch noch vergessen, was für Hobbys ich haben könnte, hätte ich nur regelmäßig die Zeit dazu. Da fühlt sich „frei haben“ wie Faulsein an und es folgen etliche Haushaltstätigkeiten, die das „Nichtstun“ ausgleichen könnten. Alibi-mässig habe ich also den ganzen Tag den Computer an und längst hat das Homeoffice meine Wohnung derart in einen Arbeitsplatz verwandelt, dass Freizeit hier praktisch sowieso längst nicht mehr stattfinden kann. Ganz klar: Daran muss sich etwas ändern. Und ich bin mir absolut sicher, dass ich hiermit nicht mehr Aufträge meine.

Nun sitze ich also aktuell regelmäßig, nach einem wirklich überschaubaren Berg an Arbeit, an meinem Schreib- und Esstisch und schäme mich „Feierabend“ zu machen. Die einzige Lösung sind Hobbys und Freizeitaktivitäten, die nichts mit meiner Wohnung und meinem Computer zutun haben. Ich könnte Schwimmen gehen oder mir etwas zu Basteln suchen. Könnte einen Keramik-Kurs anfangen oder mit dem Nähen starten oder vielleicht sogar einen Raum in der Wohnung noch einmal umgestalten. Das scheint mir viel angemessener, als nach mehr Aufträgen zu suchen. Außerdem sollte ich mich darin üben, dass Ruhe und berufliche Freiheit etwas sind, dass ich genießen darf und auch muss, weil sicherlich wieder wildere Zeiten kommen. Für heute geht es in ein Bastelgeschäft. Ich plane ein Selbstgemachte Baby-Gym für das neue Familienmitglied und halte euch gerne auf dem laufenden.

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4 Kommentare

  1. Nik

    DANKE – einfach nur Danke! Ich hatte lange das Gefühl, dass es nur mir mit der Selbstständigkeit so geht – gerade auch, weil viele meiner Freund:Innen viel entspannter mit diesem „Leerlauf“ in ihrer Selbstständigkeit umgehen können. Da bekommt man schnell das Gefühl, dass man nur allein so „gefangen“ in der Performance-Blase ist. Dein Artikel zeigt mir, dass es mehr von uns gibt. Und ich finde deine Ideen für eine Abkehr vom „Office-Everywhere“-Gedankens wunderbar. Bitte berichte, ob es dir hilft solche Situationen entspannter anzugehen. Es würde mich persönlich brennend interessieren.

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  2. Kristin

    Danke für diesen Artikel!!! Mir geht es ganz genauso: Sobald es etwas „lockerer zugeht — also weniger Aufträge reinkommen oder mal nicht die Hütte brennt —, werde ich unruhig und rastlos. Fast so, als könnte ich mir gerade einfach nicht selbst gestatten, die freie Zeit als solche zu nutzen. Sobald es dann wieder emsiger und stressiger wird, strample ich munter weiter in meinem Hamsterrad. Das ist sicherlich eine der größten Herausforderungen bei der Selbstständigkeit: Freie Zeit genießen und kurz darauf wieder voll loslegen; und diesen Wechsel als solchen annehmen.

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