Kolumne //
Warum ich daten doof finde.

02.05.2016 um 13.45 – Leben

girls talk thisisjanewayne

Um gleich mit der Wahrheit in den Hausflur zu fallen: Dates bereiten mir in etwa so viel Freude wie Kartoffeln schälen und im Grunde ists ja auch kaum etwas anderes. Man muss eben ein bisschen rumpopeln, um irgendwann zum Genuss zu gelangen. Manch eine Langzeitsbeziehungsfreundin sieht das Ganze durchaus positiver als ich, fast schon romantisch-verklärt: als Singlefrau lebe man schließlich im unerschöpflichen Schlaraffenland der Leckerbissen, ganz so, als würde hinter jeder zweiten Ecke ein knuspriges Männer-Croissant nur darauf warten, endlich angeknabbert zu werden. Das ist vielleicht sogar fast wahr. Hätte der Ofen des Lebens das männliche Auslage-Sortiment nicht hier und da ein wenig zu heiß gebacken. Oder sogar zu kurz. Nach dem ersten Bissen bleibt dann nichts als eine einzige halbgare Schweinerei übrig, obwohl das Antlitz gerade doch noch so makellos gülden erschien. Verschwendete Liebesmüh nennt man solche Fälle und Momente, in denen man seinen Kopf am liebsten schon nach den ersten drei W-Fragen und vor dem Hauptgericht feste auf den in Kerzenschein getränkten Dinner-Tisch knallen will. Als Alternative zum polnischen Abgang, in der Hoffnung rasch ohnmächtig und von starken Sanitätern vor der fortlaufenden Katastrophe gerettet zu werden.

Ich bleibe meist einfach sitzen, schon allein deshalb, weil ich seit jeher Sklavin meiner antrainierten Höflichkeit bin. Jedenfalls habe ich dann irgendwann den Salat und noch dazu das Stück Bratkartoffel auf meinem Sofa sitzen.

Man könnte spätestens jetzt so etwas ehrliches sagen wie „Wenn du Romeo bist und ich Julia, dann wären wir lieber sofort gestorben“, aber dazu fehlt mir der Mut, man will ja nicht, dass das Gegenüber denkt, es läge an ihm. Also fange ich irgendwann an, mich subtil daneben zu benehmen. How to lose a guy in 10 days – ihr erinnert euch. Geht aber auch gern schief. Einmal, ich war natürlich noch viel jünger als jetzt, habe ich ein bisschen Gras ausgepackt, das meine spirituelle Mitbewohnerin nach einer Meditiations-Einheit im Wohnzimmer vergessen hatte, es sorgfältig auf dem Couchtisch ausgebreitet und anschließend eines der getrockneten Blätter zwischen Daumen und Zeigefinger genommen, um es mir mit einer übertrieben lasziven Handbewegung in den Wangenbeutel zu legen. Ich hätte Asthma, deshalb würde ich schon lange nicht mehr kiffen, aber ohne sei mit mir wirklich nicht gut Kirschen essen. Die Bratkartoffel schaute mir verliebt in die Augen und nahm sich auch ein Stück. Immerhin konnten wir nicht mehr küssen.

Aus Fehlern lässt sich bekanntlich lernen. Was man aber nicht lernen kann, oder zumindest nur sehr schwer, ist das Ich-Bleiben und Lässig-Sein im Angesicht des schönsten Hörnchens von allen, das noch dazu mit Nougat-Creme gefüllt ist, statt mit dünner Luft. Dann wird es richtig schlimm und womöglich mutiert man sogar selbst zur Kartoffel, noch bevor das 4-Sterne-Dating-Desaster überhaupt seinen Lauf nimmt. Ich zum Beispiel schaffe es vor lauter Panik häufig noch nicht einmal zur ersten Verabredung. Mein Terminkalender ist auf Nachfrage bis übernächstes Jahr voll, Hunger habe ich nur bei Vollmond, Kinofilme zerstören mein Weltbild und beim Spaziergehen blendet mich die Sonne. Nach der fünfzehnten Einladung geben die Balzenden meist auf, ich lösche den Verlauf aus dem Handy, verdränge alle heimlich gehörten Hochzeitsglocken aus der blühenden Phantasie und fange von vorn damit an, kein Date zu haben.

Das hat einen einzigen, universellen Grund: Es macht mich fertig, in Momenten der Balz gefallen zu müssen, ich weiß das aus Erfahrung. Schon allein der Gedanke an mit Selbstvermarktung belegte Pizza beim Italiener bereitet mir Durchfall. Lieber wäre es mir, der Angeschmachtete würde heimlich Mäuschen spielen und sich ganz nebenbei und unauffällig in meine flachen Witze und vielen Macken verlieben, die sich allesamt schrecklich schlecht auf dem verabredeten Präsentierteller servieren lassen. Geht es nämlich wirklich um die Wurst, rutscht mir das Hirn noch nicht einmal in die Hose, sondern komplett zu den Ohren heraus. Ich gebe höchstens vier-Wort-Sätze von mir oder viel zu viele. Ich sage Sachen, die ich nicht so meine und lasse das Wichtigste weg. Ich vergesse zu Schlucken und sammle Sprechkäse in den Mundwinkeln, statt die roten Lippen zu spitzen. Bei Nervosität fasse ich mir so ungünstig an die Nase, dass es aussieht, als würde ich popeln. Ich vertausche die Namen sämtlicher Literaten und Philosophen, benutze Schweinskramswörter, wenn ich über Politik rede und mache zu lange Pausen, wenn ich nachdenken muss. Ich schiele, wenn ich mich aufrege und schnaube statt zu lachen. Ihr kennt das vielleicht. Freundinnen packen hier schrecklich gern die Keule der liebeswerten Eigenarten aus, während sie mich scharf ausschimpfen, weil so viel Selbstzweifel ja wohl wenig mit Emanzipation zu tun hätten. Furcht interessiert sich aber nicht für feministische Parolen und ich schwöre euch, meine Angst vor Dates ist beinahe pathologischer Natur.

Sollte mich allerdings jemals eine SMS mit den Worten „Wollen wir uns morgen Nachmittag an die Spree setzen und nicht miteinander reden?“ erreichen, ich wäre Feuer und Flamme und auf jeden Fall da. Welch wahnsinnig wohlige Utopie: kein Kreuzverhör, kein Druck, keine peinlichen Pausen. Nur ein erstes gemeinsames Schweigen, der Himmel und wir. Und da, wo wir säßen, würde ich ein Croissant in ein Herz aus Sand malen, mit einer Kartoffel daneben.

29 Kommentare

  1. Kathrin

    „Hätte der Ofen des Lebens das männliche Auslage-Sortiment nicht hier und da ein wenig zu heiß gebacken. Oder sogar zu kurz.“

    Herrlich liebe Nike. Ich hatte original nur einmal ein Date, was online zustande kam. Ausgerechnet bei diesem war es auch so, dass uns beiden nach ca. zehn Minuten klar war, dass wird nix. Also haben wir brav eine Schorle getrunken und dann beide gesagt, was wir heut noch vor haben, und nun los müssen. Haha, so endete mein Versuch online Männer kennenzulernen. Die anderen kamen so über Gemeinsamkeiten über den Weg, also zu meinem großen Glück ohne „richtige“ Kennenlern-Dates. Doch ich würde gern weiter deine Geschichten dazu lesen.

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    1. Marie

      Ohhh Nike, mir geht es so furchtbar oft ganz genauso. Wie wundervoll du geschrieben hast! Danke dafür!

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  2. Lena

    Sorry, aber wer seit längerem in einer Beziehung ist und ein Kind (relativ) früh bekommen und somit doch ernsthaft nie Daten musste,in einer Phase in der es abartig schwer ist Zeit für sich , Freunde, und diese neue Baustelle im Leben zu meistern, der sollte bei dem Thema doch einfach mal dezent die Klappe halten. Referier doch lieber OP’s am offenen Herzen, als Ärztetochter hättest du genauso viel Ahnung und Gründe zu schreiben wie über dieses Thema :).

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    1. Martina

      Und Du kennst ihr Leben perfekt, oder? Woher willst Du bitte wissen, ob sie noch nie ernsthaft gedatet hat? Den giften Kommentar versteh ich echt nicht :)

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    2. Renate

      Dein Leben muss ja trist sein! Wie kannst Du so arrogant sein und über ihr Leben urteilen ? Meine Güte wie giftig !!

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    3. Renate

      Ach ja, vergessen. Glaubst Du wirklich, wenn sie in einer festen Beziehung wäre würde sie übers Daten nachdenken ? Erst lesen, denken und dann schreiben. Und mit 27 (?) ein Kind zu bekommen ist ein ganz normales Alter.

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    4. Anne

      Hahahahahahahahaaaa so ein blöd-lustiger Kommentar. Ich würde mich so gerne aufregen, weil ich oft solche Kommentare nervig finde, der gerade bringt mich aber ernsthaft zum Lachen!!!!! Wirklich!! Hahahaaaa

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        1. Lena

          Das mit dem „früh“ ein kind bekommen“ finde ich ja echt am besten. Lacher des Tages, danke an die Namensvetterin.

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    5. Nike Jane Artikelautor

      Ach herrje, Lena #1 (also da oben die, hallo!).
      Ich drücke dir ganz feste alle Dating-Daumen, so von Frau zu Frau, wirklich wahr.
      Es ist wirklich nicht leicht, nein, nein – da darf man sich auch schonmal auf diverse Webseiten erbrechen, kein Problemo. Das Liebste für dich, xoxo Nike

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      1. Pi

        der artikel ist hammergut geschrieben, nike! saulustig und superstark, weil du mit deiner verletzlichkeit so offen umgehst, ohne dich bierernst zu nehmen. und dass du angesichts solcher auskotz-kommentare auch noch lustig-nett reagieren kannst, macht das ganze noch sympathischer und nahbarer.
        da kann man sich echt ne scheibe von abschneiden. =*

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    6. Susi

      Bah, was für ein fieser und vor Missgunst triefender Kommentar. Ich schäme mich richtig für dich

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  3. m

    Hey Nike,
    ich gehöre tatsächlich zu der Fraktion “ nie ein Date gehabt“ sondern immer über Freunde und Freundesfreunde gesucht und gefunden- nach deiner Erzählung schwant mir, dass ich nix verpasst hab. Mein super Croissant hab ich auch schon- Juhu.

    Liebst,
    M

    @ Lena
    vielleicht sollten besser andere Personen dezent die KLappe halten

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  4. Leni

    Wow, ein paar bissige Lenas haben sich wohl an so manch einer verbrannten Kartoffel den Magen verdorben, wie es aussieht..manmanman, warum so giftig, girl?

    Aber im Gegensatz zu meiner fast-Namensvetterin habe ich hier vor dem Bidschirm gesessen, bei jedem Wort nur mehr genickt und zumindest in Gedanken einen nougatgefüllten Croissant verdrückt, den ich tatsächlich auch irgendwann in Männerform zu finden gedenke. Und das, ohne zu daten, davor graust es mir nämlich ganz genauso. Wie stellen wir das nur an?

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  5. Sophie

    Treffender als Leni hätte ich das nun wirklich nicht ausdrücken können. So oft werde ich morgens wach und stelle erschrocken fest, dass mein betrunkenes Ich munter Dates für mich verabredet hat, die ich-Ich überhaupt nicht haben will. Und so hangele ich mich von Ausrede zu Ausrede bis mein betrunkenes Ich wieder ‚aber sonst findest du doch nie einen, stell dich nicht so an!‘ plärrt und die Kontrolle über mein Handy übernimmt.
    Leni, Nike, sagt Bescheid, wenn euch die Lösung über den Weg läuft! Solange erfreue ich mich an dem Gedanken, nicht allein zu sein mit meiner Phobie. <3

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  6. Jana

    Ich kann dich so gut verstehen, denn ich finde Daten auch doof. Ich kann gar nicht nachvollziehen, wann es in Mode gekommen ist, einfach seine wenige freie Zeit damit zu verbringen, ständig andere Männer zu treffen, um herauszufinden, ob sich vielleicht eines fernen Tages etwas entwickeln könnte. Schade eigentlich.

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  7. Lisa

    Nike, gehst du etwa nüchtern auf Dates? Ich habs zwar ohne ein einziges Date unter die Haube geschafft, aber sollte es irgendwann doch mal dazu kommen – ich bin betrunken.

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  8. Steffi

    Meistens verguckt man sich in jemanden aus dem Bekanntenkreis den man schon ein wenig kennt, dann ist der Druck weg und man kann entspannter plaudern.. halt uns auf dem Laufenden 😉
    LG Steffi / redseconals.com

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  9. Jana

    Noch schlimmer als auf Dates zu gehen ist finde ich fast sich durch das Männer-Tinder-Buffet durchzuklicken und nicht genug Enthusiasmus aufbringen zu können, überhaupt eins auszumachen ;). Das Ganze ist zwar super zum Trennungs-Ablenkungs-Aktionismus geeignet, aber auch irgendwie frustrierend. Da will ich mir die irgendwann resultierenden Dates gar nicht ausmalen!

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  10. Michelle

    Also ich hatte mein erstes – und letztes Date – vor 12 Jahren mit einem tollen Typ, der jetzt seit 6 Jahren mein Mann ist 😉
    Es war ein wundervoller Abend und am Ende haben wir bis fünf Uhr morgens auf der Straße getanzt.
    Ich würde Alles geben, dieses Date noch einmal zu erleben…

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  11. Svenja

    Liebe Nike! Dein Text ist wirklich herrlich geschrieben, jedoch muss ich als frühere Dating Expertin auch mal eingreifen 😉 ich habe mich früher mit wirklich allen netten Männern getroffen, die mich gefragt haben und das aus folgendem Grund: es ist alles Übung für die große Meisterschaft 😉 und mal ganz ehrlich: das schlimmste was passieren kann, ist ein Getränk ausgegeben zu bekommen. Wenn man nur das erwartet und eventuell auch noch ein Gespräch bekommt, das man sonst nicht geführt hätte (sei es über Autos oder sonstiges), dann ist es immer noch besser als zu Hause zu sitzen und zu warten, bis Prinz charming bei einem klingelt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und hier noch ein super guter lustiger Buchtipp: „Vergiss die Stecknadel, nimm den Heuhaufen“ von Cindy Lu. Alles liebe dir und viel Spaß beim ausprobieren :) Svenja aus Köln

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  12. Bibi King

    Ahhhh, ich hab die Überschrift total misslesen. Ich dachte in dem Artikel geht es um Daten – die, die sich zum Beispiel oft bei Statistiken tummeln. Ich hab mich schon etwas gewundert, mich aber sehr gefreut, welche neue und ganz eigene Perspektive du auf den Datenwust unserer Zeit hast, Nike. :) Nein, auch der Mann auf dem Bild hat mich an dieser Einschätzung nicht zweifeln lassen. Ich dachte eher es geht um Männermode oder so. 😉

    Aber sehr interessante Worte, das mit dem Daten (also nicht den Statistiken-Daten) hab ich auch immer mehr schlecht als recht hinbekommen. Bis ich irgendwann einen getroffen habe, der es noch schlechter drauf hatte. Mit ihm gehe ich jetzt seit 7 Jahren gemeinsame Wege. Ich beneide meine Singlefreundinnen nicht, vor allem seit dem sie mir von Datinghorror in Tinderzeiten erzählen. Da hilft wharscheinlich nur hier und da die Augen auf zu halten, Männer mal nur als „Freunde/Bekannte“ kennenzulernen und im schlimmsten Fall den Rotwein einfach auf Ex runterkippen. Schon erschreckend wie Tinder und co. daten zum Sexual/Lebensparnter Shopping und Hopping deklassiert haben. Ich drücke dir die Daumen für eine entspanntere Datingphase. Zelebriere einfach deine Nervösität, das ist doch eins der schönsten Komplimente das man dem gegenüber machen kann.

    Liebe Grüße,
    Bibi von http://happyandcity.blogspot.de/

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