Kolumne // Liebe ist wie Süßkram
aus der Papiertüte

26.10.2016 um 12.30 – box3 Feminismus Leben

IMG_8981Ich hatte schon ein paar feste Freunde, etwa vier richtige waren es, und manchmal überkam mich die seltsame Panik, ich könne dennoch so etwas wie ein leichtes Mädchen sein, weil zwischen ebendiesen Partnern auch immer wieder Nicht-Partner für gelegentliches DVD-Schauen auftauchten, meist dann, wenn ich lieber Single als zweisam war, aber eben doch nicht auf sämtliche Vorzüge des menschlichen Miteinanders verzichten wollte. Erstaunlich auch, dass ich das lose Anbändeln irgendwann nicht nur als etwas exotisches betrachtete, das man lieber nicht an die große Glocke hängt, die Leute hätten ja tuscheln können, sondern das In-Einer-Beziehung-Sein im gleichen Atemzug als etwas empfand, das gesellschaftlich irgendwie akzeptierter schien. Jedenfalls fiel es nicht immer leicht, zu erklären, dass XY vermutlich nicht mein Zukünftiger werden würde und zwar einfach darum.

Weil es Phasen in meinem Leben gab, in denen ich lieber Chips im Bett aß, während meine beste Freundin sich auf dem Sessel gegenüber die Fußnägel lackierte, als einem Mann Auskunft darüber zu erteilen, weshalb ich die nächsten zwei Wochen lieber für mich allein buchen würde. Was war ich also froh, als ich endlich mein vermeintliches Deckelchen fand, den Vater meines Kindes nämlich, und dass ich fortan an Pärchen-Tischen sitzen konnte, ohne eine Verkuppelungs-Angst im Nacken zu spüren. Zuvor hatte ich hin und wieder einen Julius kennenlernen oder meinen Nachtisch mit Torben teilen müssen. Alles paletti also, puh. Bis zur Trennung, die Topf und Deckelchen einvernehmlich entschieden, weil aus einer Papiertüte voll bunter Liebe eine leere Tüte geworden war, eine, in der es immerhin noch nach tiefer Freundschaft roch. Da ging die Farce von vorne los. Und Achtung, jetzt kommen wir nämlich zum Knackpunkt, denn wie man es macht, macht man es offenbar falsch oder zumindest entgegen jeder Logik.

Das Aus besagter Beziehung etwa, ja wie kann denn das sein, wenn man sich doch mag und nicht streitet und noch dazu ein Kind zusammen gemacht hat, da müssen die Protagonisten doch von purem Egoismus getrieben sein. Stimmt ja auch ein bisschen. Aber in erster Linie haben wir uns dazu entschieden, glücklich zu sein. Und Glück ist nunmal ein sehr vager, bedeutungsschwangerer Begriff, der viel Raum für Interpretation und unterschiedlichste Lebensmodelle lässt. Jedenfalls folgte dann eine Portion unangebrachtes Mitleid und eine Gesamtsituation, die mich schnell wieder an den Tisch der Problemfälle manövrierte. Dabei hatte ich kein Problem. Ich hatte, und das klingt jetzt frech, tendenziell sogar ein Problem weniger. Und noch dazu einen wunderbaren Sohn, der fortan vor zwei Türen, statt nur einer „Hurra, Zuhause“ jauchzte. Trotzdem übermannte mich hin und wieder das Single-Sein-Deja-Vu. Fast 30, mein Gott, wann soll denn das nächste Kind folgen und wenn es folgt, dann gäbe es ja schon zwei Väter, puh. Natürlich hörte ich Vorangegangenes immer nur durch dritte Ohren, ich kann mir das alles aber ziemlich gut vorstellen. Bestimmt dachte das ein oder andere findige Hirn auch, ich hätte von Beziehungen jetzt gewiss erstmal die Schnauze voll und würde stattdessen als Power-Emanze den Berg der ewigen Männerhasserinnen erklimmen. Das wäre selbstverständlich nicht richtig gewesen, natürlich nicht, denn der Mensch braucht ja in den Augen der Hollywood-beschwipsten Allgemeinheit einen Lebenspartner. Es wäre aber auch nicht falsch gewesen fortan keusch zu leben, denn allzu schnell auf einen neuen Liebes-Zug aufspringen, Gott, dann wären wir ja wieder beim leichten Mädchen angelangt, oder sogar schlimmer: Bei purer Naivität.

Scheitern ist schließlich das Schlimmste. Als würdest du dir für eine Tüte voll Süßkram so richtig den Arsch aufreißen, echt was investieren und dann ziemlich belämmert dastehen, weil statt süßer Schlümpfe und saurer Apfelringe nur ein fettes, ausgefranstes Loch im Papier übrig ist. Da kann man jetzt natürlich von Anfang an kapitulieren und sich einreden, man sei zum Leiden verdammt, dazu, es niemandem recht machen zu können, aber das stimmt nicht. Was wir nämlich nicht vergessen dürfen, und das klingt jetzt wirklich sehr egoistisch und frech und womöglich auch naiv: Wir können und sollten es in erster Linie uns ganz allein recht machen (was meist zur Folge hat, dass unsere engsten Vertrauten und Kinder nicht minder glücklich davon kommen – zwei, drei Fliegen mit einer Klappe also, wow).

Und so kam es, dass ich mich schnell, bestimmt und mit aller Wucht in die große, neue Liebe stürzte. Als mutig, verfrüht, unverantwortlich oder wahnsinnig empfanden das die einen, nur logisch fand ich es. Wer sich vor dem Aufprall schützt, wird doch niemals richtig hoch fliegen und überhaupt, solange es kein Patent auf Wahrsagerkugeln gibt, ist es wahrscheinlich, dass wir mal das Denkmal sind und mal die Taube. Es wird immer Ewiges geben und auch Schnapsideen, aber niemals eine Garantie, für gar nichts. Nicht dafür, dass es gut geht und nicht dafür, dass es irgendwann nicht mehr geht. Es kann heute vorbei sein oder erst in hundert Jahren. Aber das macht nichts, solange wir nicht zu feige sind, etwas zu wagen und daran glauben, dass das Leben zum Leben gedacht ist und nicht zum Zögern und Zweifeln. Denn Liebe ist wie Süßkram aus der Papiertüte: In erster Linie köstlich. Und zu keiner Zeit verkehrt.

24 Kommentare

  1. Ika

    True because true.
    Herzen kann man nicht schützen.
    Und wie auch meine Oma immer sagt: Was bringt es dir, die ganze Zeit mit angezogener Handbremse zu fahren und auf den Knall zu warten. Wenn du dich an die Wand setzt tut es weh, so oder so.
    Dann doch lieber vorher ordentlich die Haare im Fahrtwind flattern lassen.

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  2. Anna

    Ich habe noch nie kommentiert und doch kenne ich euch seit Beginn.. Aber Nike, das sind die wunderschönsten Worte über Liebe, die ich bisher gelesen habe! Danke dafür und für euch <3

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  3. Sina

    Liebe Nike,
    Ich finde es immer wieder bewundernswert, wie offen und ehrlich du über die kleinen Alltagssorgen oder aber die großen Fragen erzählst und berichtest.

    Vielen Dank dafür und höre niemals damit auf!❤️

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  4. Sarah

    Liebe Nike,
    Was bist du nur fuer eine wunderbare Frau, und was fuer eine tolle Schreiberin! So viel lern ich immer wieder aus deinen Texten, das muss ivh dir dann natuerlich auch immer wieder schreiben.

    Mit Anfang zwanzig ist das Leben nicht so leicht. Das ist es nie, aber da macht es gerade besonders Angst. Das sehe ich bei meinen Freunden, Freundinnen und auch bei mir. So vieles ist vorbei, nicht nur die ganze Schulzeit, sondern eben auch die erste Euphorie ueber dieses maerchenhaft gute Erwachsensein. Fuer manche ist auch die erste große Liebe außer Puste und verliert sich noch dazu irgendwo in Erinnerungen, die fast zu einer anderen Person gehoeren. Oder man war noch gar nicht verliebt und ist ganz schrecklich gestresst (mit ueber zwanzig! Wie kanm das sein?). Das Studium ist schwierig, am Horizont schwebt ein Beruf und kein Mensch sagt einem, soll man jetzt die Autobahn nehmen und Vollgas Jus studieren oder doch lieber auf den Landstrassen herumduempeln und in den Tag hinein lebem? Alles erscheint immer dringender, weil.die Leute links und rechts so tun, als waeren sie jetzt angekommen und man sollte das auch schnell tun. Also: Wann fängt man an, in groesseren Wgzimmern zu leben, wann hat man sein Spiegelbild lieb, und wann macht man seine Eltern stolz? Und: Wieso ist man zu feig alles abzubrechen und einfach loszuziehen, ins Ausland, weit weg?
    Hnd obwohl man noch mit einem guten Proviant an Traeumerein und Lieblingsmenschen ausgestattet ist, kann einem alles unschaffbar erscheinen.
    Und dann liest man deine Texte und denkt sich: Tolle Menschen koennen alles toll machen, auch die leeren Plastiktueten, und vor dem Leben muss man keine Angdt haben, darauf freut man sich und da stuerzt man sich Hals ueber Kopf hinein wie in eine riesige Verliebtheit. So ist das. Das muss man immer wieder durchsetzen.
    Jetzt habe ich dir einen Roman geschrieben und wollte eigentlich nur mal wieder Danke sagen.

    Liebe Gruesse
    Sarah

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  5. Leonie

    Oh Gott Nike, dieser Text, vor allem der letzte Absatz… der kommt haargenau richtig.
    Weil du hast so verdammt recht!
    Es geht um die Beteiligten und alle anderen haben keine Ahnung, punkt.
    Danke für die Prise gesunden Egoismus und Mut, mit Arschbombe ins Wasser zu hüpfen <3

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  6. Linda

    Du bist toll! Glaube ich, denke ich, vermute ich, weiß ich nicht, behaupte ich jetzt einfach mal, weil ich deinen Text so mag!
    ❤️

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  7. Ava

    Ich mag diesen wie deine anderen Texte sehr. Dieser triggerte Widerspruch.
    Ich bewundere deinen Mut, einen Schritt ins Unbekannte zu machen (und den aller Mütter, die die Kindsväter verlassen). Und ich hoffe, dein Mut wird belohnt.
    Ich wollte in meiner Beziehung schon ein paar mal das Handtuch schmeissen. Vor allem, wenn das Baby nicht schläft, alle übermüdet und gereizt sind, Sex auf der Liste ganz unten steht, weit hinter einkaufen, schlafen und Geld verdienen. Weil ich dem Fluchtgedanken nicht nachgebe, frage ich mich, ob ich unmutig und bedauernswert oder im Gegenteil vernünftig und beneidenswert bin, weil ich mir den ganzen Stress erspare, der danach kommt. Denn ich sehe das Bild so genau vor mir: Singlemutter lernt netten Mann mit Kindern kennen und lebt fortan in der Patchworkhölle. Das geht zwei Jahre lang gut, weil ausreichend Sex und Oxytocin, dann geht es nicht mehr. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich habe knapp ausreichend Energie für Arbeit, Kinder und Mann. Und dabei finde ich meine Mädchen nicht mal wahnsinnig kompliziert. Wie sollte ich fremde Kinder und eine neue Nebenmutter für meine Kinder aushalten? Ich bin ja immernoch die Gleiche und würde dieselben Fehler machen und vermutlich auch eine leicht unterschiedliche Variante des gleichen Mannes lieben. Könnte das wirklich anders ausgehen als die abgebrochene Beziehung?
    Es ist schön, dass Menschen wie du, Nike, sich so mit Haut und Haaren in neue Beziehungen stürzen können. Aber auch echt exotisch für mich. Ich suche das Glück in meiner langen, manchmal furchtbar anstrengenden Beziehung mit dem Mann, den ich mir vor zwölf Jahren ausgesucht habe. Das ist vielleicht bieder, das passt auch nicht in die Welt der seriellen Monogamie und in eine Zeit, in der man Menschen mit Apps in seinen Einkaufskorb legt wie Schuhe, aber ich will für meine Kinder nicht die Trümmerfamilie, in der ich aufwuchs. Ich will alltägliches Glück, und das ist viel.

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    1. Pi

      oh i feel ya!
      ich philosophiere mit meinen liebsten menschen auch grad viel darüber, wie toll es einerseits ist, dass man heute nicht mehr an einer (beide partner nicht erfüllenden und unglücklich machenden) beziehung festhalten muss und sich auch mit kindern oder noch im hohen alter trennen und selbstbestimmt neue wege der persönlichen entfaltung gehen kann, wenn man merkt, dass es für alle beteiligten das beste ist.
      und wie erschreckend es andererseits ist, dass der imperativ und die wirklichkeitsverzerrende hochstilisierung des absoluten beziehungsglücks die gesellschaft zu seriellen monogamisten macht, die ihr glück immer wieder im neuanfang suchen. weil wir im zeitalter des romantizismus mit so vielen idealistischen ideen perfekter liebe gebrieft werden, die uns ganz machen und das alltagsgrau für immer in einen rosa himmel verwandeln soll…was natürlich kein „seelenverwandter“ da draussen je leisten kann.

      diesen zwiespalt beschreibt alain de botton ganz wunderbar warmherzig und augenöffnend:
      https://www.youtube.com/watch?v=v-iUHlVazKk

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    2. Jen

      diesem Kommentar schließe ich mich bedingungslos an. Wir sitzen im selben Boot, Schwester, und ich glaube, so wackelig und fad ist es gar nicht, denn es ist: Echt.
      Nike, dein Text ist wie immer toll geschrieben, ich bin da nur manchmal geradezu schockiert, dass du das teilst. So privat und nur deins. Wer wagt, dich für diese Entscheidungen zu kritisieren, ist kein guter Mensch!

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  8. Anna

    Hm. Klingt ja alles ganz toll. Ich hab leider ganz andere Erfahrungen machen müssen, die mehr sehr wehgetan haben. Ich hab zwei Männer innerhalb eines Jahres kennengelernt, die zu dem Zeitpunkt aus mehrjährigen Beziehungen kamen (die Trennung lag beide mal fast ein Jahr zurück). Und es war beide Male so toll, dass ich dachte, das ist es jetzt. Beim zweiten war ich so verliebt wie wohl noch nie in meinem Leben. Und man hat mir beide Male das Gefühl gegeben, und Dinge gesagt und gemacht, die mir signalisiert haben dass es ihnen auch so geht. Und dann bin ich beide Male nach ein paar Wochen wie eine heiße Kartoffel fallengelassen worden. Und ehrlich gesagt, keine Ahnung wie man da einfach weitermachen soll. Ich glaube eigentlich an gar nichts mehr und weiß nicht mehr, wie ich einem Mann nochmal irgendwas glauben soll.
    Die Frage ist, ob man wirklich einfach blindlinks die nächste Beziehung anfangen sollte (weil man anderen, wie mir, damit sehr wehtun kann), oder sich vielleicht erstmal eine Weile damit beschäftigt, was da vorher schiefgelaufen ist und was man daraus für sich mitnehmen sollte.

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    1. Julia

      Liebe Anna,
      ich weiß was du meinst und ich denke, dass man einfach so weitermachen bzw. sich in die nächste Beziehung stürzen kann, wenn man emotional stabil ist. Wenn man sich z.B in Freundschaft trennt und mit seinem Leben gut zurecht kommt, ist das ja eine völlig andere Situation, als sich mit Altlasten in eine neue Beziehung zu stürzen.
      Wenn es etwas zu verarbeiten gibt, sollte man das erstmal allein schaffen und dies nicht in Form von Erwartungen auf einen neuen Partner abwälzen.

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    2. Maria

      Was schief gelaufen ist? Das waren einfach nicht die richtigen Typen und das Leben hält etwas Schöneres für Dich bereit. Bloß nicht zu viel grübeln! In der Liebe ganz wichtig, wenngleich auch unglaublich schwer.

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    3. anvic

      Ich denke, wir tendieren oft dazu, die Liebe, das Gefühl welche völlig irrational und toll in den Hochphasen ist, plötzlich in den Tiefphasen viel zu extrem zu rationalisieren. Also zu denken, wenns bei den zweien vorher nicht geklappt hat, dann klappt es ja nie. Davor war alles egal und jede Unregelmäßigkeit wird weggeliebt und plötzlich ist man verlassen, enttäuscht und verletzt und versucht plötzlich Regeln und Bahnen zu finden, die einem Halt geben. Total nachvollziehbar. Aber beide Situationen verlangen manchmal nach einem Tröpfchen der anderen Sauce: Versuchen, nicht komplett blind und doof vor Liebe zu werden. Und in der Alle-Männer-sind-Scheisse-Phase, die Augen nicht aus Angst vor einem Außer-der-Mann zu verschließen. Angst ist wie überall immer der schlechteste Katalysator für selbst-bestimmtes Leben.

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  9. leonie

    So so schön geschrieben. Bitte schreibe doch mal ein Buch oder ganz viele Kurzgeschichten. Ich pilgere dann sofort zum Buchladen und decke mich ein.

    Deinem Text ist nichts, absolut nichts hinzuzufügen. Ich möchte dir nur ganz viel Spaß, Mut und Glück bei deiner Beziehung wünschen.

    Grüße aus Hamburg
    Leonie

    http://www.allispretty.net

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