„Hengstin“ – warum ein Song über Sexismus & Diskriminierung kein kalter Kaffee ist.

07.11.2016 box3, Feminismus, Musik

jennifer rostock hengstinDie Band Jennifer Rostock hat vergangene Woche das Video zum Song Hengstin veröffentlicht. Im Song selbst geht es um Sexismus, um Diskriminierung – und die Reaktionen einiger Medien zeigen beispielhaft, warum das Thema eben kein „kalter Kaffee“ ist.

Ich bin ehrlich gesagt kein großer Fan von Jennifer Rostock – irgendwie nicht meine Musik. Aber Hengstin, den neuen Song der Band, mag ich. Sehr sogar. Noch mehr mag ich das dazugehörige Video, das letzten Freitag veröffentlicht wurde. Darin bouncen Tänzer*innen auf verstörende Art ziemlich cool herum, verschiedene Frauen schauen herausfordernd in die Kamera und Sängerin Jennifer Weist ist manchmal nackt und am Ende eine Zentaurin, also eine Pferdefrau. Hengstin eben. Der eigentliche Knaller ist aber natürlich der Text: „Erzähl mir nicht, dass das Thema kalter Kaffee ist / man muss nicht alles schwarz anmalen, um zu erkennen was Sache ist. Wir leben in ’nem Herrenwitz, der nicht zum Lachen ist / doch wenn man ihn nur gut erzählt, merkt keine Sau, wie flach er ist“, rappt Weist an einer Stelle.

hengstinEine einzige Provokation

Wie wahr. Dass das Thema Sexismus und Diskriminierung kein kalter Kaffee ist zeigte sich nämlich direkt nach Veröffentlichung des Videos. Diversen Medien scheint immerhin aufgefallen zu sein, dass es in dem Song irgendwie um Gleichberechtigung geht – die, jetzt kommt’s, Jennifer Weist nackt einfordert! „Jennifer Rostock kämpfen für Feminismus – nackt!“, schnappatmete Die Welt, während der Stern befand: „Die Band Jennifer Rostock will mit Song ‚Hengstin‘ ein Zeichen für mehr Gleichberechtigung setzen – und setzt dabei auf viel nackte Haut.“ Garniert waren diese Artikel natürlich mit einem Bild des nackten, tätowierten Körpers von Weist.

Nun ist es natürlich so, dass die Band und vor allem Sängerin Weist sich sehr wohl was dabei gedacht haben werden, in einem Video zu einem Song, der Sexismus thematisiert, nackte Haut zu zeigen. Song sowie Video sind eine einzige Provokation und natürlich kann man darüber diskutieren, inwiefern es jetzt wirklich Nacktheit brauchte, um die Botschaft rüberzubringen. Andererseits: Weists nackter Körper macht einen nur winzig kleinen, eher uninteressanten Teil des Videos aus. Im Rest des Videos passiert so viel mehr, gibt es so viele starke Posen und beunruhigende Bilder. Tatsächlich gehört das Video zum Besten, was die deutsche Poplandschaft in letzter Zeit so geboten hat. Was aber bleibt? Die Erkenntnis: sex sells, immer noch und immer wieder.

hengstin jennifer rostock nacktReden wir Tacheles!

Jennifer Weist ist Kommentare zu ihrem freizügigen Auftreten ja sowieso gewöhnt. „Mein Körper, meine Regeln“, sagt sie und das ist ihr gutes Recht. Ich selbst bin beim Thema „Blankziehen für die Emanzipation“ etwas kritisch, insbesondere wenn es um die Gruppierung Femen geht. Meiner Meinung nach haben die es zum Beispiel mit ihren blanken Brüsten nicht besonders gut hinbekommen, Aufmerksamkeit für irgendetwas anderes als sich selbst zu schaffen. In Jennifer Rostocks Fall finde ich aber: Das ist alles stimmig. Weil Song und Video ein ausgestreckter Mittelfinger sind, mit den Erwartungen an Frauen spielen, damit, wie diese zu sein haben – nämlich nicht laut und provokant und vor allem nicht nackt, denn das ist ja dann doch irgendwie anstößig. Nicht jugendfrei.

Vielleicht sind die Reaktionen der Medien (Nackt für Feminismus!) also genau das, was Jennifer Rostock antizipiert hatten. Im Song heißt es: „Du fragst, was Sache ist? / Reden wir Tacheles / Ich glaube nicht daran, dass man Geschlecht das schwache ist / ich glaube nicht, dass mein Körper meine Waffe ist / ich glaube nicht, dass mein Körper deine Sache ist.“ Bei dieser Textzeile sollten einige Medien nochmal ganz genau hinhören.

»Eine Hengstin ist für mich eine Macherin. Eine, die ihr Leben in die Hand nimmt,
macht was sie möchte und sich nicht beirren lässt.« Jennifer Weist

11 Kommentare

  1. lisbeth

    Ich sehe keinen großen Unterschied zu Femen und dem damit verbundenen Umgang mit Feminismus. Überhaupt finde ich den Song nicht besonders feministisch, es kommt aber eventuell auch darauf an, was jede*r für sich selbst als feministische Kultur definiert.

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  2. Ulrike

    Ich 53 Jahre finde den Text aber auch das Viedeo wunderbar. Kraftvoll unmissverständlich lebendig. Ich bin stolz auf diese Töchter!!!!!!

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  3. Bianca

    Habe mich schon gewundert ob ihr zu diesem Song noch was schreiben werdet, denn ich war zuerst auch sehr hin- und her gerissen. Bin auch kein Jennifer Rostock Fan und dachte zuerst „okay Jennifer zieht mal wieder blank“.
    Aber kritisch betrachten geht nur mit einigen Malen mehr darüber nachdenken und dabei kam ich zu genau der gleichen Erkenntnis: Die Medien tanzen wieder mal ausschließlich auf der Nacktszene herum bei einem Song mit so viel Statement dahinter.
    Dadurch kam ich für mich zum Entschluss Jennifer Weist zu unterstellen, dass sie womöglich genau das verdeutlichen wollte, aufzeigen, dass selbst bei einem Lied mit so großem Inhalt die breite Masse nichts besseres zu tun hat, als die Fotos zu teilen und über ihre nackte Haut zu schreiben (die je nach Meinung auch wieder als Kunst zu betrachten sein kann!).
    Doch allerspätestens nach dem Konter von Bass Sultan Hengzt mit dem „Antwort-Song“ Stute dachte ich für mich: Danke Jennifer Rostock, das ist noch lange kein kalter Kaffee und wenigstens bekennt ihr Gesicht zu dieser Thematik, macht sie publik und bringt sie unter die sogenannte breite Masse.

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  4. Jessica Heller

    Da eröffnet sich mir keine neue Perspektive auf das Thema Frauen. Power, Selbstbestimmung a la Salt n Pepa, Spice Girls, Rrrriot Girls und anderen in verschiedenen Varianten, ok, meinetwegen. Ist aber schon ein sehr alter Zopf. Nur – bei Jennifer Rostock gipfelt das ganze in einer Proll – Überdosis, die echt wenig mit irgendeinem tiefergehenden Gedanken zu tun hat. Just shocking. Ja, ein paar Bilder des Videos sind ja gut gemacht. Aber die Message für mich: Blank ziehen, provozieren, bisschen cracy aussehen und zack gibt’s ein Medienecho, dass sich gewaschen hat und die Bands wie Jennifer Rostock echt dringend brauchen. Weil: Das Lied ist einfach schlecht. mbammundanndanndanndann. Hm. Früher gings bei Bands auch einfach mal um Musik. Wär echt feministisch mal Songs zu produzieren, die Musikliebhaber auch ernst nehmen können. Und trotzdem am Thema dranzubleiben. Aber das hätte sich dann vielleicht auch wirklich mal erledigt.

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    1. Anne

      Wie auch im Text geschrieben, dieser Part nimmt im Video eine eher kleinen Zeitraum in Anspruch, und genau das ist doch das interessante. Völlig verblendet von nackter Haut, bei der man noch nicht einmal irgendwas anstößiges sieht, wird alles andere einfach nicht gesehen. Die wunderbaren Frauen, die in dem Video gezeigt werden und die große Vielfalt. Wenn ein Sänger sich oberkörperfrei zeigt, sagt niemand etwas. Und das ist auch gut so. Warum sollte man nicht selbstbestimmt mit seinem Körper umgehen können? Männer ebenso wie Frauen!
      Und komm, es gibt genug Lieder von Frauen, gute Lieder, die man ernst nehmen sollte. Aber hier geht es um mehr als Musik. Und auch das sieht man doch im Video. Wie man das Lied findet, ist doch einfach Geschmacksache und ich verstehe nicht, wie man sich darüber noch ärgern kann.
      Das Video zeigt, worauf die Gesellschaft reagiert. Als ob Jennifer Rostock nicht genau wissen, was sie tun und was sie mit der Ptovokation auslösen. Ich finde es so traurig, dass man im Prinzip in diese „Fälle“ tappt. Dass die Medien genau das tun. Und darüber urteilen. Und während alle Schwierigkeiten damit haben, dass sich eine Frau gerne zeigt, scheint das das einzige Thema zu sein, über welches es sich zu reden lohnt. Wen interessieren schon die anderen tollen Frauen, wenn es eine gibt, über welche man sich aufregen kann. Traurig finde ich das, so traurig, vor allem wenn es von Frauen kommt. Macht doch mal eure Augen und Herzen auf!

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  5. Sophie

    Den Text finde ich wirklich brauchbar, aber bei dem Video dazu stellt sich mir mal wieder die Frage warum das Thema Feminismus IMMER was mit nackten Brüsten zu tun hat… A la „die Waffen einer Frau richten sich gegen sie selbst“ lenkt das doch mal wieder ganz schön vom eigentlichen Thema ab und bedient billige Klischees. Wenn das der point to proof war hats geklappt.

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    1. Anne

      Eben. Anscheinend lenkt es alle ab auch nur einmal die tollen Frauen im Video zu sehen und über diese zu reden und zu schreiben! Eben das ist ja das Problem! Überall sind tolle Frauen, aber man schreibt lieber über die, welche tun, was sie wollen und über welche man direkt urteilen kann und sich aufregen. Weil man meint, dass das was sie tun, unnötig oder was auch immer sei. Warum soll sie denn nicht ihren Körper zeigen? Und warum soll sie denn nicht ihren Körper zeigen und gleichzeitig für Gleichberechtigung plädieren. Es gibt so viele Frauen in den Medien, die ihren Körper zeigen und ihre Brüste, und diese Frauen sind dann einfach „dumm“ und „können nichts anderes“. Egal ob das nun so ist oder nicht, sie wehren sich zumindest nicht und jeder denkt sich, „ok, sie ist eben keine schlaue Frau und macht eben so einen Unsinn“. Kommt da aber mal eine Frau, die mehr will als das, die ihre Meinung sagt und über das redet (und mit ihrer Band singt), was hier so ganz und gar nicht passt, wird sich darüber aufgeregt! In welcher Zeit leben wir eigentlich? Es macht mich unglaublich traurig und wütend, dass in der heutigen Zeit immernoch solche Diskussionen geführt werden müssen.

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      1. Jessica Heller

        Sicherlich gehen die Medien plump mit dem Video als solchem um. Und natürlich steht da in den Schlagzeilen „nackt“, weils nunmal ein Fakt ist, eine kurze Szene, aber die, die den meisten Menschen wohl am längsten im Gedächtnis haften bleibt. Toll, Beweis erbracht: Medien sind sexistisch. Aber wer hat sich denn jetzt eigentlich ganz konkret über die Nacktheit von Jennifer Weist empört, sie beschimpft oder als zu dumm tituliert? Keiner. Warum wurde nicht über die anderen, tollen Frauen und Szenen aus dem Video berichtet? Weil es keine Schlagzeile wert ist (Wie sollte die denn lauten? „Sensation! Sportlerin in Musikvideo zu sehen!“ ;-)). Über andere Videos wird gar nicht geschrieben. Weder von Männern oder von Frauen, egal wie gut, künstlerisch wertvoll oder inhaltlich brauchbar diese sind. Überhaupt eine Diskussion in Gang gebracht zu haben ist sicherlich auch schon viel wert. Dennoch ist für mich die Reaktion der Medien ein normaler Reflex auf einen nackten Promikörper. Der genauso erfolgt wäre, hätte Till Schweiger in seinem neuen Kurzfilm blank gezogen. Dann wäre dessen Inhalt auch nicht mehr Teil einer Schlagzeile, sondern: „Schweiger zeigt Penis!“ Wär dann bestimmt auch irgendwo sexistisch. Aber ich glaube, es gäbe wenig Männer, die dies diskutieren würden.

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    1. Jessica

      Ich glaube, es fehlt an Coolness. Ernsthaft. Hab erst vor kurzem Viv Albertines Buch über die Slits gelesen. Hallo. Das war in den Siebzigern. Und jetzt wird die plumpe Feminismus Keule rausgeholt. Als ob es vorher nix gegeben hätte, an dem man auch mal intelligent und subversiv weiterstricken könnte. Nein, echt nicht. Ich werd kein Jennifer Rostock Fan. Ganz ehrlich? Paar Freunde von mir hattens erst kürzlich über sie und haben gemeint: „Musik von der is Scheiße. Aber geil is die schon. Im neuen Video is sie nackt, juchhe“ (und mal ehrlich, ich als Mann würde NIX anders denken) Naja, das sagt schon fast alles. Und sie hat (immer noch!) ne Schlagzeile in der Bild Zeitung. Und genau da gehört sie auch hin. Super Schritt pro Feminismus, oh fuck, der Schuss ging echt nach hinten los.

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