Emma Watson zeigt ihre Brüste – darf sie das als Feministin?

Man sollte eigentlich stets offen und vor allem gewillt bleiben, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, wenn es aber um die Kommentarspalten gängiger News-Seiten geht, würde ich mittlerweile lieber auf jeden noch so kleinen Abstecher in die Gedankenwelt der jeweiligen Leser*innen verzichten, ihr kennt das. Für gewöhnlich schreien ja ohnehin jene am lautesten, die irgendwas zu furzen haben. Konstruktive Kritik hingegen sucht man zunehmend vergeblich. So war es auch, als Emma Watson dieser Tage auf dem Cover der Vanity Fair erschien. Ein Skandal. Denn auf dem von Tim Walker geschossenen Foto ist nebst einem grobmaschigen Jäckchen doch tatsächlich auch ein Busenansatz zu entdecken. Pfui. Wer macht denn sowas. Eine Feministin ja wohl ganz bestimmt nicht – findet zum Beispiel Julia Hartley Brewer, ihres Zeichens britische Radiomoderatorin, Journalistin und Kolumnistin.

Sie kommentierte das Antlitz der jungen Schauspielerin und Aktivistin via Twitter überaus geistreich und pointiert: „Emma Watson: „Feminism, feminism… gender wage gap… why oh why am I not taken seriously… feminism… oh, and here are my tits!“ Ironie beiseite. Ich habe nämlich gar nicht vor, Miss Hartley Brewer für diesen spitzzüngigen Erguss aus der überholten Alice Schwarzer Ära weiter an den Pranger zu stellen. Stattdessen möchte ich ihr danken.

Dafür, dass sie allen eigentlichen Intentionen zum Trotz deutlich gemacht hat, dass wir noch immer am Anfang zu stehen scheinen, nicht ganz am Anfang, aber am Anfang der vierten Welle des Feminismus. Ihr Statement beweist ein weiteres Mal, dass ein Großteil der Welt noch immer keine Ahnung von dem hat, wofür eine der wichtigsten Bewegungen des Hier und Jetzt überhaupt steht.  Es zeigt sogar in aller Deutlichkeit, dass wir trotz privilegierter westlicher Postion keinesfalls aufhören dürfen, für unsere eigenen Rechte und auch für jene sämtlicher Menschen in der Ferne einzustehen. Für Freiheit und Selbstbestimmung. Für einen Feminismus, dem -pardon- Titten egal sind.

Weil Brüste nunmal zur Frau und zum Menschen dazu gehören. Weil wir längst aufgehört haben sollten, sie als Provokation zu betrachten. Weil wir langsam aber sicher begreifen sollten, dass Gleichberechtigung auch bedeutet, eigene Entscheidungen treffen und zu dem Körper, den die Natur uns mitgegeben hat, stehen zu dürfen – im privaten wie im öffentlichen Raum. Emma Watson hätte sich auch gänzlich nackt präsentieren können – kein noch so freizügiger Schnappschuss darf sie ihrer Glaubhaftigkeit als feministische Aktivistin berauben. Die omnipräsente Objektivierung und Sexualisierung des weiblichen Körpers steht weitergehend auf einem ganz anderen Blatt Papier geschrieben, aber wie um alles in der Welt sollen wir aus dieser medialen Bredouille heraus entwickeln, wenn das Abbilden von Brüste per se als unangebracht diffamiert wird.

„Im Feminismus geht es darum, Frauen eine Wahl zu geben. Feminismus ist kein Stock, mit dem man andere Frauen schlagen kann“, konterte Watson laut Spiegel Online. „Es geht um Freiheit, um Befreiung, um Gleichberechtigung. Ich weiß wirklich nicht, was meine Titten damit zu tun haben.“

Am trübseligsten stimmt mich die Tatsache, dass Kritik vor allem vonseiten feministischer Lager nach Außen dringt. Statt gemeinsam gegen das Patriarchat und Ungerechtigkeiten einzustehen, statt sich als eine Einheit zu betrachten, prügeln die verschiedenen Splittergruppen des Feminismus immerzu gegenseitig aufeinander ein. Dabei wäre bei Meinungsverschiedenheiten ein Diskurs vonnöten, der Raum für Auseinandersetzung und unterschiedliche Meinungen lässt. Hartley Brewer hätte an Watson heran treten können, sie hätte sagen können: „Ich verstehe dein Handeln nicht, bitte erkläre es mir.“ Hat sie aber nicht. Sie hat das Schlimmste getan, was man hätte als Feministin, und sie bezeichnet sich selbst als solche, tun können: Sie reduziert Emma Watson auf ihre Brüste und ignoriert den Rest. Dabei sollte genau dieses Vorgehen doch eigentlich sexistischer Schnee von gestern sein:

7 Kommentare

  1. Ira

    Ich fand diesen Kommentar dazu sehr gut und treffend: http://www.independent.co.uk/voices/emma-watson-topless-shot-vanity-fair-photo-feminism-patriarchy-what-you-want-a7609236.html.

    Auch Julias Artikel über Choice Feminism ging ja ein wenig in diese Richtung. Ich finde die Angriffe auf Watson auch völlig daneben, aber dass wir Entscheidungen nicht einfach im luftleeren Raum „für uns selbst“ treffen, sondern immer geprägt vom gesellschaftlichen Kontext, in dem wir uns bewegen, ist meiner Meinung nach ein wichtiger Aspekt auch für diese Diskussion. Und dass eine Zeitschrift wie Vanity Fair eine Frau, die nicht weiss, jung und schlank ist, nicht in dieser Pose abgebildet hätte, ebenfalls.

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  2. Nora

    Liebe Nike,

    vielen Dank für diesen tollen Text! Ich lese euren Blog schon sehr lange und heute muss ich auch mal einen Danke-Kommentar loswerden, denn dieses Thema hat mich in den letzten Tagen vor dem PC aus den Ohren rauchen lassen.
    Ich wünschte es gäbe mehr Menschen, die sich dem Thema Feminismus mal ausführlich nähern würden, aber bis dahin muss man sich wohl noch den Mund fusselig reden und ab und an auf den Tisch hauen.

    Liebe Grüße
    Nora

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  3. Natalie

    Frau muss alles dürfen – sollte eigentlich klar sein – ist es aber nicht.

    Aber das Problem ist, dass wieder mal nicht die ganze Geschichte ÜBERALL ankommt, denn das hier hat ja eine VOR-Geschichte.
    Um die geht es eigentl.
    Es geht nicht um Brüste zeigen ja – nein, sondern, dass Fr. Watson eben selbiges vor kurzem selber noch (in Bezug auf Fotos & Artwork von Beyonce) meinte: „Beyoncé using her sexuality as empowerment isn’t feminism!“
    Und siehe da, jetzt wo SIE was verkaufen muss/will, ist es ok.

    Ich plädiere darum für mehr kritische Beleuchtung, speziell wenn es um Prominente geht, die sich doch allzu gerne irgendein Steckenpferd suchen/dahinter verstecken, um dann am Ende uns dann nur das eigentl.Produkt verkaufen wollen.
    Viel Lärm, wenig Inhalt – aber man hat drüber geredet, war in den Medien und vll. hilft das ja am Ende an der Kinokassa.

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  4. Anna

    Muss mich meiner Vorrednerin anschließen. Es geht weniger um den Ansatz von nackten Brüsten, als mehr um die Heuchelei. Emma hat mit ihrem neuerlichen Interview ihre Aussage von damals im Prinzip revidiert – was total in Ordnung ist. Allerdings hätte sie das selbst anerkennen müssen. Vielleicht hätte sie sagen können „ich hab mich da geirrt…“ oder was auch immer. So wirkt es halt leider etwas scheinheilig. Unser neuzeitiger Feminismus weiß leider selber noch nicht so ganz wohin mit sich…

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