Oprah Winfrey for President 2020 – warum wir erst einmal ruhig bleiben sollten

09.01.2018 Feminismus, Politik

Vorgestern habe ich den Begriff „Anti-Amerikanismus“ gegoogelt, weil mir aufgefallen war, dass meine Freunde und ich während der vergangenen Monate kaum ein gutes Haar an den U.S.A. ließen (und weil ich gerade „Gegen den Hass“ lese und mich fragte, ob wir vielleicht ein wenig übers Ziel hinaus schossen). Das hat vor allem mit der schon viel weiter zurückliegenden und bis heute andauernden systematischen „Zerstörung“ verschiedenster Länder und Regionen zu tun und auch mit dem daraus resultierenden Terrorismus. Dass ebenjener überhaupt in diesem Maße keimen konnte, sollte in Anbetracht all der kruden Machenschaften der Vergangenheit und Gegenwart nicht weiter verwundern und manch einen Staatsmann im besten Fall zum „an die eigene Nase fassen“ bewegen. Jedenfalls war der Trump-Sieg 2016 schließlich das Sahnehäubchen aus Scheiße auf einer ohnehin reichlich verdreckten Torte. Ja, was haben wir anfangs gelacht, als es hieß: Der Doofdonald tritt an! Kann ja gar nicht funktionieren, kann ja wohl keiner ernst meinen. Wie ernst es nicht nur dem Milliardär selbst, sondern auch vielen Republikanern war, sahen wir einen Wahlkampf später. Dass Charlie Brooker mit seinen Serien-gewordenen Dystopien am Ende allerdings derart realitätsnah phantasiert hatte, bzw in die Zukunft sehen würde, tja, wer hätte das schon ahnen können. In „Black Mirror“ ließ er Jahre zuvor eine nervtötende, polemische, sexistische Comicfigur zum Star der Politik avancieren. Bingo. 2017 war gar nicht so anders als diese erste Folge der ersten Staffel dieser Gesellschaftskritik.

Es ist aber trotzdem an der Zeit für mehr Optimismus, für Hoffnung. Denn es gibt eine (das wünschen sich gerade jedenfalls nicht wenige), die 2020 womöglich einiges verändern wird: Oprah Winfrey. Die 63-Jährige, die gerade als erste schwarze Frau für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, ist nämlich nicht nur reicher und beliebter als Trump, sondern offenbar auch, und das sollte der ausschlaggebendste Faktor sein, über die Maßen klüger als ihr Mister „Grab her by the pussy“ President. Das bewies sie während der Golden Globes mit einer berührenden Gewinner-Rede, mit der sie den Abend wie viele andere ihrer Kolleginnen und Kollegen unter das Thema #MeToo bzw. #TimesUp setzte. Und den die Medien mitunter als „Wahlkampf-Auftakt“ werteten.

“It is not lost on me that at this moment, there are some little girls watching as I become the first black woman to be given this same award. It is an honor — it is an honor and it is a privilege to share the evening with all of them and also with the incredible men and women who have inspired me, who challenged me, who sustained me, and made my journey to this stage possible.”

“We all know the press is under siege these days. We also know it’s the insatiable dedication to uncovering the absolute truth that keeps us from turning a blind eye to corruption and to injustice. To tyrants and victims, and secrets and lies.”

“I want all the girls watching here, now, to know that a new day is on the horizon. And when that new day finally dawns, it will be because of a lot of magnificent women, many of whom are right here in this room tonight, and some pretty phenomenal men, fighting hard to make sure that they become the leaders who take us to the time when nobody ever has to say ‘Me too’ again.”

Schon heute Morgen waren die Medien voll mit der Breaking News: Der Wunsch vieler zu Tränen gerührter Zuschauer*innen der Golden Globes, Miss Winfrey möge sich eines Tages vielleicht tatsächlich aufstellen lassen, scheint mit einem Mal gar nicht mehr so weit her geholt. „Sie hat eine Rakete gezündet. Ich will, dass sie antritt“, erklärte sogar Schauspielerin Meryl Streep verzückt. „Sie hat keine andere Wahl mehr.“ (Spiegel) Insider wollen außerdem wissen, dass die Talk Show Berühmtheit besagte Kandidatur neuerdings aktiv in Erwägung ziehe. Jetzt, nach all dem positiven Trubel. Es gab nämlich auch Zeiten, in denen Oprah sich entschieden gegen jedes politische Amt aussprach. Nun können sich Meinungen ja aber durchaus ändern, vor allem, wenn buchstäblich „Not am Mann“ ist. Die Massen jubeln und drücken jedenfalls fleißig Daumen, ganz so, als käme Wonderwoman höchstpersönlich auf den amerikanischen Boden geknallt, um Tabula Rasa mit allem Bösen zu veranstalten. Aber Vorsicht. Die Vorstellung der ersten Präsidentin von Amerika ist zwar eine versöhnliche, was aber würde ein erneutes Medienspektakel, in dem populäre Milliardäre statt professionelle Politiker*innen gegeneinander antreten über die Gesellschaft aussagen, in der wir leben? Wäre diese funkelnde Alternative wirklich das kleinere Übel, wo Politikmachende schließlich ohnehin als verlogen und dem Lobbyismus unterwürfig gelten? Das wage ich vorsichtig zu bezweifeln. Ich sorge mich sogar, dass wahrlich bewanderte Kadnindat*innen durch den Medientrubel erneut in den Schatten gestellt werden, ja übersehen werden könnten. (Hey, Bernie!) Weshalb ich mich vorerst selbst ermahnen muss, auf dem Boden zu bleiben. Und zu staunen, statt zu jubeln. Lieber noch ein wenig zu beobachten. Denn eine brilliante Rede allein befähigt noch lange nicht zum Regieren.

Rory Carroll vom Guardian sieht das sehr ähnlich:

„Democrats have been traumatised by recent events, and one of the responses is to throw up your hands and say, “Fine then. If all voters care about is whether somebody puts on a good show, we’ll just come up with a celebrity of our own.” They look to the recent past and see a bunch of serious, experienced public servants with a deep understanding of policy who would have made fine Presidents, but who lost in part because they failed to light up the TV screen: Dukakis, Gore, Kerry, Hillary Clinton. (…) Barack Obama’s route to the presidency started with a great speech, too. But over the ensuing years, he proved he was worthy of the outsize expectations that had been placed upon him. It’s possible Oprah could prove herself worthy of the attention being put on the idea of her running for president. But she certainly hasn’t done it yet, and we should all be extremely sceptical unless and until she shows us why, beyond just being rich and famous, she’d actually make a good President.

It’s a free country, and Oprah can run if she wants. If she does, she’ll have the chance to make her best argument for why she should be President.There’s a strong possibility that, just as Trump did in the 2016 primaries, she’d suck up every ounce of media attention, limiting the ability of the more experienced and serious candidates to make their case to primary voters.“

Nun könnte man natürlich meinen, der Kampf um die Kandidatur hätte statt erst im Herbst 2018 bereits mit den Golden Globes offiziell begonnen, bis 2020 bleibt ja aber glücklicherweise noch ein wenig Zeit. Vielleicht ja sogar Zeit für eine Wendung zum Guten hin. Für so etwas wie den Aufstieg einer Politik zum Beispiel, die sich endlich wieder vermemehrt auf das Wesentliche, ja auf das Wichtige besinnt – statt auf Personenkult.

5 Kommentare

  1. Nicole

    Nike, ganz Deiner Meinung! Die Rede ist natürlich fantastisch und wunderbar vorgetragen, keine Frage. Und es ist toll, mit welcher Energie sie auftritt. Aber reagieren sollte solch ein Land bitte jemand, der entsprechend ausgebildet ist, Erfahrung in der Politik hat und weiß, wie wichtig interkulturelle Zusammenarbeit ist. Das ganze an einer tollen Person festzumachen verklärt das Amt. Wie viele Menschen haben vergessen, dass auch Obama ein Kriegsherr war und kein Friedensengel, genau wie seine Vorgänger. Über den jetzigen muss man ja nicht sprechen, das ist die Mühe nicht wert…

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  2. Frida

    Schöner Artikel!
    Aber der Trump-Sieg war schön 2016 und du meinst sicherlich Bernie, statt Barney. 🙂

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