Leserbriefe // Rebecca fragt:
„Sind Frauen, die Mode mögen, dumm?“

25.01.2017 Mode, Wir, Leben, box3, Feminismus

giphyLiebe Nike,

ich weiß gar nicht, wie ich das jetzt richtig erklären soll, ohne irgendwem krumm zu kommen. Aber ich mag Mode so richtig doll, seit ich klein bin. Klein war ich aber in einem noch kleineren Dorf und da bin ich nach dem Studium auch wieder hingegangen, aus tausend Gründen. Meine Freunde hier treiben vor allem Sport in ihrer Freizeit. Du warst ja auch gerade in den Bergen, deshalb weißt du vielleicht, was ich meine. Wir quatschen über dies und das, aber wenn es um Ästhetik geht, bin ich ein einsamer Wolf. Wenn ich rote funkelnde Schuhe trage (meist 2ndHand), denken die alle, ich spinne. Frauen, die sich für Mode und Einrichtung interessieren, sind für die meisten hier schlichtweg oberflächliche Idioten. Eigentlich weiß ich ja, dass Interessen verschieden sind, aber manchmal fühle ich mich so unter Druck gesetzt und falsch, dass ich selbst denke, dass ich irgendwie ein bisschen dämlich sein muss. Aber Schönes habe ich gern um mich. Auf eine relativ gesunde und nicht konsumwahnsinnige Weise, wie ich finde. Alle paar Monate etwas Neues, mehr muss es gar nicht sein. Verstellen will ich mich deshalb nicht. Da musste ich an euch Janes denken. Ihr mögt ja auch Mode, aber ich glaube, ihr seid überhaupt nicht dumm. Was sage ich denen also demnächst, um mich zu verteidigen?

Eine Antwort wäre toll.
Eure Rebecca. 

Liebe Rebecca,

du heiliger Bimbam, am liebsten würde ich jetzt einen Kaffee mit dir schlürfen, das da oben klingt ja wie ein Auszug aus meinem eigenen Leben. Vor allem, weil sich im Grunde ja gleich drei Fragen zwischen deinen Zeilen verstecken: Ist es ok, sich für vermeintliche Oberflächlichkeiten zu interessieren? Schließen sich Hirn und ein Faible für Mode automatisch aus? Und wie erkläre ich das alles jetzt dem Rest der Welt? Schwierig. Aber lass es mich kurz versuchen.

Wenn dir mal wieder einer blöd kommt, dann kontere doch bitte zunächst mit einer ganz simplen Frage. Zum Beispiel: Je höher die Absätze, desto kürzer die Hauptsätze – ja, nein, vielleicht? Je nachdem wie die Antwort ausfällt, lassen sich dann zumindest schonmal Spekulationen über den Intellekt deines Gegenübers anstellen. Darüber, wie weltoffen, aufgeklärt oder engstirnig die jeweilige Person eigentlich selbst so durchs Leben läuft.

Schon alleine die Diskussion über die Vereinbarkeit von modischem Interesse und Intellekt wurde schließlich aus dem Patriarchat geboren. Unsere Gesellschaft ist tragischerweise bis heute der Meinung, kluge Frauen trügen per se keine Blümchenkleider und sollten sich außerdem lieber um das Füttern des Hirns, statt des Kleiderschranks bemühen. Sexismus? Check. Ein Mann darf nämlich alles tragen. Sein optisches Auftreten gilt, wenn man so will, als komplett andere Baustelle als seine geistige Leistung. Bei uns scheint das ominös anders zu sein. In ihrem Essay “ Why can’t smart women love fashion“ schreibt Chimamanda Ngozi Adichie etwa:

„I had learned a lesson about Western culture: Women who wanted to be taken seriously were supposed to substantiate their seriousness with a studied indifference to appearance. For serious women writers in particular, it was better not to dress well at all, and if you did, then it was best to pretend that you had not put much thought into it. If you spoke of fashion, it had to be either with apology or with the slightest of sneers. The further your choices were from the mainstream, the better. The only circumstance under which caring about clothes was acceptable was when making a statement, creating an image of some sort to be edgy, eclectic, counterculture. It could not merely be about taking pleasure in clothes.“

Um es noch deutlicher zu machen: Wenn sich zehn Vorstandsvorsitzende zum Rudelschauen der Bundesliga verabreden, nickt die Masse bloß verständnisvoll bis gerührt über so viel Sports- und Teamgeist. Dabei obliegt das kollektive Bällejagen doch keineswegs einem tieferem Anspruch. Ist aber ok. Denn ein Hobby hat bekanntlich rein gar nichts mit der Fähigkeit zum Denken gemein. Diskutieren Frauen hingegen über Mode, wird’s kompliziert. Was vielleicht Jahrhunderte alten Schemen zugrunde liegt, in der Frauen gerne als Zierpflanzen betrachtet wurden (ein Phänomen, das natürlich noch heute existiert). Und menschliche Deko hüllt man nunmal in Kleider. Erwartungen hegt man ihnen gegenüber allerdings nicht. Bloß sind wir inzwischen im 21. Jahrhundert angelangt und das Tragen von Kleidung erfolgt mittlerweile hoffentlich selbstbestimmt. Die Absätze-Hauptsätze-Rechnug sollte für den modernen Menschen also längst hinfällig sein.

Deshalb hatte auch Chimamanda Ngozi Adichie irgendwann keine Lust mehr, mit der Wahrheit über ihre Leidenschaft hinterm Berg zu halten: „(…) but I no longer pretend not to care about clothes. Because I do care. I love embroidery and texture. I love lace and full skirts and cinched waists. I love black, and I love color. I love heels, and I love flats. I love exquisite detailing. I love shorts and long maxidresses and feminine jackets with puffy sleeves. I love colored trousers. I love shopping. I love my two wonderful tailors in Nigeria, who often give me suggestions and with whom I exchange sketches. I admire well-dressed women and often make a point to tell them so. Just because.“

Genau. Wir dürfen all das lieben. Eben darum. Es ist ja nicht so, als bliebe neben der Mode kein Platz mehr für andere Themen im Kopf.

Aber zurück zu deinen Freunden: Sag ihnen außerdem, dass es sehr wohl wichtig ist, sich für die Lebensstile anderer, außerhalb der eigenen Blase, zu öffnen. Arroganz ist da fehl am Platz.. Genau so wenig, wie man Menschen, die Mode mögen, als dumm abstempeln sollte, sollte man an materieller Ästhetik Desinteressierte als hinterwäldlerisch darstellen. Beides ließe allerhöchstens auf wahre Beschränktheit schließen. Denn „schön“ ist für uns nunmal das, was uns am Herzen liegt. Wenn deine Freunde also gern Skifahren, dann gibt es für sie sicher nichts hübscheres als die Berge. Wenn du selbst aber beispielsweise lieber Bücher liest und dazu Tee aufgießt, dann verspürst du vielleicht eher das Bedürfnis danach, es dir genau dort gemütlich zu machen, wo du ebenjene Tätigkeit ausführst. Auf dem geschwungenen blauen Sofa zum Beispiel. Vielleicht aber auch rote-Schuhe-tragend.

Virginia Woolf sagte einmal ganz passend: „Kleidung hat wichtigere Aufgaben, als uns zu wärmen. Sie verändert unseren Blick auf die Welt und den Blick der Welt auf uns.“ Recht hat sie.  Für viele mag ein schwarzer Rollkragenpullover einfach ein schwarzer Rollkragenpullover sein. Du selbst denkst beim Tragen aber vielleicht an existenzialistische Helden und Schriften, an Jean Paul oder Simone De Beauvoir. Du setzt dich in diesem Pullover, ganz pathetisch gesagt, womöglich unter eine Linde, um all deine Gedanken auf ein Blatt Papier zu schreiben. Und ja, wer Mode liebt, weiß, dass sich das in einem Bandshirt wieder ganz anders anfühlen kann. Bei Mode geht es ja immer auch um ein Lebensgefühl oder um einen kulturellen Code oder einen kunstgeschichtlichen Kontext.

Um es auf den Punkt zu bringen: Vielleicht verspürst du gerade weil du Hirn hast, vermutlich sogar ein kreatives Hirn, dieses starke Bedürfnis nach Ästhetik. Weil du kaum anders kannst, als die Welt visuell und emotional in dich einzusaugen. Weil Mode für dich auch Ausdruck von Persönlichkeit ist. Von Haltung. Damit jedenfalls bist du wirklich nicht allein. Selbst die ehrwürdige Ruth Bader Ginsburg trägt noch mit 83 Jahren auffällig exzentrische Spitzenkragen zur Richter-Robe. Und die ist bewiesenermaßen ziemlich sauschlau.

Ganz liebe Grüße,
Nike

13 Kommentare

  1. su

    Ihr Lieben!
    Ich bin gebürtige Nordfriesin (jaja, da oben – fast Dänemark) und liebe Mode, seit ich ganz klein war.
    Nach knapp 30 Jahren hier und dort lebe ich jetzt auf einer Insel – und wenn ich im Ort unterwegs bin, gucken die Leute, als ob ich nackt mit einem Leoparden an der Leine herumspaziere.
    Meine Erfahrung: Diskutieren ist total sinnlos. Lebt doch einfach damit, als geistig minderbemittelt zu gelten. Ist weniger aufreibend, als immer wieder gegen die Mauer anzurennen.
    Freut Euch über Eure KleiderRöckeSchuheHosenBlusenPullis – man versucht ja auch nicht, einer Amöbe die dritte Dimension zu erklären….
    Liebe Grüße, su

    Antworten
  2. pi

    super spannende frage!
    ich kann euch beide sehr gut nachvollziehen, als designerin und konsumpsychologin ist das quasi mein kernthema.
    ich habe mich auch schon immer ueberdurchschnittlich stark fuer aesthetik und tolles design, kunst und kunstgeschichte interessiert, ergo auch stark fuer mode. natuerlich heisst das nicht, dass man dumm ist, oder oberflaechlich. eher, dass man die signale sehr sensibel rezipiert, die die umgebung sendet.

    ABER man muss schon ein bisschen aufpassen, dass man schoenen huellen nicht allzuviel gewicht und prioritaet im leben einraeumt, sonst kann das auch sehr schnell in oberflaechlichkeit und gedankenlosigkeit abgleiten. natuerlich sind klamotten und design ein tolles tool, um sich (und die gesellschaft) auszudruecken und auch zu transformieren, aber die modelust kann auch schnell ueberborden und zum selbstlaeufer werden, und das tut weder einem selbst noch dem grossen ganzen gut.

    wenn du dich wirklich fuer das thema interessierst und ein bisschen soul searching betreiben willst, warum du mode so sehr magst, liebe rebecca, kann ich dir wirklich sehr ans herz legen, dich mal mit materialismus und der unterscheidung von extrinsischen und intrinsichen motiven und lebenszielen auseinanderzusetzen.
    es macht naemlich fuer das eigene glueck und persoenliche wachstum und auch aus ethik- und nachhaltigkeitsaspekten schon einen grossen unterschied, ob man sich mit mode tiefgehend auseinandersetzt, weil man sich fuer design, farb- und formlehre, schneiderkunst, kunstgeschichte etc interessiert und daraus auch intellektuellen und/oder kreativen input oder output generieren kann, oder ob man immer mehr konsumiert, um sich darueber zu definieren und anerkennung von sich und anderen zu bekommen.

    natuerlich ist es legitim und schoen, wenn man sich mit mode kreativ ausdruecken und das beste fuer sich und seine umgebung herausholen will (empowerment und statement, aesthetische wohnung, um sich und seinen lieben eine schoene zeit zu machen, etc) die welt braucht viel mehr bunte voegel, die spaß haben und den auch verbreiten!

    ABER man sollte den kontakt nie verlieren zu den intentionen, die dahinter stehen. die modelust kann sich auch schnell verselbststaendigen, und dann konsumiert man nur noch um des konsumieren selbst willen und legt immer mehr fokus auf die aeussere (schein-) welt als auf die innere.

    mode hat, besonders wenn sie in so krassen zyklen auf den markt gepusht wird wie heutzutage, schon die tendenz zur unersaettlichkeit zu fuehren, und das kann einen dann tatsaechlich immer oberflaechlicher und skupelloser werden lassen (nachhaltigkeits-/ produktionsbedingungen…. pfff…ist mir doch egal!) und dazu fuehren, dass man sich zu sehr ueber seinen besitz definiert und sich und andere danach beurteilt (die ist zwar aerztin und viel schlauer als ich, aber hat einfach ueberhaupt keinen style…pfff!) das kann dann wirklich inneres wachstum behindern und einen wirklich ein bisschen verdummen lassen. (ich weiß wovon ich spreche, habe ueber viele jahre hinweg das kuratieren meines kleiderschrankes ueber das kuratieren meines wissens und charakters gestellt und beschäftige mich jetzt wissenschaftlich damit, wie negativ sich so eine extrinsische orientierung auf persoenliches wohlbefinden und gesellschaftliche wohlfahrt auswirkt.

    wenn man sich aber immer (wieder) auch von einem ethischen standpunkt aus mit mode auseinandersetzt (wie laesst sich das gute leben fuer mich mit dem guten leben fuer alle vereinbaren, jetzt und sinne von nachhaltigkeit auch in zukunft?), dann ist sie ein tolles tool, um die welt fuer alle ein bischen bunter und schoener zu machen.

    die school of life erklärt das passenderweise mit einem frischen neuen video ganz toll:
    https://www.youtube.com/watch?v=24L7r7SoK_Y

    alles liebe fuer dich!
    pia

    Antworten
    1. Helen

      hach pia, deine kommentare strotzen immer vor wissen und ich finde das, was du zu sagen hast, immer so so so interessant! danke für’s zeit nehmen und wissen teilen <3

      Antworten
      1. pi

        oh danke, ihr lieben <3. im master-endspurt-fieberwahn hab ich in letzter zeit oft das gefühl, nur inkohärentes geblubber zusammenzubringen, eure lieben worte tun mir da grad mega gut. dicke herzen zurück

        Antworten
  3. hannah

    Hallo ihr Lieben,

    Ich bin ein ein großer Modefan und erfreue mich an neuen Kleidungsstücken. Wenn ich mich in ein Teil verliebe, wird es meist gekauft, dafür kaufe ich eher seltener etwas. Dass ich mal ein gebrauchtes Stück finde ist eher selten.
    Neulich hatte ich eine Diskussion mit meinen Mitbewohnerinnen, die das aber auch nicht verstehen können. Ich versuche ihre Gedanken mal zusammenzufassen:

    Materialismus ist dumm.
    Man weiß doch, dass die Kleidung meist unter schlechten Bedingungen für die Arbeiter hergestellt wird.
    Wieso kauft man also? Und auch Fair Trade Kleidung. Wieso wird immer alles neu gekauft (ganz schlimm, kiloweise bei Primark Kunden) Wieso kann man nicht mit dem was man hat glücklich sein?
    Wenn man sich ein neues Teil kauft, ist man für kurze Zeit befriedigt. Aber das erkaufte „Glück“ ist nicht langanhaltend. Man trägt die meisten Teile nicht von Dauer, irgendwann liegen sie doch ganz unten im Stapel und kommen dann zum Flohmarkt oder werden weitergegeben.
    Wieso müssen wir unbedingt schön angezogen/ unsere Wohnung schön eingerichtet sein?

    Hoffe man kann ein bisschen nachvollziehen was ich damit sagen möchte.
    Grüße!

    Antworten
  4. Anne

    Grandios!
    Mir geht es oft ebenso, in der Kleinstadt in der ich studiere.
    Aber ich habe etwas gelernt! Und zwar, dass ich anziehen kann was ich will, mich interessiert nicht ob andere das mögen oder nicht.
    Ich finde mich schön und möchte mich so kleiden, wie ich mich fühle.

    🙂
    Liebst,
    Anne
    https://einfachanne.wordpress.com/

    Antworten
  5. Stephanie

    Es gibt diese verschiedenen Arten von Kleidungsmögen, die ihr auch schon beschrieben habt – für mich als Kostümbildnerin lässt sich das in zwei Kategorien aufteilen (wobei ich hier eine Gewichtung meine, tagesformabhängige Schwanks in die andere Kategorie passieren jede*m immer wieder und gehören genauso dazu)
    -das empowernde von Kleidung über die Besitz’geil’heit und dem damit verbundenen vorranigen Vestecken hinter all dem super-edgy / topmodisch / bewusst unmodischen / … Kleidungsbesitz- und Trageverhalten als Kategorie 1
    -das spielerische Austüfteln durch Tragen von Zeug, was dich ganz allein beim Shoppen / Surfen / … angesprochen hat, warum auch immer, was du dann hast und trägst und dich gut fühlen lässt und die (negativen?) Resonanzen darauf waren zumindest bis zu ihrer Äusserung dir gar nicht wirklich im Kopf.
    Dann kommt es aufs Selbstbewusstsein (oder Intellekt, um den Begriff des Leserbriefs aufzunehmen) an, in wie weit das eigene Wohlbefinden in dieser Kleidung Priorität über die Meinung der Anderen bekommt. Und dieses Selbstbewusstsein kann auch erst wachsen; ich als alte Teen-Punk-Person könnte mehrere Lieder darüber singen, wie die bewusste Provokation durch Kleidung mir einerseits ein Schutzpanzer war und andererseits erst half, mir diesen spaßig-Wahrnehmungsmanipulativen Umgang mit ‚ich ziehe heute an‘ anzutrainieren. (das passierte unbeabsichtigt nebebei)
    Was Kleidungsbewusstsein anderer Leute angeht, so erinnere ich mich immer wieder, dass man (außer coole Leute) immer die gleichen Enchachidungen

    Antworten

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