Instagram vs. Real Life // Eine kleine Persönlichkeitsstudie

14.02.2018 Leben, box1

Ich bin ganz eindeutig ein Mensch und weil Menschen oft Dummes tun, passiert mir auch häufig Dummes. Ich rolle dann zum Beispiel zähneputzend durch meinen Instagram Account und denke: Warum stehen die Köpfe von vielen Frauen da eigentlich immer so vom Hals ab, als würde sich eine Giraffe gen Baumwipfel strecken? Sieht ja weder sympathisch aus, noch gesund. Wohl aber künstlerisch vielleicht, vermutlich. Und dann ist es eigentlich ein Wunder, dass mir die elektrische Bürste nicht jedes Mal im eigenen Rachen stecken bleibt, als Karma-Keule. Wer im Glashaus sitzt und so. Es gibt nämlich eine Frage, vor der ich mich womöglich schon seit Jahren drücke und die da lautet: Was denken die Leute eigentlich, wenn sie mein Profil betrachten? Bitte, liebes Universum, ich will es nicht wissen. Wirklich nicht. Trotzdem kann ich es mir aber denken. Weil meine Freunde mich manchmal auslachen zum Beispiel, auf die liebevolle Art und Weise, richtig laut, und mir dabei giggelnd auf den Oberschenkel klopfen, das Handy mit einem Foto von @nikejane in der Hand. „Wenn die wüssten, wie du in echt bist“, prusten sie dann, während sie zeitgleich versuchen ein Rülps-Geräusch nachzuahmen. Was so viel bedeuten soll wie: In Wahrheit bist du doch gar nicht so etepetete, sondern ein kleines Ferkel! Nun kann man ja aber natürlich schlecht ein Geräusch fotografieren und schön anzusehen ist so ein Bäuerchen-verzerrtes Gesicht ebenfalls nicht. Trotzdem weiter im Text. Mein Freund meckert nämlich auch immer wieder: Man könnte fast meinen, dir stecke ein Stock im Po, richtig tief drin! Sei doch nicht so eitel. Sei doch mal real (er benutzt dabei dann auch diese Rapper-Gestik und fuchteln mit seinen Armen und Fingern herum, zu Untermauerung seines Anliegens).

Schön. Das habe ich gestern versucht, kurz vor dem Schlafengehen, sogar ohne Filter. Da hat besagter Freund kurz Instagram-Husband gespielt (macht er sonst nie) und gesagt: Bleib stehen! Ich mache jetzt ein Foto! So! DAS ist gut! Ich sagte „GEH WEG“ und da wars auch schon passiert. Woraufhin ich sogar die ersten bescheuerten Hashtags unter besagten Post setzte, die mir in den Sinn kamen, anstatt lange über ein nettes Zitat zu sinnieren: #yellowyolo und #schlaftgutihrsüßen. Geschämt habe ich mich auch, ein bisschen. Aber ich dachte: Lustig auch!

Was aber hat mir dieses spontane Stelldichein mit der Realness gebracht? Freude, zugegeben. Und Schadenfreude, mir selbst gegenüber. Ich habe jedenfalls laut gelacht, schon allein über den Prozess der Entstehung. Die vermeintliche Aussage(n) dahinter:

  1. Guckt mal, wie uneitel ich bin. 
  2. Guckt mal, wie schön der Schlafanzug ist. 
  3. Guckt mal, ich bin so sehr mit mir im Reinen, dass es mir nichts ausmacht, dass meine Augen in zwei verschienden Richtung schauen.
  4. Guckt mal, mein buntes Chaos im Hintergrund. 

Was man mit so einem Foto im Feed vermutlich bezwecken will, ist klar. Man möchte gern als „nett“ empfunden werden. Sympathisch wirken. Also so, wie man sich selbst sieht. Deshalb postet man sich ja genau so, wie man ist. Oder wie man meint, zu sein. Ihr wisst schon. 

Gestern habe ich also Realitätsblut geleckt, weshalb ich heute wieder ohne Filter auskommen wollte, was man aber überhaupt nicht sieht, vielleicht wegen des pinken Rahmens. Am Ende lag ich nämlich noch bis halb 5 heute Morgen wach, wegen einer nervigen aber überhaupt nicht schlimmen Nervenkrankheit im Bein, die macht, dass manchmal alles zuckt, stundenlang (Vielleicht habe ich deshalb Zeit für solche Gedanken). Nach dem Posten eben habe ich dann gedacht: Da sehen deine Augen gar nicht so rot und müde aus wie im Spiegel. Schade, dabei wollte ich doch mordsmäßig „echt“ sein. Makel zeigen. Aber das kann ja nun wirklich auch nicht die Lösung sein: Dass wir jetzt plötzlich alle versuchen, betont heruntergekommen weil ungekünstelt rüberzukommen. Denn die Frage ist ja: Was bringt uns denn die pure Wahrheit. Hier mal ein Beispiel, kurz nach zu wenig Schlaf, kurz vor dem pinken Blusenbild (wo sich mein Gesicht dann schließlich wieder entknittert hatte):

Wollen wir sowas denn wirklich sehen, so eine Kartoffelnase mit Würsten unter den Augen? Ja? JA?! 

Ich spule nochmal zurück. Da, das Bild mit der Blume. Angestrengt künstlerisch, könnte man meinen. Im Büro entstanden, tatsächlich ganz ohne Firlefanz, irgendwie nebenbei. Sieht aber viel unechter aus, als das davor. Es will ja auch nicht viel, nur relativ schön anzusehen sein. Hätte dieses Bild jemand gepostet, den ich blöde finde, hätte ich womöglich gedacht: Der/die macht jetzt also auf total artsy, aha. Ich stelle also vorerst fest: Man kann es weder richtig richtig, noch richtig falsch machen. Es kommt nämlich offenbar nicht nur auf den Absender oder die Absenderin eines solchen Bildes, sondern auch auf die jeweiligen Betrachtenden an. Und die sehen am Ende irgendwie einfach das, was sie sehen wollen. Schuldig, oder? Wahrscheinlich wir alle. 

Das Ich-bin-nicht-nur-Fashion-sondern-auch-voll-Outdoor-Bild.

Das Mein-fliehendes-Kinn-und-ich-sind-Freunde-Bild

Das Hallo-hier-guckt-mal-ich-bin-nicht-süß-sondern-super-sexy-Bild

Zurück zur Kernfrage: Spiegelt mein Instagram-Feed meine Persönlichkeit wieder? Hin und wieder. Ja. Nein. Keine Ahnung. Schwierig zu sagen, als persönlich Involvierte. Vielleicht haben meine Freunde recht, vielleicht bin ich ich in Wahrheit wirklich ein bisschen scheeler als mein meinen würde, vielleicht ist es auch anders herum. Vielleicht bin ich witziger als manch einer vermuten würde, vielleicht aber auch nicht. Ein Bild bleibt nunmal ein Bild bleibt ein Bild. 

Muss denn sowas Banales wie Instagram überhaupt ein Abbild der Realität sein? Wohl kaum, das nicht. Schade ist es trotzdem, wenn ich Menschen neben mir im Café abfällig über bekannte Instagrammer*innen reden höre. Es hieß neulich zum Beispiel: „Boah, ist Blondie eingebildet und tussig.“ Ich habe „Blondie“ schon oft getroffen und weiß: Diese kluge junge Frau ist gebildet, charmant, lustig und vor allem schweinenett. Und dann tut es mir fast ein bisschen leid, dass man so schnell den Überblick verliert. Über die Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Dass Instagram-Feeds inzwischen vielmehr durchgeplante Inszenierungen oder Mammut-Image-Projekte als heitere Foto-Sammlungen aus der Kategorie „Diverses“ sind. Und dass sie oft ein ganz falsches Bild der Person dahinter vermittelt, auch anders herum: Da wirkt manch eine*r so herrlich beschwingt und selbstbewusst, dass man beim Aufeinandertreffen in der echten Welt manchmal ganz verblüfft zurück bleibt, vor lauter unerwarteter Unsicherheit. 

Und was heißt das jetzt? Eine berechtigte Frage. Denn so ein Feed ist inzwischen ja beinahe als Persönlichkeits-Portfolio zu betrachten und das muss nunmal jede*r nach eigenem Ermessen gestalten dürfen. Auch ich werde also vermutlich weitermachen wie zuvor. Einfach posten. Aber vielleicht auch viel häufiger genau jene Fotos, die keine Schokoladenseiten zeigen, aber dafür irgendwie Charakter haben. Mich fragen: Erkenne ich mich da eigentlich selbst wieder? Damit ich nicht Gefahr laufe, neuen Menschen in meinem Leben meine Instagram-Präsenz sogar auf Nachfrage zu verschweigen, aus Scham. Ist mir neulich nämlich passiert. Ich bescheuerte Selfie-Queen, dachte ich da. Bis ich feststellte: Was solls, so bin ich ja VIELLEICHT WIRKLICH, egal. Nur insgesamt, da wünsche ich mir von der (professionellen) Instagram-Welt wieder ein größeres Lächeln und weniger Giraffenhälse mit Nasen, die in die Wolken zeigen.

Und ihr? Sagt mal, was wünscht ihr euch eigentlich von einem Profil? Wann bereichert es euch, wann macht euch das Betrachten traurig? Was fehlt, was soll weg? Oder: Wie benutzt ihr eigentlich Instagram?

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12 Kommentare

  1. someone

    merci, nike. ich fühl mich in meiner eigenen haut gleich viel wohler. man weiß ja, ob der macht von filtern, face-tune und auch so altmodischen dingen wie licht und blickwinkel, aber trotzdem. es tut wohl, mal ein bild zu sehen, dass man selbst wahrscheinlich gleich wieder löschen würde, von einer frau, die so cool ist, wie du.

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  2. Fabienne

    Guten Morgen liebe Nike!
    Interessanter Beitrag. Ich hatte ganz lange eine starke Abneigung gegenüber Instagram, aus vielen Gründen die du oben bereits genannt hast. „Das ist doch alles Fake“ versuchte ich mir zu sagen und damit über meinen eigentlichen Neid hinweg zu sehen. Und der Neid hatte nichts mit Mißgunst zu tun, sondern mit der Angst weniger wert zu sein als all die tollen Leute auf Instagram.
    Inzwischen habe ich viel gelernt & auch eingesehen dass viele Leute eben auch eine Menge dafür tun, dass ihre Bilder so aussehen.
    Sie arbeiten in Berufen, fernab von meinen und diese begünstigen eben solche Bilder. Das ist voll okey & ich mache mein Zeug (studieren vor allem) und lasse mich inzwischen inspirieren von Accounts wie deinen oder der ganzen Jayne Bande.
    Ein tolles Profil ist für mich zunächst abhängig von meinen Interessen. Umwelt, Naturschutz, Gleichberechtigung stehen ganz vorne, aber auch ganz viel Kunst in jeglicher Form.
    Deinen Account Nike finde ich künstlerisch einfach ansprechend 🙂 Bunte authentische Outfits (so kommt es mir zumindest vor, dass du einem so auch in echt über den Weg laufen könntest), interessante Statements aus dem eigenen Leben & einfach schöne Fotos. Du bist von schönen Dingen und Menschen umgeben ind das gefällt mir. Und du reflektierst dich in Artikeln wie diesen selbst, das ergänzt sich insgesamt wunderbar.
    Danke für die ganze Inspiration!
    Fabienne *♡*

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  3. Janine

    Liebe Nike, ich habe erst letztes Wochenende eine Diskussion über Instagram mit zwei Freundinnen geführt, die nicht verstehen konnten, wie ich als absolutes Fashion-Victim, Mode – und Designliebhaberin und DIY-Fan dort nicht aktiv bin. Ob ich mir denn wenigstens Accounts anschaue. Ich kam mir hinterher vor, wie eine Verweigerin vom modernen Fortschritt, eine 80-jährige im Körper einer 28 Jahre alten Frau, die lieber Schals strickt, als Instagram-Storys zu durchforsten. Ich begann dann mit einer richtigen Hasstirade. Darüber, dass ich einfach nichts auf Instagram für echt halte, es mir einfach wiederstrebt. Dass ich nicht verstehe, wieso dort alles so falsch und geschönt sein muss. Und dass ich lieber Blogs lese. Mit Inhalten, die sich echt anfühlen. Mit Worten, in denen ich mich wiederfinde. Ich endete mit: Nur einen Account bei Instagram schaue ich mich ab und zu an. Den von der Nike van Dinther. Weil der bunt ist. Und echt aussieht. Nicht gewollt einem Farbschema folgt, mir Produkte aufzwingen will, sondern mich jedes Mal lächeln lässt und mir das Gefühl gibt, dass das Leben bunt und schön ist. Auch, wenn du nicht wissen wolltest, was die Leute da so über dich denken 😉

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  4. Jule

    Sehe ich auch so! Ich habe Instagram gelöscht und schaue mir nur noch über den Blog Sarahs und deine Bilder an, weil ich euch modisch als Inspiration sehe. Selber nutze ich die Plattform nicht mehr, da es mir nichts bringt meine Bilder öffentlich zu machen und weil es mich mit der Zeit gelangweilt hat, immer nur Bilder zu gucken.
    Mir ist die Realität in der Mode und auch für ein gesundes Selbstbild wichtig, daher finde ich Filter unnötig und mir reicht der Blick in den Spiegel. Selfies mache ich auch so gut wie gar nicht mehr.

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  5. Juuuu..

    Wundervoll, ich habe mich beim Anblick des Bilds aus eurem Chat vor Lachen den Bauch halten müssen – herzlichen Dank für diesen ungekünstelten und einfach netten Einblick. Schön, dass ihr immer wieder so „meta“ seid und euch mit eurem Medium und eurer Wirkung auseinandersetzt.

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  6. Maren

    Toller Beitrag, der zeigt, dass auch bei deinem (wirklich wunderbar chaotisch und schön buntem) Profil ein echter Mensch dahinter steht. Das mag ich sehr- einfach menschlich sein. Und ich denke, dass du das ganz toll hinbekommst!
    Zu dem vermutlichen nervous leg syndrome: hab ich auch- Familienkrankheit. So schlimm manchmal, das ich
    aus Versehen die Menschen, die so bei mir auf dem Sofa liegen abends, trete. Meistens kommt der Teufel in den
    Beinen ja nach super anstrengenden Tagen, an denen man lieber unbeweglich in der Matraze versinkt. Was mir dann hilft: laufen und auf die Zehenspitzen stellen und alle Muskeln im Bein anspannen. Dann nen Kaffee und schnell ins Bett und versuchen zu schlafen. Wirkt meist Wunder!
    <3

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  7. Jeanae

    Ich muss sagen, ich habe nie irre viel auf Instagram gepostet und mein Account ist schon lange auf privat gestellt. Follower interessieren mich da recht wenig und ich selbst folge auch nur gefühlt 100 Accounts, wobei ich da kürzlich rigoros ausgemistet hatte. Irgendwann fiel mir auf, dass ich diese App einfach nur aufmache und wie geistesabwesend durch die Bilder scrolle. Total Banane, dachte ich mir! Dann habe ich die App deinstalliert und dachte mir, wenn ich mal Bock habe, gucke ich mal rein…nach zwei Wochen habe ich das gemacht und festgestellt, dass sich da einfach nichts getan hat. Es ist soooooooo unfassbar langweilig und ich kann einfach rein gar nichts mehr an Inspiration daraus gewinnen. Das war früher durchaus anders, aber mittlerweile ist dort alles so gleichgeschaltet, der eine ahmt den anderen nach und alle sehen sie doch gleich aus. 🙁

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  8. Flo

    Oh, ganz viel Liebe fuer diesen Beitrag! Ich habe wirklich sehr gelacht ueber euren Chat. Ich bin sehr zwiegespalten ueber diesen neuen „Trend“ auf Instagram, moeglichst „real“ zu sein, hauptsaechlich weil das Medium sich dafuer in meinen Augen irgendwie nicht eignet. Man endet dann damit, dass Leute auf optimierte Weise versuchen nicht so optimiert auszusehen… Deinen Account finde ich uebrigens ganz wunderbar! In letzter Zeit ueberlege ich allerdings wirklich oft, mich einfach abzumelden und die Lebenszeit gezwungenermassen fuer etwas Schoeneres verwenden zu muessen, aber geschafft habe ich es noch nicht den Stecker zu ziehen (uebrigens genau auch aus dem Grund dass Accounts wie deine mir im Regelfall gute Laune machen).

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  9. Esra

    Haha ok jetzt fühle ich mich angesprochen. Ich hab vor Kurzem so ein Giraffenbild gepostet. Aber macht doch unsere geliebte Clare auch ab und zu? Das ist halt „fashion“ 😀 Sagt nicht unbedingt was über die Person aus 😉
    Toller Artikel! <3
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

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