FREEminism – Kein Text über den Weltfrauentag

Heute ist Weltfrauentag, weshalb ich eigentlich keinen Artikel über den Weltfrauentag verfassen, sondern viel lieber einer Demo beiwohnen wollte, weil die Energie während solcher Veranstaltungen wahrlich überschäumend und ansteckend und überwältigend ist. Ich denke ja: Einmal dabei gewesen, für immer Feminist*in. Aber weiter im Text: Abgesehen davon, dass wir vor ein paar Tagen bereits klären konnten, weshalb der 8.März trotz allem öffentlichen Trubel kein Grund zum Jubeln ist, scheint das heutige Datum vor allem dem Valentinstag immer ähnlicher zu werden. Dabei wollen wir gar keine Rosen. Sondern gleiche Rechte, gleiche Chancen, gleiche Gehälter und noch viel mehr vom Kuchen, der überhaupt kein bisschen käuflich ist. Ich tat trotzdem, was man an einem solchen Tag so tut: Nämlich lesen, was andere so zum Status Quo zu sagen haben. Weshalb ich mich schlussendlich umentschied. Ich möchte jetzt also doch etwas sagen. Nicht zum Frauenkampftag, aber zur allgemeinen F-Wort-Stimmung. Die geht mir nämlich nicht nur persönlich auf die Nerven, sondern könnte auch eine ganze Bewegung bedrohen. Was traurig wäre. Denn der Feminismus hat es schon oft geschafft, gesellschaftlich wieder irgendwo in der Senke zu verschwinden. Diesmal bitte nicht. Unsere Anliegen sind nämlich groß.

Inklusion statt Exklsuion

Ich kann mich an keine andere Zeit meines Lebens erinnern, in der so viele wichtige Debatten geführt wurden, in den Medien, über Artikel und Hashtags oder während öffentlicher Veranstaltungen. Ich denke da zum Beispiel an den Nazi-Paragraphen 219a, an dem mithilfe vom Bündnis für Sexuelle Selbstbestimmung derzeit mächtig gerüttelt wird, an #MeToo oder Time’s Up. Das ist ein unglaublich positiv zu wertender Fortschritt, der aber nicht das Ende der Fahnenstange sein kann. Und vor allem kein Vorwand dafür, Exklusion statt Inklusion zu betreiben. Genau das passiert zwar nicht immer, aber mitunter, in Form von einseitigen (teilweise sogar männerfeindlichen) Thesen zum Beispiel, wie ich sie regelmäßig lesen kann und konnte. Ich hoffe, ich muss an dieser Stelle nicht erklären, dass Weiblichkeit kein Allheilmittel ist. Und dass Frauen keineswegs „die besseren Menschen“ sind. Stichpunkt: Sozialisierung.

Vor lauter Wut über „weiße alte Männer“ und das Patriarchat im Allgemeinen wird mittlerweile allzu oft vergessen, dass das Heinzelmännchen-Prinzip à la Cem Özdemir allein nicht weiterhilft. Zwar müssen wir laut und wütend sein, im richtigen Moment, manchmal kann es aber durchaus von Vorteil sein, Ruhe zu bewahren. Weil es meist ja nicht Einsicht ist, die sich in den Gehirnen von maroden Sexisten infolge von breit gefächerten Anschuldigungen und Schimpf-Tiraden manifestiert, sondern bloße Gegenwehr.

Sämtliche Bemühungen unsererseits für Sensibilität zu sorgen, ziehen an Arschlöchern ohnehin sang- und klanglos vorbei. Trotzdem macht der Ton manchmal die Musik. Natürlich können wir deshalb nicht anfangen, auf alle Querschläger Rücksicht zu nehmen, uns sogar permanent vorsichtig-emphatisch zeigen, versteht mich nicht falsch. Aber irgendetwas läuft doch wohl schief, wenn mittlerweile sogar solche Männer, die von außen betrachtet sehr wohl als Feministen bezeichnet werden können, gar keine Lust mehr darauf haben, überhaupt noch Teil irgendeines „Ismuses“ zu sein. Weil sie sich unter Generalverdacht, ausgeschlossen oder ungehört fühlen zum Beispiel. Das können wir natürlich lächerlich finden. Oder einfach doof. Aber ich denke, das geht auch klüger. Quasi so, dass es alle kapieren.

Die Gleichberechtigung aller Menschen

Denn der vierten Welle des Feminismus geht es tatsächlich um die Gleichberechtigung aller Menschen. Wir brauchen also auch alle Menschen, um irgendwann an einem einzigen friedlichen Strang ziehen zu können. Viele finden: So soll es aber gar nicht sein! Es dreht sich hier doch um Frauen(rechte)! Vornehmlich, das ist weiterhin, vor allem global betrachtet, richtig und wichtig. Bedeutet aber nicht, dass Männer, die unter häuslicher Gewalt leiden, Jungen, die in den Krieg geschickt werden oder Väter, die sich um ihre Kindern kümmern wollen, nicht ebenfalls ein selbstverständlicher Teil dieser Mission sein dürfen, die sich Gleichberechtigung nennt. Ich denke beim Wort Feminismus zwar zunächst an Mädchen, denen deutlich vermittelt werden muss, dass sie durchaus Astronautinnen und nicht nur Prinzessinnen werden können, aber eben auch an meinen Sohn, der von Vierjährigen darauf hingewiesen wird, er dürfe keinen Nagellack tragen und schon gar nicht Ballett tanzen. Ganz zu schweigen von der gesamten LGBT-Community oder denen, die mitnichten in irgendeine Geschlechter-Schublade gesteckt werden wollen. Es muss für alle Platz sein, im Jahr 2018, im Feminismus. Hat „GIRL POWER“ demnach ausgedient? Streckenweise. Für mich. Aber nicht grundsätzlich. Bloß darf der Feminismus sich nicht auf diesen einen und ähnlich populäre Slogans reduzieren lassen. Womöglich musste es so beginnen, schon wieder. Um Aufmerksamkeit zu schüren. Inzwischen meine ich aber, dass der Feminismus sich keinen Gefallen mit all den kämpferischen Female Empowerment Parolen mehr tut. Nicht etwa, weil sie verkehrt wären, das sind sie ja keineswegs, sondern weil so viele weitere fehlen. Weil Diversität fehlt. Ein Miteinander. Oft. Was ich sagen will: Ich beginne zu begreifen, weshalb sich manch eine*r nach einem neuen Begriff für all das sehnt. Wir behaupten doch schließlich auch: Mit der Sprache fängt die Veränderung an! Deswegen ja auch das Gendern.

Vielleicht ja besser Freeminism 

In hunderten Gesprächen während der vergangenen Jahre bemerkte ich nicht selten, dass das Wort „Feminismus“ allein oft schon für ein Stirnrunzeln sorgt. Nicht aber wegen der eigentlichen Aussage. Sondern weil einige nicht greifen können, dass Feminismus eben nicht männerfeindlich sein soll, sondern pro-menschlich. Weil wir nicht von jedem Menschen verlangen können, knietief in der Materie zu stecken, ausgestattet mit tonnenweise Wissen. Und wenn man genau hin hört, statt abermals dem Zorn zu verfallen, ergeben einige der kritischen Fragen sogar Sinn. Neulich etwa, da fand ich mich an einem Tresen wieder, verwickelt in ein Gespräch mit einem etwa 60-Jährigen. Der verstand einfach nicht, wie er Teil von etwas sein könne, „das sich so nennt“. „Bezeichnen Sie es doch, wie Sie wollen“, entgegnete ich irgendwann entnervt, „die Kernaussage bleibt ja die gleiche. Bitteschön, dann eben: FREEminismus. Sie wissen schon. Wegen der Freiheit, sein zu dürfen, wer oder was man sein möchte, unter gleichberechtigten Bedingungen“. Und plötzlich fluppte es. Weil ich mein uneinsichtiges Gegenüber ausnahmsweise nicht sogleich für strunztendumm erklärte. Das Augenrollen verwandelte sich in Verständnis. Ja, kann es denn so einfach sein? Manchmal schon. Es würde uns Feminist*innen zumindest helfen, das Ziel wieder häufiger über unsere Egos zu stellen. Genau wie wir aufhören sollten, darüber zu streiten, wer die „bessere Feministin“ ist. Es wird sowieso auf ewig etliche Feminismen geben. Meinen eigenen nenne ich jetzt eben „Freiminismus“. Oder: „Freeminism.“ Zumindest immer dann, wenn es sein muss.

Keiner traut sich mehr was zu sagen

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die beste Feministin im Land? Klingt erstmal nach einer nicht ganz so ernst gemeinten Frage. Dabei fielen mir auf Anhieb eine ganze Menge Feministinnen ein, die sich einen solchen Orden gern umhängen würden. Wirklich. Und das ist das Problem. Genauer gesagt: Die Zeigefinger-Manier ist das Problem. Diese Angewohnheit, andere als dämlich darzustellen, statt aufzuklären. Andere anzufauchen, statt vernünftig zu erörtern, woher die plötzliche Wut denn nun eigentlich kommt. Es ist ein Symptom unserer Gesellschaft, Menschen, die Fehler begehen, an den Pranger zu stellen. Dabei wäre es oft viel schlauer, sie sich beiseite zu nehmen und mit ruhiger Stimme darüber zu reden, weshalb wir das N-Wort nicht sagen, uns nicht als Ureinwohner*innen verkleiden, „schwul“ nicht als Schimpfwort benutzen oder Sprüche wie „du rennst wie ein Mädchen“ verbannen sollten. Wir wissen das. Natürlich. Unsere Blase hat es uns so beigebracht. Und doch dürfen wir nicht vergessen, anderen die Chance zu geben, dazuzulernen. Auch wir befanden uns einst in einem Prozess. Nein, das tun wir noch immer. Jede*r von uns. Niemand ist fertig. Keiner perfekt. Dinge ändern sich, Menschen verändern sich. Vielleicht denke ich morgen wieder ganz anders als heute. Aber gerade deshalb ist der Dialog wichtig. Deshalb muss (Hinter)Fragen erlaubt sein. Das „Sich-Korrigieren“. Ist es gefühlt aber mitnichten. Was dazu führt, dass wichtige Themen mittlerweile einfach von etlichen Tischen und aus sämtlichen Gesprächen verbannt werden. Vielleicht, weil doch etwas dran ist, an den „übersensiblen Zeiten“ und der Korinthenkackerei? Ich jedenfalls kenne viele, die sich nicht mehr trauen, mir mit über Feminismus zu sprechen. Die mit überhaupt niemandem (mehr) darüber reden. Weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Falsche Bezeichnungen zu wählen, falsch zu gendern. Das betrifft übrigens auch viele andere Themen: Darf man „Schwarzer“ noch sagen? „Schwuler“? Darf ich beide Bezeichnungen in einem einzigen Satz verwenden? Und gilt „Lesbe“ jetzt als Schimpfwort? Wir blicken da durch. Meine Mutter aber nicht. Und viele Freunde aus Schulzeiten auch nicht. Man ist sich also einig: Lieber schweigen, als plötzlich ein ungehobeltes Schwein zu sein.

Der Elfenbeinturm-Feminsimus 

All das mag nur ein weiterer Beigeschmack des Elfenbeinturm-Feminismus zu sein, in dem sich viele von uns winden. Ich wünsche mir da ehrlich gesagt ein wenig mehr Realitätsnähe. Natürlich kann man sich über ein spanisches Gedicht streiten, in dem von Blumen und Alleen und Frauen und Bewunderern die Rede ist. Man kann sich auch von selbigem angegriffen fühlen. Und schließlich war es ja so weit, es wurde von der Universitätswand verbannt. Man muss aber auch vertragen können, wenn manch eine*r da mit dem Kopf schüttelt. Sich fragt, wo Feminismus aufhört und Hirngespinste anfangen. Das fragen sich noch nicht einmal jene, die mit all dem nichts am Hut haben. Sondern zum Beispiel Alleinerziehende, die sich mehr Realfeminismus wünschen und weniger akademische Abhandlungen. Ich verstehe das. Begreife aber nicht, wie es passieren konnte, dass nun alle Welt wochenlang über Hollywood schimpft, statt mindestens genau so sehr vor der eigenen Tür zu kehren. Obwohl. Hier irre ich mich vielleicht. Aber irren muss ja erlaubt sein. Denn es stimmt ja: Wir brauchen diese Skandale, um gehört zu werden. Um Veränderungen anzustoßen. Um heran zoomen zu können. Aber brauchen wir auch „Rossfrau“ statt „Rossmann“ am Weltfrauentag?

Kommerz, der alte Helfer

Mein erster Impuls schreit ganz schön laut: NEIN! Auch als ich das umgedrehte McDonalds-M sah, hatte ich mit einem leichten Würgreiz zu kämpfen. Aber dann postete jemand ebenjenes gelb leuchtende Zeichen mit den Worten „Danke für den Hängebusen“. Und da war ich mir plötzlich nicht mehr sicher. Denn hier paart sich besagter erhobener Zeigefinger ja mit eigener (unbeabsichtigter) Intoleranz: Hängebrüste? Nanu? Und wenn ja, was ist an hängenden Brüsten denn eigentlich so schlimm? Meine jedenfalls könnte man, wenn man denn wollte, seit der Geburt meines Kindes locker an einem Stock aufdrehen. Schafft es der Fast Food Riese am Ende des Tages also doch noch eine geistreiche Debatte loszutreten? Irgendwie ja. Und dann sind wir ja auch schon wieder beim Elfenbeinturm angelangt, hier schließt sich sozusagen der Kreis. Meine Mutter zum Beispiel, die schickte mir heute morgen eine Ketten-Mail mit lauter Herzen drin. Happy International Women’s Day stand da außerdem geschrieben. Irgendein Modelabel hatte seine Kundinnen damit versorgt. Kack Kommerz. Aber einer, der die Massen erreicht. Und zumindest ganz kurz für ein Hinsehen sorgt, für Aufmerksamkeit. Und zwar dort, wo unsere Worte niemals hingelangen. Deshalb trotzdem: Danke. Sogar für rote Rosen. Irgendwann gibt es ja dann vielleicht doch Gleichberechtigung statt Blumen am 8. März. Dann, wenn wirklich alle begriffen haben, dass noch sehr, sehr viel zu tun ist. Und tatsächlich mitmachen. Beim Feminismus, der meinetwegen ab sofort Freeminism genannt werden darf. 
 

 

 

 

 

10 Kommentare

  1. Milla

    Jede Sichtweise ist verschieden, je nachdem wie sehr man selbst betroffen ist. Bin ich aktuell im Frauenhaus, oder von Armut bedroht weil ich alleinerziehend zwei Kimder aufziehe, wegen Kindern nicht Vollzeit arbeiten kann und deswegen keine passende Stelle finde, wenn ich einen unangenehmen Chef habe aber auf das Geld angewiesen sind, Frauen ihre Rechte näher zu bringen, die ohne Bildungsniveau aufwachsen: nicht jede weiß , dass es nicht okay sich die gleiche Dinge zu erlauben und zu nehmen und zu machen wie , auch wenn es jetzt verallgemeinernd ist, Männer.

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  2. Eva

    Ich stimme dir zu Nike. Was ich gerne, wenn ich mich in so einer Debatte wieder finde, mir angewöhnt zu habe zu sagen (ganz die Wissenschaftlerin): Hey, definieren wir doch erstmal Feminismus! Sonst sprechen wir über einen Begriff, den wir alle unterschiedlich interpretieren. Wenn ich dann anfange und Adichie zitiere ‚A person who believes in the social, political, and economic equality of the sexes‘ gibt es selten jemand der da nicht dieser Aussage zustimmt (ergo die Zustimmung macht einem zum Feministen/in). In seiner aller reinsten Form ist das Feminismus. Alles weitere sind Debatten die sich daraus entwickelt haben, meiner Meinung nach.

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    1. milo

      Die Zustimmung macht einen aber nur dann zum Feministen oder zur Feministin, wenn man sich auch dieser Definition von Feminismus anschließt.
      Ich stimme der Aussage ebenfalls zu, für mich ist das aber gesunder Menschenverstand und kein Feminismus. Von ebenjenem würde ich mich nämlich distanzieren, weil ich -ismen jeder Art schwierig finde.
      Meinetwegen kann man mich gern als Feministin bezeichnen, ich würde es nur niemals selbst tun. Es ist aber eigentlich auch unerheblich wie der Einzelne sich nennt. Am Ende muss man eh miteinander über Inhalte sprechen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Für alle.

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      1. Nora

        Hallo Milo,
        die im Text erwähnte Angst vor „ismen“ hat mir schon zu denken gegeben und da du dich denen zuzuordnen scheinst, die solche grundlegend ablehnen, darf ich einfach mal ganz neurierig fragen warum? Finde das spannend und würde es gerne besser verstehen können. Lieben Gruß!

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  3. Lenna

    Du würdest von mir einen Orden bekommen. Danke. Dieser hochnäsige Feminismus macht mich fertig. Dabei habe ich genau das jahrelang studiert. Speaking from my heart, Nike!

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  4. Carolin

    Genau, es geht eben nicht NUR um die Mädchen und Frauen! Gleichheit für alle! Große Liebe für diesen Artikel.

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  5. Amelie

    Ich finde, dass du vor allem so kontroverse Themen unglaublich gut in Artikel verpacken kannst. Da steckt viel Gefühl, aber auch ein kluger Kopf drin und das packt mich jedes Mal.

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  6. Rike

    Hi Nike,
    Danke für diesen Artikel! Um die Gleichberechtigung zu ermöglichen, muss sich auch bei den Rechten der Männern was tun.
    Ein Beispiel aus meiner Firma: ausgeprägte Präsenzkultur. Das Frauennetzwerk setzt sich für flexiblere Regelungen hinsichtlich Homeoffice ein. Würden diese Regelungen aber nur für Frauen gelten, schneidet man sie von Flurfunk, Kaffeedates und anderen Klüngeleien ab. Dann bleiben immer die Frauen zu Hause, wenn das Kind krank ist oder der Bastelnachmittag ansteht. Auch die Männer sollten in den Genuss dieser Flexibilität kommen, damit sie langsam, aber sicher, diese auch anfangen zu nutzen.
    Nur ein Beispiel unter vielen.
    Liebe Grüße

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