Identitätskrise – wisst ihr noch wie es war, 19 zu sein?

22.03.2018 Leben, Kolumne

Bald ist Ostern, bald ist der erste April, bald bin ich 19. Die Minderjährigkeit schwindet und eine Alterskrise wäre nach Meinung der Ü18-Bevölkerung völlig unangebracht, schließlich hat man ja noch „sein ganzes Leben vor sich“. Aber wisst ihr noch, wie es euch mit 18 ging?

Ich hätte nie gedacht, dass Offiziell-Erwachsen-Sein mir so schwer fallen würde, vielleicht gerade weil ich sehr früh selbstständig sein musste und meine Kindheit gefühlt schon deutlich vor der 18 endete. Das Einläuten der 19 fühlt sich dabei wie der Totschlag des Kind-Seins in einem Drama in drei Akten an.

Die 18 macht einen zwar offiziell erwachsen, jedoch steckt man trotzdem noch mit einem Fuß im Abitur und mit dem anderen im Hoch des „Endlich-18-Seins“ – die 19 macht da mehr ernst. Ein paar Monate 18, ein paar Monate im 19. Lebensjahr und man sieht die Welt schon etwas nüchterner. Wo sind sie denn nur, die Romantisierungen, die großen Pläne und die Schmetterlinge der Emanzipation? Mit dem Erwachsenwerden kommt die Verantwortung: Steuernummer, Unterhalt, Lebenslauf – das sind keine euphorischen Wörter, nein, sie strahlen eine Nüchternheit aus, die ich höchstens mit der Berufswahl „Verwaltungsfachangestellte“ übertreffen könnte.

Jede Tante, jede*r Bekannte, jede*r Nachbar*in und jeder Kaktus fragen einen was man studieren will. Man zuckt mit den Schultern, stottert von Überlegungen, am liebsten würde man ihnen jedoch ins Gesicht brüllen, ja wirklich richtig schreien: Nach acht Jahren Gymnasium reizt mich ein Studium genauso sehr, wie Omas Miracle Whip! Oder Opas Hornhautschaber! Man mag aber nicht. Weil: Muss ja irgendwie sein. „Macht man so“. Oder?

Nun gut. Ich weiß schon, es ist ein Klagen auf hohem Niveau, ein überaus privilegiertes Klagen, wenn wir bedenken, wie viele schier unendliche Chancen wir haben und hinsichtlich der angesteuerten Dramatik meiner Worte könnte ich das hier auch beim Verlag Rosamunde Pilchers einreichen. Aber doch: Es ist ehrlich und trotzdem übertrieben.

Eigentlich war die 18 nämlich sehr lehrreich und ich sollte stolz auf alles, was ich in diesem Jahr erfahren durfte. Ich habe so viel gelernt. Ich habe Kurse als Dozentin an der VHS gehalten, bin alleine nach Maui geflogen, um als Feldarbeiterin mein Können zu zeigen, habe in einem Baumhaus mit einem wahrlich psychisch angeknacksten und trotzdem liebenswürdigen Pothead gelebt. Ich habe eine Kommune kennengelernt, die unter Umständen auch gerne mal unter der Kokospalme masturbierte, während die Baumkronen wieder zu Recht geschnitten wurden. Ja, Maui könnte sich kaum mehr von Deutschland unterscheiden. Und dann? Wieder zurück habe ich meine Wohnung aufgelöst und bin mit meinen nicht-ganz-sieben-Sachen ins „arm aber sexy“-Berlin gewandert, um mich in einen neuen Lebensabschnitt zu schmeißen.

Dit war ’ne Idee! Diese ersten drei Monate Berlin waren eine Achterbahnfahrt, eine wahnsinnig intensive Lernphase, eine kurvige Straße, die das Ziel nur erahnen lässt, aber ich bin so unglaublich dankbar für diese Erfahrungen des Neuanfangs und die Inspirationen und Lebensstile, die ich hier kennenlernen durfte. Vor allem aber auch für die Erfahrungen und Möglichkeiten in meinem Praktikum (<3 Nike und Sarah). 

Was die letzten Tage der 18 schwer gemacht haben, werden die ersten Tage der 19 vorantreiben. Ich (hass)liebe den urbanen Lifestyle, der alles aus mir herauskitzelt, was in 24 Stunden und 1440 Minuten passt. Wenn ich an meine Wünsche für mein kommendes Lebensjahr denke, möchte ich Berlin nicht mehr missen. Egal wie sehr du mich herausforderst, du süße Schlange, ich bleibe hier.

Und was ich mir sonst noch für die 19 vornehme? Ich weiß nicht, ob ich Erwartungen stellen sollte oder einfach mit den Geschehnissen gehen, offen für Neues bleiben und so blöd es auch klingen mag „den Rufen des Universums folgen“ sollte. Ich habe das Gefühl, Vorsätze neigen bloß dazu, unerfüllte Erwartungen auf den Tisch zu bringen, in etwa wie Spaghetti Carbonara. Also halte ich es eher simpel. Ich möchte mehr lesen, noch mehr lernen, meinen durch das Leben in der Großstadt aufgekommenen Wissensdurst stillen. 

Wie wäre es damit, das Reflektieren, Sozialisieren, Helfen und Sich-Selbst-Verbessern ganz vorne ans ABC zu stellen? Nicht wie Maria Magdalena, sondern wie Linda Luna. Dazu vielleicht die Seele auftanken, die Intuition zur Hauptdarstellerin machen und viele schöne Erlebnisse mit vielen tollen Menschen wagen und sammeln und teilen.

Da ist sie wieder, die romantisierende Linda mit ihren großen und kleinen Plänen. Waren Teile der 18 vielleicht nur eine frühzeitliche Identitätskrise, eine sich übertrieben unter Druck setzende Kröte, ein Lama, das versuchte, schneller zu rennen, als es kann? Oder ist genau das hier vielleicht das, was wir Erwachsenwerden nennen? Eine schier nie endende Metamorphose des Hinterfragens, Erfahrens und Neu-Erfindens? Ich ahne es. Dass dieses Gefühl fortan immer wieder kommen wird, dass das Leben eben keine dieser Rolltreppen ist, die nur in eine Richtung funktionieren. Dass es egal ist, ob ich 19 oder 29 werde. Dass uns genau das eint. Die Suche nach dem, was wir wirklich wollen. Eine gute Suche, meine ich. Denn sie erlaubt es uns, immer weiter zu forschen, zu korrigieren, zu träumen und: Zu entscheiden. Ab sofort und für immer.

10 Kommentare

    1. J.

      Hihi, genau das Gleiche dachte ich gerade auch. Brace yourself, liebe Linda Luna, deine Zwanziger haben da noch was in der Hinterhand.

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  1. Sara

    Liebe Linda Luna, ich kann mich noch ganz gut an diese Zeit erinnern (bin jetzt 28).
    Klar, soviel sei gesagt (weißt du ja selbst auch): du BIST jung, du hast noch alles vor dir, keinen Grund zur Panik!

    Die Zerissenheit mit 18, 19 liegt aber nunmal trotzdem genau in dem was du geschrieben hast: einerseits erwachsen zu sein und eben auch neue Pflichten zu haben, denen man nachkommen soll – und andererseits noch als „Küken“ abgestempelt und nicht richtig ernst genommen zu werden, weil ja immer kommt „mein Gott KIND, du bist doch erst 18! – süß, deine „Sorgen“ „. Mich hat das auch immer sehr gestört. In der Oberstufe zwar von den Lehrern plötzlich ge-Sie-zt zu werden aber trotzdem behandeln sie dich oft noch wie ein kleines pubertäres Kind –> das nervt!
    Ich war überfordert von dem Maß an Möglichkeiten, die ich hatte. Was soll ich studieren? Welche Berufe gibt es denn überhaupt?? Vielleicht liegt mir ja auch etwas, von dem ich bisher noch gar nicht wusste.
    Auf all diese Fragen gibt es keine klare Antwort. Aber wenn ich dich in einer Sache bestärken kann, dann dabei: raus aus deiner comfort zone, REISE viel (Maui, check!), verlasse deine Heimatstadt (Berlin, check!), damit du Neues kennenlernst was deinen Weg durchs Leben bereichert und prägt. Denn ganz egal wohin dich dein Weg führt und selbst wenn du in 10 Jahren an einer anderen Stelle stehst als jetzt (vielleicht dann auch in einer ganz anderen Branche!): ich kann dir zu 99% garantieren, dass du dann rückblickend nichts von dem bereuen wirst! Diese Erfahrungen bringen dich in deiner Entwicklung sowas von weiter und selbst wenn du dann irgendwann zurück zu deinen Wurzeln in deine Heimat gehst, du hast was gesehen, kannst vergleichen, hast gelernt.
    Ich wünsche dir ganz viel Erfolg für deine Zukunft, genieße die Zeit und all die neuen Abenteuer, die auf dich zukommen – denn kommen werden sie auf jeden Fall 🙂
    Liebe Grüße, Sara

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    1. Linda Luna Artikelautor

      Liebe Sara,
      ein riesengroßes Danke <3 Ich liebe deinen Kommentar und lese ihn nun schon zum dritten Mal. Schon diese paar Monate Berlin haben mich so viel gelehrt und das Schreiben, genauso wie ihr, als Community, seit mir wahnsinnig ans Herz gewachsen, so schleimig es klingen mag, ich liebe die Interaktion mit euch.
      Mit der Zerrissenheit und den offenen Fragen sprichst du mir ein bisschen aus der Seele. "Keine Panik"-man hört es viel, aber irgendwie muss ich noch lernen in meinen Weg zu vertrauen und wirklich dran zu glauben. Am besten man legt sich das Motto "Mehr-Machen-Weniger-Denken" zu, denn Aktion bringt die Erfahrungen, von denen du sprichst. Vielleicht sollte ich das tun, hihi!
      Ganz liebe Grüße,
      Linda

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  2. Sandra Valeska

    Liebe Linda Luna,
    ich habe am Anfang gedacht, dass deine romantische Einstellung zum Leben vielleicht ein bisschen naiv sein könnte. Und mit einer solchen Einstellung wird die nächste Krise sicher bevorstehen. Aber du hast Recht, wenn du sagst, dass frau/man auf der ewigen Suche ist und es ist sehr weise (und garnicht so naiv) bei dieser Forschungsreise offen und ein bisschen romantisch „ans Werk“, das sich Lebenswerk nennen kann, herangeht. Das kann einem eine große Facette an Möglichkeiten und Denksystemen eröffnen und man kann vllt. irgenwann zu einer allgemeinen Erkenntnis für sich selbst gelangen. Letztendlich glaube ich, dass negative Erfahrungen (wie absurd und unwichtig sie zunächst vorkommen) sehr wichtig dabei sind, ebenso wichtig wie die positive Einstellung bei der Bewältigung eben dieser Erfahrungen und Erlebnisse. Da finde ich, dass du große Arbeit leistest für eine Nicht-mal-ganz-19-Jährige. Falls ich dir zu Unrecht Naivität unterstellt habe, tut es mir Leid, das sind die arroganten und ein bisschen missgünstigen Blicke einer Nicht-mehr-19-Jährigen. Wie jedes Mal erinnerst du mich an mich selbst, diese Empfindsamkeit für Dinge und das Gefühl die Welt in einer Form verstanden zu haben. Und ich habe gelernt, dass das für einen selbst sehr wichtig ist, man/frau aber zugleich dies nicht auf andere übertragen kann oder gewisse Einsichten nicht verlangen kann. Und das (um endlich auf den Punkt zu kommen) verstehe ich unter Erwachsenwerden: Eine Balance zu finden zwischen einem Selbst und den Anderen, zwischen positiv und negativ, Romantisierungen und Rationalisierungen. Aber eins, denke ich, kann frau/man immer bewahren: Die Illusion. Denn letztendlich sind wir diejenigen, die sich in unserem Körper und Geist wohlfühlen müssen und da kann man sich ruhig mal seine eigene Welt bauen, vorausgesetzt, man steht immer noch in der Interaktion mit anderen Personen und deren Welten….
    Liebste Grüße und ganz viel <3
    Sandra

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    1. Linda Luna Artikelautor

      Liebe Sandra,
      vielen Dank für deinen unglaublich lieben und lehrreichen Kommentar. Die Balance, die du ansprichst, ist wahrscheinlich die Königsdisziplin des Lebens. Eine Waage auf beiden Seiten genauso auszugleichen, dass die Gewichte auf einer Seite nicht in die Decke gehen, während sie auf der anderen Seite den Keller zum Nachbarn machen. Vielleicht ist aus der Komfortzone gehen nicht der einfachere Weg, aber er ist gefühlt das Fundament für einen tiefen, langfristigen Weg.
      Ganz liebe Grüße und einen tollen Donnerstag dir <3

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  3. Ana

    Liebste Luna,
    dein hier skizzierter Werdegang erinnert mich (heute 27) SO KRASS an meinen eigenen! Habe dann aber mit 20 mein erstes Studium begonnen und Berlin wieder verlassen. Im Nachhinein gesehen war das für mich persönlich immer noch zu früh. Vor allem für ein Kunststudium. Lass dir zwischen Schule und Studium so viel Zeit für Erkundungen und Erfahrungen wie DU magst! Egal wie oft deine Familie nach der Zukunft fragt… diese „Lebenslauflücke voller Leben“ macht dich stärker und gelassener und bringt dich am Ende vielleicht auf eine wunderbare Idee, was du sonst noch mit deinem Leben anfangen möchtest. 🙂
    Alles Liebe aus Leipzig!

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    1. Linda Luna Artikelautor

      Liebe Ana,
      vielen Dank für die Motivation. Es ist verrückt wie strikt in Deutschland doch irgendwie die Erwartungen an den Bildungsweg sind: Grundschule, Gymnasium, Abi, vielleicht ein Jahr FSJ, dann aber Studieren, Job annehmen, Ende. Es gibt in unserer heutigen Welt so viele Möglichkeiten und Abzweigungen und trotzdem ist es nicht gerne gesehen einen Weg fernab der Norm zu gehen. Vielen lieben Dank für deine lieben Worte, ich werde dran denken, wenn ich das nächste Mal wieder nach meinen Plänen gefragt werde…und mega witzig, dass du auch so eine Entwicklung hinter dir hast. Da kann man ja nur Mut fassen.
      Liebe Grüße <3

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  4. María

    Liebe Linda ,
    Ich fand deinen Artikel super!! Ich konnte mir sehr gut mit deiner Geschichte identifizieren. Ich bin auch sehr jung (20) und wie du, als ich 17 jahre alt war, habe ich eine Abenteuer in einem fremden Land erlebt (Deutschland). Im moment, bin ich zurück in meinem Heimatland, und auf der suche von neuen Erfahrungen und Chancen zum lernen und besser zu werden. Mein Tipp für dich wäre folgendes: Lebt jeden Tag mit mindfullness, genieß jede kleinigkeiten und schätz alles was du erlebst und fühlst .

    VG aus Ecuador

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