Kolumne // Die Schönheit der Maßlosigkeit

27.08.2018 Leben, box2, Kolumne

Eigentlich hatten wir vor, uns auszuruhen, mit sehr wenig von allem, weil meistens alles ein bisschen viel ist. Deshalb: Kaum Handy, kaum Pläne und fast kein Wein, das hatten wir so abgemacht. Beinahe hätten wir an diesem Wochenende also so gut wie nichts getan oder erlebt, wir zwei, Sarah und ich, ganz dem guten Ton entsprechend. Wir wären Heim gekommen mit klarem Kopf und vollem Bauch, hätten von Restaurants geschwärmt, vom Faulsein und von der bitter nötigen Erholung. Doch es kam anders. Zum Glück, sage ich. Während Sarah auf dem Rückflug von Barcelona nach Berlin in einen nahezu komatösen Kater-Schlaf fiel, hatte ich Angst, ihr würde gleich noch etwas ganz anderes aus dem Mund fallen, vielleicht, weil ich längst selbst damit beschäftigt war, irgendetwas ausfindig zu machen, das im schlimmsten Fall genug Fassungsvermögen für ein bereits halb verdautes Frühstück aufzuweisen hätte. Ich verteufelte die Thermik, schaffte es aber trotzdem trocken nach Tegel. Als ich zuhause ankam, war der Aufzug kaputt. Zum ersten Mal motzte ich nicht, ich dachte nur: Es ist genau richtig so, jetzt gerade. Weil gar nicht immer alles funktionieren muss. Ich auch nicht. 

Mir ist das schon häufig aufgefallen, dass die Deutschen sehr ambivalent mit Exzessen umgehen. Einerseits saufen sie wie die Löcher, das belegen Statistiken, andererseits ist hierzulande kaum etwas so wichtig wie die weiße Weste, ganz allgemein gesagt. Was könnten die Nachbarn bloß denken, und sowas. Deshalb sagen Mütter auch sooft, abends wenn das Licht ausgeht: Eigentlich rauche ich gar nicht. Sie verstecken sich sogar in Büschen, um nur mal kurz an einer Kippe zu ziehen. Väter machen das seltener, sie gehen etwas konsequenter mit Lastern um, würde ich sagen, was viel logischer ist, denn Laster hat ja beinahe und hoffentlich jede*r. Und auch das gelegentliche Wegknallen ist so eine Sache. Ich selbst achte penibel darauf, dass das niemand spitz kriegt, der mich nicht wirklich saugut kennt. Man könnte ja sonst meinen, ich hätte mein Leben nicht im Griff und würde stattdessen Sorgen in Sangriakelchen ersaufen. Was, das verspreche ich, falsch ist. Ich bin nicht einmal ein großer Fan von derartigen Genussmitteln und kann noch an einer Hand abzählen, wie oft ich mich in diesem Jahr dazu habe verleiten lassen, an irgendeinem Flaschenhals zu nuckeln. Nicht von anderen, sondern von Möglichkeiten und Abenteuern. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich meine nur: Manchmal vermisse ich, jetzt 30, die Schönheit der Maßlosigkeit. Nicht die sternhagelvolle, versteht mich nicht falsch, sondern die, die für einen kurzen Moment, vielleicht eine Nacht lang, zu einer inneren Einstellung den Dingen gegenüber wächst. Die macht, dass das Morgen egal wird, weil das Jetzt so herrlich ist. Es wäre, der Vernunft wegen, jedenfalls gut gewesen irgendwann schlafen zu gehen, in dieser Samstagnacht am Strand von Barceloneta. Wir sind trotzdem geblieben und noch stundenlang weiter gestolpert, vielleicht, weil es heilsam war, ausnahmsweise nicht zu wissen, wo es lang geht. Weil wir aber gleichzeitig wussten, dass die besten Erinnerungen immer aus dem Loslassen entspringen. Weil der Bauch uns manchmal am deutlichsten sagt, was wir brauchen. Weil wir eben doch für immer jung sein werden, solange wir nicht aufhören, alles mitzunehmen und nicht damit anfangen, jede Ungewissheit mit Unbehagen zu vergiften. Vor Anbruch der Dunkelheit ahnten wir zum Beispiel kaum, dass wir pünktlich zum Sonnenaufgang zu fünft auf einem winzig kleinen Balkon sitzen würden, Schulter an Schulter, die Beine durch das Geländer baumelnd, mit Freunden, die wir eigentlich nur zum Abendessen treffen wollten. Wir ahnten nicht, dass während der gelegentlichen Stille so viele Gedanken fließen würden, dass daraus ein ganz neues Buch entstehen könnte. Wir waren uns nur sicher, dass gerade nichts besser wäre als genau dort zu sein, zusammen. Gut möglich also, dass es exakt das ist, was ich am Alltag am meisten vermisse: Das Im-Moment-Bleiben. Weil der Kopf im Takt der Termine für gewöhnlich gern schon ganz woanders ist. Weil ich nicht selten darüber nachdenke, ob ich gerade nicht eigentlich ganz wo anders sein sollte, um etwas ganz anderes zu tun. Augenblicke und Stunden wie diese aber sortieren und justieren mich, weil sie so roh und ehrlich sind. Sie zeigen mir, dass ich noch immer ich bin und nichts bereue, außer das allzu häufige Zerdenken und Zerschlagen von Möglichkeiten.

Life is short anyways, hat einer meiner besten Freunde auf den Oberschenkel tätowiert. Für ihn habe ich dann doch kurz mein Handy heraus geholt, zwischen Wellen und Sand und dem Mond über uns. Um ihm zu sagen, dass es mir leid tut, noch immer nicht zu Besuch gewesen zu sein, dort drüben in dem Land, in dem er jetzt lebt als gäbe es kein Morgen mehr. 

3 Kommentare

  1. Sara

    Ich habe Gänsehaut. Und gerade in den letzten Zeilen wären mir irgendwie fast die Tränen gekommen – und ich weiß gar nicht warum. Irgendwas hast du da wohl in mir ausgelöst.. <3

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  2. Alex B.

    Oh ja, der Strand von Barcelona… wir sind dort auch mal hängen geblieben, und der Kellner sagte irgendwann ‚wollt ihr nicht einfach ne Flasche bestellen, statt immer ein Glas?‘
    Einer der besten Tage, Abende und der besten Nächte und Wochenenden ever <3

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