Meinung // Ihr seid nicht besorgt, ihr seid Nazis.

#C2708. Was gestern passiert ist, wissen wir. Nur wie damit umgehen? Mit all den Nazis, die da in Chemnitz durch die Straßen liefen, Menschen jagten, brüllten, prügelten und sich schlussendlich selbst entlarvten, indem sie ihre hässlichste Fratze, ihr Innerstes zeigten. Nein, das sind keine besorgten Bürgerinnen und Bürger. Keine politisch Rechten. Das sind menschenverachtende Hetzer, die sich pudelwohl in ihrer Rolle der vermeintlichen Retter unseres Landes fühlen. Die stolz in Kameras, aber auch in die Gesichter der angeblichen Lügenpresse blicken, um die Welt mit ihrem nationalsozialistischen Gedankengut zu vergiften. Die sich nicht schämen für das was sie sind, NAZIS nämlich, ja Herr Wöller. Solche, die sich für jede Diffamierung anderer Kulturen, Religionen und Hautfarben unzählige Gründe herbei phantasieren.

 

 

Solche, die im Realkontext tatsächlich noch nicht einmal mit „diesen Anderen“, die sie für so wertlos halten, in Berührung kommen. Für die Begriffe wie Differenzierung und Genauigkeit überflüssige Fremdwörter bleiben. Die sich stattdessen das Objekt ihres Hasses zurechtrücken, vielleicht auch, um sich selbst nicht hassen zu müssen. Weil es leichter ist, die Verantwortlichkeit für das eigene Elend munter auszulagern, statt dessen Ursprung in der eigenen Existenz zu suchen. Weil man sich im Kollektiv so herrlich stark fühlen kann, so unantastbar. Am Samstag soll es deshalb ab 17 Uhr einen „Schweigemarsch“ durch Chemnitz geben, „um gemeinsam um Daniel H. und alle Toten der Zwangsmultikulturalisierung Deutschlands zu trauern“, wie in aller Selbstverständlichkeit auf der Facebook-Seite der AfD Sachsen verkündet wird. Beim Lesen solch ekelerregender Zeilen weiß ich weder weiter, noch was wir tun können. Nur dass wir irgendetwas tun müssen. Dass einige von uns endlich Abstand nehmen sollten von ihrem privilegierten Gehabe des politischen Desinteresses. Mit Rechten reden, auch öffentlich? Jein. Denn einerseits hat die Praxis längst bewiesen, dass jede Bühne, die diesen zum Teil verstörend besonnenen Himmelshunden erlaubt wird, als Triumph funktioniert, dass jeder Auftritt in großen Medien mit Beifall aus der Szene überschüttet wird. Mehr kommt dabei meist nicht heraus, weder Einsicht, noch Empathie. Andererseits kann Ignoranz dazu führen, dass alles nur noch schlimmer wird. Für alle, die in einem Land der vielen Freiheiten leben wollen und das vor allem ohne Angst. Weil sich die „Vergessenen“ zunehmend wie die Tiere zusammen ferchen, um gehört zu werden und gesehen, um gemeinsam das Wild zur Strecke zu bringen. Die Ausländer zum Beispiel.

„L’enfer c’est les autres“. Die Hölle, das sind die anderen, schrieb Sartre einst. Blöd nur, wenn die, die geradewegs aus der Hölle kommen, um endlich Frieden zu finden, plötzlich selbst zu Teufeln degradiert werden. Wenn die eigentlichen Querulanten blind werden für das eigene destruktive Verhalten, dafür, dass sie allein die Pest einschleusen. Indem sie den Abfall längst vergangener Jahre beackern und ihn auf den Straßen verteilen. Nur wer kehrt die Scheiße, die eigentlich vorher schon hätte zurückgehalten werden müssen, im Anschluss wieder weg? Unsere Bundeskanzlerin wohl nicht. Ebenso wenig der Rechtsstaat, der binnen eines Tages zu einem Sinnbild der Handlungsunfähigkeit verkommen ist, schon wieder.

Werden die Nazis denn überhaupt je erfahren, wie falsch sie liegen? Dass sie sich vertan haben, auf jede nur erdenkliche Art und Weise? Gestern jedenfalls hat sich ihnen kaum jemand entgegengestellt. Niemand, der überhaupt in der Lage dazu wäre, scheint noch ausreichend Energie oder gar Mut und Wille gegen Rechts aufzubringen. Oder noch schlimmer: Sympathisiert die Exekutive mancherorts womöglich sogar mit den Braunen? Denkbar und indes beinahe belegt. Weil Nazis inzwischen geduldet und beschützt werden, aber nicht bekämpft – im Gegensatz zum „linken Pack“ für dessen Bändigung Hunderttausende ausgegeben wurden und werden. Weil sie dürfen, was sie da taten und tun, diese ach so besorgten Deutschen: Andere schlagen und jagen, ohne festgenommen zu werden etwa. Den Hitlergruß zeigen. Menschenrechtsverachtende Parolen speien und verbale Misshandlungen. Nein, nichts ist da erstmal passiert. Weil Zusehen viel einfacher ist? Ginge es um Affen im Zoo, meinetwegen. Aber diese hier sind längst ausgebrochen aus ihrer Komfortzone, sie leiden an überschäumender geistiger Tollwut, haben sich anstecken lassen, agieren wie im Wahn und voller Überzeugung, sind außer Rand und Band und haben es dennoch oder gerade deshalb geschafft, für einen Moment lang eine Großstadt einzunehmen. Bloß wer fängt sie wieder ein? Wer gibt diesen Bürgerinnen und Bürgern, was sie brauchen – um wieder zu genesen? Oder ist es schon unheilbar?

 

Selten habe ich mich so machtlos gefühlt, so gefangen in meinem linksliberalen sozialen Milieu, das geschlossen an eine gleichberechtigte Zukunft glaubt. Ich bin traurig und ich schäme mich. Wie heute Morgen, als ich mir am Späti eine Zeitung kaufte und erstmal vorbei musste an all den Titelseiten. Vorbei an dem türkischen Besitzer des kleinen Ladens, der mich tagtäglich fragt, ob es mir gut geht. Heute fiel es mir schwer, ihm in die Augen zu sehen. Wir schauten uns beide etwas verlegen an, auch bestürzt, ich schüttelte mit dem Kopf und flüsterte, dass es mir leid tue. Dann weinten wir zusammen. Er, weil er Angst hat, sogar in unserem bunten Berlin. Ich aus Wut. Was können wir überhaupt noch tun? Nicht viel? Oder alles? Wir müssen auf die Straßen dieses Landes gehen, laut werden, auch im Tennisclub Pins mit der Aufschrift „Nazis raus“ am Kragen tragen, nicht mehr still und selbstredend unrassistisch vor uns hin dümpeln, sondern uns laut und proaktiv Anti-rassistisch zeigen. Wir müssen die Schulen einbeziehen und wenn nötig Emilia Galotti durch Carolin Emckes „Gegen den Hass“ ersetzen, wenn man mich fragt. Wir müssen überhaupt einen Schritt weiter gehen. Die Politik muss endlich, endlich damit aufhören, Probleme wie jene in Sachsen totzuschweigen, aus Angst vor Image-Schäden etwa, und sie stattdessen in aller Deutlichkeit benennen und bekämpfen. Denn das Schweigen über Missstände und Sorgen und über Pegida und die AfD hat am Ende womöglich erst dazu geführt, dass sich die Nazis in ihrem Chemniz und auch überall sonst mittlerweile so sau sicher fühlen können. So „in der Mitte der Gesellschaft“.

Und was machen derweil eigentlich all die Politiker und Politikerinnen? Häufig twittern, meistens aber gar nichts. Und was passiert mit denen, die am ärgsten leiden? Wäre es nicht klüger, Flüchtlinge viel vehementer von Behörden unterstützen zu lassen? Sie offensiver zu integrieren, beispielsweise indem sie überall in den Städten leben dürften, in Häusern und WGs, anstatt in kleinen Wohnheimen irgendwo an den Rändern der Gesellschaft? Warum geht das nicht viel häufiger? Sollten wir nicht alle Menschen, die mit uns Seite an Seite leben wollen, mit Liebe überhäufen? Und auch Chemnitz? Sogar Nazis kuscheln, damit sie ihre Herzen und Hirne wieder spüren? Das wäre doch mal was.

Nein, im Ernst. Keine Ahnung, was jetzt richtig und logisch und hilfreich sein könnte. Eigentlich weiß ich gerade nur, was richtig falsch wäre: Sprachlos sein oder bleiben. Macht den Mund auf, immer und immer wieder. Zeigt allen um euch herum, dass sie willkommen sind. Und geht hin, wenn ihr gebraucht werdet. Vor der Demo ist nach der Demo, denn: Mein Name ist Mensch. Und deiner auch.

Veranstaltungen in eurer Nähe findet ihr zum Beispiel unter dem Hashtag:

#WIRSINDMEHR

18 Kommentare

  1. Laura

    So richtig und vor allem so wichtig dieser Beitrag, liebe Nike! Mir geht ähnlich wie dir. Nach dem ersten Schock, wie so etwas überhaupt tatsächlich und auf offener Straße mit solcher Überzeugung passieren kann, wie wir es in Sachsen gesehen haben, erst einmal bloß noch riesengroße Fragezeichen über dem Kopf. Was jetzt zu tun ist, ich hab keine Ahnung. Während ich mich für einen Teil meiner sogenannten Landsleute abgrundtief schäme, überlege ich, wie ich meinen Mitmenschen mit einem anderen ethnischen Hintergrund bewusst zeigen kann, dass ich mit dieser Haltung, die wir da in Chemnitz gesehen haben, absolut nicht einverstanden bin. Gleichzeitig wächst da innerlich aber auch irgendwie die Sorge, wie sehr ich mich und meine Familie damit womöglich in Gefahr bringen könnte. Denn irgendwie wird man bei all dem das Gefühl nicht los, dass die andere Seite grundsätzlich und bei Weitem schneller zu Gewalt bereit ist, als die eigene. So viel Wut, so viel Hass. Da schüttelt es mich bis ins Mark. Bei Gewalt spreche ich im Fall meiner links-kulturellen Bubberblase nicht einmal so sehr von körperlicher Gewalt, als vielmehr auch von disziplinarischen Maßnahmen. Die Politik hält sich in dieser Angelegenheit viel zu sehr im Hintergrund. Verurteilt in einzelnen Statements aber tritt selbst jetzt kaum geschlossen auf. Und wenn dieses Thema es nicht ist, welches dann bitte! Die Aussagen, die im Interview mit Ingo Zamperoni von den Tagesthemen gestern aus dem Mund des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschame herauskrabbelten, waren ein Armutszeugnis und meiner Ansicht nach auch Salz in die Wunde so vieler Menschen, die derzeit um ihr Leben fürchten, nur weil sie vermeintlich anders aussehen, als diese hassgeschwellten rechten Schwachmaten.

    Fakt ist, das hast du selbst so schön mit dem Zitat von Kästner deutlich gemacht. Es ist höchste Zeit, wenn nicht sogar schon 5 nach 12. Zu deutlich liegen sie doch mittlerweile offen da, die Parallelen zur Vergangenheit. Wenn wir den Fehler von damals nochmal begehen, dann verliere ich meinen Glauben an die Menschheit wirklich. Lassen wir es nicht soweit kommen. Seien wir laut. Überlegen wir gemeinsam und finden wir einen Weg, das alles zu stoppen, ehe es zu spät ist. Wo dabei anfangen, ich habe keine Ahnung. Nur machen wir unserer Politik klar, dass hier Handlungsbedarf herrscht, dass es notfalls eine harte Hand braucht – womöglich sogar in den eigenen Reihen. Jahrelang klammerten sie sich viele im Bundestagssessel wie auch in der Bevölkerung nur zu gerne an das Märchen, dass links die böse Kraft im Land sei. Was für ein Bullshit. Aber das ist eine andere Geschichte. Zumindest zum Teil. Die Gefahr von rechts haben viele dabei scheinbar unterschätzt. Nur ist es jetzt definitiv der falsche Weg, den eigenen Fehler unter den Teppich zu kehren. Für mehr Stimme für ein freies Leben – unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder wasauchimmer.

    Antworten
  2. Theresa

    liebe Nike,
    vielen Dank für diesen Text, er spricht mir so aus der Seele. Ich fühle mich mit meinen 20 Jahren auch so machtlos und restlos überfordert, ich würde so gern irgendetwas tun, aber ich weiß nicht wie und das fühlt sich richtig scheiße an, als würde man vor dieser riesen Mauer aus Hass stehen und nicht wissen, wie man sie bewältigt.

    Antworten
  3. Laura

    Liebe Nike,
    sind instrumentalisierte Demonstranten, die falsche Informationen aus den falschen Gründen von den falschen Medien beziehen mit Nationalsozialisten gleichzusetzen? Deine Überschrift trifft mich an einem wunden Punkt, der Hashtag-Mentalität unseres Zeitalters. Ich verstehe deinen Ansatz und vertrete deine Meinung, dass jeder einzelne die Verpflichtung hat, seine Stimme gegen Rassismus zu erheben. Ich möchte nur zu bedenken geben, dass die Gesellschaft durch Empörung der Extreme noch niemals vorangekommen ist. Ich bitte dich selbst die Geschehnisse der letzten Tage und der letzten Jahre in einen Kontext zu setzen und differenziert zu betrachten. Sachsen hat längst nicht mehr nur ein Problem mit Rassismus und nationalistischen Gruppierungen, hier paart sich vielmehr ein Versagen der Grundfesten der Demokratie mit Politikverdruss, sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Der gemäßigte und konstruktive Diskurs ist durch die Empörung der politischen Lager übertönt worden.
    Wenn Städte bürgerkriegsähnliche Zustände annehmen und Minderheiten gejagt werden, dann brauchen wir meiner Meinung nach keinen Aufschrei und keine Konzerte, wie scheiße doch alles ist, sondern den Mut friedlich für Menschenrechte und Demokratie einzutreten ohne Parolen und Beleidigungen, sondern mit Überzeugung.

    Antworten
    1. Nike Jane Artikelautor

      Ich bin ja eigentlich bei dir. Aber nein, bei verschissenen Nazis, bei diesen, die da auf der Straße waren, da handelt es sich nicht mehr um ein politisches Lager, da will niemand mehr friedlich reden. Man kann nicht oft genug betonen, dass die Zeiten, in denen wir Mitleid mit „den Vergessenen“ hatten, in denen die AfD als Alternative für die verwässerte CDU angenommen wurde und denen rechte Gedanken salonfähig sein können, endlich vorbei sein müssen. Sonst werden wir am Ende in Erich Kästners Zeilen ersaufen. Denn das, was du da ansprichst, haben wir ja jahrelang versucht. Mit einem Ergebnis, das nun ganz deutlich zu sehen war.

      Antworten
      1. Anne

        Bei aller Liebe und eigentlicher Zustimmung: das haben wir nicht jahrelang versucht. Beziehungsweise doch, vielleicht mental und mit beteuernden Worten. Die helfen aber Menschen, die jahrelang nach der Wiedervereinigung vergessen und benachteiligt wurden, nicht. Da helfen wir als Bürger auch nicht, vor allem nicht einzeln. Da hat die Regierung schlicht und ergreifend versagt und tut dies auch weiterhin und wir müssten darauf pochen, dass endlich etwas in die richtige Richtung passiert. Anerkennenden Worten hätten anerkennde Taten folgen müssen, im Sinne von Stärkung der Ostdeutschen Wirtschaft, Anerkennung der Rentenleistung während der Trennung etc. (mehr Infos hier: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5442553&s=osten/). Auch sehr eindrücklich die mehrteilige Doku „Wer braucht den Osten?“ zu finden bei YouTube.

        Als ziemlich einfachen Vorschlag, was man mal machen könnte: In der Nachhaltigkeitskategorie mal Ostdeutsche Produkte vorstellen und so vielleicht ein bisschen die dortige Wirtschaft stärken. Wäre doch ein Anfang.

        Antworten
        1. Nike Jane Artikelautor

          Liebe Anne, ich verstehe das alles. Wirklich. Aber ich kann schlussendlich kein Mitleid mehr aufbringen für Menschen, die sich selbst so menschenverachtend verhalten. Ich sage nicht, dass es dort keine Probleme gibt. Aber die Antwort auf Missstände kann niemals Fremdenhass sein. Ich möchte mich, auch wenn der Vergleich gewagt ist, auch nicht mit Gewalttätern, die eine schwere Kindheit hatten, solidarisieren. Obgleich ich sicherlich weiterhin mitfühle, irgendwo ganz tief in mir drin. Ich bringe das Verständnis für das gezeigte Verhalten, für solche Aufmärsche dennoch einfach nicht mehr auf. Am Ende sind nämlich auch all diese „Vergessenen“ noch verdammt weiß und privilegiert – und nichts auf der Welt kann oder darf für mich je das Angreifen von Bussen rechtfertigen, in denen geflüchtete Kinder sitzen, das Herumwerfen mit dem Begriff „Zwangsmultikulturalisierung“, das Hetzen, das Jagen von Menschen, das Grüßen mit erhobenem Arm. Ich möchte damit nicht sagen, dass nicht unendlich viel passieren muss, um all jenen zu helfen, die dort mitgelaufen sind. Auch nicht, dass wir nicht mehr zuhören sollten. Aber ich möchte mich den Ansichten genau derer dennoch in aller Deutlichkeit entgegen stellen und ebenjene aufs Schärfste verurteilen. Wer selbst kein Nazi ist und dort mitgelaufen ist, wusste zumindest, wer für diesen Augenblick seine oder ihre KumpanInnen sein würden. Das ist Schuld genug.

          Antworten
  4. Philip W

    So leid es mir tut, aber der gesamte Artikel ist wie durch eine rosarote Brille geschrieben.

    All die Leute, die dort zu einem Protest, einer Gedenkveranstaltung für einen Ermordeten gehen – das sind also alles Nazis? Die Tatsache, dass womöglich auch einfache Bürger dabei sind, die erschrocken und entgeistert darüber sind, dass so etwas am hellichten Tag mitten in einer Großstadt passieren kann, das scheint hier gar nicht erst als Gedanke aufzukommen. Wie hat denn Pegida angefangen? Das waren nicht alles „nur Nazis“, das waren die sozial Benachteiligten, die Leute, die in der Scheiße stecken und aus eigener Kraft nicht mehr herauskommen; die Aufgegebenen und die, die sich daraufhin selbst aufgegeben haben.

    Aber nein, es ist natürlich erheblich einfacher, alles auf die bösen Nazis zu schieben. Das sind immerhin Leute, die nachweislich unbelehrbar sind, und mit Unbelehrbaren braucht man sich nicht so richtig abzugeben, das macht ja die Bezeichnung schon klar. Wie wäre es, stattdessen wirklich mal auf eine solche Demonstration zu gehen und einfach zuzuhören, was die Leute dort sagen? Den angeblichen und tatsächlichen Fremdenhass als das zu entschlüsseln, was es eigentlich ist? Ich möchte offen behaupten, dass die meisten dieser Protestanten weder rechts noch fremdenfeindlich sind. Aber sie sehen ein Problem darin, in Deutschland arme und hilfsbedürftige Menschen noch und nöcher aufzunehmen, wenn es ihnen selbst so schlecht geht. Anders gesagt: Wenn das eigene Volk hungert, warum nimmt man dann noch mehr hungernde Menschen auf?

    Dafür gibt es selbstredend mehr als genügend Argumente, die auch durchaus einleuchtend sind und von Menschlichkeit zeugen. Sie widerlegen allerdings nicht die vielen Argumente, die auch dagegen sprechen – und im Umkehrschluss dafür, sich erst einmal um die eigene Bevölkerung zu kümmern, bevor man noch mehr Probleme durch den Zuzug von verarmten, hilfsbedürftigen Menschen schafft. Das mag schroff, bösartig, gar fast schon rechts klingen, aber es ist lediglich knallharte Logik.

    Terry Pratchett schrieb einmal von der „dreadful algebra of necessity“. Das Konzept beschreibt eine gefühlt unmenschliche Tat, die im Nachhinein aber das Überleben und somit auch die nacheilende Hilfe gewährleistet. Nichts anderes sehe ich hier. Man kann nicht Probleme anderer Menschen, Nationen, sogar der ganzen Welt lösen, wenn man nicht vorher im eigenen Haus aufgeräumt hat.

    In diesem Sinne möchte ich sagen: Redet mit diesen Leuten. Das sind nicht alles bösartige Nazis. Das sind nicht alles gewaltbereite Schläger. Das sind zum Großteil stark verunsicherte, politikverdrossene Leute, die sich alleine gelassen fühlen und die man zu oft auch alleine gelassen hat. Diese Leute haben eine andere Meinung als ihr, aber das ist in einer Demokratie in Ordnung. Diese Leute wollen gehört werden, und wenn ihr ihnen das verwehrt…

    Tja, dann wird das Pulverfass eben in die Luft fliegen.

    Antworten
  5. Milli

    Also ich muss sagen ich war bzw. bin auch erschrocken über diesen Artikel. Und auch über das was Du in den letzten Stunden in Deinen InstaStories gepostet hast. Du gehst das Thema sehr emotional an, Stichwort „Verrohung“ der Sprache. Mich stösst das ab, auch wenn es für eine gute Sache ist. „Nazis zum Frühstück essen“ und so.“F*ck Nazis“ etc.

    Das Problem ist dass bei diesem Thema 2 Sachen vermischt werden. Das eine ist der brutale Mord an einen Mitbürger durch 2 Menschen welchen hier Schutz geboten wird da sie aus aus dem Krieg nach Deutschland geflohen sind. Diese Ungeheuerlichkeit ist die eine Sache. Niemand möchte so jemanden in seinem Land haben oder so etwas in Zukunft tolerieren. Den Krieg den diese Flüchtlinge erlebt haben darf nicht in das land gebracht werden in dem Schutz und Zuflucht gewährt wird. Ich weiss sehr einfach geschrieben! Aber genau da sollte die Regierung ansetzen. Wer Refugees welcome auf die Flagge schreibt muss sich mit genau diesen PRoblematiken auseinander setzen. Nicht einfach nur aufnehmen und dann vergessen.. oder Probleme ignorieren. So. Das ist Punkt 1. Und die Tatsache dass dieses Verbrechen gerade wenig thematisiert wird und das Opfer medial gesehen keine Rolle zu spielen scheint lässt vielen Menschen – auch in der MITTE- die Hutschnur platzen. WEIL nicht wirklich differenziert werden kann.

    Punkt 2 ist dass in meinen Augen die wenigstens wirklich aus Trauer und Wut über diese Tag bei den Demos dabei sind. DAs ist Ärger Frust Hass Unzufriedenheit welcher sich gerade entzündet.
    Wie schrecklich für die Familie des Opfers dass der Verlust eines mit Sicherheit geliebten Menschen Auslöser von soviel Hass wird. Und der Tod für all das instrumentalisiert wird.

    Ich vermisse bei all der Empörung und Berichterstattung eine klare differenzierte kluge Meinung. Eine Stimme der Vernunft welche das was passiert entwirren kann. Kann das wirklich keiner? Ist das nicht möglich?

    Ich sehe nur Ablehnung und Hass. Auf beiden Seiten. So wie hier.

    Antworten
    1. maja

      Sorry, ich kann da nur wenig Konstruktives in deinem Beitrag erkennen und find Nike hat in ihrem Beitrag das einzig Richtige getan: sie hat die Dinge endlich beim Namen genannt. Und das vermisse ich momentan sehr stark bei allen Politikern und auch den Medien. Wer da am Montag demonstriert hat und wer zu der Demo aufgerufen hat (Pro Chemnitz) sind NAZIS, ganz einfach, die sind nicht rechts-konservativ, die sind nicht besorgt und die sind auch nicht Opfer von was auch immer (Merkel, Westdeutschland, Flüchtlinge…). Es sind gewaltbereite Nazis, die die Flüchtlingskrise als Aufhänger für ihren offenen Hass vereinnahmen und jeder Mensch, der da mitmarschiert und die Demo nicht verlässt, sobald er merkt was da vor geht, trägt Schuld.
      „Niemand möchte so jemanden in seinem Land haben oder so etwas in Zukunft tolerieren.“ Ich möchte bitte mal erklärt bekommen, was der große Unterschied ist zwischen einem Ausländer/Flüchtling der eine Straftat begeht und einem Deutschen? Mord bleibt Mord, egal ob Hans oder Ali ihn begeht, wieso bekommen Opfer von deutschen Mördern/Schlägern/usw. nicht die gleiche mediale Aufmerksamkeit? Stattdessen werden nun Straftaten, die normalerweise in der Regionalzeitung stehen und die es schon immer gab, bundesweit breitgetreten, weil von „Nicht-Deutschen“ verübt. Dies ist einerseits das Ergebins des Rechtsrucks, den dieses Land seit Pegida/AfD vollzogen hat und es schürrt gleichzeitig den Hass, das es die Starftaten von Ausländern in einen anderen Kontext stellt. Wenn ich es mir aussuchen darf, dann möchte ich auf dieser Welt gar keine Mörder, Nazis, Rassisten, Sexisten usw. haben, aber wo sollen die denn alle hin? Wir leben (noch) in einem Rechtsstaat, unter anderem regelt dieser das Miteindander und das ist gut so. Wir brauchen keine Schlägertruppen und Menschenfeinde, um Recht und Ordnung durchzusetzen, nirgendwo.

      Antworten
    2. Yasmin

      „Das eine ist der brutale Mord an einen Mitbürger durch 2 Menschen welchen hier Schutz geboten wird da sie aus aus dem Krieg nach Deutschland geflohen sind. Diese Ungeheuerlichkeit ist die eine Sache. Niemand möchte so jemanden in seinem Land haben oder so etwas in Zukunft tolerieren. Den Krieg den diese Flüchtlinge erlebt haben darf nicht in das land gebracht werden in dem Schutz und Zuflucht gewährt wird.“ – wenn ich dazu Stellung nehmen darf (ohne damit sagen zu wollen „du liegst falsch & ich liege richtig“) Ich kann diesen Gedankengang sehr gut nachvollziehen, sehe aber eine große Gefahr darin. Diese Gewalttat ist von zwei INDIVIDUEN verübt worden, das sie hier Schutz suchten ist sekundär. Ihre Handlung bringt auch nicht den Krieg hierher, sie haben aus mannigfaltigen Gründen so gehandelt, letzten Endes halte ich es für ratsam, nicht diese zwangsläufige Äußerung zu tätigen, da sie suggeriert, das grundsätzlich von Asylsuchenden die Gefahr ausgeht, das Gewaltaufkommen steigen. Wir haben genug „eigene“ schwarze Scharfe, solche Bedrohungen sind charakterlicher/ sozialpsychologischer Ursache und nicht mit der Herkunft gleichzusetzen. (ich hoffe, man versteht meinen Ansatz)

      Antworten
  6. Mike

    Hallo, vielleicht ist vieles von dem was ich hier gelesen habe aus tiefsten Herzen geschrieben und interpretiert worden, und doch fühle ich, dass es nicht alles ist, was gesagt wurde.
    „Jeder Mensch hat nur ein Leben“, sinnierte einst ein großer griechischer Feldherr, doch was war sein Denken bei diesem so einfachen Ansinnen?
    Mir scheint, Ihr habt alle recht und es muss etwas geschehen, dass Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen, mit Respekt, Freundschaft und Großherzigkeit, mit einer Mischung aus geben und nehmen.
    Doch zurück zu dem Feldherr, er wusste, dieses „eine“ Leben jedes einzelnen Kriegers konnte jederzeit zu Ende sein, und doch befahl er den Weg zu „seinem“ Ziel.
    Wie schaffe ich den Übergang, der in meinen Gedanken so klar erscheint, doch in Worten nicht einfach ist.
    Jeder, jeder Mensch hat das Recht Ziele (edle oder niederträchtige) zu verfolgen, ein jeder Mensch darf sich auch jeglicher Mittel bedienen (ethisch oder unmoralisch) um diese zu erreichen, die Frage was jeder für sich selbst verantworten kann, ist nicht die Frage der Allgemeinheit, es die Frage an das eigene Gewissen.
    Hinter diesem Gewissen stecken Erfahrungen, Erziehung, Umgebung, soziale Hintergründe, Bildung, Charakter und Wille.
    Ihr habt natürlich Recht, Nazi zu sein ist niemals die Lösung, doch was muss passieren, um diese Gedanken voller Hass, Selbstverliebtheit, Angst, Wut und Abhängigkeit zu verstehen?
    Warum gibt es Nazis, warum gibt es AfD, warum Rassismus, Ausgrenzung von Frauen, Schwulen, Lesben, warum haben alle Menschen Vorurteile und Abneigungen?
    Ich weiß es nicht!
    Doch habe ich für mich entschieden: Ich muss nicht jeden Menschen lieben, doch ich darf niemals einen Menschen hassen!

    Einige werden sich fragen, was will er?

    Reden!

    Denn auch ich habe nur ein Leben, in dem ich meine Familie und meine Freunde liebe und Position als Mensch beziehe.

    Antworten
  7. Magdalena

    Vor einigen Tagen wurde ein chinesischer Student in Jena von einem vietnanisischen Kommilitonen ermordet, stand als Notiz in der Lokalpresse. Und: wo ist die besorgte Demo in Jena (auch Osten)? Ich bin selbst zum Teil im Osten aufgewachsen, den Leuten hier geht es so schlecht nicht – wenn auch weniger Wohlstand vorhanden ist gemessen an z.B. Baden-Württemberg. Nike, du hast meine volle Unterstützung in deiner Wut auf die Leute, die den demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Staat zerstören wollen – und das wollen die nämlich. Da schaut man in Abgründe, im Gespräch mit alten Bekannten und sogar Verwandten, eher im Osten, aber nach meiner Erfahrung durchaus auch im Westen. Ich habe große Angst und ich glaube, die Bedrohung ist real und sie geht von einer Gruppe der Bevölkerung und einer Partei aus, denen nicht am Kompromiss gelegen ist. Wir werden uns wehren müssen, in kürzester Zeit und ich für meinen Teil weiß gar nicht, ob ich das können werde.

    Antworten
  8. Yasmin

    Vielen, VIELEN Dank für diesen Artikel. Sowohl beim Lesen, als auch beim Thema an sich, kommen die Tränen, der Hals schnürt sich zu und das Innere verkrampft sich. Besonders der letzte Absatz bringt es auf den Punkt: Das optimale Rezept zur Lösung fehlt, aber worauf es ankommt, ist eine generelle Reaktion, den Mund auf zu machen. Den Anfängen wehren, für ein MITEINANDER eintreten.

    Antworten
  9. Yasmin

    … was man auch nicht vergessen darf, ist die oft geäußerte Rechtfertigung oder Sichtweise, das Ausländer „uns“ etwas wegnehmen. (Denke Nikes „Weil es leichter ist, die Verantwortlichkeit für das eigene Elend munter auszulagern, statt dessen Ursprung in der eigenen Existenz zu suchen.“ könnte man auch in diese Richtung einordnen) Ich komme ursprünglich aus dem teilweise maroden, sehr sozialschwachen Ruhrgebiet, bin schon immer das Ansicht gewesen, das Dortmund es seinem Fußballverein zu verdanken hat, das es eher für selbigen als für seine extremen Rechtsradikalen bekannt ist. Im Ruhrgebiet folgte dem Wegbrechen der Zechenkultur ein nicht zu verachtender Identitäts- und Selbstwertverlust, Vielen Leuten geht es „schlecht“ dort, wer kann, wandert ab. Im ehemaligen Gebiet der DDR ist es mitunter ähnlich – wie fühlt es sich an, sich als eigener Staat „verwirklichen zu wollen“, was macht es mit der Bevölkerung, wenn dieser wegbricht und die Menschen dort fortan in Verruf geraten, belächelt werden? Auch dort, teilweise sehr einfache Menschen, denen es schlecht geht, die evtl. dem Fehler unterlaufen, zu glauben, es wäre überhaupt möglich, das ihnen was weggenommen würde, das es ihnen besser ginge, wenn dieses oder jenes wegfiele. Menschen, die nicht wollen, das „ihnen jemand die Arbeit wegnimmt.“ Natürlich fehlt das nötige Wissen, eine gewisse Aufklärung, ein Verständnis und eine Wahrnehmung dafür, das die Gründe des eigenen Elends vielleicht in der sozial-wirtschaftlichen Struktur vor Ort, meinetwegen in der eigenen nicht vorhandenen oder mangelhaften Qualifikation liegen. Es ist sowohl im Individuellen als auch im Kollektiven immer schon so gewesen, das es leichter fällt, mit dem Finger auf Andere zu zeigen, als sich selbst zu kritisieren. (wie oft werden internationale Konflikte genutzt um von inneren Schwierigkeiten abzulenken, das war bereits in der Antike so) Dazu kommt, das Identität bzw. Menschen, Gegenüber, häufig eindimensional wahrgenommen werden, es fehlt das Verständnis für die Multidimensionalität und Entwicklung. Die Mehrheit der Probleme in unserer globalen Gesellschaft sind im Grunde auf ein grundlegendes Kommunikationsproblem zurückzuführen, dem ein simpler, daher umso tragischer Denkfehler zu Grunde liegt. Der Mensch – sowohl als Individuum, infolgedessen auch im Kollektiv – ist sich der vorgefertigten, stereotypischen Bildhaftigkeit seines Denkens und dessen beschränkter Gültigkeit in alarmierendem Maße unbewusst, das Unvermögen, die Komplexität der Identität des Gegenübers zu erkennen, und die Neigung zur eindimensionalen Wahrnehmung führen unweigerlich zum Missverständnis. Mag hier gar nicht unnötig fachsimpeln, denke nur das etwas geschehen muss, nicht nur in der Politik, in den Medien, sondern auch im Bereich der Bildung. AKTIV.

    Was ich an den Vorfällen der letzten Jahre besonders erschreckend finde, ist, das man auf einmal ein ganz anderes „Verständnis“ der Situation um 1933 bekommt … in der Schule wurde oft die Frage gestellt, „Wie so etwas passieren konnte“, wieso niemand etwas gesagt oder gemacht hat. Auf einmal kann man die Überforderung, die Fassungslosigkeit darüber, das es Menschen gibt, die die „einfachsten Grundsätze“ nicht nachvollziehen können, nicht verstehen wollen. Wie überzeuge ich jemanden von etwas, was doch im Grunde „selbstverständlich“ sein sollte? Wie erkläre ich jemandem, das man Menschen nicht ertrinken, nicht verhungern, nicht stehen lassen kann, wie erkläre ich, das es nicht „deren Problem dahinten/ am anderen Ende der Welt“ ist, sondern unser aller Zuständigkeit? Wie erkläre ich unsere Beteiligung an solchen Konflikten/ Kriegen im Nahen Osten (als Beispiel)? Wie erkläre ich, das mir persönlich keine Patentlösung für alles einfällt, ich aber nicht der Meinung bin, das man sich raushält, nur weil man keine hat? Wie ermutige ich jemanden, der Angst vor dem Fremden hat, sich dieser zu stellen und den Mut aufzubringen, das Gemeinsame, das Menschliche zu sehen? (- das sind einige meiner Gedanken, ich hoffe, sie verständlich gemacht zu haben, es ist schwer, zu formulieren, aber Schweigen geht nicht mehr)

    Antworten
  10. Monique

    Als Kind verstand ich nicht, dass wir Müll nicht einfach auf die Straße werfen durften. Die Hauptsache war doch, dass ich ihn los war und es nicht mit nach Hause nehmen musste. Weil zu Hause schmeißt man ja keinen Müll auf den Boden. Dort müsste man es ja selbst wieder aufheben. Dort möchte man es ordentlich, sauber und schön haben.
    Dass „Draußen“ aber unser aller Zuhause ist und Müll, der auf der Straße und dann im Meer und dann im Fisch und dann auf unserem Teller und dann in uns landet, unser aller Problem ist, habe ich erst später verstanden. Angesichts schmelzender Pole, Klimawandel, Waldrodungen, aussterbender Tierarten, verbrauchten Ressourcen… die uns als Menschheit bedrohen und das Ländergrenzen überschreitend, wirken diese Unterscheidungen zwischen Menschen doch absolut absurd. Als ob es noch Sinn hätte über offene oder geschlossene Grenzen zu sprechen. Man möchte laut darüber lachen, dass das tatsächlich noch jemand glaubt, wenn es nicht so tragisch wäre, dass das noch jemand glaubt. Oder geht es da nur mir so? Man möchte diesen Menschen in Chemnitz, den Trumps und Klimawandelleugnern nur zurufen: Hallo!!! Wir könnten hier Eure Hilfe gebrauchen – gemeinsam! Sonst gibt es bald nicht mehr viel, um das man sich streiten könnte…

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr von

Related