Brett Kavanaugh – ein weißer Patriarch, viele Konsequenzen

08.10.2018 Feminismus

Es war schmerzhaft, die Anhörung zu verfolgen, in der Dr. Christine Blasey Ford vorletzte Woche vor dem US-Senat unter Eid erklärte, wie Brett Kavanaugh sie 1982 zu vergewaltigen versucht hatte. Es tat weh, die Details jenes Abends zu erfahren und gleichzeitig zu sehen, wie gefasst und klar und sachlich Ford blieb, neun Stunden lang. Vielleicht, weil sie musste und wusste, dass sie an diesem wichtigen Tag nicht nur für sich selbst aufstehen und laut und stark sein würde, sondern auch für alle  anderen Opfer – oder besser: Für alle Überlebenden. Aber auch gegen die letzten zähen Überbleibsel des Patriarchats, das sich in Zeiten der Trumpisierung schon allzu häufig pudelwohl und sicher fühlen durfte. Auch diesmal wieder – angeführt von Kavanaugh, der sich im Gerichtssaal rüpelhaft und respektlos gab. Ford schien dennoch beeindruckend fokussiert und ruhig – als ginge es gar nicht um ihren eigenen Körper, um ihre persönliche Gesichte, der nun die ganze Welt lauschen konnte. Stimmt ja auch. Es ging tatsächlich um viel, viel mehr als „schuldig“ oder „unschuldig“, als Ford und Kavanaugh sich gegenüber saßen. 

Kavanaugh, und das war von Anfang nicht fair, hatte ohnehin so gut wie nichts zu verlieren. Er wäre so oder so weich gefallen, in ein warmes Nest aus Macht und Privilegien. Weil er, das vergisst er selbst zwar gern, einer Elite angehört, weil er weiß, männlich und reich ist und sich noch dazu vor gar nichts fürchtet – außer vor der Wahrheit aus menschlicher statt aus männlicher Sicht und vor Gleichberechtigung natürlich. Dabei gelten für Frauen doch ohnehin ganz andere Regeln, noch immer, das wurde binnen der vergangenen Wochen auf tragische Weise deutlich:

Blasey Ford etwa erhielt zum Zeitpunkt der Anhörung längst Morddrohungen aus konservativen Kreisen. Sie, die mit 15 Jahren wahrscheinlich nur knapp einer Vergewaltigung entgangen ist, musste ihre Söhne aus Sicherheitsgründen bei Freunden unterbringen und wurde aufgrund ihrer Aussagen über den versuchten Missbrauch in aller Öffentlichkeit ausgelacht und bloßgestellt, von Präsident Trump höchstpersönlich, dem die Wählerschaft während seines munteren Victim Blamings zujubelte. Der treue Katholik Kavanaugh durfte trotz weiterer Beschuldigungen beinahe unverändert dem Alltag frönen. Es tat also auch weh, diese verkehrte Welt zu beobachten. Dabei zuzusehen, wie David gegen Goliath verliert. In jedweder Hinsicht. 

Die Anhörung Kavanaughs am 8. Oktober blieb für ihn trotz erdrückender Sachlage aufgrund mangelnder Beweise folgenlos. Fast. Denn quasi zeitgleich wurde er zum Richter am obersten US-Gerichtshof berufen. Er, der wütende Brett, der vor dem Senat häufig nur ekelerregend selbstverliebt und pubertär durch die Gegend grinste statt ernsthaft zu antworten, er, der sich in Widersprüche verstrickte und sich als Chauvinist mit geschwollener Brust präsentierte, er, der seit Aufkommen der Anschuldigungen gegen seine Person weder den Dialog suchte, noch Reue oder Respekt zeigte und dem noch dazu und ohne jeden Zweifel nicht die geringste notwendige moralische Integrität innewohnt, um überhaupt über Recht und Unrecht urteilen zu können, bekleidet ab sofort und auf Lebenszeit also eines der wichtigsten Ämter der U.S.A.

Nein, es geht dieser Tage also keineswegs nur um einen persönlichen Rückschlag für Dr. Christine Blasey Ford oder um die kollektive Kränkung der Frau, es geht auch um die Zukunft einer Weltmacht, über die sich spätestens seit Trumps Tweet an Nordkorea, der einen Atomkrieg immerhin wahrscheinlicher gemacht haben soll, niemand mehr wundert. Die parallel zum wachsenden Wahnsinn immer gefährlicher wird und jetzt noch nicht einmal mehr einen vertrauenswürdigen Obersten Gerichtshof vorzuweisen hat. Dieser Prozess mitsamt seiner Kür, die sich aus Kavanaughs Beförderung speist, bringt Konsequenzen mit sich, die größer sind als Trump. Und die vermutlich länger bleiben werden.

Kavanaugh als oberster Richter, bis der Tod ihn von diesem Amt scheidet, das heißt vor allem: „Women don’t matter“. Weil sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen, so wie Dr. Christine Blasey Ford sie damals mit großer Wahrscheinlichkeit erfahren hat, für Männer wie Trump oder Kavanaugh nichts weiter als ein Kavaliersdelikt ist, einer, mit dem man vor seinen Kumpels munter prahlen kann. In sexistischen Lagern wie diesen existiert diese Form von Gewalt und Machtmissbrauch offenbar nicht, jedenfalls nicht als Straftat, höchstens als Grauzone oder blinder Fleck. Grab her by the pussy. Und dann eben Aussage gegen Aussage. Ist doch nichts dabei. Es bedeutet auch, dass jene Menschen, die gegen die Nominierung Kavanaughs und für das Credo „BelieveWomen auf die Straße gegangen sind, für die Regierung nicht weiter von Interesse sind. Verlässt man sich nämlich auf Erfahrungswerte, dürfte zumindest eine Hälfte des Landes nach diesem öffentlichkeitswirksamen Prozess noch verliebter sein in die Republikaner, die das lästige #MeToo nicht gewähren lassen. All die Menschen, die an Fortschritt und Chancengleichheit und Gerechtigkeit glauben, sind sozusagen egal geworden. Genau wie die essenzielle Rolle des obersten Gerichtshofs als neutraler „Rat der Weisen“ – diese Ära wird wohl spätestens mit dem Abdanken von Ruth Bader Ginsburg und Stephen Bayer Geschichte sein. Das Rechtssystem ist längst dabei, von einer Machtpolitik überrollt zu werden. Schon jetzt.

Denn mit der Berufung Kavanaughs ist der Supreme Court bereits besorgniserregend parteiisch und konservativ aufgestellt – verfolgt man die internationale Presse, sind sich die meisten jedenfalls einig: Jetzt könnte es Minderheiten, der Umwelt und, genau, Frauen so richtig an den Kragen gehen. Die Abkehr vom Recht auf Abtreibung jedenfalls steht irgendwo ganz oben auf Brett Kavanaughs Liste und an das Thema Gun Control mag ich gar nicht erst denken. Leise sein ist also längst keine Option mehr. Auch nicht für euch, liebe Männer. 

7 Kommentare

  1. Anna

    So wenig mir der Ausgang des Verfahrens und die Aufnahme von Kavanaugh in den Supreme Court gefällt.. was ist aus “im Zweifel für den Angeklagten” geworden? Es konnte ihm letztendlich kein Verbrechen nachgewiesen werden und so wichtig es natürlich ist, Frauen zuzuhören und Glauben zu schenken, wenn sie so mutig sind von ihren belastenden Erfahrungen zu sprechen. #Ibelieveher stößt mir irgendwie trotzdem auf. Weil es gegen eines der wichtigsten Prinzipien unseres Justizsystems geht und man Menschen eben nicht nur “einfach so” glauben schenkt, sondern ein guter Richter seine Entscheidung auf Basis von Beweisen und unabhängig von persönlichen Wünschen fällen sollte. Dass die Nominierung für den Supreme Court weiter besteht finde ich fragwürdig, seine Freisprechung ist aber mMn richtig.

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    1. Linda

      Stimme dir da zu, finde aber auch nicht, dass Nike das Gegenteil sagt. Sie schreibt ja: Es geht längst nicht mehr um schuldig oder unschuldig. Sondern um Brett als Menschen, der ,offensichtlich für alle, absolut ungeeignet für diese Position ist. Es bleibt trotzdem ein Schlag ins Gesicht für Frauen und Opfer. Dieser ganze Prozess.

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  2. Thyra

    Dieses beinahe schon reflexartige „der alte, weiße Mann ist der Böse“ und „natürlich sagt die Frau die Wahrheit“, woher kommt dieses starre Denkschema? Wie Anna schon sehr zutreffend erinnert, entweder wir haben rechtsstaatliche Grundsätze oder eben nicht. Verjährung und „in dubio pro reo“ gelten nicht nur, wenn es einem grade in den Kram passt. Vielleicht solltet Ihr mal Details zum Fall Kachelmann und Arnold nachlesen, Stichwort Vernichtungswille, interessant auch, wie sich viele Journalisten hinterher gewunden haben, als neue Fakten auftauchten. Tatsache ist: Wir waren ALLE nicht dabei. Es gibt KEINE Beweise.

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    1. Antje

      Puh. Ich glaube, dass niemand der sagt, ich möchte Frauen* oder wen auch immer, der mir sagt, dass sie/er sexuell missbraucht, vergewaltigt wird, ernstnehmen und ihr glauben, damit gleichzeitig sie Unschuldsvermutung eines Rechtsstaats ausschliesst. Es gibt seeeeeeehr viele Studien, die belegen, dass die Quote der Falschbeschuldigungen verschwindend gering ist. Abgesehen davon, war das Kavanaugh Hearing, dass – man beachte KEIN Gerichtsprozess war, er ist also nicht freigesprochen in dem Sinne – ein Lehrstück in Rape Culture und Misogynie war. Senatoren die sagen, dass 17-jährige Jungs doch auch mal Mist machen dürfen, kümmern sich einen Scheiss darum, dass in den USA abertausende an schwarzen Männern jahrelang im Gefängnis sitzen für Dinge wie Marihuana Besitz in ihrer Jugend. Aber wenn jmd in einer Machtposition ist, mit dementsprechenden Privilegien ausgestattet, weiss männlich Reich, etc. dann sieht das schon ganz anders aus. Aber hey, hauptsache man dreht wieder die Opfer Täter Narration um und geht erstmal davon aus, dass sich alle Frauen das ausdenken, um was genau dadurch zu bekommen? Macht? Recht? #ibelievethem. und schaut doch mal unter #whyididntreport. Weil eben genau solche Kommentare kommen wie hier unter diesem Artikel.

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  3. Jule

    „Vor dem Gesetz ist Kavanaugh am 8. Oktober trotz erdrückender Sachlage aufgrund mangelnder Beweise freigesprochen wurden. “
    Mal abgesehen von dem Flüchtigkeitsfehler: Kavanaugh wurde nicht vor dem Gesetz freigesprochen. Die Anhörung war KEINE Gerichtsverhandlung, er war im juristischen Sinne nicht angeklagt. Es ging darum, seine Eignung für das Amt zu überprüfen. Auch wenn ich persönlich der Meinung bin, dass er sich als ungeeignet erwiesen hat und vermute, dass Blasey Ford die Wahrheit sagt und enttäuscht bin, dass das alles mal wieder keine Konsequenzen hatte: Please get you facts straight.

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