Kolumne // Neuer Mond, neues Haar.

10.10.2018 Beauty, Wir, Leben, Kolumne

Ich leide an chronischer Kopflangeweile. Also oben drauf, nicht innen drin. Vielleicht bin ich auch einfach rastlos oder veränderungssüchtig, beides würde jedenfalls zu weiteren Symptomen wie etwa dem ständigen Umräumen der Wohnung passen. Aber zurück zum Haar. Jahrelang versuchte ich es mir, vernebelt von irgendwelchen Idealvorstellungen, bis zum Po herunter wachsen zu lassen, natürlich vergeblich, weil ich weder so etwas wie eine Bürste für nasses Haar besitze, noch ein Seidenkissen oder einen Geduldsfaden. Genau der ist mir gestern dann erneut gerissen, möglicher Weise wegen des Neumondes, weshalb ich mir nichts dir nichts von Braun auf Blond wechselte. Ganz einfach darum, ohne große Überlegungen. Weil ich schon immer mal wissen wollte, wie ich mit einem hellen Cappuccino-Ton aussehen würde und auch, weil mir Emma Stones Attitüde in „Maniac“ so gut gefällt.

 

Man kann jetzt behaupten: Verfrühte Midlifecrisis. Oder meinen, ich hätte den Knall nicht gehört, so wie meine Mutter. Die würde am liebsten weinen, weil ich keine natürliche Brünette mehr bin und vorher „alles viel hübscher“ war. Bloß geht es darum ja gar nicht. Ums Schönsein. Und das ist eine gute Erkenntnis. Dass es mir lange nicht so egal war, ob andere nun mögen oder belächeln, was ich da mit meinem Haar anstelle. Es geht aber auch darum, das eigene Aussehen nicht allzu ernst nehmen. Darum, fremde Erwartungen nicht länger über die eigene Neugierde zu stellen. Wie viele von uns sinnieren denn monatelang darüber, ob ein Kurzhaarschnitt vielleicht mal was wäre. Oder rote Farbe! Wovor haben wir denn eigentlich Angst? Dass wir uns selbst nicht mehr gefallen? Vielleicht – obwohl das tragisch ist, weil wir ja glücklicherweise mehr als Frisuren sind. Trotzdem: Wahrscheinlich machen wir uns am meisten wegen der potenziellen Außenwirkung in die Hose. Weil das Attribut „hübsch“ noch immer wie Kaugummi an der weiblichen Existenz klebt, so ganz grundsätzlich. In der Schule schon. Da geht es, zumindest in heteronormativen Blubberblasen, weniger darum, die Jungs mit Klugheit und Schneid zu beeindrucken als vielmehr mit makelloser Haut, der richtigen Klamotte oder Wallehaar aufzutrumpfen. Korrigiert mich, wenn mein Dorf da ein Einzelfall war. Ich glaube aber, so läuft der Hase vielerorts. Bis ins Erwachsenenalter hinein. 

„Du hast gut reden“, schrieb mir heute Morgen eine Freundin. „Bei dir sieht das ja nichtmal schlimm aus.“ Nun, Obacht: Ansichtssache. Finde ich aber auch nicht. Also dass dieses Erdbeerblond richtig daneben aussieht. Aber eben auch nicht richtig richtig. Und das macht es so spannend. Es ist nämlich durchaus faszinierend zu sehen, wie so eine optische Veränderung sich auf das Umfeld auswirkt. Wie die Leute reagieren. Die Familie, aber auch Menschen, die man gar nicht kennt. Interessant zu beobachten, wer mir jetzt  auf der Straße entgegen strahlt oder sogar ein bisschen abwertend schaut. Auf dem Spielplatz, so wie gestern. Mit weißer Bluse und dunkelbraunem Bob bewegt es sich schon ein wenig anders in einem Umfeld, in dem Reife und Seriosität eine ganz schön wichtige Rolle spielen. Beides kann einem aufgrund einer läppischen Frisur schonmal abgesprochen werden, jedenfalls wenn man die falschen Turnschuhe dazu trägt. Sogar in Berlin. Gut, ganz so dramatisch ist es natürlich nicht. Aber mindestens ein bisschen anders als zuvor.

„Du siehst jetzt aufmüpfiger aus“, sagte eine Kollegin eben. „Im besten aller Sinne!“. Das war ein Kompliment, weil es eine potenzielle Haltung beschreibt und sich keiner Attraktivitäts-Skala, etwa von eins bis Natalie Portman, bedient. „Aber absichtlich hässlich machen will sich ja trotzdem keiner“, ruft es aus der anderen Ecke des Büros. Doch, das soll es auch geben, aber nein, auch das war nicht meine Intention. Weil es die ja gar nicht gab. Weil ich einfach gemacht habe, worauf ich gestern Lust hatte. Und das macht mich heute glücklich. Auch, weil sich eigentlich gar nichts geändert hat, für mich selbst. Es sind ja doch nur Haare, die nicht im Hirn, sondern oben auf dem Kopf gedeihen. Oder? Nicht nur. Haare können nämlich, wie jede Äußerlichkeit, auch ein Werkzeug sein. Nur welches, das entscheiden wir ganz allein. 

4 Kommentare

  1. Sarah

    Danke, danke, danke, danke, danke für diesen Artikel! Genau das meine ich auch, aber es hängen immer noch alle so fest im Aussehen. Unser Äußeres zeigt unsere Haltung, unseren Charakter, unsere Ideen. Und so wie wir im Kopf Gedanken austauschen, wie wir neues lernen und vielfältige lieben – kurz wie wir mit dem Leben spielen, so können wir doch auch mit unserem Aussehen spielen. 🙂

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  2. Lea

    Word Nike! Ich hab mir letzten Monat nach ewig langer Bedenkzeit meine Haare abrasiert und studiere momentan die Reaktionen meines Umfeldes darauf und auch was diese mit mir machen. Es ist super spannend und bisher komme ich zu dem Schluss: welch ein trubel wegen ein paar läppischer Haare.

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  3. Fritzi

    Toller Artikel! Davon abgesehen, dass Du auch mit neuer Frisi sehr schön bist, ist es einfach eine traurige Wahrheit, dass Frauen bis heute in erster Linie nach dem Aussehen beurteilt werden. Das ist einfach ziemlich traurig!

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