Kolumne // Komm, lass mich deine Ente sein

15.10.2018 Leben, box1, Kolumne

Viele meiner Freundinnen fragen sich zunehmend, wo man ab 30 noch gute Männer findet. Oder eben Frauen. Aber vor allem: Wie man das alles anstellt, wenn man denn endlich jemanden gefunden hat, den man mag. Sehr mag. Kapier‘ ich nicht, habe ich lange aus meiner privilegierten und äußerst bequemen Beziehungssituation heraus gemosert. Kann doch nicht so schwer und vor allem nicht so anders als mit 20 sein. Nun. Heute lache ich laut. Über mich selbst. Weil ich neulich ja selbst wieder bis zur Gurgel in Anfangspanik versank. Ach, was soll das Präteritum. Ganz falsch ist das. Ich habe zwar keine Panik mehr, aber jede Menge Probleme. Vor allem mit den körperlichen Symptomen des Verknalltseins. Die bleiben nämlich gleich, egal wie alt oder jung man ist. 

Nehmen wir zum Beispiel meine Oma. Die hat ihren Freund beim Sport älterer Generationen kennengelernt. Während eines Fahrradausflugs, um genau zu sein. Die Geschichte dazu ist so schräg und schön, dass sie immer wieder erzählt wird, weil ich immer wieder nachfrage, und zwar meistens, während wir zu zweit einen halben Aprikosenriemchenkuchen vertilgen. Oma fuchtelt dann immer ganz nervös mit ihrer Gabel auf dem Teller herum und schaut verschmitzt nach unten, mit rosa Wangen. Das ist süß. Und faszinierend anzusehen. Sobald ihr nämlich die Liebe zu Kopf steigt, bewegt sie sich anders, sie spricht anders und sitzt auch anders, tief in den Stuhl gerutscht, so wie früher. Mit 25 vielleicht. Man meint dann fast, sie hätte sich am Morgen nur so zum Spaß in ein betagtes Rentnerinnen-Kostüm geschält – um uns allen einen Bären aufzubinden. In Wahrheit ist sie aber bloß verknallt – mit über 80. Manche Dinge ändern sich nämlich wirklich nie, sagt Oma.

Ich glaube, das stimmt. Jedenfalls fühle ich mich nun offiziell auch wieder wie mein 17-Jähriges ich, nur schlimmer. Weil ich schon zu viel weiß und erlebt und beobachtet habe, jahrelang. Das entspannt im Gegensatz zu allen anderen Lernprozessen jedoch nur wenig, ganz im Gegenteil, die Erfahrung macht, dass es mit all den Versuchen nicht besser, sondern höchstens kniffeliger wird. Im Sinne von:  Warum hilft mir denn niemand, das Rätsel zu lösen? Die Kunst des Kennenlernens war und ist und bleibt ein Mysterium, das sich wohl nur entschlüsseln lässt, indem wir uns mitten rein werfen. Und durchhalten. Und aushalten. Die Aufregung meine ich. Die Anfangsängste. Und all die Unsicherheiten. 

Ich hatte gefühlt nie weniger Ahnung davon, wie die Sache mit dem Daten nochmal exakt funktioniert. Wie man es richtig anstellt, so als erwachsener Mensch. Und ob es überhaupt ein falsch gibt. Vielleicht ja nicht, das würde jetzt jedenfalls die Dichterin Nayyirah Waheed anmerken, die außerdem schlaumeiert, dass wir niemals zu viel oder zu wenig sei können, sondern nur wir selbst. Wäre dem so, könnte ich jetzt endlich durchatmen. Weil: Da machste eh nix. Eine beruhigende Theorie. Die in der Praxis versagt. Vor Verabredungen wird mir jedenfalls auch nach vier Monaten noch immer ganz übel und heiß, überall. Das Herz rast während das Hirn schweigt und die Hände vor lauter Anspannungsschweiß in der Hosentasche kleben. Ist doch normal, sagt Oma. Ist doch total niedlich, sagt mein bester Freund. Ich finds nur scheiße. Weil all diese Gefühlsduselei mich davon abhält, wie ein prächtiger Schwan vor meinem Angebeteten herumzuflattern. Oder zumindest wie ich selbst. Stattdessen mache ich die Ente. 

Einmal habe ich mich so sehr darauf konzentriert, gelassen und unantastbar zu wirken, dass ich dabei das Schlucken vergessen habe, weshalb mir im Restaurant ein Tropfen Spucke auf die Hand, die mein Kinn hielt, plumpste. Wittere ich hingegen, dass jetzt gleich richtig rum geknutscht wird, dann schlucke ich in vermeintlich weiser Voraussicht permanent – so oft, dass immer mehr Spucke nachkommt, unendlich viel mehr. Ein unpraktischer, unglaublich wenig hilfreicher Automatismus, den ich so noch gar nicht kannte. Naja, außer von früher eben. Als Christian mir auf der Klassenfahrt nach Aschau die Zunge in den Hals stecken wollte, erfolglos, weil ich mit einem ausweichenden Hechtsprung mit dem Hinterkopf voran gegen das Hochbett gedonnert und ohnmächtig geworden bin. Viel hat sich im Vergleich zu damals also nicht geändert – nur dass ich heute leider nicht mehr umfalle, so sehr ich es mir manchmal auch wünschte. Nein, ich muss da durch, jedes Mal. Und  zwar immer wieder von vorn. Das Daten erscheint mir nun viel langsamer und vorsichtiger von statten zu gehen. Weil ich selbst ein bisschen langsamer mit allem bin, ganz im Gegensatz zu früher. Da wurde ich manchmal binnen weniger Wochen zu einem Pärcheneintopf weichgekocht bis fast nichts mehr von mir übrig war. Von außen betrachtet sah das aus wie Innigkeit. Heute weiß ich: Das war  wohlige Selbstaufgabe, die eigentlich nirgendwo anders als im Klo landen konnte.

Man kann also zusammenfassen, dass viele von uns mit 30 durchaus verstörter sind als mit 20, aber auch gewitzter, zumindest unterbewusst. Möglich, dass diese ganze Panik also gar nicht der Feind, sondern ein ziemlich guter Freund ist, dessen Anwesenheit wir nicht länger verteufeln, aber umso mehr begrüßen sollten. Angst macht uns zwar unsicher, aber auch stärker. Weil wir uns selbst viel weniger vergessen, sobald Gefahr droht. Weil wir uns dann spüren. Ja, wirklich. Alle Welt redet immer davon, sie abzuschütteln, aber wie soll man denn, nach allem, was war. Ist es nicht viel logischer, sie gewähren zu lassen, weil sie uns möglicherweise dabei hilft, ein ganz eigenes Tempo und Konzept zu finden? Für den Anfang? Als regulierende Instanz? Denn natürlich sitzt sie uns im Nacken. Das ist super! Das heißt, dass es um etwas Großes geht. Ginge es um etwas Kleines, wäre vielleicht keine Spucke da, aber auch keine Zukunft. Und wer von der Zukunft träumt, kann wohl kaum anders als durchzudrehen. Dagegen machste wirklich nix. Dagegen hilft auch nichts. Nur Zeit. Am Ende müssen wir vielleicht gar nicht das Daten und Verlieben mit 30 lernen, sondern den Müßiggang innerhalb der Liebe, das Geduldigsein, auch mit uns selbst. Feststellen, dass es nicht schlimm ist, hin und wieder vor Aufregung zu sabbern, weil das eigentlich nur heißt: Ich mag dich echt. Meine Oma sagt immer: Redet miteinander. Das habe ich neulich gemacht. Zum ersten Mal habe ich gesagt, dass ich Schiss habe. Und dass ich vermutlich nur so viel Schiss habe, weil wir uns so sehr mögen. Dass ich noch immer aufgeregt bin und irgendwann vielleicht mal brechen muss, wegen alldem. Er hat dann gesagt, dass er mein Haar hält. Auf jeden Fall. Seitdem daten wir nicht mehr. Wir sehen uns bloß immer wieder. 

 

11 Kommentare

  1. Marlene

    Bei den letzten paar Zeilen lief mir ein Schauer vom Nacken abwärts hinunter, voll Rührung im schönsten ihrer Sinne. Danke dir!

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  2. Liza

    Danke Nike. Genau das. Genau jetzt. Ich dachte ich bin die einzige, die die Pubertät wieder und wieder fühlt.

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  3. Ising

    Danke dafür. Trifft mich grad genau in meinem eigenen Angst-Freude-Aufregungs-Chaos. Dachte ich bin kindisch und unlocker (mit 40). Aber leicht wär ja auch zu leicht

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  4. Marini

    Nike!
    Kann mich den Kommentaren nur anschliessen: Ganz ganz grosses Pubertätskino! Vielen Dank für diesen Text. <3

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  5. Anne

    Deine Worte haben den gleichen Effekt wie der Frühling: trotz – oder gerade auf Grund – des Risikos Lust auf erste Male. Danke dafür, ich hatte es zum Herbstbeginn kurz vergessen! <3

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  6. Hirndiva

    ….meine Oma erzählte mir, als ich mich beim ersten dollen Liebeskummer bei ihr ausweinte ( sie war in diesen Dingen meine wunderbare Ansprechpartnerin ),
    daß sie noch immer von ihrer ersten großen Liebe träume, ( nicht der Opa, der kam viel später).
    Ich fand das damals furchtbar, so nach dem Motto…hört das denn nie auf, für’s Leben gezeichnet….
    Heute, selbst im Oma -Alter…finde ich es schön zu wissen, starke Eindrücke bleiben, Erlebnisse formen uns und machen uns zu dem Glanzmosaik was wir am Ende unseres Lebens sind.
    Auch wenn es manchmal weh tut.

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  7. Simon

    Don’t let age get in the way of your true joy and happiness. It is great to be in love, I am happy for you! It is truly a romantic story.

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