Kolumne // Ein kurzer Text über das Explodieren.

31.10.2018 Wir, Leben, box1, Kolumne

Ich glaube zum Glück an das Phoenix-aus-der-Asche-Prinzip und auch daran, dass überhaupt rein gar nichts auf der Welt uns auf Dauer das schöne Leben vermiesen sollte. Toll, sagen da jene, die gerade herzverblutet auf dem Zahnfleisch kriechen, schön für dich, aber wie funktioniert das denn? Manchmal eben gar nicht. Manchmal kriegt man so sehr auf die Fresse, dass man meint, nie wieder reden zu können. Weil da momentan sowieso nur Geheule aus dem Mund raus kommt, in dessen Ecken reichlich getrocknete Rotz-und-Wasser-Spucke klebt. Manchmal scheint das Ende nah und man freut sich sogar darüber. Bloß kommt es ja nie. Nein, man muss da immer weiter durch.

Es bleibt einem also zwangsläufig gar nichts anderes übrig, als irgendwann zwischen zwei Abzweigungen zu wählen. Entweder schaut man sich dann den Tiefpunkt von unten an und bleibt weiter liegen, um alles Gute zu verpassen und am Ende aller Tage blöd aus der Wäsche zu schauen, oder aber man berappelt sich, mit aller Kraft, weil man insgeheim ahnt, dass das die viel bessere Idee ist. Was mir damals am meisten beim Überstehen dieser gefühlten Unmöglichkeit geholfen hat: Wut. Reine, pure, tiefe, hässliche Wut. Wut wie mitten aus der Hölle rein in meinen Bauch gepflanzt. Dabei ist sogar das Fenster in der Tür zum Flur zersprungen. War mir egal. Weil es sich nämlich heilsam angefühlt hat, mal so richtig was kaputt zu machen, etwas, das eigentlich nicht kaputt sein sollte. Vielleicht, weil dann etwas Greifbares noch kaputter ist als man selbst und man es dann symbolisch wieder flicken kann. Oder einfach, weil es nötig war. Weil man ohnehin viel weniger rauslässt als man runterschluckt, vor allem als erwachsener Mensch, der ja gemeinhin lieber Ruhe bewahren sollte, empfehlen die Leute. Stimmt ja auch meistens. Es gibt aber Phasen, da sind Regeln überflüssig, weil sich eh keiner dran halten kann. Schade auch, dass es noch immer keine Gebrauchsanweisung zur Genesung gibt. Verletzungen kommen nunmal in vielen Farben.

Gut für die Seele war aber ebenjenes innere und äußere Explodieren, das massive Fühlen statt versuchte Verdrängen, durch das plötzlich eine Kraft ans Tageslicht katapultiert wurde, von der ich längst vergessen hatte, dass sie in mir steckt. Ich habe, statt weiter zu trauern, vor lauter Taubheit angefangen zu fluchen. Laut und leise. Über den, der über Nacht seine Sachen gepackt und nur einen Brief hinterlassen, Verlobung hin oder her. Noch mehr aber über mich. Darüber, dass ich mir manches so sehr wünsche, dass ich dazu tendiere zu vergessen, was echtes Glück bedeutet, auch jetzt noch hin und wieder. Darüber, dass ich mir kurz so wenig wert war, dass ich sicher war, mein Glück hinge tatsächlich von jemand anderem ab. Denn das ist, ihr wisst es, falsch.

Richtig ist aber, dass es weiter geht und auf aller jeden Fall wieder gut werden kann. Wenn man es nur zulässt. Viel braucht man gar nicht tun, bloß aufhören zu versauern sollte man. Wenn man sich gießt wie ein Pflänzchen, aus einer Kanne prall gefüllt mit Herausforderungen und Dingen, die man nie zuvor gemacht hat, mit Spaziergängen und Büchern und Freunden und langen Nächten, mit temporärer Unvernunft, mit verdientem Faulsein und Nachsehen und Geduld. Dann kommt er, der Tag, an dem man plötzlich wieder lacht und das Rascheln der Blätter bemerkt, an dem der Kaffee wieder schmeckt und das Haar wieder sitzt. Und ich glaube, dann kapiert man langsam, dass sowieso nichts jemals sicher sein wird. Das muss es auch nicht. Solange wir mutig bleiben und das Abenteuer erkennen, das in Rückschlägen steckt. Also weg mit der Sorge und her mit dem Jetzt. Her mit uns. Die gute Nachricht ist nämlich: Das Schlimmste, was hätte passieren können, ist wahrscheinlich sowieso längst passiert. Alles andere schaffen wir locker. Wäre doch ein Witz, wenn nicht.

11 Kommentare

  1. Annabelle

    Ach Nike. Das hört sich alles gar nicht gut an und gleichzeitig hört es sich schon wieder ziemlich gut nach Nike an. Ich glaube aus tiefstem Herzen und aus eigener Erfahrung an die Kraft des Phoenix. Raus aus der Asche. Und jedes Mal werden wir stärker. Und manchmal habe ich sogar die schlimmsten Momente rausgeholt um mir zu zeigen, dass ich alles schaffen kann: Ich stand am Grab meiner Mutter und 6 Wochen später am Grab meines Vaters – was sollte meine Welt mehr erschüttern? Ein Mann? Ein Job? Das half mir viele Jahre… später dann auch noch „ich habe 2 Kinder geboren“ oder einfach „ich war schon mit 2 hungrigen Kleinkindern im Supermarkt“
    Alles Gute beim Aufstehen und Stehenbleiben.

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  2. Lorena

    DANKE! Danke, liebe Nike. Höre mir jetzt immer „Survivor“ von Destiny‘s Child an…in so Momenten halt!

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  3. Nora

    Liebste Nike,
    danke zum gefuehlt tausendsten Mal fuer deine Worte und dein einfach Sein und dein Teilen!
    Eins habe ich mich beim Lesen gefragt, ob du es beantwortest sei natuerlich ganz dir ueberlassen – wie hast du es mit all dieser Wut im Bauch geschafft, heute befreundet zu sein und Frieden zu schliessen?
    Es klingt sehr schmerzhaft, was du waehrend der Beziehung und ihrem Ende erlebt hast. Von dem, was du bisher darueber geschrieben hast, schient ihr oft sehr unterschiedliche Ansichten und Ansaetze zu haben und meinem (natuerlich sehr begrenzten) Eindruck nach warst du oft diejenige, die viel emotionale und innere Arbeit geleistet, eigene Widerstaende ueberwunden und sich eventuell an die Eigenarten und Traeume des anderen angepasst hat. Und jetzt schreibst du, er hat sich mit einem Brief verabschiedet. Autsch. Fast ein bisschen wie der beruehmt-beruechtigte Post-It Abgang in Sex and the City.
    Ich kann mir vorstellen, dass du mit der Zeit auch gelernt hast, dass Leute oft in ihren eigenen Beschraenkungen handeln und nicht mit der Absicht, zu verletzen, auch wenn sie es tun. Aber wie passt das mit dem Gefuehl der Wut zusammen, das, zumindest fuer mich, immer auch ein bisschen verknuepft ist mit dem Pochen auf die eigene Position und der Verteufelung desjenigen, der einem da weh tut. Natuerlich eine voellig legitime Emotion und ein coping mechanism, aber Wut und Frieden schliessen stehen doch in einem ziemlich diametralen Verhaeltnis zueinander (und ich habe immer das Gefuehl, ich muesste mich fuer das eine oder das andere entscheiden). Oder wie siehst du das?

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  4. Susi

    So richtig! Das Leben hat so verdammt viel zu bieten. Das Kämpfen regelt Gott sei Dank der Überlebensdrang, das Verzeihen dauert viel länger. Das Verstehen, dass die Krise eines Anderen nichts mit Deinem Wert zu tun hat und ihm seine Unzulänglichkeit zu vergeben. Danke für diesen wunderbaren Text!!!!

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  5. Lena

    Tolle Worte! Wenn einen der Mann sitzen lässt, den man liebt wie keinen zuvor… dann ist das erstmal einfach nur scheiße. Und die Art, wie er es tut macht es oft nicht besser. Aber langsam kam auch bei mir alles Alte zurück. Und es wurde viel besser. Die tollste Traumwohnung, der super neue Job. Und die Erkenntnis, dass es gar nicht so toll war mit ihm. Das mein Leben zurück kommt, was ich zu Teilen unterwegs mit ihm verloren habe. Das ich in seine Welt zwar passte, mich da aber nie so wichtig zuhause gefühlt habe. Und das wir keine Zukunft für immer hätten haben können. Auch wenn der Gedanke daran schön war. Das tut erstmal weh. Aber es macht auch stark. Wenn Wochen später der Mann um die Ecke kommt und alles ein Fehler war… dann sticht es kurz. Aber mein Leben geht trotzdem ohne ihn weiter und das sogar ziemlich toll. Ich wünsche dir alles Glück der Welt!

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  6. Melou

    Liebe Nike,

    Ich danke Dir für diesen so ersehnten Artikel. Du schönster Phoenix! Und Gratulation zur Nicht- Hochzeit!
    Heute hab ich mir zum ersten Mal wieder eine Tasse Kaffee gemacht – hat noch bitter geschmeckt. Aber die Lust war da.

    Lulu

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  7. Pingback: Cherry Picks #36 - amazed

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