Kolumne // Deprofessionalisiert euch.

10.04.2019 Leben, Gesellschaft, box1, Kolumne

Ich habe mir gestern ein neues Notizbuch angelegt um mein Hirn zu ordnen, mit verschiedenen Spalten und Themenbereichen und Farben und Kästen und Tabellen, mein erster Decluttering-Versuch, schrecklich. Vierzehn fast leere Seiten sind das in etwa, die mich seither erwartungsschwanger anglotzen und gierig auf die Rollmiene meines Kullis warten, in dessen Hals irgendjemand meine Initialen hat eingravieren lassen. Während ich das hier tippe, sitze ich in meiner Küche auf einem Ballkissen, das farblich zum Stuhl darunter passt, zu meinen Füßen liegt eine Yogamatte, die heute früh schon brav beackert wurde und links röchelt die neue Kaffeemaschine, die jetzt alles ganz automatisch macht. Man könnte fast meinen: Ich habe endlich mein Leben im Griff!

Das stimmt aber nur ein bisschen. Ich bin nämlich auch genervt. Von dem Fakt, dass ich mich zweifelsohne angesteckt habe mit diesem Drang, die Dinge des Daseins permanent verbessern zu wollen. Nicht nur hier und dort, sondern in fast allen Lebenslagen. Aus dem Phänomen der allseits betriebenen Selbstoptimierung scheint mittlerweile ein süßer Brei geworden zu sein, der sich Stück für Stück in jede noch so kleine Ritze des Alltags schiebt. Oder in Kleiderkisten! Gibt es hier denn überhaupt noch jemanden, der in letzter Zeit nicht versucht hat, Jeanshosen wie aufrecht stehende Dominosteine aneinander zu reihen, mit Marie Kondos belastend zartem Stimmchen im Ohr? 

 

Oder gestern, da stand ich im Fitnessstudio umringt von in Schale geschmissenen After-Work-Sportlerinnen, manche trugen sogar Herzfrequenz-Uhren und Hosen mit geflochtenen Details zwischen Poansatz und Unterrücken, die allesamt Bluetooth-Kopfhörer in den Ohren stecken hatten und hielt dabei selbst eine Tricolor-Trinkflasche in dänischem Design von HAY in den Händen. Hä?

Wenn meine Mutter mich nach einem Bild vom Mann und mir fragt, weil wir ja schon wieder so lange nicht zu Besuch waren, dann drücke ich zuweilen nicht einfach so auf den Auslöser, sondern suche erstmal nach einem netten Hintergrund, um dann ein nettes Gesicht aufzulegen und nett zu posieren. Ich weiß, dass das viele machen: Fotos von Freunden zum Beispiel, die sich anordnen als ginge es dabei um die Präzision einer Hochzeitskomposition in Goldener-Schnitt-Manier.

Ist das nicht bescheuert?

Dass wir mittlerweile längst einen Automatismus entwickelt haben, der ganz zum Konzept genau jener Industrie passt, die laut eines älteren Zeitungsartikels pingelig darauf achtet, nur solche Lampen in Restaurants aufzuhängen, die das Servierte ins rechte Licht rücken, ganz zu schweigen vom Interieur und Aufbau sämtlicher (öffentlicher) Räume, die auch gleich wieder in die Tonne gekloppt werden können, sofern sie nicht instagrammable sind. Meine Bekannte J. knickte neulich außerdem ein, als sie mir offenbarte, jetzt endgültig darauf zu scheißen, ob ihr Bücherregal nun fotogen daher komme oder eben nicht, genau wie Bad, Schlafzimmer und Küche. Geht ja gar nicht, wenn man richtig wild leben und nicht nur zeigen will, begriff sie und ich staunte, weil ich wusste, von welchem Irrsinn sie da sprach und trotzdem nicht glauben konnte, dass Problemchen wie diese heute zu ganz normalen Denkprozessen dazu gehören zu scheinen. 

Gut, ich übertreibe hier gerade meinetwegen ein bisschen, aber an manchen Tagen sehe ich wohin ich auch blicke Professionalität in unterschiedlichster Ausprägung: Augenbrauen on fleek, Skizzen, die mit dem Lineal unterstrichen werden, Salate mit Superfood-Streuseln, blank polierte Räder, deren Sättel stilistisch und farblich zum formvollendeten Kindersitz passen, Spotify-Playlists, auf denen sich nicht ein einziger Trash-Song für die Seele tummelt, es kann schließlich vorkommen, dass der Private Session Modus mal hakt, Büros, die weißer sind als die gebleachten Zähne regelmäßiger Grill Royal-Gänger, Frisuren wie aus einem Geometrie-Lehrbuch, unwirklich faltenfreie Blusen und Hälse, Turnschuhe wie frisch aus dem Ei geschlüpft, Kalender, die keinen Raum zum Bummeln lassen – und Leute: In meinem Supermarkt ums Eck läuft jetzt nur noch Jazz, statt die Hitliste von 2005. 

Bitte sagt, dass ihr versteht, was ich meine, auch wenn Ella Fitzgerald natürlich angenehmer klingt als Daylight in Your Eyes von den No Angels. Wenn doch alles nur nur noch strahlt und klappt und geil aussieht, wo bleibt denn da das charmante Chaos? Die Anziehungskraft der liebenswürdigen Hässlichkeit? Das schöne Scheitern und Schludern?

Ich sage nicht, dass es nicht erstrebenswert wäre, seinen Scheiß im Griff zu haben. Sich zu pflegen und meinetwegen auch scharf anzusehen. Oder Ordnung zu halten. Vor allem Letzteres macht ja durchaus Sinn. Aber immer? Unser Leben ist doch kein Job. Und wir machen das doch alle zum ersten Mal. Macht (also) mal halblang, meint auch der Bestseller-Autor Matt Haig in seinem neuen Buch über unseren nervösen Planeten. Und beruhigt euch. Es ist nämlich gar nicht schlimm, sondern mitunter sogar sehr gesund, ein bisschen durch die Tage zu schlawinern, auch ganz ohne professionellen Masterplan.

18 Kommentare

  1. Pat

    Liebe Nike, genau so isses. Ich muss auch mit Entsetzen feststellen, welche Ideale jüngere Menschen so haben und wie sehr sie sich selbst unter Druck setzen. Und ihr Blogger gehört zu upper class (meine Meinung), da ist es noch schwieriger den Schlendrian zu leben.
    Ich habe heute frei und liege noch im Bett, während ich deinen Artikel lese und bin froh, Nichts für niemanden ins rechte Licht rücken zu müssen.
    Die Anforderungen stellen wir nur ans uns selbst, weil wir den Druck von außen annehmen und es ist einer der größten Aufagen im Leben, sich davon zu befreien. Du kannst ein Vorbild sein in diesem Punkt und das wirst du bestimmt auch! Liebe Grüße, Pat

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  2. Franziska

    Um ehrlich zu sein verstehe ich diesen ganzen Perfektions-Wahn auch nicht. Ich mache mir nichts aus Superfoods (freue mich an dieser Stelle auf meine Spaghetti heute Abend), meine Turnschuhe sind dreckig und werden übrigens bei kühlen Tagen mit Socken getragen (!!), um meine Klamotten faltenfrei zu bügeln fehlt mir einfach die Lust …
    Ich bin auch für mehr Entspannung in allen Lebenslagen. Als wäre das Leben nicht schon anstregend genug machen wir uns ohne Ende ständig selbst Streß. Ist doch eigentlich irre.

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  3. Anne

    Oh Gott, ja danke und amen amen amen (Mist, bin aus der Kirche ausgetreten – darf ich das noch sagen?). Es ist alles so inszeniert und alles vermeintlich nicht passende ist oftmals auch inszeniert, weil zu inszeniert ja wiederum nicht authentisch ist und das ist ja auch so wichtig. Quasi, gemanagedes Chaos über all (out of bed-Hair, ungezupfte Augenbrauen als Trend…).

    Ich frage mich wieso? Ist das ein Kontroll Zwang? Weil geordnetes Äußeres auf ein geordnetes Inneres schließen lässt? Weil in so einer schnelllebigen Welt nur Zeit dafür da ist, das wahrzunehmen, was auf den ersten Blick zu erschließen ist? Gewöhnen wir uns durch die kollektive Professionalisierung jedes einzelnen Lebensbereiches nicht immer mehr an eine Gleichsetzung von Innen und Außen und treiben wir uns damit dann nicht immer weiter in den Wahnsinn, weil doch eigentlich jeder weiß, dass ein farblich geordnetes Bücherregal (hab ich auch) rein gar nichts mit der Seelen-Ordnung zu tun hat? Ich glaube immer mehr, dass die, die nicht auf diese äußere Ordnung Wert legen, viel resistenter sind, weil sie Seelenruhe nicht an die Abstinenz von Diskrepanzen (und wenn auch nicht ästhetisch, optischer Natur) knüpfen.

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    1. Marie

      …“ Weil geordnetes Äußeres auf ein geordnetes Inneres schließen lässt?“ Ich glaube, da bist du auf der richtigen Spur. Alles schöne Fassade und dahinter das ganz normale Leben. Manchmal erscheint es mir, dass wir mit der Instagram-heile-Welt nicht nur den anderen, sondern auch uns selber etwas vormachen wollen, anstatt das Internet Internet sein zu lassen und die realen Sorgen und Probleme wirklich in Angriff zu nehmen. Ist natürlich „anstrengender“ als die Fassade aufrecht zu erhalten.

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    2. Hedi

      True. Liebe diese gestellten Chaos-Wäscheberg-Instaposts von family oder interior bloggern, um zwischendurch immer mal wieder zwischen den perfekten Fotos „Authentizität“ durchscheinen zu lassen und Sympathie zu ernten

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  4. Miriam

    Großes Verstehen meinerseits: während ich den Artikel las, konnte ich spüren wie mein innerer Stresspegel mit jedem Satz sank. Jetzt bin ich etwas stutzig und frage mich von wem oder was ich mich so dermaßen stressen lasse!? Woher kommt dieser Anspruch den ich an jeden Tag und jedes „Ding“ lege (und ich verdiene mein Geld nicht mit Bloggen oder Instagramposts). Dieser Hang zum Optimieren (du nennst es Professionalität) ist wie ein giftiger Zwerg der immer neben einem steht und sagt „na, dass geht aber noch besser, nicht?!“
    Danke für diesen Denkanstoß

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  5. Julia

    Hach! Wie wahr, wie wahr! Danke für diese Worte! Habe mich kurz gedanklich zurück katapultiert gefühlt, in die Zeit, als ich fleißig auf Instagram mein Leben dokumentierte: Erst, als ich damit aufgehört habe, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, was für einen Wahnsinn ich da gelebt habe, denn wenn man irgendwann bei jedem Ding, das man kauft, überlegt, ob es farblich in die nahezu perfekt inszenierte Wohnung passt (oder zumindest in die eine perfekte Ecke, die immer und immer wieder fotografiert wird), und nur mehr in ganz bestimmte Caféhäuser geht, die so schön zu fotografieren sind, bis hin zu der absurden Sorge, dass das eigene Atelier, abfotografiert, nicht dem gängigen Klischee eines Künstlerateliers entspricht (weil Teppichboden!) – spätestens dann wird einem klar, in welch absurdes Regelwerks-Korsett man sich (freiwillig!) gezwängt hat.
    Jetzt bin ich super glücklich ohne Instagram Account, und jedesmal, wenn ich mein meist unaufgeräumtes, mit Chaosecken und „dem Stuhl“ (ihr wisst, welchen!) vollgestelltes Zimmer betrete, bin ich einfach nur froh, dass ich all das da sein lassen darf, dass ich endlich nur FÜR MICH lebe, und es absolut niemanden juckt, dass meine Umgebung alles andere als perfekt inszeniert aus dem Ei gepellt ist!

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  6. Nora

    „Salate mit Superfood-Streuseln“

    Da musste ich kurz auflachen. Wie schön, dass du wieder für uns schreibst!

    Und ja zu allem in diesem Artikel. Ich „faste“ zurzeit Instagram und muss sagen, dass nicht nur meine Handyzeit runter gegangen ist, sondern ich es tatsächlich entspannter finde, mich nicht mehr ständig dabei zu erwischen, jeden schönen oder interessanten Moment per Foto auffangen zu wollen, ganz nach der verinnerlichten dummen Idee „If it’s not on social media, did it really happen?“ Darum kann ich persönlich nur empfehlen, sich dem häufiger mal zu entziehen, durch bewusste Auszeiten oder auch radikales Löschen, wenn es zu viel wird.

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    1. Anne

      Das mache ich auch! Und ich finde es wirklich verwunderlich, wie wahnsinnig wenig (nichts) ich vermisse, obwohl ich vorher wohl eher Power Userin war.

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  7. Nina

    Darauf erstmal Avril Lavigne “I’m with you” auf volle Pulle. (Das lief gestern im Supermarkt und ich habe mich beim mitsingen erwischt und gefreut)

    Danke, liebe Nike! Wahre Worte ❤️

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  8. Susi

    Bis August habe ich beim Fernsehen gearbeitet. Alles war furchtbar hip, alle sahen immer fancy aus, Style war irgendwie wichtig und auch Thema. Das hat mir auch irgendwie Spaß gemacht. Seit September habe ich einen neuen Job. Und zwar in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einer ziemlich popeligen Behörde in einer Kleinstadt etwas von Köln entfernt (keine Befristung mehr, mehr Urlaub, Tarifvertrag… safety first :-D). Und es ist verrückt. Hier juckt es keinen, was ich anhabe! Manchmal belächeln sie meine „zu kurzen“ Hosen, aber größtenteils ist es ihnen wirklich einfach schnurtzpiepegal wie ich angezogen bin. Wichtig ist, wie ich arbeite. (Das war auch früher nicht unwichtig, aber da war es eben auch wichtig, beim Termin einen gewissen „Lifestyle“ zu verkaufen.)

    Und soll ich euch was sagen? Es ist unheimlich befreiend, wenn das Äußerliche und die Klamotten keine große Rolle mehr spielen. Ich bin viel ruhiger und fühle mich mehr denn je „gesehen“. Und wenn ich abends und am Wochenende dann in der großen Stadt (haha Kölle) ausgehe, dann macht es doppelt Spaß, mich wieder fancy und hip anzuziehen. Ich shoppe auch viel weniger. Und weniger Trends. Gute Sache.

    Ich kann dich also nur zu gut versehen!

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    1. Isa

      Oh, ich weiß genau, was du meinst! Ich war auch in einem coolen Altbau-Büro mit Macs & goldenen Stuckverzierungen, wohin man sah. Allerdings natürlich unterirdische Bezahlung, aber das ist ein anderes Thema. Seit letztem Jahr hat es mich in den öffentlichen Dienst verschlagen und am Anfang dachte ich „Nope, das funktioniert nicht. Viiieel zu spießig!“ und habe mich ein bisschen wie ein Paradiesvogel gefühlt. Außerdem, ganz ehrlich, haben mir die Macs gefehlt. 😉 Aber mittlerweile finde ich es super. Vermutlich, weil man sich im öffentlichen Dienst entschleunigen muss. Langsame IT, entspannte Kollegen in beigen Cardigans und nullkommanull Risiko, einfach gekündigt zu werden. Ist also absolut untrendy hier und ich liebe es. Kann mich bunt anziehen, wenn ich will, oder auch mal gar nicht. Hauptsache ich weiß, was ich den Kunden erzähle und habe Gesetze & Co. im Kopf. Der Instagram-Wahnsinn zieht nicht und von „on fleek“ hat hier noch nie jemand was gehört. Wenn ihr euch entspannen wollt, kommt ins Amt, Leute! ;D

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  9. lenfantvivant

    Liebste, ich finde deinen Ansatz und die Energie toll. Vielleicht wäre es noch interessant in die Ebene hineinzugehen, wer du bist und die Seele welche deinen Körper bewohnt. Dann geht es nicht mehr um die Professionalisierung jedoch wie du schreibst um dein Sein. Dieses kann in der Form sein von wildem Treiben, liebend, schreiend what ever it is. Durch die Gesellschaftspflicht welche enstanden ist, kommt die Ängste genau dem auf den Grund zu gehen. Mal sehen ob du das sebe liest in d Songtext von Nina Simone – Don’t let me be misunderstood und Nelly Furtado mit – Try.. denn hier finden sich viele gute Anworten dazu. Sobald das Ikigai bestimmt, kann man sein und tut das was stimmt. Dies ist der Norm der Gesellschaft fremd, jedoch transparent und offen, gesund im Verstand. Ist es nicht genau das, mit dem sich die Gesellschaft auseinandersetzt seit ages . . . war, ego, irrationalität. You name it. Freue mich deine Reflektion zu spühren.

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  10. Rebecca

    Danke, danke, danke! Schon seit Wochen sitze ich jeden Tag in der Unibibliothek, darauf wartend, dass doch endlich mal die Produktivität um die Ecke zischen mag, um auf der Zielgeraden nicht noch in Stress zu geraten. In meiner Schluderei dann auf diesen Artikel zu stoßen, entspannt zumindest ein klein wenig.

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