Berlin, dein Spießertum bekommt mir nicht

26.04.2019 Kolumne

Es ist 7:43 Uhr, ich sitze auf dem rauen Dielenboden unserer Wohnung und trinke einen Kaffee aus einer hübschen, dunkelgrauen Glastasse, die mir meine Freundin Anny zum Einzug überreicht hat. Ein bisschen über einen Monat wohne ich nun schon in Berlin, so richtig fest. Sogar meine alte Adresse, die auf meinem Personalausweis steht, wurde bereits mit einem Sticker überklebt. Und das, obwohl mich alle davor warnten, bei den Berliner Behörden mehrere Monate auf einen Termin warten zu müssen. Überhaupt wurde ich ganz oft gewarnt, vor den hohen Mieten, vor der Wohnungsnot, vor hippen Cafés, vor überteuerten Flohmärkten, Drogen, Kriminalität, Öko-Eltern, schnöseligen Schwaben und stickigen U-Bahnen.

Eine Wohnung haben mein Freund und ich mit viel Anstrengung und einer großen Portion Glück in einer ruhigen Ecke Schönebergs gefunden. Von Drogen, übermäßigem Alkoholkonsum oder gar Kriminalität keine Spur. Stattdessen ertönt lautes Vogelgezwitscher von den Bäumen, vor einer Eisdiele sitzen Familien und löffeln Eissorten wie Sahne-Mohn und Mango Lassi. Mit Einbruch der Dämmerung wird die Terrasse der Pizzeria um die Ecke durch eine kleine Lichterkette in schummriges Licht getaucht. Man trinkt ein Glas Rotwein und unterhält sich leise, um die Ruhe der idyllischen Straßen nicht zu stören. Ja, idyllisch ist es hier allemal, dabei ist es zuweilen so still, dass ich manchmal einen Moment innehalte und mich frage, ob ich denn überhaupt wirklich in Berlin gelandet bin.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich für längere Zeit in der Hauptstadt bin. In den vergangenen zwei Jahren habe ich durch Praktika bereits acht Monate hier verbracht. Beide Male wohnte ich nahe des Leopoldplatzes im Wedding, umgeben von einer vermüllten Parkanlage, der lauten Müllerstraße, Wettbüros, Alkoholikern, Proleten, lauten Streitereien zwischen Betrunkenen, einer Reihe von Spätis und vereinzelten Cafés, die in Kreuzberg und Neukölln wohl keine freien Räumlichkeiten mehr gefunden haben. Täglich fuhr ich mit der stets überfüllten U-Bahn-Linie U6 nach Mitte. Morgens quetschten sich bunt durchmischte Gruppen in die Abteile, abends war die Bahn voller Touristen und Straßenmusikanten, die in Begleitung ihres Gettoblasters auf einer Geige das immer gleiche Lied spielten.

Früher, da habe ich all das gehasst. Jetzt fehlt es mir ein wenig. Ich bin im Spießertum angekommen. In einem Berlin, von dem ich nicht einmal wusste, dass es überhaupt existiert. Hier gibt es keine Wettbüros oder lauten Verkehr, nicht einmal hippe Cafés oder überteuerte Flohmärkte gibt es. Bis zum nächsten Späti muss ich fast 15 Minuten laufen, wenn es schneller gehen soll, muss ich mich sogar in den Bus setzen, der alle zehn Minuten fährt. Der nächste Edeka hatte bis vor Kurzem nur bis 20:00 Uhr geöffnet und ließ mich schmerzlich vom Späti meines Vertrauens im Wedding träumen.

Manchmal da glaube ich, ich könnte zwischen all der Ruhe und dem Vogelgezwitscher verrückt werden, wären da nicht unsere direkten Nachbarn, die ich schon jetzt von Herzen gerne mag. Der Großteil von ihnen wohnt bereits seit vielen Jahren im Haus, es sind lustige und einfache Leute, mit denen man gerne mal im Treppenhaus plaudert und gemeinsam lacht. Mein Freund und ich gehören zu den jüngsten Bewohnern und ehrlicherweise ist mir das ganz recht – zumindest, wenn ich beim Einkaufen auf all die Pärchen in unserem Alter treffe, die in der einen Hand eine Packung Lachs, in der anderen Hand eine Flasche Sekt halten und es bisher nicht ein einziges Mal geschafft haben, ein Lächeln zu erwidern. Ab und zu schieben sie hübsche Kinderwägen durch die schönen Straßen, während ihre perfekt geföhnten Haare auf und ab wippen. In solchen Momenten fühle ich mich oftmals ein wenig fehl am Platz und schäme mich sogar etwas dafür, dass ich gerade noch im uralten Sweatshirt, das ein unübersehbares Loch am Ärmel hat, und nassen Haaren einkaufen gegangen bin.

Hätte mir vor einigen Wochen noch jemand gesagt, dass ich mir einmal über solch triviale Probleme den Kopf zerbrechen würde, hätte ich wohl ungläubig abgewunken, mag ich Berlin doch vor allem wegen seiner enormen Toleranz und dieser offenen „sei doch, wer du sein willst“-Kultur. Vor diesem Berlin, in dem ich jetzt wohne, aber hat mich niemand gewarnt. Keiner sagte mir, dass es in der Hauptstadt sehr wohl auch Orte gibt, in denen Jogginghosen kritisch beäugt werden, 30-Jährige mit verkniffenem Blick Sekt und Lachs für den Samstagsbrunch kaufen gehen und gestriegelte Kinderwagen durch die Straßen schieben.

Und so denke ich Tag für Tag darüber nach, schaue vielleicht sogar ein bisschen grimmig drein, während ich durch die S-Bahn-Unterführung laufe, in der regelmäßig ein schick angezogener, junger Typ mit einem Cello steht und musiziert – ganz ohne Begleitmusik, die aus einem Gettoblaster ertönt. Wenn er da ist, laufe ich absichtlich ein bisschen langsamer, weil es ja doch irgendwie ein bisschen romantisch ist. In solchen Momenten nehme ich die Menschen um mich herum wahr, sehe die Männer, die hektisch ihre Aktenkoffer schwingen und die Frauen, die sich kurz über den perfekt gesteckten Dutt fahren. Nein, ich mag mich wahrlich nicht mit dieser für mich neuen Berliner Spießigkeit anfreunden, ein bisschen muss ich mir aber wohl selbst eingestehen, dass sie nun einmal dazugehört, auch wenn es mir schwerfällt. Doch immerhin wäre Berlin letztlich ja auch kein Platz für alle, wenn es zwischen Freidenkern, hippen Künstlern, Proleten und Verlorenen nicht auch ein paar kleinbürgerliche Spießer geben würde.

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37 Kommentare

  1. frederike

    ich lebe und arbeite in frankfurt, die stadt in der die meisten das bahnhofsviertel so abfeiern. mit den alkoholikern, suchtmittelabhängigen, der milieu vielfalt. man kann sich sogar bahnhofsviertel t-shirts kaufen, die meistens von jungen menschen zwischen 20-35 jahren getragen werden, die das viertel wegen ihrer vielfalt und wegen des „wirklichen lebens“ lieben. das liegt aber auch nur daran, dass diese menschen die option besitzen aus diesem viertel wegzuziehen, wenn es ihnen dann mal doch zu krass werden sollte. und ich glaube darin liegt der haken dieser romantischen vorstellung solcher viertel/ kieze. wir können wenn es uns nicht mehr passt einfach in ein „spießigeres“ und ruhigeres viertel ziehen. andere wiederum nicht, weil sie sich keine andere wohnung leisten können. die meisten „urbewohner“ des bahnhofsviertels in ffm sind genervt von den prekären lebensbedingungen dort und wünschen sich eine ruhigere pizzeria um die ecke und spießige nachbarn die samstags in ruhe brunchen.

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Du hast absolut Recht mit dem, was du schreibst. Mir ist auch total bewusst, dass das, was ich hier beschrieben habe, ein Luxusproblem ist, bei dem es eigentlich absolut nichts zu meckern gibt, denn klar, natürlich schätze auch ich eine saubere Straße, Ruhe und das Wissen, abends sicher nach Hause zu kommen. Am Ende sind es wohl auch vielmehr die Menschen, die mir in meiner Ecke ein klein wenig fehlen.

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    2. Anja

      Ich finde es insgesamt in diesem Artikel schade, dass das Spießertum so unreflektiert verurteilt wird. was heißt das denn auch überhaupt?
      Ich habe auch länger im Szene Viertel gelebt und wohne jetzt im Spießer- Stadtteil. Es sind äußere oder innere Umstände, die andere Ansprüche an die eigene Wohnumgebung aufkommen lassen. Nicht selten möchte man Kindern die Konfrontation mit Drogen, Alkohol, Obdachlosigkeit ersparen. Das ist doch erstmal nichts verwerfliches. Hinter dem „Spießertum“ steckt bei dem ein oder anderen gar nicht so viel Engstirnigkeit wie dein Text es vermuten lässt. Die äußeren Anzeichen wie Lachs, Sekt und schicke Kinderwagen sowie Fönfrisur sagen doch gar nichts über die Menschen aus.

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  2. Sara

    Ich verstehe leider diesen Text nicht.
    Hier ist jemand, der „bereits acht Monate“ durch diverse Praktika in Berlin gelebt hat (ist das die Zeitdauer die sich durch durch das Zusammenzählen aller Praktika ergibt? Hier mal 4 Wochen, da mal 3, etc?). Diese Person lebt mit ihrem Freund in einer „ruhigen Ecke Schönebergs“. Seit ganzen +- 4 Wochen.
    Und es ist gar nicht so krass, wie alle sagen.
    Aha. Und jetzt?

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Der Text ist eine Art Update meines Gemütszustandes nach einem Monat Berlin – bisher kannte ich Ecken wie die, in der ich wohne tatsächlich nicht und es hat mich gerade deshalb so beschäftigt, weil ich mich auch hier erstmal einfinden musste bzw noch immer muss. Und vielleicht gibt es auch Leute, denen es so geht, wie mir oder die es einfach interessiert. (Bevor ich ganz hierher gezogen bin, habe ich übrigens einmal 5 Monate, einmal 3 Monate am Stück hier verbracht).

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    2. Ronja

      Sehe ich leider genauso. Du hattest unfassbares Glück so eine Wohnung und Gegend zu finden und nur ein paar Straßen weiter im gleichen Bezirk wirst du ein komplett anderes Bild finden. Ich würde sonstwas für deine Nachbarn geben, Ich wohne auch in Schöneberg, in einem komplett verranztem Haus in dem permanent Lärm herrscht und letztes Wochenende ins Treppenhaus gepisst wurde. Wenn dir das fehlt, bist du herzlich zu einem Kaffee in der Nachbarschaft eingeladen 🙂

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  3. Lara

    Toller Beitrag! Ich mag deinen Schreibstil sehr gerne, liebe Julia! Da wo ich wohne in Berlin, fehlt mir manchmal die ruhige Spießigkeit. Aber ich kann es trotzdem nachvollziehen, dass es einen manchmal ziemlich auf die Nerven gehen kann

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Ah, danke dir, liebe Lara, das freut mich riesig! Ich fürchte ja, dass man häufig noch glaubt, das Gras sei auf der anderen Seite immer ein klein wenig grüner. Auf die Nerven kann letztlich natürlich aber wirklich alles mal gehen.

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  4. Mila

    An dem Text stört mich am meisten, dass er nur so strotzt von Klischees und Stereotypen. In Wedding laufen nur alkoholvernebelte Asis mit Ghettoblaster rum, in deiner Nachbarschaft sind es „30-Jährige(n) mit verkniffenem Blick“, die Lachs und Sekt einkaufen (vielleicht schmeckt’s ihnen ja einfach). Und in Prenzlauer Berg rennen vermutlich nur helikopternde Akademiker-Muttis mit ihrem Chai-Latte in der Hand rum. Schnarch. Ich glaube, du tust du selbst keinen Gefallen, so eine starre Bewertungsbrille aufzusetzen, denn oft sind die Dinge ja eben doch nicht so schwarz-weiß. Auch aufm Wedding gibt’s übrigens jede Menge unglaublicher Spießer – und ich weiß, wovon ich spreche, ich bin dort nämlich aufgewachsen. Auch deinen Blick auf deine Nachbarn, diese „einfachen“, aber Leute finde ich ziemlich befremdlich. Na aber wenigstens bringen sie dich hie und da zum Lachen. Ist doch schön.

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Ja, mein Text ist in jedem Fall überspitzt und natürlich sind nicht alle Menschen so – auch wenn ich all das hier Beschriebene tatsächlich erlebt habe. Aber nein, es ist nicht alles schwarz-weiß – das war es auch noch nie und wird ganz sicher auch nie so sein. Meine direkten Nachbarn mag ich deshalb so gerne, weil ich mich selbst auch als einen „einfachen Menschen“ bezeichne und mich dann einfach wohler fühle. Ich lache und erzähle gerne mit ihnen und hoffe doch, dass ich sie genauso zum Lachen bringe.

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      1. Mila

        Kommt aber eben genau so nicht rüber, sondern klingt sehr von oben herab. Ich finde es einfach schwierig (und auch nicht besonders schlau), wenn man aufgrund bestimmter äußerer Beobachtungen wie etwa Menschen mittleren Alters, die Lachs und Sekt einkaufen, gleich zu einem Urteil über diese gelangt. Was sagt das für dich denn über diese Leute aus? Dass sie gern brunchen? Dass sie gern Lachs essen? Dass sie einen gestutzten Vorgarten haben müssen und ihre Kinder bestimmt Jason und Cayenne heißen? Macht sie das zu unglaublichen Spießern? Dass ist so, als würde ich, die dich nicht kennt, behaupten, du seist eine konsumgeile Modetussi, die nix im Hirn hat, nur weil du für einen Modeblog arbeitest. Gerade hier auf dem Blog wird doch immer plädiert, Akzeptanz und Toleranz walten zu lassen. Dann bitte, practise what you preach.

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        1. Anni

          Liebe Julia, das Problem an diesem Text ist genau das, was mir leider immer wieder bei Gesprächen mit Menschen die nach Berlin gezogen sind extrem negativ auffällt: Sich auf der einen Seite für die eigene Toleranz feiern und genau diese dann nicht an den Tag legen bei Menschen, die sie als „kleinbügerlich“ oder „spießig“ bezeichnen..da wird dann auf einmal nur noch mit Vorurteilen und Klischees gearbeitet. Wie wärs denn Mal mit ein bisschen Toleranz gegenüber der „Kleinbürgerlichkeit“..wo genau bleibt denn bitte deine beschworene „sei doch, wer du sein willst“-Kultur.

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          1. Aglae

            Doch, doch, diese Unterart gibt es durchaus, erst neulich ist mir ein „Sammy“ begegnet. 🙂

    2. Tina

      Oh Gott, Sara, heute ist aber überhaupt nicht dein Tag! Hör du bitte auf, gehässige Kommentare zu schreiben! Ich bin auf jane wayne zu allerletzt wegen der Mode, sondern vor allem wegen Artikeln wie diesen. Julia finde ich unglaublich sympathisch und begabt und ich freue mich ehrlich, dass sie das Team so aktiv ergänzt. Weiter so, Julia!

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    3. Pauls

      Sara, ich kann deinen ersten Kommentar zum Artikel nachvollziehen. Auch in mir wurden dadurch keine Begeisterungsstürme oder sonstiges ausgelöst. Es gibt hier allerdings offensichtlich mehrere Leser*innen, die sich von dem Beitrag angesprochen fühlen. Und damit hat er seine Berechtigung. Punkt. Dass du aber weiter unten schreibst TIJW sei ein Fashionblog, den man besucht, um „über Mode zu lesen“ und kurz darauf der Autorin nahelegst das Schreiben aufgezogenen, weil dieser Artikel nicht passt, ist unglaublich arrogant. TIJW ist eben kein reiner Modeblog. Für mich stehen hier vor allem feministische Themen, wie auch der Zusammenhalt zwischen Frauen, im Fokus und sind der Hauptgrund, weshalb ich diesen Blog immer wieder lese. Da haben solche absolut feindlichen (und überhaupt nicht konstruktiv-kritischen) Kommentare wirklich nichts verloren und du bist möglicherweise auf einem „reinen“ Fashionblog besser aufgehoben.

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  5. Astrid

    …wie schön wäre das Julia einfach mal auf diesem Blog ankommen zu lassen, ohne gefühlt alles zu kritisieren, was sie anfasst.. Ganz unabhängig was ich persönlich von ihren Beiträgen halte, finde ich hat sie (und hätte wohl jeder) das verdient, oder?

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    1. Ann

      Yes. Julia, schön, dass du dabei bist. Ich habe den Artikel übers Ankommen sehr gern gelesen und ich mag deine Fotos sehr. Lieben Gruß aus Darmstadt

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    2. Anni

      Sehe ich leider nicht so. Meiner Ansicht nach muss man bei so grob fahrlässig geäußerten Vorurteilen genauso dagegen halten wie bei grob fahrlässig geäußerten Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen, Ausländern oder ähnliches… Toleranz ist nämlich tolerant sein Gegenüber jedermann und nicht nur gegenüber der Personengruppe, bei der das „cool“ ist

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  6. Hannah

    Liebe Julia, danke für deine Beiträge, ich lese sie äußerst gern und mit Vergnügen. Tatsächlich kann ich mich an ein ähnliches Post-Umzugsgefühl erinnern, obwohl ich die Stille und die neuen Leute, die scheinbar alles so gut im Griff habend durch die Straßen wandeln, mittlerweile gut leiden kann. Vielleicht habe ich sogar selbst angefangen, alles etwas besser im Griff zu haben und die fahrradfeindlichen Glasscherben vermisse ich auch nicht. Was ich hier in den Kommentaren allerdings mitunter vermisse, ist Freundlichkeit. So schwer ist das doch gar nicht.

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  7. Barbara

    Ich freue mich über jeden Beitrag von dir liebe Julia und finde, du bringst hier neuen Schwung rein.Dass nicht jedem immer alles gefällt,gehört dazu und zeigt nur,dass du eine Haltung hast.Keep going!

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  8. Nike Jane

    Leute, Kritik ist spitze, aber immer respektvoll bleiben, bitte. Das hier soll ein sicherer Ort sein, an dem Platz sei muss für unterschiedliche Meinungen. Julia ist ein wertvoller Teil unseres Teams und wir sind dankbar für jede ihrer Zeilen.

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    1. Steffi

      Nike, dich ehrt deine Solidarisierung mit deiner Mitstreiterin, dennoch glaube ich, dass es dich bei o.g. Zuschreibungen und Klassifikationen ebenso schaudert wie einige hier. Jane Wayne steht m.E. für eine reflektiertere Haltung, die eine Reproduktionen von obsoleten Ansichten zu vermeiden versucht. Dieser Artikel ist vor diesem Hintergrund eine Farce.

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  9. Sara

    Ich war Wahlberlinerin für 3 Jahre (und bin nur schweren Herzens aus beruflichen Gründen weggezogen). Ich kam nach 4 Jahren aus dem Ausland nach Deutschland zurück und dachte mir, in Berlin sei die Umstellung, der Kulturschock für mich am geringsten, ist ja schließlich so schön international.
    Ich bin damals voller Vorfreude nach Kreuzberg gezogen, weil ja „alle“ gefühlt nach Kreuzberg und Neukölln ziehen, weils so hip ist.. und fand es dort.. scheußlich! Ich hatte Angst vor dem Nachhauseweg von der U-Bahn nach dem Spätdienst, ich fand das Viertel gar nicht schön, die Straßen wirkten ungepflegt und verwahrlost – kurz gesagt: ich war super unglücklich. Ein Jahr später bin ich nach Mitte gezogen, genau zwischen Gendarmenmarkt und Checkpoint Charlie (ja, da bestätigt sich das oben angesprochene Privileg, dass ICH die Wahl hatte den Bezirk zu wechseln). Und ich habs so geliebt! Traumwohnung, Traumviertel, Traumleben, ernsthaft (schlecht bezahlter Schichtdienst inklusive aber dennoch mein gewähltes Traumleben).
    Was dabei aber ganz wichtig ist: das ist TOTAL subjektives Empfinden! Ein Großteil meiner Arbeitskolleginnen und Kollegen wohnen entweder in Neukölln, Kreuzberg oder JWD und sind super glücklich damit. Für mich persönlich ist das nichts, für andere wiederum wäre vermutlich Mitte nichts.
    Das ist ja auch alles gar nicht schlimm, solange man nicht folgenden Fehler macht: an eine Stadt wie Berlin Erwartungen zu stellen bzw. sie in eine Schublade zu stecken.
    Mein Freund ist übrigens Urberliner, Oma und Opa aus Kreuzberg, selbst in Tempelhof aufgewachsen und seit nun fast 20 Jahren überzeugter Mitte-Anwohner. Berlin ist nicht nur schwarz oder weiß. Berlin kann alles und nichts. Und das ist das Schöne daran und das macht es so interessant. Man braucht mit Sicherheit erst einmal Zeit, für sich selbst das richtige Berlin zu finden. Manche haben dabei das Privileg, sich das aussuchen zu können.

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  10. Isabella

    Liebe Julia, ich kann dich soooo verstehen. Anhand deiner Beschreibung würde ich ganz stark tippen, dass du in Friedenau-Nähe wohnst. Ich bin dort aufgewachsen und war nach dem Abi sofort weg, weil dort eben wirklich um 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. ABER bis ich 15/16 war, war das der perfekte Bezirk zum aufwachsen, weil es dort für eine Großstadt (und dann noch so eine unfreundliche wie Berlin) tatsächlich noch sehr herzlich und gemeinschaftlich zugeht. Ich wusste nicht nur, wer über und unter uns wohnt, sonder habe auch noch die Leute aus dem übernächsten Haus auf der Straße gegrüßt. Von der Blumenfrau bis zum Bäcker wussten alle, wie ich heiße und zu wem ich gehöre, weshalb mich meine Mutter auch getrost mit sieben Jahren hin und wieder schnell zum Edeka hat flitzen lassen. Mit neun Jahren habe ich so einen Nokia-Klopper in die Hand gedrückt bekommen und durfte mich mit Fahrrad und BVG zwischen Nolli und Insbrucker Platz frei bewegen. Für mich war das toll! Hätten wir am Ubahnhof Pankstraße oder an der Revaler gewohnt, hätten meine Eltern sich das zweimal überlegt. Ich finde Schöneberg gar nicht spießig, sonder einfach bodenständig. Man lebt ein bisschen weniger anonym, weniger wild und trotzdem zentral und das ist meiner Meinung nach eine große Qualität. Warum sollen denn die Leute, die nicht in einem Bezirk wohnen wollen, wo dir nachts ein Besoffener vor die Haustür kackt und der Bass bis 8 Uhr morgens wummert, denn immer nur an den Stadtrand in die Doppelhaushälfte? Bei Leuten wie meine Eltern z.B. steigt die Lebensqualität nicht durch den Späti um die Ecke, sondern dadurch, dass sie mit dem Rad nur 15 Minuten zur Schaubühne brauchen, aber trotzdem einen Vorgarten haben, eine saubere Straße und guten Nachbarschaftszusammenhalt. Ich für meine Teil bin froh, jetzt woanders zu wohnen, komme aber auch immer gerne zurück, nicht zuletzt, weil ich den Schöneberger Dutt bisweilen unprätentiöser finde als die Neuköllner Balenciaga-Tasche. Jeder Bezirk hat Vor- und Nachteile, aber das Gute an Berlin ist, dass die Stadt so vielfältig ist. Ich bin sicher, du findest auch noch den richtigen Fleck für dich 🙂

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  11. Julia Carevic Artikelautor

    Weil es nun doch ganz schön viel geworden ist: Dankeschön für all eure Kommentare. Ob es denn nun Kritik war (die mich zum Nachdenken gebracht hat und aus der ich bereits jetzt etwas mitgenommen und gelernt habe), ihr eure Erfahrung geteilt oder mir liebe Worte gesagt habt.

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  12. Diane

    Natürlich darf man sich ein bisschen über Spießer lustig machen und nein, das ist nicht das gleiche wie Pauschalaussagen über Geflüchtete. Es gibt Ecken in Berlin, da frage ich mich, Leute was habt ihr euch hier für eine heile Welt konstruiert und warum erfüllt ihr eigentlich tatsächlich jedes Klischee vom Neuberliner Bürgertum? Eure Kinder sollen nicht mit den unschönen Dingen der Großstadt konfrontiert werden? Klar, man kann ja auch wunderbar so tun als existiere das nicht in der bürgerlichen Blase und als hätte Armut und Obdachlosigkeit nichts mit dir zu tun (hat es doch). Komisch, am Leopoldplatz und Hermannplatz wachsen ja auch Kinder auf, sind die jetzt alle total geschädigt, wallah?!?

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    1. Mila

      Aber was macht denn bitte jemanden zum Spießer? Dass jemand in einem bürgerlichen Stadtteil wohnt und Räucherlachs und Sekt genießt? Und der bärtige Endzwanziger, der in Kreuzberg Avocadobrot mampft, ist dadurch automatisch kein Spießer? Genau darum geht’s hier doch. Wie definiert sich „Spießer“? Sicher nicht anhand der Postleitzahl. Für mich ist Spießer ein Ausdruck einer Geisteshaltung, nicht einer Adresse oder Lebensform. Engstirnigkeit, mangelnde (Welt)Offenheit, die eigene Lebensform als das Nonplusultra ansehen, Schubladendenken, mangelnde Toleranz, kompromissloses Wohlstandsbewahrertum – all das macht für mich einen Spießer aus. Und angesichts einiger dieser Kriterien könnte ich ebenso gut behaupten, dass die Autorin dieses Artikels eine Spießerin ist. Ob dieser Mensch nun in Wedding, Friedenau, Reinickendorf oder Neukölln lebt, ist da völlig wurscht. Und klar gibt es Spießer in ruhigen Wohngegenden und natürlich gibt es Spießer, die Lachs und Sekt konsumieren, aber nur weil jemand dies tut, heißt es nicht automatisch, dass er ein Spießer ist. So zu urteilen, ist einfach vermessen. Denn wie sagt Nike immer so schön: Man kann einem Menschen nur vor die Stirn sehen. Eben!

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  13. Carolin

    Du kannst total super schreiben und bist eine echte Bereicherung für den Blog und hast hier neuen Schwung reingebracht, liebe Julia <3 So ein persönlicher Text soll und darf ja auch überspitzt geschrieben sein, sonst wäre es ja langweilig. Habe als Berlinerbewohnerin seit 10 Jahren auch die Kommentare mit großem Interesse gelesen. Ein Gedanke ist besonders hängengeblieben: Dass man allen gegenüber tolerant sein sollte und sie nicht verurteilt; egal ob links, grün, konservativ, Obdachloser, Spießer, Hipster, Eltern mit teuren Kinderwägen, Kindern, die an Kotti & Co. aufwachsen, Geschäftsmännern/-frauen, Geflüchteten, Modeblogger. Eben in jede Richtung, die nicht am extremen Rand fischt, tolerant sein und deren Dasein akzeptieren und respektieren, finde ich ganz, ganz wichtig.

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  14. Lena

    Hallo, es ist sicher nicht einfach, teils auch etwas ruppige, Kritik auszuhalten und damit umzugehen. Dennoch muss ich mal fragen: sind hier Kommentare gelöscht worden?

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  15. Karin

    Ich habe mal eine kurze Zeit lang in einer ruhigen Ecke in Schöneberg gewohnt und weiß, was du meinst: man fühlt sich ziemlich „außerhalb“ (kaum Spätis, ruhig). Jetzt wohne ich im ach so schlimmen Wedding – sogar mit Kind, omg. Einfach mal mit seinem Stadtteil beschäftigen, wenn man eine dauerhafte Wohnung sucht, würde ich sagen – und vielleicht nicht nur nach der perfekten Altbau-Wohnung Ausschau halten und sich dann über die ach so einfachen und spiessigen Kiezbewohner wundern. Gerade in Berlin – und das sollte man eigentlich wissen, wenn man schon ein paar Monate hier verbracht hat – unterscheidet sich das Lebensgefühl je nach Stadtteil gewaltig. Wenn du mit deiner Wahl haderst, verständlich. Aber schieb das bitte nicht in einem ziemlich arrogant klingenden und vor ätzenden Klischees strotzenden Text auf die Leute in deinem
    Kiez.

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  16. Clara Li

    Hach ja, Homogenität von Stadtvierteln und die Fehler der Stadtentwicklung… Großes Plädoyer für eine Politik, die es durchsetzt, dass in jedem Mehrparteienhaus gestaffelte Mieten angeboten werden müssen, von Sozialwohnungen bis zu Wohnungen für geringes bis mittleres bis höheres Einkommen. Ein großer Traum!

    Hach ja, Homogenität von Stadtvierteln und die Fehler der Stadtentwicklung… Großes Plädoyer für eine Politik, die es durchsetzt, dass in jedem Mehrparteienhaus gestaffelte Mieten angeboten werden müssen, von Sozialwohnungen bis zu Wohnungen für geringes bis mittleres bis höheres Einkommen. Ein großer Traum!
    Davon abgesehen: „Don’t judge a book by its cover“ – Ja, Julias Text strotzt vor Klischees ggü. Menschen und Vierteln. Die Perspektive einer Neuberlinerin im Ankommensprozess ist aber durchaus spannend zu lesen, zumal, wenn es über die Jahre Folgeartikel geben wird. Denn seien wir doch mal ehrlich, viele von uns Zugezogenen hatten in unseren Berliner Anfangsjahren eine ähnliche Perspektive (sprich: Lust auf Urbanität, Diversität und Trubel bei gleichzeitiger Irritation und Abgrenzung ggü. vermeintlich langweiligen Menschen und/oder ruhigen Vierteln). Irgendwann folgte dann oft die Erkenntnis, wie unaufregend Großstädte wie Berlin, Paris oder Kapstadt trotz ihrer Größe sein können, gerade vom einzelnen Mikrokosmos „Kiez“ aus betrachtet. Und dass eben erst das Mosaik der verschiedenen Vierteln eine Stadt ausmacht.

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  17. Julia

    Liebe Alle,

    Ich finde es ein bisschen anmaßend Menschen für Ihren Lebensentwurf zu verurteilen. Und ich persönlich vertrette die Haltung, das man sich nicht für ein bürgerliches Leben rechtfertigen muss, wenn man es den gerne führt. Das bedeutet übrigens nicht zwangsläufig, dass man nicht nach links oder rechts schaut und die Ungerechtigkeiten nicht wahrnimmt oder nicht dagegen unternimmt.

    BTW ich möchte kurz auf die Wortbedeutung vom Wort Spießer hinweisen:

    “Als Spießbürger, Spießer oder Philister werden in abwertender Weise engstirnige Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen.”

    wenn man polemisch ist, könne man eine geistige Unbeweglichkeit auf jede Hippe Type Münzen, die nicht in der Lage ist einen anderen Lebensentwurf als den seinen zu akzeptieren! Geistige Unbeweglichkeit eben…. egal ob bürgerlich, alternativ, oder Hipp!

    Zum Text selber möchte ich sagen, das ich ihn ehr als Bestandsaufnahme der aktuellen Lebenssituation werte. Ich sehe nichts falsches daran zu hinterfragen ob alle Entscheidungen den Vorstellungen die man hatte entspricht…
    Krass viel Intoleranz habe ich da nicht rausgelesen, auch wenn die Autoren sich einiger Klischees bedient um Bilder zu veranschaulichen, was ich erstmal in Ordnung finde.

    So ich gehe jetzt in Lachs essen und Sekt trinken!

    Chapeau ihr lieben
    Julia

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  18. Eva Parke

    Liebe Julia,

    ist denn gerade sonst nichts los in deiner Welt, die uns täglich dreimal um die Ohren fliegt? Meinem Eindruck nach konterkarierst Du Dich mit diesem sauber geschriebenen Text über das Luxusproblem zu geordneter Verhältnisse in Deinem Quartier selbst. Für mich ist das nicht weniger als faszinierend, dass das für Dich überhaupt ein Thema ist.

    Wer weiß was die Spießer, wie Du sie titulierst über den Inhalt Deines Einkaufskorbs denken und freundlicherweise nicht in Blogposts verwursten. Gar nicht dran zu denken, ob einer der Proleten (Du solltest eventuell mal über Dünkel nachdenken) von früher bei Deinem Anblick leise murmeln könnte: „In jedem Hipster steckt insgeheim ein Prolet“ (Dr. Helene Karmasin).

    Wenn man den Ergebnissen der Studie der Friedrich-Ebert-Studie vertrauen kann, hat Deutschland, zu dem Berlin auch gehört, gerade gewaltige Probleme damit, dass sich große Teile der Bevölkerung von Vorurteilen leiten lassen … noch mehr Stereotype und Vorurteile gegen Menschen, die wir nicht persönlich kennen, braucht es da glaube ich nicht.

    Herzliche Grüße, Eva

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  19. Anne

    Hey Julia, ich hadere auch immer wieder mit dem Berlin, in dem ich lebe. Als ich ankam dachte ich, ich muss ins trubelige Neukölln – jetzt ziehe ich um, weil ich gemerkt habe: es passt einfach nicht. Meine Vorstellungen von dem, was ich im Alltag möchte, waren einfach total daneben. Ich bin gespannt, ob es daranliegt, oder ob es generell mit mir und Berlin nicht passt.

    Ich komme aus dem Rheinland, da gehen die Menschen, finde ich zumindest, generall offener aufeinander zu, machen vllt mal ein Witzchen über offensichtliche Unterschiede, aber es findet generell ein Austausch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen statt. In deinem Text schreibst du, dass die von dir so genannten Spießer immer grimmig gerade aus schauen. Ist es vielmehr diese Abwesenheit, die dich nervt, als die eigentlichen äußeren Erscheinungsmerkmale? Ich würde deinen Text nämlich in dem Sinne unterschreiben, dass mich dieses „aneinander vorbei rennen“ in Berlin nervt. Oder viel eher auch traurig macht. Das ist alles krasskrasskrass subjektiv, das weiß ich. Dennoch komm ich nicht umhin oft zu denken, dass man Glück haben muss, wenn man in einer freundlichen Umgebung wohnt. Meiner Meinung nach ist der Standard starr aneinander vorbeileben, mit Toleranzblasen in denen alle anderen Existenzen ausgeblendet werden. Ich kann das auch bis zu einem gewissen Grad in Berlin verstehen. Die Stadt ist so jung, wächst so schnell. Hat hier jeder Angst vor Verdrängung (verüblen würde ich das nicht)?

    Bin gespannt zu hören, wie es dir weiterergeht.

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