Wie ich lerne mit Panikattacken umzugehen und warum die Suche nach Normalität manchmal gar nicht so einfach ist

08.05.2019 Wir, Leben, Gesellschaft, box1

Seit einer ganzen Weile ist sie nun schon da, diese merkwürdige Angst, die sich in meinem Kopf ausbreitet, mein Herz zum Rasen bringt und mir das Gefühl gibt, nicht richtig atmen zu können, bis ich glaube, dass ich gleich einfach umfalle, obwohl doch eigentlich alles mit mir in Ordnung ist. Um mich herum baut sich dann eine fremde Traumwelt auf, die sich irgendwie nicht real, sondern vielmehr wie ein Computerspiel anfühlt, für das ich ganz zufällig als Protagonistin ausgewählt wurde.

All das schleicht sich meist in bestimmten Situationen ein, zum Beispiel, wenn ich an großen Straßen stehe, auf einer Party niemanden kenne oder von Menschenmassen umgeben bin. Manchmal, da kommt es aber auch einfach so, ganz ohne Vorwarnung. Ja, seit einer ganzen Weile ist das Leben in meinem Kopf jetzt schon anders.

Wie findet man ein Gefühl?

Wie war das noch gleich, als alles normal war? Ich versuche, mich an das Vorher zu erinnern, daran, wie das noch mal war, als ich mir keine Gedanken über große Kreuzungen gemacht habe, als mir das Autofahren mit offenen Fenstern und laut aufgedrehter Rockmusik aus den 80ern noch ein Gefühl von Freiheit vermittelte, statt meinen Kopf mit Zweifeln und Gedankenfluten volllaufen zu lassen, bis ich glaube, dass ganz bald sicher alles überschwappt. In der Hoffnung, meine frühere Normalität ganz einfach in mir drinnen wiederzufinden, rede ich mir manchmal ein, dass sie doch irgendwo sein muss, dass sie nicht so einfach verschwinden kann – fast so wie damals, als mein Vater vor unseren Sommerurlauben regelmäßig sein morgendliches Käsebrot verlegte und wir uns entschlossen, aber auch ein wenig ungläubig, auf die Suche nach ihm machten. Wir fanden das Käsebrot jedes Mal und retteten es vor der Verwahrlosung. Wie aber findet man ein Gefühl?

 
 
 
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Was Geduld hat, kann alles überstehen. Oder?

Das letzte Mal, dass ich ein Gefühl verloren habe, war es das Gefühl in meinem rechten, eingeschlafenen Arm. Glücklicherweise war der Zustand nur temporär und ich fand es auch recht einfach wieder, als ich ihn aus dem Bett baumeln ließ und geduldig auf das erlösende Kribbeln wartete. Ja, mit Geduld lässt sich so einiges bewältigen, die Sehnsucht nach dem nächsten Urlaub zum Beispiel oder das Abheilen von blauen Flecken. Leider musste ich aber ziemlich schnell feststellen, dass Geduld alleine nicht auf der Suche nach meiner Normalität hilft und blieb etwas ratlos zurück. In den meisten Fällen, in denen ich keinen Rat mehr weiß, frage ich Freund*innen, Menschen, denen es genauso geht wie mir oder jene, die so viel über mein Problem wissen, dass sie mich mit Wissen und Methoden überschütten können. Warum es bei mir so lange gedauert hat, mich um Rat zu kümmern, als mir ausgerechnet meine Normalität verloren ging, kann ich gar nicht genau sagen. Vielleicht war es die Scham, die Angst oder ganz einfach die Schwerfälligkeit, die mich davon abhielt, mich aufzuraffen und den ersten Schritt zu tun.

Eine große Portion Ablenkung, bitte

Seither habe ich gelernt, dass ich meine Aufmerksamkeit nicht der Angst, sondern all den Dingen, die mich vollends in ihren Bann ziehen, widmen muss. Das ist nicht leicht und ich scheitere häufiger bei dem Versuch, als dass es mir gelingt, aber jedes Gelingen ist für mich ein großer Erfolg, denn wenn ich so richtig gut abgelenkt bin oder mich auf etwas konzentrieren kann, ist sie da, die Normalität. In Anflügen der Panikattacke, die noch kontrollierbar ist, krame ich ein gutes Buch hervor oder höre Musik, deren Texte ich in- und auswendig mitsingen kann, denn das gibt mir das Gefühl von Sicherheit und gleichzeitig das Wissen, dass mein Kopf doch noch so funktioniert, wie früher. Ich scrolle durch meinen Instagram Feed, der mittlerweile nur noch voller Wohlfühl-Accounts ist, die mich inspirieren oder glücklich machen. Ich nehme kleine Dinge wahr, die nah um mich herum sind, statt den Blick einer riesigen Kreuzung zu widmen. Diese Ablenkung und zugleich vollste Konzentration hilft mir, mich wieder wie im echten Hier und Jetzt zu fühlen, statt diesem merkwürdigen Gefühl der Traumwelt nachzugeben, das so oft in Herzrasen und Atemnot endet.

Doch es ist und bleibt ein Weg und der führt natürlich auch an jenen Menschen vorbei, die mit ihrem geballten Wissen so ganz wirklich helfen können. Anders geht es manchmal eben gar nicht, da kann man versuchen, seine Probleme zu zerreden und klein zu machen, wie man möchte. Und solange meine Normalität nicht wieder Dauergast bei mir ist, muss ich etwas dafür tun, um sie hervorzulocken – denn ja, meine Normalität ist, so langweilig sie zuweilen auch klingen mag, verdammt schön.

13 Kommentare

  1. Laura

    Liebste Julia, fühl dich umarmt für diesen wunderbaren und ehrlichen Text! <3 Es zeugt von großer Stärke offen über so persönliche Themen sprechen. Und es zeigt, dass du mindestens auch schon einen Schritt weiter bist. Denn eingestehen und offen die eigene "Schwäche", besser vielleicht, das vermeintliche Anderssein zu thematisieren, hilft nicht nur, das Problem als real anzunehmen. Es ermöglichst auch den Austausch mit anderen. Wir gaukeln uns alle gegenseitig doch viel zu oft vor, wir seien perfekt und es ginge uns ganz prima und fantastisch. Instagram und Social Media sind in der Mehrheit betrachtet ja leider auch eher Katalysatoren in die andere Richtung.

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Liebste Laura, ein ganz dickes Danke an dich! Und ja, du hast so recht mit dem, was du schreibst, gerade deshalb war es mir auch so wichtig, meine Geschichte zu teilen. Ich hoffe, dass es in der Zukunft noch mehr Leute tun (wenn sie sich bereit fühlen), um – wie du schon sagtest – einen Austausch zu ermöglichen.

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  2. Antonia

    <3 Ich versuche, meine Ängste in meiner Normalität einzubeziehen, denn je öfter ich drüber rede und sie als nicht mehr so großes Monster sehe, werden sie auch weniger.

    Ganz viel Kraft – ich kann alles sehr gut nachvollziehen!

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  3. Mila

    Liebe Julia, du hast es ja in deinem Text angedeutet – sich Hilfe beim Therapeuten/ bei der Therapeutin zu suchen, ist ein wichtiger und guter Schritt. Diesen sollte man auf keinen Fall scheuen.
    Ich habe in meinem engsten Angehörigenkreis jemand, der an einer sogenannten generalisierten Angststörung gelitten hat. In konkreten Momenten einer sich anbahnenden Panikattacke – zum Beispiel in der U-Bahn – hat dieser Person geholfen, sich auf kleinste Dinge zu fokussieren, etwa auf die Schuhe des Sitznachbarn, und diese in innerlich gesprochenen Sätzen konkret zu beschreiben. „Ich sehe weiße Sneaker. Mit grünen Streifen. Die Kappe ist rund. Sie hat zwei tiefe Kratzer…“ Das hat ihr Halt gegeben, Kontrolle, sodass die Angst keine Kontrolle bekam. Und sie ist im konkreten Moment geblieben und wurde nicht weggeschwemmt. Ich fand das sehr eindrücklich und nachvollziehbar.

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Liebe Mila, tausend Dank dir für deinen Kommentar! Ich werde den Tipp ganz unbedingt austesten, wenn ich das nächste Mal in einer diesen blöden Situationen stecke und ich bin mir sicher, dass es auch ganz viele andere gibt, die deinen Kommentar lesen und ihn hilfreich finden <3

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  4. Janni

    Hallo liebe Julia, ich finde es sehr sehr schön, dass du andere an diesen doch sehr intimen Gefühlen teilhaben lässt.. Ich glaube aber auch, dass genau das hilft, indem die Panikattacken bzw. die Angst (die mich im Anschluss meist noch mehr zermürbt) ein wenig normalisiert werden, wie es Antonia schon geschrieben hat.
    Ich merke für mich, wie enorm wichtig das Weitermachen in kleinen Schritten (!) ist, trotz Angst, auch, wenn mir in diesen Zeiten weniger möglich ist, einfach, weil alles mehr Kraft kostet. Und doch habe ich gemerkt, wie entscheidend es ist, wenn ich mich nicht für meine neue „Normalität“ verurteile, denn dieser Kampf lässt es mir nicht zu, zu spüren, dass alles kommt, aber auch eben auch wieder geht!

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Liebe Janni, dankeschön für deine Worte und deine Offenheit, wirklich. Ich kann dir da nur zustimmen, für mich ist es auch wichtig, weiterzumachen, mich den Ängsten nicht immer vollends hinzugeben und mich – wie du es so schön gesagt hast – durchzubeißen.

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  5. Alexandra

    Wow, Danke für diesen Text. Ich habe leider selbst mit Panikattacken zu kämpfen, spreche aber nicht gerne darüber. Das sind gute Tipps, die du hier genannt hast und ich wünsche dir, dass du die Panik immer und immer öfter austricksen kannst – bis sie dann gar nicht mehr vorhanden ist 🙂

    Alles Liebe
    Alexandra

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Dankeschön, liebe Alexandra, ich hoffe sehr sehr sehr, dass dir irgendwas davon hilft und deine Wünsche kann ich nur an dich zurückgeben 🙂

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  6. Cora

    Liebste Julia,ich kann mich meinen Vorrednerinnen nur anschließen,ein sehr schöner und offener Text.
    Natürlich geht jeder anders mit Panikattacken um,aber ich gebe jetzt trotzdem mal meinen Senf dazu 😉
    Sehr geholfen hat mir auf jeden Fall die Therapie und für den Alltag etwas sehr simples,was vll nicht therapeutisch wertvoll ist,trotzdem für mich wirksam:
    Da ich auch ein Problem mit großen Menschenmengen hatte/habe,such ich mir bis heute einen „Fluchtweg“ aus der Menge raus.Soll heißen,ich schaue einfach,wo die nächste ruhige Ecke ist,eine Toilette,ein Cafe oder was auch immer und werde direkt ruhiger,wenn ich weiß,dass es im Notfall einen Rückzugsort gibt.
    Im Endeffekt war es für mich persönlich wichtig zu lernen,nicht immer zwanghaft alles unter Kontrolle haben zu müssen und als das anfing besser zu werden,wurden auch die Panikattacken seltener und vor allem hat,was für mich mit der größte Stressfaktor war,die Angst vor der Angst nachgelassen.
    Meine erste Panikattacke hatte ich mit 16.Zwischen 18 und 21 hab ich mein Haus nicht verlassen,weil es so schlimm wurde.Mit ca 22 wurde es wieder besser,mit 24 hatte ich einen Rückfall.Inzwischen bin ich 30 und hatte lange lange Zeit keine richtige Attacke mehr und bin meiner tollen Therapeutin,meinen Freunden,meiner Family,aber auch mir bzw meiner Sturheit dankbar,weil ich mich durchgebissen hab^^
    Entschuldigung für diesen langen Text.Eigentlich will ich damit nur sagen,jeder durchlebt so etwas völlig unterschiedlich zur nächsten Person,aber ich bin mir sicher,du wirst das auf deine ganz eigene Art bewältigen und auch wenn damit Tränen,schlechte Tage und therapeutisch nicht wertvolle Tipps verbunden sind:This too shall pass(ich weiß,Klischee der Klischees haha)
    Allerliebste Grüße aus Darmstadt ❤

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Liebste Cora, ich danke DIR für deine Offenheit. dass du deine Geschichte teilst, aber auch für deine Worte (sie könnten treffender nicht sein) und natürlich für deine Tipps. Ich habe sie mir schon aufgeschrieben und werde sie in jedem Fall ausprobieren <3

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