#YouKnowMe: 5 Frauen sprechen über ihre persönlichen Abtreibungs-Erfahrungen

„Abtreibung – ob man sich nun dafür entscheiden sollte, abzutreiben, oder nicht – ist eine lebensverändernde Erfahrung… Jede Frau auf der ganzen Welt sollte das Recht auf eine Abtreibung haben.“ Fünf Frauen aus aller Welt teilen ihre #YouKnowMe-Geschichten mit uns

Als Alabama im Mai sein Anti-Abtreibungsgesetz verabschiedete – 46 Jahre nachdem die Abtreibung in den USA im Jahr 1973 erstmals legalisiert wurde –, löste dies einen internationalen Aufschrei aus. Das Verbot, das eine Abtreibung unter fast allen Umständen verhindert, führte dazu, dass Tausende von Frauen ihre Abtreibungs-Erfahrungen in den sozialen Medien unter dem Hashtag #YouKnowMe teilten, einer Kampagne, die von der amerikanischen Schauspielerin Busy Philipps ins Leben gerufen wurde.

sagte Philipps in ihrer Late-Night-Show. „Vielleicht sitzen Sie da und denken: ‘Ich kenne keine Frau, die abtreiben würde. Nun ja, Sie kennen mich.“ (you know me)

Wie Philipps betont, ist dieses Thema unabhängig von Alter, Geografie oder sozioökonomischem Kontext für alle von uns relevant. Ausschlaggebend ist, dass das Grundrecht der Frau auf die Entscheidungsfreiheit angegriffen wird, da einige Lager des politischen Diskurses versuchen, den Körper der Frau und ihre reproduktiven Rechte zu kontrollieren. Wir werfen einen genaueren Blick auf den aktuellen Stand und sprechen mit fünf Frauen aus verschiedenen Regionen der Welt über ihre individuellen Abtreibungs-Erfahrungen.

 
 
 
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Das ist der jetzige weltweite Stand zum Thema Abtreibung

In einigen Ländern werden Frauen durch unterstützende Netzwerke, sichere medizinische Praktiken und soziale Akzeptanz aufgefangen. In anderen Ländern wiederum wird die Abtreibung stigmatisiert, schwer zugänglich gemacht und ist gefährlich auszuführen. Abtreibungen sind in 26 Ländern – darunter Ägypten, Irak und die Philippinen – unter allen Umständen immer noch illegal und in weiteren 39 Ländern – darunter Mexiko, Brasilien und Indonesien – illegal, außer wenn das Leben der Frau gefährdet wird. In Ländern wie Italien oder Südafrika, in denen Abtreibungen legalisiert wurden, ist der Zugang jedoch eingeschränkt. Zudem können ÄrztInnen der Durchführung des Eingriffs „gewissenhaft widersprechen“. Rechtsextreme Parteien in Ländern wie Spanien fordern in der Zwischenzeit eine Einschränkung der Abtreibung.

An anderen Stellen jedoch wurden auch Fortschritte erzielt. Letztes Jahr hat Irland dafür gestimmt, sein Abtreibungsverbot aufzuheben. Südkoreas Anti-Abtreibungsgesetz wurde im April für verfassungswidrig erklärt, und Aktivisten in Argentinien haben erst letzten Monat vor dem Kongress einen neuen Gesetzentwurf für die Legalisierung der Abtreibung vorgestellt. Auch in Nordirland wird der Ruf für eine Legalisierung des Eingriffs dank der Kampagne #nowforNI immer lauter.

Als Reaktion darauf sprechen sich Frauen zunehmend aus und teilen ihre tiefen persönlichen Erfahrungen, die zeigen, wie wichtig es ist, ein Entscheidungsrecht zu haben. Fünf Frauen aus aller Welt lassen uns an ihren Geschichten teilhaben.

Naomi Connor, Nordirland

Naomi Connor, 46, aus Nordirland, ließ eine Abtreibung durchführen, als sie 40 Jahre alt war. In Nordirland sind Abtreibungen illegal, es sei denn, das Leben der Frau ist in Gefahr oder es besteht ein dauerhaftes oder ernsthaftes Risiko für ihre geistige oder körperliche Gesundheit.

„Ich war mir meiner Entscheidung sicher, eine Abtreibung durchzuführen. Weil die Gesetze in Nordirland so stark eingeschränkt sind, [musste] ich nach Manchester, England reisen. Erst als ich eine Abtreibung in Anspruch nehmen wollte, erkannte ich, wie sehr sie eingeschränkt werden.

Als ich zur Family Planning Association ging, um mich zu informieren, waren dort drei [Anti-Abtreibungs-] Demonstranten. Sie sagten: ‚Du weißt, dass eine Frau in deinem Alter durch eine Abtreibung Brustkrebs bekommen kann.‘ Das ist aus meiner Sicht kein Protest; das ist emotionale Manipulation und Missbrauch. 

Ich habe mich für eine chirurgische Abtreibung entschieden, weil das bedeutete, dass ich noch am selben Tag nach Hause gehen konnte. Aber als ich die Klinik verließ und zum Flughafen ging, begannen meine Krämpfe und ich wurde ziemlich krank. Es ist das Gleiche, wie wenn man [nach] jedem medizinischen Eingriff auf Reisen geht, der Unterschied jedoch war, dass ich gezwungen war zu reisen.

 

An eines werde ich mich immer erinnern: Es gab eine Frau in der Klinik, die ein paar Betten weiter lag. An diesem Abend nahm sie den gleichen Flug [zurück nach Hause]. Sie sah mich an und ich sah sie an, aber wir haben uns gegenseitig nicht gegrüßt. Es war, als würden wir beide dieses Stigma tragen.

Ich hatte eine Abtreibung unter jenen Umständen, die man als bestmögliche Rahmenbedingungen bezeichnen könnte: ein unterstützender Partner, ein vernünftiges Einkommen. Meine Abtreibung kostete mich ungefähr 1000 Pounds (etwa 1100 Euro) für den Eingriff, die Flüge und weitere Reisearrangements. Jetzt kann man nach England gehen und das Verfahren ist kostenlos, aber die Leute müssen immer noch auf eigene Kosten reisen.

Ich muss hoffnungsvoll bleiben [dass das Abtreibungsgesetz sich ändern wird]. In den letzten zwei Jahren gab es ein Erwachen. Organisationen für Abtreibungsrechte wie Alliance for Choice haben einen Raum für Frauen [geschaffen], um über ihre Abtreibungs-Geschichten zu sprechen. Ich habe es wegen der Solidarität, die ich in diesen [anderen] Frauen gefunden habe, viel einfacher erlebt.“

Aaradhya, Indien

Aaradhya, 24, aus Indien, hatte eine Abtreibung, als sie 22 Jahre alt war. In Indien ist die Abtreibung bis zur 20. Woche der Schwangerschaft legal.

„Ich hatte bereits ein zehn Monate altes Baby, als ich herausgefunden habe, dass ich schwanger war. Ich habe es mit meinem Mann und meiner Schwiegermutter besprochen und wir haben beschlossen, dass wir eine Abtreibung durchführen sollten. [Obwohl] meine Schwiegermutter sagte, dass es in Ordnung sein würde, die Schwangerschaft fortzufahren, wollten wir, dass unser Baby etwas selbstständiger wird, bevor wir ein zweites Kind bekommen.

Meine Schwägerin hat mir von einer Klinik der Family Planning Association of India [einem Mitglied der International Planned Parenthood Federation] erzählt, die gute Dienstleistungen bereitstellt und weniger kostet als private Anbieter; das Verfahren hat 1000 Rupien (rund 13 Euro) gekostet. Mein Mann begleitete mich beim ersten Besuch in die Klinik, als mir der Eingriff ausführlich erklärt wurde. Am nächsten Tag ging ich zur Untersuchung und mir wurden unter ärztlicher Aufsicht Abtreibungspillen verabreicht. Ich verspürte ein paar Beschwerden und Schmerzen und es gab einige Blutungen, der Eingriff jedoch verlief reibungslos.

Glücklicherweise wurde ich in meinem Fall mit keinerlei Stigma konfrontiert. Aber wenn man über Abtreibung spricht, machen die Leute in der Nachbarschaft Kommentare wie ‚Du hast das Glück, schwanger zu werden, Menschen, die es seit zehn Jahren versuchen, haben immer noch kein Kind‘ oder ‚Wenn du die Schwangerschaft nicht fortsetzen willst, solltest du dich scheiden lassen‘.

Ich bin froh, dass Frauen in Indien den Zugang zu einer Abtreibung haben. Ob wir mit der Schwangerschaft fortfahren wollen oder nicht, es gibt eine Wahl. Ich möchte meine Erfahrung teilen, die eine positive war, damit andere daraus lernen können.“

Laura, Italien/Belgien

Laura, 37 Jahre alt, die in Italien geboren wurde und heute in Belgien lebt, unterzog sich mit 31 Jahren einer Abtreibung. In Italien ist die Abtreibung in den ersten 90 Tagen der Schwangerschaft legal und danach, wenn das Leben der Frau gefährdet sein sollte oder der Fötus schwer deformiert ist.

„Es war meine erste Schwangerschaft. Zur 20-Wochen-Grenze führten wir einen Routine-Scan durch und entdeckten, dass das [Baby] drei Herzfehlbildungen hatte. Die Ärzte waren sich einig: Die Situation war sehr ernst. Wenn das Baby die Geburt überleben sollte, würde es sofort eine Herzoperation benötigen und später im Leben weitere Operationen, die dazu führen könnten, dass es Hirnschäden erleiden würde.

Wir hatten nie wirklich das Gefühl, dass wir uns für die Abtreibung entschieden haben; für uns geschah es einfach. Ich möchte die Tatsache, dass es sich natürlich um eine Entscheidung handelt, nicht minimieren; ich weiß, dass andere Eltern in der gleichen Situation oder unter ähnlich schwierigen Bedingungen beschließen, ein Kind zur Welt zu bringen. Aber ich war nicht in der Lage, das für mein Kind zu wählen; ich konnte nicht einmal daran denken. 

Wir leben in Belgien, sind aber italienisch und zufälligerweise ist meine Schwiegermutter eine Gynäkologin, sodass wir uns sofort dazu entschieden haben, nach Hause zurückzukehren. Dort sind unsere Familien und wir wollten in der Lage sein [mit den Ärzten], in unserer Muttersprache zu reden. Wir hatten auch vor, drei Wochen später in Italien zu heiraten.

Wenn wir über Abtreibungen sprechen, dann ist es nicht nur das Gesetz, das wichtig ist, sondern wie damit umgegangen wird. Ein ganzes Team von Ärzten hat uns durch den Prozess begleitet, darunter ein Psychotherapeut, der uns alle Möglichkeiten erklärt hat. Für mich war das entscheidend.

In Italien liegt die Grenze für Abtreibungen bei schweren Anomalien des Fötus bei bis zu rund 23 Wochen. In unserem Fall war es in Ordnung; wir entdeckten [das Problem] rechtzeitig. [Aber] die Ärzte in Italien können – und tun dies auch oft – einen gewissenhaften Einspruch gegen die Durchführung der Abtreibung erheben.

[Ein Teil des Gesetzes], der einen großen Einfluss [auf mich] hatte, war, dass man ein Dokument unterschreiben musste, mit dem du gesagt hast, dass du eine Abtreibung durchführst, weil das Kind dich als Frau physisch oder psychisch schädigen würde. Das war bei mir nicht der Fall; ich hatte andere Gründe. Sie lassen es dich [unterschreiben], wenn du bereits leidest und Schmerzen spürst.

Abtreibung – ob man sich dafür entscheiden sollte abzutreiben oder nicht – ist eine lebensverändernde Erfahrung. Wenn man eine Abtreibung durchführt, wird man sich sein ganzes Leben lang daran erinnern, auch wenn man es nicht bereut, wie es bei uns der Fall ist. Und wenn man [keine Abtreibung vollzieht], wenn man sie braucht, muss man auch mit dieser Entscheidung für den Rest seines Lebens und das des Kindes leben. Jede Frau auf der ganzen Welt sollte das Recht auf eine Abtreibung haben.“

Ana, Bolivien

Ana, 45, aus Bolivien, hatte mit 19 Jahren eine Abtreibung. In Bolivien ist die Abtreibung außer in Fällen von Vergewaltigung, Inzest oder zum Schutz der Gesundheit der Frau illegal.

„Ich ging zur Universität, als ich schwanger wurde. Mein Freund und ich hatten ungeschützten Sex und es war beängstigend, weil ich nicht bereit war, ein Baby zu bekommen; ich hatte andere Pläne für mein Leben. Ich beschloss, eine Abtreibung durchzuführen.

Ich habe mich geschämt, persönlich in ein Gesundheitszentrum zu gehen, um nach Informationen zu fragen, also habe ich stattdessen telefoniert und so getan, als ob ich im Namen meiner Cousine nachfragen würde. Sie waren unwillig und sagten: ‚Nein, das ist verrückt, deine Cousine sollte keine [Abtreibung vornehmen].‘ Ich habe gewusst, dass ich irgendeinen Weg finden musste, also habe ich meine Cousine angerufen, die eine Frau kannte, die eine Frau kannte, die eine Frau kannte [die eine Abtreibung hatte]. Ich habe realisiert, dass dies ein Geheimnis zwischen Frauen war

Ich habe eine Klinik gefunden und bin mit meinem Freund dorthin gegangen. Er bezahlte die Abtreibung; sie kostete 350 US-Dollar (ungefähr 310 Euro), sodass ich sie nicht selbst bezahlen konnte.

Ich habe mich überhaupt nicht sicher gefühlt; die Klinik war schmutzig und ich hatte Angst, zu viele Fragen zu stellen. Ich habe später erkannt, dass ich während des Eingriffs hätte sterben können. Ich war unter Vollnarkose und es gab eine Komplikation, bei der sich meine Zahnfüllung löste und ich daran zu ersticken begann. Zwei Tage lang nach dem Eingriff habe ich starke Blutungen gehabt, aber ich wollte nicht zum Arzt zurückkehren. Ich hatte mit dieser Schuld zu kämpfen und habe mich gefühlt, als hätte ich den Schmerz und das Leid verdient, weil ich etwas falsch gemacht hatte. 

Die größten Auswirkungen waren psychologisch; [das rührt daher], dass ich in einem sehr religiösen Land lebe, in dem Abtreibungen illegal sind. Ich konnte nicht mit meiner Mutter darüber reden. Sie ist eine alleinerziehende Mutter und ich wollte sie nicht im Stich lassen, besonders in einem Land, wo die Leute sagen: ‚Wenn du alleinerziehend bist, wird deine Tochter dasselbe tun.‘

Es ist 26 Jahre her, aber die Situation [in Bezug auf Abtreibungen] ist hier die gleiche. Wie ist das möglich? Es gibt immer noch Teenager, die schwanger werden und die gleiche Angst erleben wie ich. Ich möchte meine Geschichte teilen, damit aus meiner Erfahrung etwas Gutes wird.“

Johanna, Kambodscha

Johanna*, 29, aus Kambodscha, hat mit 28 Jahren eine Abtreibung durchführen lassen. In Kambodscha ist die Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche legal.

„Ich hatte bereits zwei Kinder, als ich mich entschieden habe, die Abtreibung durchzuführen. Mein jüngstes Kind war damals sieben Monate alt; ich habe beschlossen, dass er zu jung für mich war, um ein weiteres Kind zu bekommen. Zudem war es teilweise auch aus finanziellen Gründen, weil ich mich um ein Business kümmern muss; ich bin eine Näherin. Ich habe es mit meinem Mann und meiner Mutter besprochen [und] sie haben meine Entscheidung unterstützt

Ich habe vor Jahren von der Marie-Stopes-Klinik erfahren, als der Dorfvorsteher Flyer darüber verteilte. Ich war nervös, weil ich nicht wusste, was passieren würde. Aber ich hatte keine Nebenwirkungen oder Komplikationen.

Es war leicht für mich, diese Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen; die Klinik ist fünf Minuten mit dem Fahrrad von meinem Haus entfernt. Das war sehr wichtig, denn sonst hätte ich herumfragen müssen, wo ich eine Abtreibung bekommen könnte. Es kostete 200 000 Riel (rund 43 Euro) für die Abtreibung und ein Implantat zur Verhütung.

Die Leute reden hier nicht wirklich über Abtreibung. Ich denke, dass es wichtig ist, meine Geschichte zu teilen, denn sie wird anderen Frauen helfen, die sich in der gleichen Situation befinden. Es wird ihnen helfen, zu verstehen, dass sie eine Entscheidung treffen können und dass diese Entscheidungen okay sind.“

*Einige Namen wurden geändert.

Dieser Text von Emily Chan stammt aus unserer VOGUE COMMUNITY und erschien im Original bei der deutschen Vogue.

 

Bilder der Collage © Gucci & Balenciaga

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