Kolumne // Der richtige Sommer im Falschen: Hitze feiern und Klima schützen?

29.04.2019 Leben, Gesellschaft

Mitten im April reden alle von Sommer, obwohl doch offensichtlich Frühling in der Luft liegt, und er ist real: Verfrühte Saisoneröffnung im Schwimmbad, Nachtschwärmer in kurzen Hosen vor den Bars in der Stadt oder Lichtschutzfaktor 50 im Gesicht. Der bislang heißeste Tag des Jahres sorgt für Aufsehen und volle S-Bahnen, denn alle wollen sie ans Wasser, in den Park oder auf die Piste gehen. Ist der Beigeschmack namens Klimawandel hier angebracht oder plagt uns seit neuestem nur ein permanent schlechtes Gewissen?

Absurd scheint es, jemanden abzustrafen, der sich über mehr Sonnenstunden freut. Denn wer kann sich, mit rar gesäten Urlaubstagen und ohne flexible Arbeitszeiten, auf genug Frischluft und Waldspaziergänge im Sommer verlassen? Die Welt, in der wir leben, hat uns zu einer Vorwurfsgesellschaft mutieren lassen. Denn statt bei sich selbst genau aufzupassen und nach Lösungen zu suchen, sind Menschen Meister darin, mit ausgestrecktem Zeigefinger auf diejenigen zu zeigen, die es falscher machen als man selbst. Die Klimasünder*innen, die Plastiknutzer*innen, die Billigflieger*innen, die Sonnengötter und -göttinnen. Pfui. Verurteilen fällt so leicht, weil es einem vor Augen führt, dass man zumindest schon einmal den Missstand erkannt hat, auch wenn man auf dem Sofa noch entspannt Däumchen dreht und den Strom von Vattenfall bezieht.

Und zu allem Übel sind alle gemeinschaftlich tagtäglich Zeugen ihres eigenen Versagens. Denn dort, wo es vier Wochen lang nicht richtig regnet, glaubt inzwischen keiner mehr an Bauernregeln wie den Siebenschläfer oder einen unglücklichen Zufall. Am Tag Sonne tanken, die man am Abend beim Gespräch unter Freund*innen besorgt und missgünstig verteufelt. Ist das jetzt unsere Realität geworden? Alles nur genießen, weil man sich am Ende selbstzufrieden UV-Strahlen auf den aufgeklärten Kopf scheinen lässt? Dort, wo „das richtige Meinen“ durch die richtige Tat ersetzt wird, fällt vor allem Position beziehen und Konsequenzen schließen schwer. Und am Ende gibt es ja auch noch die, die alles noch viel schlimmer machen als man selbst.

Die, die ohnehin mehr Auto fahren oder von Köln nach Berlin mit der Boing unterwegs sind oder noch Fleisch essen oder keinen Menstruationscup benutzen und Fast Fashion konsumieren. Aufatmen. Und ignorieren, dass sich die ganze Wokeness, das Wissen und die Zeit, all die Möglichkeiten und die Auswahl zwischen Second Hand und Billig-Kaufhaus, Bio-Glucke und Chicken-Nuggets-Privilegien in einem Kosmos befinden, der sich oftmals aus Akademiker*Innen, Großstädter*Innen und Idealist*Innen zusammensetzt. Dass häufiges Fliegen schlecht für die Umwelt ist, liegt für viele auf der Hand. Was aber, wenn die Billig-Airline und ihr ständiger Einsatz für manche den Urlaub erst möglich macht, Second Hand keine Option ist, weil Alleinerziehenden mit zwei Kindern die Zeit fürs Stöbern auf dem Flohmarkt oder die Recherche nach Rezepten fehlt? Wenn der Preis die Teilhabe bestimmt, sitzt man mit im Boot oder ist eben die Person, die im Supermarkt einen verachtenden Blick erntet, weil neben dem Leberkäse die Eier aus Bodenhaltung liegen. Weil am Ende nämlich die Zukunft der Konsument*Innen in den Händen des Marktes liegt und die meisten das kaufen, was sie sich leisten können und nicht etwa das, was sie als politisch korrekt erachten.

Das, was beim Verlassen der eigenen vier Wände für alle spürbar ist − mehr noch als das Plastik im Trinkwasser oder in den Weltmeeren − ist zum einen Anlass für quietschbunte Sommerfantasien, zum anderen beinharter Realitycheck. Dass es warm wird, können wir alle spüren, verstehen und vielleicht als direkte Auswirkung eigener Verhaltensweisen identifizieren. Ein wichtiger Reminder für das, was man tagtäglich selbst ausrichten kann, um etwas zu verändern, ganz ohne mit dem Finger auf die Nachbarsfrau zu zeigen. Wenn das Fehlverhalten aller am Ende dafür sorgt, im April schon die lauesten aller Sommerabende zu verbringen, ist das aber auch Anlass, um Kraft und Energie zu tanken. Ob abends in den Großstadtstraßen oder beim Picknick im Wald. Denn auch wenn gegebene Veränderungen zu Recht beängstigen und mürbe machen, im besten Fall Handlungen nach sich ziehen, kommen nun wirklich die wenigsten drum herum, sich nicht doch über verfrühte Sommergefühle zu freuen. Vielleicht ganz ohne schlechtes Gewissen beim Sonnenbad.

4 Kommentare

  1. Jule

    Hallo, ich verstehe nicht ganz was dieser Artikel sagen soll. Nicht bei den anderen anfangen sondern bei sich selbst? Hoffentlich eine Selbstverständlichkeit. Ich finde es auf jeden Fall begrüssenswert, wenn Ihr Euch hier dem sehr wichtigen und essentiellen Thema Klimaschutz widmet. Es geht uns alle an und zwar mit mE nach größerer Dringlichkeit als sehr vieles andere. Und jeder muss mitmachen und Dinge anpassen. Ja, jeder in seiner Reichweite und seinen Möglichkeiten. Und das, finde ich, sollte auch bis in die komfortzonen jedes einzelnen gehen. Mir ist jedenfalls die Lust auf ein Wochenende in sonstwo per Flugzeug schon lange vergangen, aus Überzeugung, nicht aus reiseunlust.

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  2. Gianna

    Hi Fabienne, ich verstehe den Artikel auch nicht ganz. Keiner ist perfekt, aber jeder sollte so gut wie einem möglich zum Umwelt-und Klimaschutz beitragen, sich fragen, ob man wirklich so umweltfreundlich lebt wie man denkt und – natürlich – bei sich selbst anfangen, wie bei so vielem.
    Und es ist ja bald Wahl … Hier kann man auch was bewegen, auch wenn einem die eigene Stimme klein vorkommt.

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  3. franni

    Salut, da geht es mir ähnlich wie den anderen Kommentatorinnen; so ganz wollen sich mir Ziel und Botschaft des Artikels nicht erschließen. Dass es nicht darum geht, andere in ihrem Klimaverhalten zu kritisieren – hm, diskussionswürdig, es sind Ressourcen aller Menschen, die da von einigen über Gebühr verbraucht werden. Dass manche sich klimaschützendes Verhalten nicht leisten können – teilweise richtig, hier sollte man radikal an der Besteuerung „billiger“ und gleicheitig umweltschädlicher Produkte ansetzen, bei diesen die Folgekosten einberechnen und den Ressourcenverbrauch (Schädigung der Böden, des Klimas etc), dann wären umweltfreundliche Produkte automatisch günstiger. Allerdings kann man sich auch günstig gesund und umweltfreundlich ernähren, das ist oft genug gezeigt worden. Argumente wie „Was aber, wenn die Billig-Airline und ihr ständiger Einsatz für manche den Urlaub erst möglich macht“ und andere sind unhaltbar. Urlaub kann man auch klimafreundlich gestalten, man muss nicht fliegen. Die Argumentation, Umweltschutz sei hier wieder das Ding von privilegierten Akademiker*innen finde ich bequem – jede*r kann was dafür tun, auch weniger privilegierte Menschen. Im Übrigen sind es genau diese Leute (hauptsächlich junge, gebildete Frauen), die das Thema größer und wichtiger gemacht haben – das nun pauschal als privilegierten Kosmos abzutun ist unfair. Dass es Ende April warm wird, liegt in der Natur der Dinge und ist ebenfalls normal. Natürlich kann und sollen wir die Sonne genießen, Vitamin D ist wichtig für’s Denken und hilft vielleicht dabei, ein überreaktives schlechtes Gewissen von einem echten Problem zu unterscheiden. Es geht nicht, wie Jule schon schreibt, ohne Eingriff in unsere Komfortzonen (sofern wir sie nicht schon selbst beschränkt haben), da hätte man hier zB auch Ideen wie die CO2 Steuer oder andere Modelle mal aufgreifen können statt „Privilegierte“ gegen „nicht-Privilegierte“ auszuspielen und „darf man denn nun nicht mal mehr die Sonne genießen?“-Argumente zu bringen. Der Satz „Weil am Ende nämlich die Zukunft der Konsument*Innen in den Händen des Marktes liegt“ macht mich sprachlos. Es ist umgekehrt: die Zukunft des Marktes liegt in den Händen der Konsument*innen. Und das sollte sich eben auch der/die Leberkäsekäufer*in bewusst machen! Und ja, nochmal, man kann auch umweltfreundlich UND günstig einkaufen.

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  4. Carolin

    Ich glaube nicht, dass es in diesem Artikel darum gehen soll, sich entspannt zurück zu legen und die Sonne zu genießen, während man mit einer „kann man eh nix machen“ Haltung den Klimawandel beobachtet. Vielmehr habe ich es so verstanden, dass man nicht resignieren soll. Das viele von uns versuchen, durch das eigene Verhalten etwas zu ändern. Sich aber im Großen und Ganzen bisher sehr wenig tut. Und dass man sich dann trotz wiederverwertbarem Kaffeebecher und Rad-Urlaub in Brandenburg manchmal über die Sonne freuen darf.
    Mir hat der Artikel gefallen 🙂

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