Alabama Abortion Ban // 25 Männer entscheiden über die Körper tausender Menschen, die schwanger werden können

17.05.2019 box2, Feminismus

Seit dem Start der Petition #wasfürnSpahn, die sich gegen das Vorhaben unseres selbst für einen CDU-Politiker überdurchschnittlich häufig wahnwitzig agierenden Gesundheitsministers richtet, satte 5 Millonen Euro für eine frauenfeindliche Studie über die psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen aufzuwenden, werde ich immer wieder gefragt, ob es denn tatsächlich nötig sei, so vehement an einem scheinbar harmlosen Vorhaben wie diesem zu rütteln. Realpolitisch betrachtet gäbe es schließlich keine Probleme, ganz im Gegenteil, Abtreibungen blieben unter bestimmten Voraussetzungen doch weiterhin straffrei, was unterm Strich soviel wie (fast) Freiheit bedeutete. 

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von XONecole.com (@xonecole) am

In solchen Momenten frage ich meist zurück: Was glaubt ihr denn, wie die gesetzliche Lage 2019 aussähe, könnten cis-Männer ebenfalls schwanger werden? Dann folgt für gewöhnlich ein langes Schweigen und Begreifen. 

Tatsächlich fällt es mir zunehmend schwer, angesichts besagter Relativierungstaktik an die Besonnenheit einer Isabel Schayani heranzureichen, die sogar mit Rechten und Sexisten reden kann, als seien sie Freund und nicht Feind. Es ist mir beinahe zuwider, gebetsmühlenartig erklären zu müssen, was längst Konsens sein sollte: Das Recht auf Sexuelle Selbstbestimmung. Dass es mir im Kern der noch immer laufenden Petition, auf die Jens Spahn übrigens seit Monaten keine Antwort finden will, natürlich nicht ausschließlich um irgendeine herabwürdigende und hanebüchene Studie geht, sondern vielmehr um die potenzielle Tragweite und Symbolkraft ebenjener, aber eben auch nicht minder um die Stärkung der (Nazi-)Paragraphen 218 und 219a im Deckmantel vorgegaukelter Empathie, sollte spätestens mit den Geschehnissen der vergangenen Tage überdeutlich geworden sein.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von ashley lukashevsky (@ashlukadraws) am

Kein Mann, der Schwangerschaftsabbrüche 2019 noch kriminalisiert oder auch nur davon träumt, sorgt sich ernsthaft um den Schutz irgendeines Lebens. Es bleiben, ganz im Gegenteil, Abtreibungs-Verbote, durch die Menschen sterben und starben. Hunderttausende. So viel muss aufgrund fehlender (wissenschaftlich fundierter) Argumente gegen Abbrüche bitte endlich klar sein. Es geht in dieser von mächtigen Entscheidungsträgern geführten Debatte  ausschließlich um Populismus, um Macht, um Kontrolle, darum, den „Aufstand der Frauen“ zu zerschlagen, mit allen Mitteln, um ein letztes Aufbäumen all jener, die sich als Pro-Life-Saubermännlein selbst beweihräuchern, am Ende jedoch nicht mehr sind als wieder nur Fundamentalisten, die Menschen mit Uterus diskriminieren. Wer genau hinsieht, ahnt außerdem, dass eine weitere Intention hinter derartigen Angriffen auf unsere Menschenrechte und die Würde tausender Frauen stecken muss: Der Wille, uns Stück für Stück zu entmündigen und wieder dorthin zurück zu drängen, wo beinahe dreitausend Jahre lang unser zugewiesener Platz gewesen ist:

Irgendwo zu Füßen des Patriarchats – das dem eigenen Sterben mit der vierten Welle des Feminismus aktuell deutlicher denn je in die Augen blicken muss. Die weißen alten Männer bekommen es mit der Angst zu tun. Nicht aber vor der Trump-Methode, die sich gegen die Wissenschaft stellt, dem Rechtsruck oder toten Kindern und Müttern, die Kleiderbügel nicht aus der schicken Anzug-Garderobe kennen. Sondern vor einem ebenso harmlosen  wie selbstverständlichen Grundbedürfnis, das sich Gleichberechtigung nennt. Es schmerzt sie, für mehr Gerechtigkeit von der eigenen Macht abgeben, ja am Ende sogar teilen zu müssen. Mit uns. 

Als Folge schließen sie sich zusammen, um potenziell jeder Person, die schwanger werden kann, weh zu tun. Wenn es sein muss, mithilfe von selbst gemachten, perfiden Gesetzen. Nur so geht es wohl, wenn die eigenen Vorstellungen jedem Verstand entbehren und keiner echten Demokratie standhalten könnten. Dass es überhaupt möglich ist, die private Rückwärtsgewandtheit auf öffentlicher, politischer Ebene zu manifestieren und obendrein salonfähig zu machen, ist nur ein weiteres Armutszeugnis einer Zeit, in der die Gleichstellung der Geschlechter noch immer Utopie bleibt.

So kam es jedenfalls, dass der Senat des US-Bundesstaates Alabama jüngst einen zu Recht von etlichen Medien als „drakonisch“ betitelten Beschluss zu Schwangerschaftsabbrüchen verabschieden konnte, der die eigentliche Dystopie von Margaret Atwood „The Handmaid`s“ Tale sogar mit wenig Phantasie sehr denkbar wirken lässt: 

Ärzt*innen in Alabama droht ab sofort eine Gefängnisstrafe von bis zu 99 Jahren. Keineswegs für barbarische Verbrechen, die fernab jeder Vorstellungskraft liegen. Sondern für jeden medizinischen Eingriff, der eine ungewollte Schwangerschaft beendet. Der Leben rettet, auf unterschiedlichste Weise, der ein Menschenrecht sein muss und sollte, in jedem Land der Welt. Von den 35 Mitgliedern des Senats stimmten die einzigen vier Frauen gegen die restriktive Gesetzesänderung, die fortan auch das Abbrechen inzestuöser Schwangerschaften und solcher, die auf Vergewaltigungen zurückzuführen sind, verbieten und unter Strafe stellen will. Die verbleibenden 25 Männer stimmten einstimmig und unter Anführung des Abgeordneten Terri Collins dafür, Ärzt*innen und auch die Schwangeren selbst künftig belangen und bestrafen zu können.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von New York Times – Gender (@nytgender) am

Das Gesetz werde aktuell jedoch noch ausgebremst, wissen unsere Kolleginnen von Edition F: „Alabama untersteht wie alle anderen Bundesstaaten dem obersten Gerichtshof und der hat 1973 beschlossen, dass Abbrüche bis zu dem Zeitpunkt erlaubt sind, an dem der Fötus lebensfähig wird – und dieses Gesetz gilt auch noch heute.“

In einem Interview mit der Washington Post erkläre Collins zudem, dass mit dem Beschluss in Alabama die damalige Entscheidung des obersten Gerichtshofs in Frage gestellt werden wolle und dass man sich eine landesweite Debatte über Schwangerschaftsabbrüche erhoffe – mit dem Ziel, Abtreibungen in den gesamten USA zu verbieten. 

 

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Liz Plank (@feministabulous) am

Während ich mich indes frage, ob es einer neuen Petition bedarf, die sich dafür einsetzt, dass Männer nie wieder über den weiblichen Körper entscheiden oder Gesetze, die ausschließlich Frauen betreffen, verabschieden dürfen sollten, informiert The Cut darüber, wie wir uns mit den betroffenen Frauen in Alabama solidarisieren können.

So der so gilt: Jetzt ist nicht die Zeit, sich bedeckt zu halten. Es ist unsere Pflicht, egal ob Mann* oder Frau*, aufzustehen und uns gegen das Unrecht zu wehren, das unseren Schwestern, Müttern, Freundinnen und Töchtern angetan wird. Es war noch nie eine Ausrede anzunehmen, man selbst sei nicht betroffen. Dinge ändern sich, Umstände ändern sich, Menschen ändern sich – und Gesetze leider auch.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Megan Murphy (@madameleprechaun) am

9 Kommentare

  1. Tamar

    Liebe Nike, was ist mit dem Kind, das bei einer Abtreibung getötet wird? Hat das keine Rechte? Sollte es nicht auch ein Recht darauf haben geschützt zu werden, erst recht wenn es das selber noch gar nicht kann? Ich verstehe das du Gleichberechtigung möchtest und das will ich auch! Aber ich weiß nicht ob es der richtige Weg ist, dass auf Kosten ungeborener Kinder zu tun. Das Recht auf freie Entscheidung über deinen Körper, dass du einforderst, stellt das Recht eines anderen Lebens zurück. Ist das fair? Soll das dazu führen, dass die Welt gerechter wird? Das nun eben Frauen das Glück haben Kinder auf die Welt bringen zu dürfen, wird man nicht ändern können und ich finde gut, dass es genau so ist. Jedem zu unterstellen, der gegen Abtreibung ist, er sei ein weißer alter Mann und Frauen Hasser, finde ich auch schwierig. Ich würde mich als Feministin bezeichnen und bin klar geben Abtreibung, weil es eben nicht nur um mich geht oder einen bösen Mann, sondern auch um ein ungeborenes Leben.

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    1. Nina

      Liebe Tamar,
      wie kann ein mögliches Leben vor ein bestehendes Leben gehen? Was ist mit den psychischen Problemen einer überforderten Mutter, die ihr Kind auf Grund von alltäglichen Schwierigkeiten nicht genug Liebe und Fürsorge geben kann. Dafür
      sollte der Spahn mal 5 Mio ausgeben und schauen, wie belastend ein Kind wirken kann. Ist das ein Leben, dass wir dem Kind wünschen? Nicht jede Frau ist gleichzeitig eine liebende Mutter und das ist okay!!! Aus der biologischen Möglichkeit zur Schwangerschaft leitet sich doch nicht gleichzeitig eine psychische Möglichkeit zur Mutterschaft ab. Ich bin Mutter und liebe mein Kind, Aber ein zweites Kind habe ich abtreiben lassen, weil die damit einhergehende Belastung für keinen zumutbar gewesen wäre. Und diese Art von moralischer Sperre, die mit Gesetzen heraufbeschworen werden, braucht keiner. Ich gebe Brief und Siegel, dass keine einzige Frau jemals ein Kind leichtfertig abgetrieben hat und dass das eine weitreichende Entscheidung ist, die aber bitte jede Frau für sich selber tragen darf.

      Liebe Grüße

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      1. Aline

        Gibt ja auch viele Kinder die ihren Eltern Vorwürfe machen, sie seien nicht gefragt worden ob sie auf die Welt kommen wollen… Heutzutage sogar noch verständlich, wenn man die heutige Welt anschaut. Man kann es wohl nie jemanden Recht machen. Finde solch ein Gesetz absurd gleich mit Gefängnis (in Ecuador ist es ja auch ganz schlimm).

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    2. Nike Jane Artikelautor

      Liebe Tamar, ich kann mich Ninas Kommentar nur anschließen und warne außerdem davor, bereits mit dem Beginn einer Schwangerschaft von einem „Kind“ zu sprechen. Es gibt Ethikkommissionen und auch die Wissenschaft – beides setzt sich mit dem Thema auseinander und differenziert nicht aus dem Blauen heraus. Ich finde es trotzdem wichtig, eine eigene Meinung haben zu dürfen. Und ja, Mensch muss Abtreibungen auch nicht gutheißen – in diesem Fall kann Mensch sich persönlich gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, sollte aber vorsichtig damit sein, über andere bestimmen zu wollen. Ganz liebe Grüße.

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  2. Nina

    Eine neue Petition finde ich sinnvoll. Wie kann es sein, dass es Gesetze gibt, die ausschließlich für Frauen gelten? Es gibt kein einziges Gesetz, das ausschließlich für Männer formuliert ist. Da wird immer die Allgemeinheit bemüht.
    Außerdem ist mir unklar, wie einer Frau, der Leid angetan wurde (und selbst wenn nicht), sie heutzutage nicht selbst entscheiden darf, ob sie sich der Schwangerschaft aussetzen möchte oder nicht. Es gibt wahnsinnige technologische Fortschritte, aber eine Frau hat 2019 immer noch nicht alleiniges Entscheidungsrecht über ihren Körper. Das ist doch unmöglich.

    Ich finde es aber auffällig, wie wenig Frauen sich an diesem Thema hier beteiligen. Schade.

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    1. Becca

      Liebe Nike,
      ich verfolge euren Blog schon sehr lange, habe aber noch nie kommentiert. An dieser Stelle muss ich aber einfach mal DANKE sagen. DANKE, dass ihr Frauenrechte immer wieder zum Thema macht! DANKE, dass ihr das Recht auf Abtreibung immer wieder zum Thema macht! DANKE, dass du laut und wütend bist und nicht resignierst!
      Ich hatte vor fast zehn Jahren mit Anfang 20 eine Abtreibung. Das war eine harte Entscheidung für mich, die ich bis heute aber nie bereut habe. Ich war mitten im Studium und wollte einfach kein Kind, ich war mir sicher in meiner Entscheidung daher empfand ich es auch als Bevormundung gesetzlich dazu verpflichtet zu werden eine Beratungsstelle aufzusuchen. Bei Pro Familia waren sie aber sehr nett und haben mir verschiedene Informationen zur Abtreibung gegeben. Dass diese Informationen für schwangere Frauen bis heute noch nicht frei zugänglich sind ist echt unglaublich! Vielleicht war es die Naivität einer Zwanzigjährigen aber damals hätte ich nie gedacht, dass heute knapp zehn Jahre später das Grundrecht auf Entscheidungen die den eigenen Körper betreffen immer noch in Frage gestellt wird. Ich bin damals mit meiner Entscheidung offen umgegangen, habe Freundinnen und auch meinen Eltern davon erzählt und habe von allen Seiten Unterstützung bekommen. Ich habe auch Freundinnen und Familie, die religiös und konservativ eingestellt sind, auch von denen habe ich nur Unterstützung bekommen.
      Die Praxis, in der ich abtreiben habe lassen, war in meiner Nähe. Erst Jahre später habe ich erfahren, dass diese Praxis eine der wenigen ist, die Abtreibungen anbietet und dass obwohl ich in der Nähe der Landeshauptstadt wohne und dass andere Frauen mehrere Stunden, teilweise in ein anderes Bundesland fahren müssen. Außerdem habe ich mitbekommen, dass die Ärzt*innen der Praxis öfters bedroht werden von sogenannten Lebensschützern.
      @tamar: Ich habe in der sechsten Woche abgetrieben. Für mich persönlich (!) ist das in diesem Stadium der Schwangerschaft noch kein Kind, sondern ein Embryo. Ich akzeptiere wenn andere das anderes sehen. Die Frage wann Leben beginnt ist eine hochkomplexe ethische Frage. Aber ich akzeptiere nicht, wenn andere mir ihre Meinung aufdrängen und über meinen Körper entscheiden wollen!
      Danke Nike macht weiter so!

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