Ausprobiert // 7 Tage Morgenyoga

23.05.2019 Wir, Leben

Neulich stellte sich während des Redaktionsmeetings die Frage, welche Dinge ich denn noch so für meine kleine „Ausprobiert“-Reihe testen könnte. Irgendwas, das sich in den Alltag integrieren lässt und auch meinen inneren Schweinehund ein wenig herausfordert. Aus meinen Gedanken, die zuweilen noch am letzten Kaffee hingen, riss mich schließlich der Vorschlag „jeden Morgen ein bisschen Yoga“ und ja, warum eigentlich nicht, so ein bisschen mehr Zen würde schließlich auch mir guttun. Also nahm ich mir vor, meine Yogamatte in den nächsten sieben Tagen auszurollen, um mich gleich nach dem Aufstehen gen Downward-Facing Dog zu bewegen. Ohnehin hatte ich das zwischen all dem Stress der letzten Monate, der aus Abschlussarbeit, Wohnungssuche, Umzug und Job bestand, viel zu selten getan. Ein wenig zweifelte ich ja an meiner Fähigkeit, mich morgens noch früher aus dem Bett zu schwingen, weshalb ich beschloss, mir bei der Youtube-Yogi meines Vertrauens „Yoga with Adriene“ ein zeitlich passendes (sprich: kurzes) Video herauszusuchen.

Das 11-minütige Wake Up-Yoga erschien mir als die richtige Wahl, war das Video doch tatsächlich kurz genug, um nicht allzu früh aufzustehen und nicht auf meinen morgendlichen Kaffee verzichten zu müssen – Vorbereitung ist schließlich alles.

Tag 1 – Irgendwie habe ich mir das leichter vorgestellt

Mein Handy weckt mich um 06:40 Uhr mit den lieblichen Klängen von Future Islands‘ „Like the Moon“. Ich mag das Lied so gerne, dass ich den Wecker manchmal noch ein bisschen länger laufen lasse – an diesem Morgen verschafft mir das dankbarerweise auch noch ein paar zusätzliche Sekunden, in denen ich mich an meine Matratze klammere. So wirklich aufraffen kann ich mich nicht und irgendwie hatte ich es mir leichter vorgestellt – ja, in meinen Vorstellungen sprang ich beschwingt und voller Tatendrang vom Bett auf die Yogamatte, hinein in Warrior 1 und 2, zumindest aber in die Child Pose. Nun gut, jetzt sah die Realität eben anders aus und auch in meiner Verschlafenheit waren mir selbst die elf Minuten mit Adriene ein wenig zu anstrengend. Ich hielt die Posen meist nur halb so lang und hoffte innerlich ein wenig, dass es bald vorbei ist. Ich wollte eine Dusche und sehnte mich nach der Kaffeemaschine, von der ich glaubte, dass sie meinen Namen mindestens schon drei Mal gerufen hatte. Tag 1 war also eher so semi-erfoglreich, macht ja aber nix, es muss ja schließlich noch Luft nach oben bleiben.

Tag 2 – I feel good

1989 sang Nena verträumt davon, dass Wunder geschehen und ja, heute Morgen glaubte ich auch ein bisschen daran, anders konnte ich mir zumindest nicht erklären, dass ich tatsächlich vor dem Weckerklingeln aufgewacht war. Ich machte mich Yoga-ready (was bei mir bedeutet, dass ich mein Schlabbershirt in die olle Leggings stecke und versuche, möglichst alle Haare aus dem Gesicht zu binden) und widmete mich Adriene. Klar, die Posen wollten noch nicht so ganz klappen und überhaupt fehlt mir gerade ein wenig die Gelenkigkeit, ich wäre drei

Mal fast umgefallen und ich bin etwas eingerostet, aber Mensch, es fühlt sich verdammt gut an, alle Gliedmaßen mal wieder so richtig durchzustrecken und zu beanspruchen. Ich habe Adriene in den vergangenen Monaten vermisst, entschuldige mich gedanklich kurz bei ihr, sie gestern noch so verflucht zu haben und hüpfe mit mächtig guter Laune unter die Dusche – vielleicht steckt in mir ja doch ein Morgenyogi.

Tag 3 – Entschuldigung, ich nehme mal eben die Abkürzung

Huch, da habe ich doch tatsächlich vergessen, dass meine morgendliche Yogarunde auf mich wartet, gestern Abend blieb ich nämlich ein wenig zu lange an einem neuen Buch kleben und gab mich heute früh mehrmals meiner Snooze-Taste hin. Für die elf Minuten blieb nicht so wirklich Zeit (es sei denn, ich hätte auf meinen Kaffee verzichtet, aber man muss nun ja nicht gleich alles opfern), dafür zückte ich meinen Joker, den ich wohlwissend vorbereitet hatte: „5-Minute Morning Yoga“ – ach Adriene, du bist viel zu gut zu mir. Das Video war mindestens genauso schnell rum, wie es angefangen hatte, war schmeichelzart zu meinen Gleichgewichtsproblemen und verschaffte mir nicht nur einen Moment der inneren Ausgeglichenheit (oder bilde ich mir das nur ein?), sondern auch ziemlich gute Laune. Schön, so hatte ich mir das vorgestellt, vielleicht also sollte ich künftig häufiger mal die Abkürzung nehmen.

Tag 4 – Endlich angekommen?

Nach meinem gestrigen Gute-Laune-Schub, für den ich Adriene verantwortlich mache, bin ich heute reichlich motiviert und werfe das kurze Video an, das sich zugegebenermaßen ein bisschen wie eine Schummelei anfühlt. Dafür aber weiß ich, dass es mir dank angenehmer Posen und ganz viel Achtsamkeit tatsächlich dabei hilft, in den Tag zu starten. Irgendwie bin ich bei mir, gelassener und habe nicht gleich das Gefühl, den nächsten Tag mit Muskelkater verbringen zu müssen. Alleine das motiviert mich und ich frage mich, ob ich denn vielleicht ein wenig angekommen bin, in diesem Zen, von dem immer alle sprechen.

Tag 5 – Hochmut kommt vor dem Fall

Habe ich mein neues Yoga-Ich gestern noch so gelobt, weiß ich heute plötzlich nicht mehr, wo es abgeblieben ist. Ich bin mit schlechter Laune aufgewacht und würde mich nur allzu gerne den ganzen Tag im Bett aufhalten. Ich weiß, ich weiß, ich müsste mich überwinden, meinen inneren Schweinehund verjagen oder ihm zur Besänftigung wenigstens eine kleine Belohnung versprechen, damit er für einen Moment Ruhe gibt. Es sind doch nur fünf Minuten, wobei, eigentlich ja elf, denn auf Dauer wollte ich ja nicht mit der gekürzten Version herumhängen. In meinem Kopf diskutiere ich mit mir, mit meinem Schweinehund und – irgendwo mittendrin – auch mit Adriene. Mich packt das schlechte Gewissen, ein wenig vielleicht auch der Ehrgeiz, denn so schwer kann es ja, verdammt noch mal, nicht sein, sieben Tage am Stück etwas durchzuziehen. Halbherzig hole ich die Yogamatte aus der Ecke und führe die elf Minuten noch halbherziger durch. Keine Ahnung, ob es meiner Laune geholfen hat, ich glaube es ja nicht so wirklich, zumindest aber fühle ich mich so, als hätte ich etwas geleistet und meine Gliedmaßen danken es mir vermutlich auch.

Tag 6 – Ein Tief kommt selten allein

Manches lässt sich kurz und knapp zusammenfassen. Zum Beispiel, dass man keine Lust hat. So ganz und gar keine. Sie ist nicht auffindbar und lockt höchstens jede Menge Ausreden hervor, die ich mir selbst vorlüge. Gestern, da packte mich wenigstens noch das schlechte Gewissen, heute ist es maximal der kleine Funken Anspruch an mich selbst, der noch irgendwo schwach aufleuchtet. Bevor auch der verschwindet und mich mit meinen Ausreden alleine lässt, gebe ich mir den größten Ruck, den ich aufbringen kann und ziehe Adrienes Yoga Session durch. Und danach? Da bin ich ein wenig stolz auf mich, dass ich mich doch noch überwinden konnte und mein Vorhaben nicht so kurz vor dem Ziel abgebrochen habe. Ja, manchmal ist auf meinen Willen eben doch Verlass.

 
 
 
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Tag 7 – Ist das dieses „Zen“, von dem immer alle reden?

Ich fühle mich eingerostet. Das fängt beim Rücken an, durchläuft die Arme und irgendwie auch die Beine. Und so habe ich zum ersten Mal das Bedürfnis, mich auf die Matte zu begeben, nicht etwa aufgrund meiner kleinen Challenge an mich selbst, sondern tatsächlich wegen des Yogas. Zum Abschluss wähle ich noch einmal das 5-minütige Video, weil mir der Ablauf so früh am Morgen einfach mehr zusagt, als mich in kräftezehrende Posen zu werfen. Merkwürdigerweise bin ich heute ziemlich ausgeglichen, fast so, als wäre es geplant, eine Art Abschlussgeschenk von Adrienne an mich. In diesem Moment schmeckt sogar der Kaffee ein bisschen besser, auch, wenn ich mir nicht sicher bin, ob meine innere Ruhe daher kommt, dass ich heute wirklich das Bedürfnis nach Yoga hatte oder doch daran, dass heute der letzte Tag ist, an dem ich mich zu den Yoga-Übungen zwinge. Wie dem auch sei, es fühlt sich ganz schön gut an.

 

 
 
 
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Und jetzt?

Früher habe ich mir gerne eingeredet, irgendwann auch einer dieser Menschen zu werden, der bei Sonnenaufgang auf weiten Wiesen steht und geschmeidig in eine Yoga-Pose nach der anderen gleitet. Dass es wohl für immer die Vorstellungen meines 24-jährigen Ichs bleiben dürften, liegt einerseits an meinem Heuschnupfen, andererseits aber auch daran, dass ich ganz sicher nicht der Mensch bin, der täglich auf der Suche nach einem neuen Yoga-Erlebnis ist. Noch dazu stehe ich einfach nie früh genug auf, um den Sonnenaufgang zu sehen, schon gar nicht, wenn ich zum angemessenen Zeitpunkt schon angezogen auf irgendeiner Wiese stehen soll.

Das ist aber auch gar nicht weiter schlimm, denn diese sieben Tage haben mir gezeigt, dass es für mich durchaus ausreichend ist, lediglich fünf Minuten am Morgen in Yoga zu investieren. Da braucht es nicht gleich dolle Posen, die mir Kraft abverlangen – die will ich mir künftig lieber für den Abend aufheben, an denen ich mich länger auf der Yogamatte aufhalten möchte. Das nämlich habe ich mir tatsächlich vorgenommen, weil es in den vergangenen Monaten an Zeit und Motivation fehlte. Seit ich von Montag bis Freitag den Großteil meiner Zeit auf einem Bürostuhl verbringe, ist es aber ganz sicher kein falsches Vorhaben – und meinem Geist schadet es schließlich auch nicht.

4 Kommentare

  1. Marie

    Schöner Beitrag. Ich habe dank Adrienne zu Yoga gefunden und mache (fast) jeden Morgen ein ca. 20 minütiges Video. Übrigens: Je nach Laune und Stimmung mal gentle, mal Vinyasa. Vielleicht wäre das ja eine Idee für dich, die Videos nach deiner aktuellen Gemütslage zu wählen. Ich kann es nur jedem empfehlen und inzwischen (nach immerhin fast einem Jahr..dauert also doch seine Zeit) gehört das morgendliche Yoga ganz selbstverständlich zu meinem Tag.

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  2. Almut

    Schöner Versuch. Ich mache seit einigen Monaten die 10-Minute-Yoga-Solution und habe zu Anfang auch einige Wochen gebraucht, um reinzukommen. Jetzt kann ich es mir an den meisten Morgenden schon gar nicht mehr ohne vorstellen. Mehr als 10 Minuten bekomme ich mit Kind und Job nicht unter, aber die regelmäßig tun mir auch ziemlich gut. Vielleicht lohnt sich also die mehr als 7 Tage Challenge 🙂 Ich bin übrigens was die Übungen angeht auch ganz flexibel, je nachdem wozu ich gerade Lust habe.

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  3. Nora

    Aehnlich wie bei meinen Vorrednerinnen kann ich mir mein Leben ohne bzw. vor Yoga kaum noch vorstellen.
    Bei mir fing es mit einem sehr tiefen Tiefpunkt an, an dem ich beschloss, etwas fuer mich und meine Ausgeglichenheit zu tun. Das war im Februar 2018, in dem ich mit Adriennes ’30 days of yoga‘ angefangen habe. Und seitdem habe ich einfach nicht mehr aufgehoert. Den Kaffee mache ich mir davor und trinke ihn nebenher, dann bin ich geruestet fuer den Tag, und das, obwohl ich auch ueberhaupt kein Morgenmensch bin. Aber seit ich meine 7,5 Stunden schlafe und morgens gleich auf die Matte huepfe, geht es so viel besser.
    Die Videos waehle ich auch je nach Gemuetslage und Zeit, manchmal mache ich auch meine eigenen Uebungen. Vor einem wichtigen Bewerbungsgespraech habe ich ein Video fuer Selbstbewusstsein gemacht und hab mich danach tatsaechlich besser gefuehlt. Natuerlich gibt es sehr viele Lehrer_innen auf Youtube – was ich an Adrienne so mag ist, dass sie den Fokus nicht auf Fitness legt, sondern viele andere Aspekte von Yoga mit einbezieht, wie den Atem, die Guete sich selbst gegenueber, eine ganzheitliche Herangehensweise.
    Worin ich auch grossen Komfort gefunden habe ist in dem Abgeben der Entscheidung. Ich muss mich nicht mehr fragen, ob ich heute Zeit und Lust fuer Yoga habe, es ist einfach ein Teil meiner Morgenroutine, so wie Kaffee, duschen und Zaehne putzen. Und ich kann gar nicht genug betonen, wie gut mir diese Minuten fuer mich auf der Matte tun. Ich bin seither so viel mehr bei mir, ausgeglichener, weniger aengstlich, gluecklicher. Dass ich durch das stete Training auch fitter und beweglicher geworden bin, sehe ich tatsaechlich eher als schoene Nebeneffekte.
    Das mag natuerlich fuer jede_n anders sein, aber viele, denen ich davon vorgeschwaermt habe, sind inzwischen auf einem aehnlichen Weg.
    Also ja, ganz viel Liebe fuer all das!

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  4. Julia Carevic Artikelautor

    Ihr Lieben, dankeschön für eure ausführlichen Antworten! Sie motivieren mich in jedem Fall, dran zu bleiben und mich anfangs ein wenig häufiger zu überwinden – vielleicht klappt es bei mir ja auch so wie bei euch, das wäre toll 🙂

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