Trans is not a trend // Model Maxim Magnus darüber, was Trans-Sein heute bedeutet

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. So steht es in Artikel 3 des Grundgesetzes, und so findet es sich in ähnlicher Formulierung in den Konstitutionen vieler Länder wieder. Dass die Gesellschaft diesen Grundsatz im Alltag nicht verinnerlicht hat, beweisen unter anderem die Rassismus-Erfahrungen der Talents of Color im aktuellen Vogue Themen-Special. Aber auch andere Individuen, die von dem noch immer allgemeingültigen heterosexuellen Imperativ abweichen, sehen sich mit einer systematischen, oft unterschwelligen Diskriminierung konfrontiert. Der heterosexuelle Imperativ beschreibt in den Gender- und Queer-Studies die Zwangs-Heterosexualität, nach der die Gesellschaft noch immer weitestgehend ausgerichtet ist. Noch immer dominieren in den Medien überwiegend weiße, heterosexuelle Normen, und noch immer sorgt ein Abweichen davon – wenn auch zunehmend positiv – für Aufsehen.

Es ist nicht abzustreiten, dass der Artikel des belgischen Models Maxim Magnus für die britische Vogue aufsehenerregend war. Schließlich, und das machen berühmte Trans-Personen immer wieder vor, sind Fragen nach „der“ Operation konsequent off-limit und werden prinzipiell nicht beantwortet. Gleichzeitig ist diese Operation aber auch von großem Interesse, insbesondere für Menschen, die nicht davon betroffen sind. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass das Thema der operativen Geschlechtsangleichung viele Fragen für Außenstehende aufwirft. Schließlich werden die primären Sexualorgane operativ so verändert, dass sie im besten Fall in Aussehen und Funktion dem Geschlecht entsprechen, mit dem die jeweilige Trans-Person sich identifiziert. Darum sind Fragen wie „Sieht ‚das‘ überhaupt authentisch aus? Funktioniert ‚das‘ überhaupt richtig? Und kann man dann überhaupt noch Kinder kriegen?“ in einer Weise gerechtfertigt. Aber auf all diese Fragen lassen sich im Internet zufriedenstellende Antworten finden – vorausgesetzt, man interessiert sich wirklich dafür. Denn für die Personen, die den Prozess durchleben (müssen), für #GirlsLikeUs, ist es unglaublich nervenaufreibend und vor allem intim. Das vergessen leider die meisten, wenn sie einer Trans-Person begegnen. Die Gefühle des Gegenübers werden hier oft übergangen und Fragen gestellt, die nicht bloß verletzen, sondern entwürdigen. So gesehen kann man die Entscheidung, nicht darüber zu sprechen, also niemandem verübeln.

 
 
 
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Aber gerade deshalb war es so eindrucksvoll, Maxim Magnus‘ Artikel über SRS (Sex reassignment surgery) zu lesen. Einen Artikel, der nicht bloß die einseitige Sichtweise des „wundersamen Heilmittels“ wiedergibt. Denn auch wenn grundsätzlich eher selten thematisiert, geht mit der Operation oftmals eine (teilweise falsche) Dankbarkeit einher, die eine authentische Wiedergabe der Erfahrung gerade nicht zulässt. Insbesondere medial wird der Prozess, so scheint es, überwiegend idealisiert und vereinfacht dargestellt. Das sorgt dafür, dass Negativ-Erfahrungen keinerlei Gehör geschenkt wird und diese als „undankbar“ abgetan werden. So entsteht ein falsches Bild, das sich – verbreitet durch die Medien – in den Köpfen vieler Trans-Personen festsetzt. Und genau dieser Trugschluss sorgt dafür, dass man sich nach der Operation schuldig fühlt, wenn man situationsbedingt anfängt, ihre Notwendigkeit infrage zu stellen. Deshalb ist das, was Maxim Magnus macht, wichtig: Es geht nicht darum, die operative Geschlechtsangleichung schlecht darzustellen, im Gegenteil! Es geht darum zu zeigen, dass der Prozess unglaublich individuell und das Spektrum der Erfahrungen ebenso breit gefächert ist wie das Spektrum von Geschlechternselbst.

 

Wie würden Sie Ihre Erfahrung als Model mit Trans-Hintergrund beschreiben?

Definitiv alles andere als einfach! Gerade zu Beginn meiner Karriere wollte niemand mit mir arbeiten. Erst als ich eine gute PR-Agentur fand, begannen Designer/-innen langsam, mich zu buchen. Irgendwann meldete sich Tom Fordbei meiner Agentur, das war in etwa der Moment, in dem alles begann. Danach nahm die Anzahl an Kund(inn)en, die mich zu Events einluden und einkleiden wollten, stetig zu. Dadurch wuchs meine Reichweite.

 

Haben Sie seitdem jemals das Gefühl gehabt, dass Kunden Sie auf Ihre Trans-Identität reduzieren und lediglich deshalb buchen?

Das passiert häufig. Vielen geht es darum zu zeigen, wie offen sie doch sind und wie inklusiv ihre Brand ist. Trotzdem heben sie ständig das Trans-Sein hervor. Dadurch hat es nichts mit Normalität und Gleichwertigkeit zu tun. Meistens werden aber anhand der Briefings diese Intentionen schon deutlich. Viele Models nehmen diese Möglichkeiten trotzdem wahr, wegen des Geldes, der Reichweite, etc. – das fühlt sich für mich aber nicht richtig an. Darum sage ich dazu Nein. Katie Grand ist eine der wenigen, die Models wegen ihrer Person buchen. Sie steht für Diversität, ohne diese plakativ hervorzuheben. Das unterscheidet sie von vielen anderen Kund(inn)en.

Würden Sie sagen, dass Sie die Bezeichnung „Trans-Model“ stört? Finden Sie, es unterscheidet zwischen einem „richtigen“ Model und einem Model mit Trans-Hintergrund?

Das ist komplett situationsabhängig. Als ich den Artikel zum „Transgender Day of Visibility“ schrieb, bestand ich beispielsweise darauf, dass das Präfix „Trans“ benutzt wurde. In diesem Zusammenhang war es wichtig. Gleichzeitig werde ich aber auch nie zu etwas anderem als dem Trans-Sein gefragt. Dabei bin ich mehr als „nur“ eine Trans-Frau! Ich habe so viele Facetten wie jede andere Frau auch und genau so viele verschiedene Dinge, die mich bewegen und über die ich sprechen kann und will. Darum sind Katie Grand und das „Love“-Magazin auch so wichtig für mich: weil sie nur dann einen Fokus darauf legen, wenn es absolut notwendig ist. Meine Geschlechts-Identität muss nicht immer im Vordergrund stehen.

 
 
 
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Irgendwie erschreckend, man erwartet ja gerade in der Modebranche, dass die Menschen inklusiver und „woke“ sind. Passiert es Ihnen noch, dass Sie „misgendert“ werden? Gerade auch, weil Sie Ihre Haare mittlerweile abrasiert haben?

Das passiert ständig! Einmal habe ich eine Diversity-Geschichte geshootet, und einige am Set haben mich als „er“ bezeichnet. Ich stand noch ganz am Anfang meiner Karriere, darum habe ich mich nicht getraut, etwas zu sagen. Wenn mir so etwas heute passiert, bin ich konsequent und breche das Shooting ab. Die Leute sind aber auch vorsichtiger geworden, weil sie genau wissen, dass ich es öffentlich ansprechen werde, wenn sie sich falsch verhalten. Auf der Straße passiert es mir aber wieder häufiger. Selbst wenn ich ein kurzes Kleid anhabe, man mein Gesicht oder meine Brüste sieht, werde ich als männlich angesprochen. Letzten Endes kannst du so viel verändern, wie du willst, und trotzdem scheinen die Menschen dich nicht als das sehen zu wollen, was du bist.

Finden Sie, dass Trans-Sein damit einhergeht, einen gewissen (Beauty-)Standard zu erfüllen, wenn auch nur, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden?

Auf eine Art und Weise schon. Ich habe mir immer gesagt, dass ich die ganzen Operationen nur für mich selbst mache. Aber als ich dann meinen Freund Finn kennengelernt habe, wurde mir bewusst, dass das nicht stimmt. Mit ihm begann ich zu hinterfragen, warum ich diese Prozeduren über mich ergehen ließ – ganz klar vorrangig auch deshalb, um die anderen zufriedenzustellen. Wären die gesellschaftlichen Standards anders, hätte ich niemals Operationen gebraucht, um mich als Frau zu fühlen. Unabhängig von meinen Genitalien. Darum ist mein jetziger Standpunkt, dass viele von uns diese Operationen ertragen, um sich gesellschaftlich einzufügen und akzeptiert zu werden. Und trotzdem sieht die Gesellschaft uns noch als „das andere“.

 
 
 
 
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Ist das auch der Grund, warum Sie sich dazu entschieden haben, so offen über Ihre Erfahrungen mit SRS zu sprechen?

Zum einen deshalb, aber auch, weil ich finde, dass der ganze Prozess in den Medien verherrlichend dargestellt wird. Viele lassen es so aussehen, als wäre es ein leichter Prozess. Dabei sieht die Realität ganz anders aus. Bei mir hat es zwei Monate gedauert, bis ich wieder am normalen Leben teilnehmen konnte. Es geht mir nicht darum, das alles zu verteufeln. Im Gegenteil, ich bin dankbar für diese Möglichkeit und bereue auch nicht, dass ich die Operation vornehmen lassen habe. Ich hätte mir einfach nur gewünscht, dass allgemein eine bessere Aufklärungsarbeit geleistet wird. Denn während einige sicherlich eine positive Erfahrung gemacht haben, erlebten fast genau so viele andere eine furchtbare. Die wenigsten gehen damit aber ehrlich um. Es wird erwartet, dass wir uns dankbar zeigen, überhaupt Operationen zu bekommen. Ich fand, es war an der Zeit, das zu ändern.

 
 
 
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Was war für Sie das Schwerste an der Operation?

Zum einen begann es damit, dass ich nicht sonderlich viele Informationen bekam. Man steht auf ewig langen Wartelisten, und die Ärzte und Ärztinnen haben nie wirklich Zeit, um das Ganze detailliert zu erklären. Alles, was sie sagten, hörte sich unheimlich einfach an. Ich hatte Pech, dass es nach der OP zu Komplikationen kam. Mein Körper heilt glücklicherweise schnell, darum wurde ich früher nach Hause geschickt. Dort habe ich mich dann verletzt und musste kurz darauf wieder operiert werden. Letztendlich ist das etwas, womit ich heute noch zu kämpfen habe. Man denkt immer, dass nach der Operation das Leben wirklich beginnt, man endlich frei ist und das das Ganze ein Ende hat. Die Operation wird immer als das „wundersame Heilmittel“ dargestellt. Dabei fing danach der harte Teil überhaupt erst an. Nicht wegen der Schmerzen, daran gewöhnt man sich. Das Schlimmste war der psychische Aspekt: Man wird auf die Operation vorbereitet, aber nicht auf das Danach. Plötzlich bist du auf dich allein gestellt und alle erwarten, dass du geheilt bist und keine Probleme mehr hast. So ist es aber nicht! Trans-Sein ist keine Krankheit, es ist nichts, was man heilen kann. Man kann mit den Operationen Abhilfe für die Gender-Dysphorie schaffen, aber ich werde mein Leben lang Trans sein und mit den Problemen leben müssen. Darauf bereitet dich niemand vor!

 

Und trotzdem sind Sie dankbar, diese Möglichkeit gehabt und wahrgenommen zu haben. Wie hat sich Ihr Leben seit der Operation verändert?

Zum einen konnte ich danach natürlich Sachen tragen, die ich vorher nicht tragen konnte. Meine langen Haare, meine Brüste, all das machte mich „passable“, ließ mich also als Cis-Frau durchgehen. Ich fühlte mich so gut damit, nicht als Trans identifiziert zu werden. Mittlerweile frage ich mich aber, was „passable“ überhaupt bedeuten soll. Wenn du eine Frau bist, bist du eine Frau. Wenn du ein Mann bist, bist du ein Mann, und wenn du keines der beiden bist, dann ist es eben so. Deshalb denke ich, dass sich mein Mindset seitdem besonders stark verändert hat. In der Gesellschaft muss ein Umdenken stattfinden, dazu will ich beitragen!

Gibt es etwas, was Sie Menschen gern sagen würden, bevor sie sich operieren lassen?

Mit den Operationen werden die meisten Probleme nicht gelöst. Alles, was man vorher mit sich rumträgt, wird danach nicht auf wundersame Weise verschwunden sein! Es ist ein langer Prozess. Darum ist es wichtig, die Operation nur für sich selbst zu machen und nicht, weil es andere erwarten. Bloß weil man die Operation hatte, wird man nicht gleichzeitig akzeptiert.

 
 
 
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Ist das auch eine Erfahrung, die Sie in Bezug auf Dating gemacht haben?

Dating als Trans-Frau ist hart! Insbesondere eine heterosexuelle Orientierung macht das Leben für Trans-Frauen um einiges schwerer. Ich glaube, Frauen sind, was das Thema angeht, offener, während Männer nicht über das, was körperlich mal war, hinwegsehen können. Das hat viel mit der Zerbrechlichkeit der eigenen Männlichkeit zu tun. Sie haben Angst, dass die Gesellschaft denken könnte, sie seien schwul und weniger Mann, wenn sie mit einer Trans-Frau zusammen sind. Aber so ist es nicht! Wir sind Frauen, und heterosexuelle Männer sind, wie bei Cis-Frauen auch, genau davon angezogen. Sie finden nicht das vermeintlich Männliche an uns attraktiv. Andererseits passiert es aber auch oft, dass wir fetischisiert werden. Das war immer eine große Angst von mir.

 

 

Würden Sie sagen, dass Finn Ihnen dabei hilft, Dinge in dieser Hinsicht anders zu sehen?

Auf jeden Fall. Dadurch, dass wir beide in derselben Branche arbeiten und bezüglich unserer Geschlechtsidentität ähnliche Erfahrungen machen mussten, verstehen wir uns auf einer ganz anderen Ebene. Insbesondere, was es heißt, Trans zu sein und welche psychische Belastung der „Transitions“-Prozess darstellt – das sind Sachen, die Außenstehende nicht wirklich nachvollziehen können. Ich hasse zwar diese Labels und finde, dass man eine Person um ihrer selbst willen lieben sollte und nicht wegen ihres Geschlechts, aber es macht vieles auf jeden Fall einfacher, nicht in einer heterosexuellen Beziehung mit einem Cis-Mann zu sein.

Danke, Maxie Elizabeth Neu, für dieses wunderbare Interview.

Dieser Artikel von Maxie Elizabeth Neu ist vorab bei Vogue.de erschienen.

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