Kolumne // Macht das Beharren auf Spontanität meine Freundschaften kaputt?

04.07.2019 Leben, box1, Kolumne

Wie kann es sein, dass 90% der vorab vereinbarten Treffen mir in der Regel kurz vorher den letzten Nerv rauben? Nicht etwa weil die Person, die ich im Begriff bin zu treffen, nicht durchaus geschätzt und gemocht wird, nicht weil ich ernsthaft keine Lust verspüre. Der gesetzte Termin, der fixe Abend, Tag oder Nachmittag, macht mich mürbe. Ist das eine Freelancer-Krankheit oder ein Trend?

Einiger Fixpunkte bedarf es schlichtweg. Da haben wir Geburtstage, Theaterbesuche, oder das Check Up beim Arzt. Kurz bevor ich mich auf den Weg mache steigt oftmals der Stresslevel, egal, um welche Kategorie von Treffen es sich handelt.

Auch wenn alles beim Aufeinandertreffen wie verflogen scheint, ich die Freund*innen herze und ihnen um den Hals falle, ist da unmittelbar  oder am Tag vorher in der Regel ein beklemmendes Gefühl, das mich plagt. Just in diesem Moment hätte ich doch etwas besseres zu tun, heute passt es mir eigentlich gar nicht, kann man da noch absagen? Werden Menschen spontan geboren? Wenn ich zurückblicke, waren auch Verabredungen in meiner Jugend selten im Terminkalender eingetragen, eher glückliche Fügungen. Besonders glücklich, wenn man fröhlich fast den gesamten Freundeskreis seine Nachbarn nennen kann. Fünf Minuten Fußweg, die Mittagspause am heimischen Schreibtisch, passt wie Arsch auf Eimer und musste nicht mal vorab festgelegt werden. WhatsApp Sprachnachricht, 15 Minuten kurz vor knapp.

Wenn es nach mir ginge, könnten alle Verabredungen so laufen, fest davon überzeugt, dass diese spontanen Dates am Ende doch die besten sind, ganz locker und offen für alles, besonders am Abend für jeden Spaß zu haben. Komisch nur, dass das, was für die einen so gut funktioniert, für viele andere nur schwer erträglich oder möglich scheint. Auch mit der größten Liebe im Herzen für alle Menschen um einen herum, fällt es mir schwer auf Anfragen für Abendessen, Spaziergänge und Kinobesuche schon eine Woche vorher frohlockend zu reagieren. Nicht etwa, weil ich mir proaktiv etwas freihalten will, eher weil ich nicht weiß, wie die Stimmung, die Laune oder das Wetter an besagtem Tag sind. Freihalten für die eigene Stimmung quasi. Freihalten. Also doch.

Spontanität, das ist sowohl eine Psychologische als auch eine philosophische Größe. Nach dem Psychologen und Sozialforscher Jacob Moreno (1964), steht Spontanität in direkter Verbindung mit der Kreativität des Menschen, welche zu einer der höchsten Erscheinungsformen des produktiven Lebens gehört. Spontanität und das individuelle Wohlbefinden seien laut Moreno direkt miteinander verbunden, führen in der Quintessenz und übertragen auf Lebensrealitäten zu dynamischeren, kreativeren und am Ende glücklicheren Vergemeinschaftungen. Und dann ist da noch dieser süße Geschmack des dynamischen, jungen Lebens nach dem so viele suchen. Ganz ohne Einschränkungen. Frei wie der Wind umherzustreifen und gezielt Termine und zeitliche Grenzen vermeiden. Spontanität klingt romantisch und jung. Es klingt schlichtweg nach einem guten Flow.

Collage von Emma Rodriguez

Während viele Menschen in meinem Umfeld wie besessen der Dynamik des spontanen Großstadtlebens nachrennen und vorab eigentlich nur selten wissen, wie die kommende Woche aussieht, schließt dieses Credo am Ende die aus, die mit ihrem Beruf, ihrer Familie oder ihrer Gesundheit einem anderen Rhythmus folgen müssen oder wollen. Wenn die selbstbestimmte Zeit auf ein Fenster beschränkt ist, liegt es natürlich nahe, genau hier zu planen, nicht alles frei zu lassen bis sich am Donnerstag um 18:30 Uhr überraschend jemand meldet und zum Italiener gehen möchte. Die gleichen Menschen, über die sich Fans der spontanen Freizeitgestaltung am Ende aufregen. Die hätten nämlich nie Zeit, seien immer verplant. Nur wenn die nächste Woche ausklamüstert werden will, zieht der spontane Geist sich ganz schnell zurück. Wieder ein Wiederspruch. Gibt es kein treffen in der MItte?

Pläne geben Sicherheit. Sicherheit für die Abendbeschäftigung, die reservierten Plätze im Kino oder geplante Dinner mit Freunden. Gleichzeitig setzen sie unter Druck und plötzlich muss Mensch dann funktionieren, wann er*sie es in der vergangenen Woche für angebracht gehalten hat und spurt, mal mehr, mal weniger gerne: Unzuverlässigkeit will sich schließlich keine*r auf die Fahnen schreiben. Macht ein spontanes Leben denn wirklich so viel glücklicher? Moreno halb zustimmend sage ich Jain. Denn wer wie ich auf Spontanität von dritten beharrt bleibt unzufrieden und verbaut sich mir nichts dir nichts Pläne, Ideen und im schlimmsten Falle sogar Freundschaften. Nur weil man ahnt, dass Tag X um 11:11 Uhr vielleicht doch nicht der beste Zeitpunkt für ein Treffen sein könnte. Was bleibt, ist der ambitionierte Versuch, auch dem eher getakteten Geistern auf gut Glück immer wieder ein Treffen anzubieten, spontan versteht sich, sodass sich beide Seiten hin und wieder entgegenkommen können. Sich hin und wieder auf den fixen Termin einzulassen, gehört am Ende also auch dazu.

12 Kommentare

  1. Nik

    Ich gehöre eindeutig zur anderen Fraktion. Ich kann und möchte nicht spontan auf Verabredungen reagieren. Vielleicht, weil mittlerweile durch Job, Privatleben und Hobby die komplett freie Zeit knapp bemessen ist – vielleicht aber auch, weil ich es nicht einsehe, mich zum Spielball der „Lust“ anderer Leute zu machen.
    Denn klar, manchmal habe ich am Abend des geplanten Treffens auch nicht 100% Lust, aber die Chance das sich meine spontane Eingebung und die Lust meiner Verabredung zufälligerweise matcht und wir dann auch beide spontan Zeit haben etwas zu unternehmen, tendiert nicht nur mathematisch Richtung 0. Gerade wenn es sich nicht nur um 2, sondern mehr Personen handelt. Darum gibt es bei uns im Freundeskreis jede Woche einen fixen Abendtermin, den sich alle versuchen für ein gemeinsames Treffen freizuhalten. Und selbst das klappt nicht immer reibungslos.
    Die Wahrheit liegt, wie du so richtig sagst, irgendwo dazwischen. Für mich aber eindeutig mehr auf Seiten des Kalenders;)

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  2. Mila

    Fabienne, ich liebe das Gif! Weil genau ich das sein könnte (nur mit roten Haaren und mehr Falten im Gesicht, hö, hö). Mir geht’s genau wie dir!! Aber da ich Mann und zwei Kinder habe, bedeutet das, dass ich mich gezwungenermaßen „verbiegen“ und verplanen lassen muss. Denn auch mein Mann unternimmt gern mal was – blöd dann, wenn wir gleichzeitig wegwollen und unsere Kinder in die Röhre schauen (zur Not in die wortwörtliche, ist ja auch ab und zu mal okay). Sowieso bedarf so ein Familienleben bedeutend mehr Planung (für mich der einzige Wermutstropfen, den es dabei zu trinken gilt :-)) Aber im Grunde geht’s mir wie dir: Ich hasse fest vorgeplante Termine jeder Art und bin oft schon erschöpft, wenn ich meinen Kalender sehe, indem bereits Tage im kommenden November eingetastet sind … 🙁

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  3. Sarah

    Ich bin die andere Seite.:) Aber ich muss sagen, dass meine Stimmung auch nicht so „schwankt“, d.h. wenn ich eine Verabredung für den Freitag in drei Wochen treffe, freue ich mich an dem Freitag darauf noch genauso wie jetzt, wo ich den Termin ausmache. Durch meinen Job arbeite ich 3-4 Abende die Woche und das Wochenende will ich mir für Zeit mit meinem Mann freihalten. Also bleibt nicht sooo viel Zeit. Ich bin also sehr unspontan, auch weil mich das oft aus meiner Arbeit rausreißt oder aus meinen Plänen für den Tag. Am ehesten funktioniert Spontanität für mich mit anderen Selbständigen Home-Officern, die auch tagsüber flexibel sind … aber selbst mit denen verabrede ich mich lieber 2-3 Wochen im Voraus.:D

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  4. Sophie

    Huhu Fabiene,

    Ich muss ehrlich sagen, ich bin Single Anfang dreißig und wenn ich mir das Wochenende nicht vorplane, kann es sein, dass ich das Wochenende allein bin und da gibt es auf Dauer wirklich schöneres. Ab und zu kann das ja mal ganz entspannt sein, aber auf Dauer muss man sich als Single schon organisieren. Ich habe manchmal das Gefühl Leute mit Beziehungen oder Familie verstehen das nicht so ganz, aber anders als wenn man Single Anfang 20 ist und alle Studis sind, kann das mit Anfang 30 schon ein Problem sein, wenn man nicht das Wochenende allein verbringen möchte. Man wird dann leicht zum Spielball der vergebenen Freunde, die vergessen, dass das Leben als Single einfach nochmal anders ist. Es ist einfach nicht immer jemand daheim. Daran ist auch nichts bemitleidenswertes, und ja, alleinsein kann auch total angenehm sein, aber wenns zuviel ist, tut das keinem gut und man muss sich schlicht organisieren und planen.
    Zumindest, wenn man nicht in der Großstadt wohnt. Da ist es vielleicht nochmal anders…

    Liebe Grüße

    Sophie

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    1. Fabienne Sand Artikelautor

      Liebe Sophie,

      vielen Dank für deinen Kommentar und die wichtige Perspektive auf Spontanität. Es ist unglaublich spannend wie sich, abhängig von Lebenssituation und -welt, Bedürfnisse und oder Ansrpüche verändern. Tatsächlich fehlt mir deine beschriebene Sicht der Dinge bislang, sodass ich extra Froh um deinen Einblick bin. Ich frage mich, wie auch oben, ob man nicht trotzdem tendenziell von Grund auf eher ein spontaner oder „unspontaner“ Mensch sein kann. Ich wollte abgesehen davon aber auf keinen Fall eine geplantere und strukturiertere Freizeitgestaltung diskreditieren oder belächeln. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch bei mir in wenigen Jahren alles noch einmal ganz anders aussehen kann.

      Allerliebst, F

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  5. hofpils

    ja spontanität hin oder her. ist ne super sache bei u30. dann gehts doch los mit dem kind gedöns, job, partner etc pp. jo am ende kann man froh sein, wenn man eine treffen wochenlang im voraus irgendwie arrangiert bekommen hat und beide dann auch können. jo spontanität – hört sich klasse an, ist bestimmt super. aber irgendwann ist damit schlicht und einfach schluss. traurig, aber hey so ist es nunmal.

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  6. Lina

    Achja, das ist auch in meinem Freundeskreis der ständige Kampf. Die Spontanen gegen die Geplanten. Und ich muss sagen, es macht mir wirklich die eine oder andere Freundschaft kaputt. Natürlich liegt das auch daran, dass meine Freunde zum Teil auch schon Kinder haben, da sieht die Geschichte noch anders aus. Da stell ich mich drauf ein. Aber mit Menschen, die nichts zu tun haben, aber trotzdem ihre Termine drei Wochen im Voraus planen müssen, mit denen kann ich einfach schlechter befreundet sein.
    Ich hasse es den ganzen Tag auf diesen einen Termin zu blicken und die Stunden abzuzählen, das schränkt mich ein und macht mich richtig unglücklich. Da treff ich mich dann halt mehr mit meiner einen spontanen Freundin, und wenn man bei jeder kurzfristigen Einladung nur Absagen von den Unspontanen bekommt, fragt man irgendwann halt auch nicht mehr.

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  7. julia

    Hi Fabienne,
    ich ticke da genau wie du und habe lange zeit mit schlechter laune auf termine im kalender geschaut und je näher sie rückten desto schlechter ging es mir.
    in dieser zeit war ich als freelancer in der kreativ branche natürlich mit 50-60h/woche total überarbeitet (was ich natürlich nicht gecheckt habe, weil jung und endless power) und kann rückblickend sagen, dass mich termine und verabredungen allgemein gestört haben, weil es sich wie eine weitere verpflichtung anfühlte.
    deine beschriebenen stimmungsschwankungen hatte ich auch kenne das gefühl „für das treffen nicht in der richtigen stimmung zu sein“ und deshalb tendenziell eher absagen zu wollen. mir ist klar geworden, dass dahinter bei mir ein starker leistungsdruck (ähnlich wie im job) steckt, nämlich auch bei freunden performen zu müssen. logisch, man möchte die gute freundin sein, interessant, gut drauf mit viel power. keiner (zumindest nicht ich) geht gerne zu einer verabredung um zu erzählen, dass man eigentlich total abgehalftert ist oder man hat den kopf so voll mit seinen eigenen projekten, dass man entweder zu viel davon spricht oder still da sitzt.
    erst als ich kurz vorm burnout stand und mein leben + arbeit etwas umkrempeln musste habe ich angefangen über den arbeitsstress aber vor allem auch über den freizeitstress mit freund, freunden und familie offen zu reden. auf einmal fiel dieser leistungsdruck von mir ab. ich hab viel mehr ruhe in mein leben gebracht, arbeite nicht mehr 24/7, habe „nein -sagen“ gelernt und nehme mir viel zeit für mich selbst. mein umgang mit spontanität hat sich dadurch komplett verändert und jetzt kann ich wieder dinge voraus planen und mir bereitet das keine magenschmerzen mehr. wenn ich vor einem treffen nervös werde dann weil ich doch wieder etwas zu viel gearbeitet habe und mein körper mir sagt, dass ich wieder etwas chillen müsste.
    nicht immer steckt so eine größere geschichte dahinter.. manchmal schon (;

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    1. Mila

      Hi Julia, das ist ein wirklich wichtiger Punkt, den du da nennst! Ich glaube, dieser Dauer-Leistungsdruck spielt bei mir auch eine enorm große Rolle, ohne dass ich mir das bislang so recht klargemacht habe.

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