Kolumne // Wenn das Gewohnte geht

12.07.2019 Gesellschaft, box3

Vor einigen Wochen hat der Esoterik-Laden bei mir um die Ecke zugemacht. „Esoterik-Laden“ – das klingt so abwertend. Ich glaube, der Laden selbst präsentierte sich als eine Buchhandlung, spezialisiert auf, nun ja, esoterische Bücher.

Im Schaufenster wurden Klangschalen und Meditationskissen ausgestellt, neben goldenen Buddhas, antiquarischen Büchern von Yoga-Gurus und Flyern, auf denen die nächste anstehende Lesung mit, beispielsweise, einem spirituellen Lehrer angekündigt wurde. Das war die eine Seite des Schaufensters. Die andere gab sich etwas konventioneller, hier fanden sich Bücher, die auf Bestsellerlisten standen und von Philosophie, Self Help und Achtsamkeit handelten. Bücher von Richard David Precht – einer der Autoren, dessen Name gleichzeitig eine Genrebezeichnung ist. Das Schaufenster, so schien es, hatte eine Art gespaltene Persönlichkeit. Während der eine Teil subtil auf sich aufmerksam machte, mit Mainstream-Namen und aktuellen Themen, schlug der andere Teil ungehemmt auf seine Klangschale ein, begleitet von einem tiefen Ommmmmmmm.

Jetzt steht im Schaufenster nichts mehr, weder in dem einen, noch in dem anderen. Alles ist mit Plastikfolien abgehängt. Ein neuer Laden wird einziehen, welcher, kann man noch nicht sehen.

Edelsteine, Käse, Wein

Ich war empört, als ich sah, dass der Esoterik-Laden zugemacht hat. Am Telefon sagte ich zu meiner Mutter: „Der jetzt auch noch! Alles wird gentrifiziert, das ist doch furchtbar.“ Mein Kiez wirkte bis dahin immer ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Er verweigerte sich schlicht bestimmten Entwicklungen. Natürlich, quasi direkt vor meiner Haustür gibt es einen hippen Eisladen, vor dem sich zwischen Frühling und Frühherbst die Massen dermaßen drängeln, dass ich manchmal freundlich darum bitten muss, zu meiner Haustür durchgelassen zu werden. Andererseits gibt es dort auch einen – zugegeben ebenfalls sehr hippen – Apfelladen, der schon ewig existiert oder zumindest länger, als ich in Berlin und in dieser Straße wohne. Natürlich, es gibt die Läden, die zu großen Ketten gehören, aber eben auch einen Laden, in dem fast ausschließlich Edelsteine und Kristalle verkauft werden. Oder Käse und Wein. Oder. Dass um mich herum alles gentrifiziert wird, stimmt so also nicht. Noch nicht. Ich überlegte: Warum regte mich das Verschwinden des Esoterik-Ladens so auf?

 
 
 
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Dass ich regelmäßige Kundin in diesem Laden gewesen wäre, kann man nicht behaupten. Ab und zu kaufte ich eines der Bücher, die im Sonderangebot vor dem Laden in Kisten angeboten wurden. Das innere Kind finden für nur drei Euro! Die Frauen der Bibel für nur ein Euro fünzig! Heilen mit Pflanzen für nur fünf Euro! Ich kaufte besonders gerne Bücher, die sich als Mitbringsel für Parties eigneten. Einem Freund schenkte ich zum Einzug in seine neue Wohnung ein Buch über Sternzeichen (nur einen Euro!) – wir und diverse Partygäste verbrachten eine nicht unbeträchtliche Zeit damit, uns gegenseitig die zu unseren Sternzeichen gehörenden Charakterbeschreibungen vorzulesen und zu schauen, wie diese mit anderen Sternzeichen harmonieren. Fazit: Die Widder-Frau hat es faustdick hinter den Ohren (schlechte Nachrichten für den Gastgeber, der soeben erst mit einer solchen Widder-Frau zusammengezogen war).

Manchmal ging ich in den Laden hinein. Ich blätterte ein paar der Yoga-Bücher durch, schaute mir die verschiedenen Tarot-Sets an fühlte mich dabei angenehm umschmeichelt von der panflötigen Instrumentalmusik, die aus dem Lautsprecher kam. Selten, sehr selten, kaufte ich etwas. Ein Buch über Mindfulness und einen Räucherstäbchenhalter. Das war, bevor mir einfiel, dass Räucherstäbchen bei mir Kopfschmerzen auslösen und ich den Geruch nicht mehr ertragen kann, seit eine ehemalige Mitbewohnerin damit den von ihr produzierten Zigarettenqualm zu neutralisieren versucht hatte. Was nicht nur nicht funktionierte, sondern noch mehr Gestank erzeugte.

Der Laden war also keiner, den ich regelmäßig besuchte oder in dem ich viel Geld ausgab. Trotzdem fühlte ich mich durch seine Schließung überdurchschnittlich empört – und melancholisch, so, als hätte man mir etwas weggenommen, etwas, was mir gehörte. Aber was?

Chakren im Gleichgewicht

Ich erinnerte mich: Als ich vor einigen Jahren meine allererste feste Stelle als Redakteurin verlor, dachte ich, alles bricht zusammen. Ich wachte morgens auf, für einen kurzen Moment sorgenlos, weil mein müdes Hirn noch nicht ganz in der deprimierenden Realität angekommen war. Dann fiel mir wieder ein, was passiert war, und ich bewegte mich wie betäubt durch den Tag. In dieser Zeit ging ich öfter in den Laden. Es fühlte sich an, als würde mein Leben mir entgleiten und ich könnte mir die Kontrolle irgendwie zurückholen, indem ich lernte, richtig zu atmen und meine Träume zu manifestieren. Funktioniert hat das nie, doch so lange ich im Laden in einem Buch las, so lange ich vor Augen hatte, wie unendlich die Möglichkeiten sind, mein Leben und mich zu optimieren und wieder in die Spur zu bringen, war alles gut. Wenn ich die Welt schon nicht verstehen kann, kann ich zumindest mich verstehen. So zumindest die Theorie.

Vielleicht geht es einfach darum: Nicht nur der Laden ist verschwunden, sondern mit ihm auch die Hoffnung auf Hilfe, die er bot. Die Hoffnung, dort Lösungen zu finden. Lösungen für die diversen Probleme, mit denen einen das Leben konfrontiert. Bei Entscheidungsschwäche können Tarot-Karten helfen – so sieht deine Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft aus, das sind die Lehren, die du daraus ziehen kannst. Du fühlst dich unsicher und ungeliebt? Versuche doch mal, mit einem Engel zu kommunizieren. Du bist irgendwie kraftlos und ohne Energie? Halte diesen Stein, dann geht es dir bald besser. Oder bring deinen Chakren wieder ins Gleichgewicht, damit die Energie frei fließt. 

Allein die Tatsache, dass der Laden da war, reichte mir. Wenn mir danach war, konnte ich hineingehen und beruhigt feststellen, dass es für jedes meiner Probleme eine, nein, mehrere Lösungen gibt. Wenn ich ihn bräuchte, der Laden wäre für mich da. Mit all seinen Mitteln, das Leben zu verbessern, geistig gesund zu werden, zu sich selbst zu finden. Das wird schon, schien der Laden zu sagen. Du kannst es schaffen! Jedes Buch, jeder Gegenstand im Laden bot das Potential, die eine, die ultimative Lösung zu finden. Oder zumindest einem erfüllten Leben einen Schritt näher zu kommen.

Manchmal gehe ich in einem großen Buchladen in die Abteilung, die mit „Lebenshilfe“ überschrieben ist. Dort liegen Bücher von dünnen Yoga-Menschen und auch Räucherstäbchen-Halter gibt es. Aber es ist nicht dasselbe. Irgendetwas fehlt. Vielleicht dieses Gefühl, das es nur in meinem Esoterik-Laden gab. Dieses Gefühl von: Alles wird gut. Und von: Wir meinen das so. Wir verkaufen nicht ein paar Yoga-Bücher, weil Yoga gerade angesagt ist – sondern weil wir das schon seit mehr als 35 Jahren machen. Diese aufrichtige Ernsthaftigkeit.

Verschwundener Trost

Jetzt ist der Laden weg und mit ihm die vielfältigen Wege zum Glück, die er versprach. Der Trost, den er bot. Statt Ein-Euro-Sternzeichen-Bücher nehme ich nun Überraschungseier auf Parties mit – mein zweitliebstes Mitbringsel, das Erwachsenenaugen ebenso erwartungsgemäß aufleuchten lässt wie Einlassungen zur Widder-Frau oder zum Krebs-Mann. Das Tarot-Set, das ich vor ein paar Jahren im Laden gekauft habe, habe ich immer noch. Meinen Bekannten sage ich, Tarot-Karten legen sei ein super Party-Trick.

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3 Kommentare

  1. mari

    Huhu Julia,
    oh , das kann ich gut verstehen!! Meinst du den Laden in der Goltzstrasse? Ich hab die Straße deshalb immer liebevoll Edelsteinstrasse genannt 😉
    liebe Grüße!

    Antworten
  2. Jules

    Ach ach. Ich war nicht oft dort in der Ecke – man bleibt ja viel in seinem Kiez – aber wenn, dann habe ich in dem Laden vorbeigeschaut… Er hatte etwas tröstliches, oder? (Auch wenn ich mit vielen Titeln nichts anfangen konnte).

    Antworten
  3. Vivi

    Ach, das ist ja witzig, du wohnst wohl bei mir in der Nähe. In Schöneberg verändert sich ja glücklicherweise vergleichsweise wenig. Hoffentlich bleibt es so.

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