Ich habe mir einen T(r)ick eingefangen, oder: Wie wir ständig versuchen, unsere Orangenhaut zu verstecken.

29.08.2019 Leben, Feminismus, Kolumne

Vorgestern war ich ein früher Vogel und schwer damit beschäftigt, meinem spätsommerlichen Toastbrot-Hirn bei Kaffee und überbackenem Croissant ein paar Ideen zu entlocken, als ich plötzlich den nahezu hypnotischen Blick bemerkte, der von rechts zu mir rüber geschlichen kam, sich auf meinem Oberschenkel ausbreitete und dort einfach hocken blieb. Ich schaute dann zum Kopf herüber, der am Blick noch mit dran hing, aber er bemerkte mich überhaupt nicht. Die Augen der Dame klebten einzig an meinem Bein, ganz so als hätte mir ein Wabenkrötenmännchen im spektakulären Begattungs-Looping ein paar Eier unter die Haut gepresst. In Wahrheit waren da aber nur Beulen. Solche, wie sie beinahe alle Frauen mit Bindegewebe an und in sich tragen, irgendwo, sogar am Po. „Orangenhaut“ sagen die Leute auch fälschlicherweise dazu, ich meine nämlich: Es ist einfach Haut! Ohne Frucht obendrauf, die ja unweigerlich impliziert, es handle sich hierbei um Extrawurst-Stellen, um besondere Mängel, die hervorgehoben gehören. Dabei sind all diese Dellen und Kreusel und Krater einerseits doch gängig wie wackelnde Oberarme und andererseits Teil unseres größten und wunderbaren Organs der sinnlichen Wahrnehmung. Unsere Haut trägt soziale Bindungen, macht Liebe spürbar und Berührung erst so herrlich kribbelnd, ganz gleich welche Form oder Farbe sie hat. Und trotzdem werden wir nicht müde, sie zu verfluchen. Weil wir immer meinen: Sieht scheiße aus. Alles, was nicht glatt und platt wie ein Crepe ist, meine ich. Das nennt man auch: Brain Wash. Ist doch komisch, dass wir uns so sehr für etwas schämen, was am Ende sowieso fast alle haben. 

Und so kam es wahrscheinlich auch, dass die Dame neben mir kurz nicht glauben konnte, was sie da sah. Ich wich nämlich ausnahmsweise nicht zurück, ich legte keinen Jutebeutel und auch kein Sweatshirt über meine kleine Hügellandschaft und entschlug auch nicht die Beine, um vorteilhafteren Antlitzes meinen Kaffee aufzuschlürfen. Ich lächelte nur stur. Vor allem, weil ich in meinem Gegenüber mit einem Mal all meine eigenen Unsicherheiten aus der Vergangenheit wiederentdeckte. Und diese bescheuerten Eitelkeiten, die niemandem irgendetwas bringen, außer eben: Unbehagen. Zweifel. Und Einschränkungen. Gott, was habe ich lange an all den Tricks gefeilt, die die meisten von uns nur allzu gut kennen, kackegal in welchem Körper wir stecken. Hände hoch, wer es auch nicht erträgt, beide Beine beim Sitzen auf einer Gartenbank parallel zueinander wie einen Kuchenteig auf die Holz-Latten sinken zu lassen und stattdessen wie automatisch ein wenig auf den Zehenspitzen stehen bleibt oder gar an den vorderen Rand der Sitzfläche rückt, um ausnahmsweise die Vorteile der Schwerkraft zu genießen. Trug ich kurze Hosen, klemmte ich bis vor ein par Jahren außerdem des Öfteren meine Beinwurst weg. Auf dass sie nicht rücklings irgendwo herum baumeln möge. 

Nun, es gibt einer internen Umfrage zufolge offenbar zahlreiche Vertuschungs-Möglichkeiten, sogar dem Achsel-Speck geht es hin und wieder an den Kragen. Und zwar ganz bestimmt auch, weil wir trotz aller Body Positive und Neutralism Kampagnen viel zu unehrlich und streng mit allem Alltäglichen umgehen, das irgendwie nicht in die Vorgaben des weichgespülten Schönheitsideals passen will. Ich sage ja gar nicht, dass wir fortan auf jedem Foto alles schlackern lassen müssen, was nicht niet- und nagelfest ist. Aber im echten Leben, da kann genau das die beste aller Ideen sein. So ein Zustand der grenzenlosen Give-A-Fucks wirkt sich nämlich nicht nur herrlich befreiend auf uns selbst aus, sondern auch wahnsinnig ermutigend auf alle anderen Frauen um uns herum, die genau so sind wie wir: Manchmal verunsichert, aber immerimmer unendlich schön. 

9 Kommentare

  1. Ninotschka

    Bei Instagram habe ich nicht die Beine, sondern die blöd angeglotzt, weil ich die gar nicht verstanden habe. Und jetzt hab’ ich’s kapiert: Ich habe auf dem Bild einfach keine Orangenhaut gesehen, sondern nur eine entspannte und sympathisch lächelnde Frau. Ganz kurz habe ich überlegt, ob ich ignorant bin, weil, ich die Message nicht mitgeschnitten habe, aber dann habe ich beschlossen: Nein, im Gegenteil! Wenn wir uns so sehen (klappt bei mir auch nicht immer), sollten wir stolz sein – und uns das auch kommunizieren. Hiermit geschehen…

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  2. Sara

    Richtig geiler Text, Nike!! Ich habe gerade darüber sinniert, wie es kommt, dass Orangenhaut noch nie zu irgendeinem Schönheitsideal dazu gehören durfte.. denn schließlich ist die Menschheit wenigstens mehr oder weniger damit d’accord, dass sowohl schmale als auch opulente Menschen schön sein können. Selbst Falten findet man ja ab und zu mal cool (die Erfahrung, die Reife, die Natürlichkeit) – aber Orangenhaut war IMMER schon uncool. Wie unfair, denn wie du schon sagst, fast jeder hat sie. Ich zumindest habe in meinem Freundeskreis nur Frauen mit Orangenhaut. Mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Ich selbst hatte sie immer schon, fand sie schon immer doof. Und in der Tat stört mich an meinem eigenen Körper nicht, dass ich für mich persönlich ein paar Kilos zu viel auf den Hüften hab, sondern, dass die Haut nicht fest ist. Das ist meine Unsicherheit, das gebe ich zu. Danke für deine Ehrlichkeit, für dein Selbstbewusstsein, das hat mich grad echt inspiriert. Danke <3

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  3. HH

    Danke!
    Ich merke es auch an den unrasierten Frauenbeinen: Am Anfang fand ich es total abstossend. Und ertappte mich dabei, dass ich Frauen kritisch-hypnotisierte Blicke schenkte. Dabei bin ich doch selbst eine Frau, die das Rasieren eigentlich hasst und die zwar einen Blondschopf hat, aber ausgerechnet an den Beinen lange, widerspenstige, dunkle Dinger. Und jede Menge Dellchen.
    Mittlerweile wird es besser, und ich bin jeder Frau dankbar, die genug Selbstbewusstsein dafür hat- weil sie mir damit immer ein bisschen was abtritt. Nächsten Sommer schaffe ich es hoffentlich auch, einfach entspannt meinen Morgenkaffee zu trinken. Und die Beinfreiheit nicht als sommerliches Schreckgespenst zu sehen.

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  4. Nellah

    Ich kann mich noch total gut daran erinnern, dass ich als Kind immer mit meiner Mutter und ihren Freundinnen im Bad war. Ich bin dann immer in die Umkleide geschlichen und habe vor dem Spiegel versucht, meine Oberschenkel mit den Händen fest zusammen zu pressen. Ungbedingt wollte ich, dass da auch diese Dellen entstehen , die für mich so ultimativ zum Frau sein dazu gehören zu schienen wie der Busen und die Haare unter den Achseln. Wie schade, dass die Industrie uns dann irgendwann vorgegeben hat, was schön ist und was nicht. Wo doch wirklich auch die schlankste und sportlichste Frau jenseits der 30 nie von den Dellen verschont bleiben kann! Ich weiß nicht ob wir noch eine Kehrtwende erleben werden, aber ich bin das Verstecken nun auch leid und möchte das kleine Mädchen in mir wieder finden. Jetzt brauche ich für die Dellen auch gar nicht mehr nachhelfen!

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  5. Nora

    Wie Recht du hast!
    Ich glaube zumindest bei mir ist diese Entspannung diesen vermeintlichen Unperfektheiten, die einfach nur Körper sind, mit der Zeit und schleichend gekommen. Vor ein paar Monaten lag ich telefonierend auf dem Bett und habe gedankenverloren an mir heruntergeschaut und dabei die so lange verhassten Streifen auf meinen Oberschenkeln angeschaut. Und ich glaube das war das erste Mal, dass ich sie ganz neutral betrachtet habe – sie sind da seit ich 13 bin und werden es immer sein. Da war kein Urteil, keine Scham mehr und ich habe es an den Nagel gehängt, sie verstecken zu wollen mit Röcken bis zum Knie oder Strumpfhosen.
    Und dann, vor kurzem, sagte mir jemand, den ich zu mögen angefangen hatte, dass er diese Streifen an mir liebt, sie ein schönes Muster ergäben. Früher hätte ich das überhaupt nicht annehmen können aber heute freue ich mich – nicht weil ich die Absolution von anderer Seite brauchen würde sondern weil ich ihm das glaube und vielleicht sogar ähnlich sehe. Wie eine Tigerin.

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  6. Lisa

    Ich kenne das von meinen grauen Haaren. Die haben angefangen, sich in meinem Schopf breit zu machen, als ich erst 13 war, ganz wie bei meiner Mutter. Jetzt, mit 30, bin ich schon ziemlich eindeutig eher grau- als noch schwarzhaarig. Jahrelang hab ich die grauen Haare dunkel gefärbt, zuletzt alle paar Wochen, damit man den Ansatz nicht sieht. Und irgendwann hatte ich einfach überhaupt gar keine Lust mehr dazu, mir ständig chemische Pampe in die Haare zu streichen, nur um wie eine „normale“ junge Frau auszusehen. Ich hab vor zwei Jahren damit aufgehört und immer wieder komische und geradezu ungläubige Blicke von anderen geerntet, aber manchmal gab es eben auch positive Reaktionen, zum Beispiel auf der Straße in NYC den begeisterten Ausruf „I love your grey hair!“ einer Passantin. Ich glaube, die Besonderheiten des eigenen Körpers nicht zu verstecken, sondern sie unverblümt zu tragen, ist nicht nur für einen selbst ziemlich befreiend, sondern vielleicht auch für andere.

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  7. Nora

    Mein Freund hat mir gerade von einem Artikel über die „Entdeckung der Orangenhaut“ erzählt. Die hat ein deutscher Arzt damals so benannt und dann auch gleich ein Gegenmittel auf den markt gebracht, das man käuflich erwerben kann. Also ohne die unternehmerischen Fähigkeiten besagten Arztes gäbe es orangenhaut nicht mal!

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