Kolumne // Kann man sich eigentlich wirklich neu erfinden?

Für viele symbolisieren Neujahr und Frühling genau das, was für mich im Herbst passiert: Die Rede ist vom Neuanfang. Redewendungen wie „Alles neu macht der Mai“ haben bei mir noch nie irgendetwas ausgelöst, aber ab September, seltener im Oktober, beginnt für mich seit jeher eine neue Zeitrechnung. Es beginnt eine Periode der Neujustierung und des Sortierens und bis zum Jahresende wird richtig Vollgas gegeben. Das bedeutet für mich speziell in diesem Jahr: Sich dem Studienabschluss widmen, den Umzug vollziehen und sich neuen beruflichen Entscheidungen öffnen. Aber was bedeutet das genau: Weichen verschieben oder Totalumbruch?

 

 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
 
 
 

 

Ein Beitrag geteilt von Milk (@milk) am

In meinem Kopf inszeniere ich für all die neuen Gefilde bunte Bilder voll schillernder Visionen meines künftigen Ichs. Bedeutet: Ich erdenke mir eine sehr (sehr) gut organisierte neue Wohnung mit neuen Regelungen für nachhaltige Anschaffungen und smarte Investitionen. Für das Ausbauen meiner Selbstständigkeit schreibe ich mir strengste Disziplin und einen unüberschaubaren Workload vor, weil ein bisschen ranklotzen nach recht entspannten Studienjahren mir und meinem Geldbeutel sicherlich nicht schaden dürften. Apropos Geldbeutel: Der soll in den kommenden Monaten haargenau unter die Lupe genommen werden. Vielleicht muss ich Buch führen, um Kosten und Einnahmen besser miteinander abzugleichen? Vielleicht brauch ich einen Finanzplan?

Es gibt bloß einen Haken: All meine Vorsätze und Ideen – ähnlich wie Neujahrsvorsätze zur falschen Zeit – sehen bisweilen wenig bis kaum nach mir und meinen Charaktereigenschaften aus. Anscheinend will ich gerade jemand werden, der ich eigentlich gar nicht bin und arbeite aktiv an Veränderungen von Mindset und Habitus.

Ich bin eine von denen, die sich nur allzu gerne die Morgens-, Mittags- und Abendroutinen von Fremden auf Youtube anschaut. Und so knüpfe ich mir die Tagesabläufen meiner Freund*innen unheimlich gern vor. Ich bin jemand, der gerne nach links und rechts schaut, hungrig nach Inspirationsquellen ist und willig bleibt bei sich selbst hier und da mal Hand anzulegen. So kann ich Erlerntes einfach ablegen und mit Praktiken, Ritualen oder Eigenschaften austauschen, die je nach Trendlage und Lebenszyklus vermeintlich besser in den Tagesablauf passen.

Wenn ich hier sitze und mit zerknautschter Stirn eifrig über die Anstrengungen und Veränderungen der nächsten Monate nachdenke, fällt es mir fast leichter, mir zusätzlich auszumalen, wie all die neuen Organisationshacks, die private Buchführung und das minimalistisch Einkaufsverhalten meinen Wohnraum und meine Lebenswelt zu einem besseren Ort machen. Ist das nicht vielleicht die Krux und zugleich die Besessenheit mit dem stetigen Höher, Schneller, Größer und Weiter?

Für mich gehören Angst, Veränderung, Neubeginn und die verbundene Spannung fast immer zusammen. Routine, ja gerne, aber bitte hier und da mit Irrungen und Wirkungen, Weiterentwicklung und Diversifikation. Ich will mich anpassen, neu justieren für all das, was in den nächsten Wochen und Monaten auf mich zukommt. Gewappnet sein und die Arme voller guter Vorsätze für das neue Umfeld offenhalten, um schlussendlich eine gelungene Symbiose einzugehen. Das Gewohnheitstier 2.0 quasi, welches sich guten Gewissens all die neuen Lebensmittelpunkte angeeignet und schmackhaft gemacht hat.

Kann etwas mehr nach selbstständiger Arbeit klingen als die letzten drei Sätze? Genau wie meine charakterlichen Fixpunkte mit Sicherheit und zum Glück nicht auszumerzen sind, fühle ich mich richtig gut mit dem Gedanken, hier und da Glitzer und Sahnehäubchen hinzuzufügen. Ein bisschen anstrengen, ein bisschen mehr Disziplin und ein Tritt in den Allerwertesten von niemand geringerem als meinem Über-Ich.

Ich ignoriere die Jahresuhr und beginne jetzt zum Oktober mit neuen Vorsätzen und Ideen für den richtigen Flow. Felsenfest davon überzeugt, dass ein Tapetenwechsel im kleinen Stil für die Neuerfindung des eigenen Ichs nicht reicht, die Umbrüche zu wenig drastisch und die Veränderungen zu bequem sind, als dass ich zum Ende des Jahres alles umgekrempelt und ausgemistet habe. Vielleicht geht es aber, wie bei allen guten Vorsätzen, auch eher um die Idee und die Motivation, als um das tatsächliche neu erfinden. Was meint ihr?

Bild der Collage: © Eric T. White

Kolumne // Kann man sich eigentlich wirklich neu erfinden?

  1. Sarah

    Geht mir genauso, ich starte auch im September/Oktober immer neu durch. Hab heut den ganzen Tag damit verbracht, meine Website neu zu sortieren, neue Kurse und Workshops einzutragen und fühl mich voll motiviert … bis maximal morgen vermutlich.:D Denn diese Motivation hat immer Höhen und Tiefen, aber ich sehe es wie du: es geht um die Idee und den neu erwachenden Enthusiasmus.
    Ein kleiner Finanztipp: ich benutze seit einer Weile die App DailyBudget. Da kann man sich täglich den Betrag anzeigen lassen, den man ausgeben darf (nach Eingabe von Fixkosten, Einkommen und Wunsch-Sparbetrag) und dann beliebig Ausgaben und Extra-Einnahmen eintragen. Man darf sich halt nicht selbst bescheißen, sondern sollte wirklich alles eintragen, auch den einen Euro für den U-Bahn-Musiker und die 2 € für das Schokocroissant. Wenn man das durchzieht, kriegt man schon ein ganz gutes Gefühl für die eigenen Finanzen (und unnötige Ausgaben).

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr von

Related