Öfter mal aufs Dorf: Von kroatischer Gelassenheit, Naturschönheiten & der Suche nach sich selbst

11.10.2019 Wir, Leben, box2, Travel

Es ist halb neun und stockduster, als wir in unserem alten Twingo sitzen und gemütlich über die kroatische Autobahn tuckern. Ich hocke, eingequetscht zwischen Vordersitz und Rucksack, auf der Rückbank und grinse vor mich hin, während sich mein Freund und mein Onkel auf Englisch über Wein unterhalten. Den macht meine kroatische Familie nämlich jedes Jahr selbst, aber da ich leider keinen Rotwein trinke, habe ich meist nie viel davon. Die Luft, die sich durch den kleinen Spalt des einzigen funktionierenden Fensters kämpft, ist noch ein wenig warm, obwohl die Septembernächte in Kroatien zuweilen verdammt kalt werden können. So sehr, dass wir abends in unserer Wohnung mehrere Lagen Kleidung tragen und kurz vor dem Schlafengehen einen kleinen Heizlüfter anfeuern, der die nicht vorhandene Heizung ersetzen muss. Als das Apartment in den 70er Jahren direkt über das Geburtshaus meines Vaters gebaut wurde, hat wohl niemand daran geglaubt, dass irgendwann auch jemand außerhalb der Sommersaison antanzen würde. Jetzt ist es schon das zweite Jahr in Folge, dass wir unseren Sommerurlaub auf Ende September gelegt haben und uns den Strand mit Rentnern und ein paar jüngeren Pärchen teilen.

Ausblick über Makarska Riviera

Gegen kurz vor zehn schließe ich unsere Wohnungstür auf und bin ein bisschen traurig darüber, dass es in diesem Jahr keine kleinen Kätzchen gibt. Aber irgendwie ist das auch gut, denn sie überleben hier meist nie lange, weil die Straße vor dem Haus keinen Bürgersteig hat und die Autos immer neuer und damit auch immer leiser werden, erklärt mein Onkel. Die Wohnungstür schabt beim Öffnen ein bisschen über den Boden und der Griff gibt ein vertrautes Quietschen von sich. Wie jedes Jahr inspiziere ich zuerst vorsichtig die Wände und Schränke, in der Hoffnung, auf nicht allzu große, unerwünschte Besucher zu stoßen. In den Ecken haben sich aber nur ein paar Spinnen eingenistet, also alles okay, nicht so wie damals, als mir als 8-Jährige ein toter, erstarrter Siebenschläfer aus dem Schrank entgegenflog, nachdem er es sich in meiner Luftmatratze gemütlich gemacht hatte.

unsere Terrasse in den kroatischen Bergen

Am nächsten Morgen tapse ich ganz früh auf unsere Terrasse, um den Blick über die Schlucht und die Berge ganz für mich alleine zu haben. In meinen Augen ist es der allerschönste Ausblick, weil er so malerisch aussieht. Überhaupt sieht hier alles sehr malerisch aus, in diesem kleinen Dorf, das über all die Jahre ordentlich an Beliebtheit und Bekanntheit gewonnen hat. Na ja, zumindest der Teil, der am Meer liegt, denn hier oben in den Bergen rasen die Autofahrer meist nur mit viel zu hohen Geschwindigkeiten durch die mickrigen Dorfabschnitte. Ich denke dann jedes Mal, dass man ihnen allen die Führerscheine, oder aber direkt die Autos, wegnehmen müsste, weil es so gefährlich ist.

Viel gibt es hier oben nicht zu tun, aber man kann einen Berg hinauflaufen, den Fluss Cetina besuchen (für alle die mutig sind: Hier gibt es Rafting, eiskaltes Wasser und Wasserschlangen — auch wenn ich in all den Jahren nur eine einzige gesehen habe) oder jeden Dienstagmorgen im Nachbarort Zadvarje frischen Käse, Werkzeuge und geflochtene Körbe auf dem Viehmarkt kaufen. Weil heute aber Sonntag ist, fahren wir die zehn Minuten runter zum Strand. Hinter einer Kurve sieht man zum ersten Mal das Meer. Immer wieder bleibt mir die Spucke weg und ich wiederhole mindestens zehn Mal, wie schön das doch alles ist, weil es das nun einmal wirklich ist. Am Strand angekommen, haben wir das Glück, dass Leute, die aus Brela kommen (in diesem Fall mein Vater), eine vergünstigte Parkkarte erhalten. Eigentlich sind die Preise nämlich gar nicht mehr so niedrig und je näher man am Strand parken möchte, desto mehr Geld muss man hinblättern (abends ist es kostenlos und in der Nebensaison günstiger).

Der schönste Strand in ganz Brela heißt Punta Rata. Das ist der mit dem berühmten Fels (Kamen Brela), der mit lauter Pflanzen bewachsen ist. Das ist schon etwas Besonderes und genau deshalb ist er auch das Wahrzeichen des gesamten Ortes. Das Wasser ist kristallklar, was am Kiesstrand liegt. Das Laufen darauf ist Gewöhnungssache, aber hier am Punta Rata Beach ist alles noch ganz harmlos. An anderen Ecken, zum Beispiel an den wilden Stränden, kann man schon mal auf einen spitzen oder richtig großen Stein oder sogar Seeigel treten. Dafür hat man dort seine Ruhe, sofern einen die häufigen FKK-Urlauber nicht stören. Für einen leckeren Kaffee muss man dann allerdings doch wieder nach Brela, im Café Mačić kann man es sich bei einem Cappuccino für 15 Kuna (umgerechnet etwa 2 Euro) und großartiger Musik (zumindest wenn man wie ich auf alte Rockmusik steht) gut gehen lassen. Heute ist vielleicht sogar mein Glückstag, denn es läuft mein allerliebstes Lieblingslied von The Smiths und auf meinem Gesicht breitet sich schon wieder dieses breite Grinsen aus.

Punta Rata

Die kommenden Wochen lese ich viel (Kitchen, I love Dick, Schloss aus Glas und A Visit from the Goon Squad), gucke in die Luft, trinke hier und da mal einen Kaffee (ein weiterer Tipp ist das Café Nipper in Brela, das eine wundervolle Aussicht und ultra-faire Preise hat) und schaue mir gemeinsam mit meinem Freund Orte an, an denen er noch nie war. Wir sind in Trogir, einer kleinen Stadt nördlich von Split, die wahnsinnig romantisch ist mit all ihren kleinen Gässchen, aber eben auch ordentlich teuer. Wir erklimmen den Kirchturm, genießen zuerst die Aussicht und später ein Stück Pizza auf die Hand. Der Besuch auf der nahe liegenden Burg ist allerdings ein wenig ernüchternd und wohl nur für echte Fans sehenswert — im Gegensatz zu den Burgen in Imotski und Omiš, die mir persönlich besser gefallen haben, weil man dort auch ein wenig herum kraxeln kann. Omiš zeige ich meinem Freund an einem besonders stürmischen Tag, an dem ich es bereue, nicht gleich zwei Pullover angezogen zu haben, denn dieser verdammte Wind ist schon jetzt richtig eisig. Trotzdem ist es schön hier und in der Hauptsaison sind die vielen kleinen Restaurants ganz bestimmt auch gut besucht. Imotski lassen wir in diesem Jahr allerdings aus, den roten und den blauen See haben wir uns bereits vor zwei Jahren angeschaut. Und auch dem Nationalpark Krka statten wir nach einer Autopanne keinen zweiten Besuch ab, was ich ein wenig traurig finde, denn er ist sozusagen der kleine Bruder des Nationalparks Plitvicer Seen, den ich aufgrund seiner nördlichen Lage ewig nicht mehr gesehen habe — wer die Möglichkeit hat, sollte sich natürlich dennoch beide anschauen.

Trogir

Zum Trost besuchen wir das frühere Atelier und Zuhause des kroatischen Bildhauers Ivan Meštrović in Split. Ich verliebe mich Hals über Kopf in alles, das ich sehe und möchte am liebsten gar nicht mehr fort, weshalb es ganz sicher mein allergrößter Tipp für alle, die Skulpturen mögen, ist. Splits Altstadt selbst ist natürlich auch immer einen Besuch wert, was in meinen Augen weniger an Game of Thrones, als am Diokletianpalast liegt. In diesem Herbst möchte ich mich aber darauf konzentrieren, ein Stückchen zurück zu mir selbst zu finden und weil das in der Natur bekanntlich besonders gut geht, spazieren wir jede Menge am Meer entlang, statt durch volle Zentren zu flanieren. Manchmal frage ich mich dann, ob ich nicht vielleicht doch an einen einsameren Ort ziehen sollte, glaube aber, dass es mir auf Dauer nicht sonderlich guttun würde, weil ich ein bisschen zu gut darin bin, mich abzuschotten.

Während des Urlaubs auf dem Dorf geht mir jedenfalls viel durch den Kopf und gleichzeitig versuche ich, mich von jenen Einflüssen zu befreien, die in den letzten Monaten meine Gedanken dominiert haben. Ich denke an früher, als ich schwarz-weiß gestreifte Armstulpen, zerrissene Jeans, karierte Vans Slip-ons und zu viel Kajal trug und ich trotz meiner Unsicherheiten und wirren Gedanken sorgenfreier gelebt habe. Keine Ahnung, warum ich mich meinem 17-jährigen Ich ausgerechnet jetzt so verbunden fühle, aber in den kommenden Tagen male ich mir wieder ein bisschen mehr Eyeliner um die Augen, höre Iron Maiden und schaffe es tatsächlich, mich so richtig zu entspannen, was vielleicht auch ganz lange nicht mehr so geklappt hat. Dafür fliegt die Zeit allerdings auch nur so dahin, so schnell, dass ich kaum hinterherkomme und richtig wehmütig bin, als ich am letzten Abend den blutroten Horizont bestaune.


Ausblick von einer kleinen Festung in Omiš auf den Fluss Cetina

Am nächsten Mittag schleppen wir die Koffer die schiefen, unregelmäßigen Steinstufen herunter — effizientes Packen lag mir noch nie, was vielleicht damit zu tun hat, dass wir immer mit dem Auto in den Urlaub gefahren sind und ich mich nie wirklich beschränken musste. Im Auto sitze ich, wie bereits am ersten Abend, eingequetscht auf der Rückbank, während sich mein Freund und mein Onkel auf Englisch über Wein, das Leben und die Arbeit unterhalten. Irgendwann fragt mein Freund ihn, was er denn tun wird, wenn er in Rente geht. Er antwortet: Nothing. Wir halten einen kurzen Moment inne und lachen dann. Seine Antwort kam irgendwie unerwartet. Vielleicht, weil uns diese Gelassenheit und das Gefühl, gar nicht mehr zu brauchen oder zu wollen, als man ohnehin schon hat, überraschen. Noch lange nach seiner Antwort durchströmt mich ein merkwürdiges Gefühl und ich frage mich, ob ich es meinem Onkel irgendwann gleich tun kann, und nehme mir vor, Stück für Stück wieder mehr an meiner eigenen Gelassenheit zu arbeiten.

Makarska

Alle Tipps auf einen Blick:

Brela 



Am unteren Teil (Donja Brela) befindet sich der wunderschöne Strand Punta Rata inklusive Wahrzeichen. Je näher man am Strand parken möchte, desto mehr muss man für einen Parkplatz zahlen. Spaziergänge lohnen sich in beide Richtungen, denn man läuft die gesamte Zeit am Meer und jede Menge Strandabschnitten entlang. Im Zentrum gibt es neben Supermärkten auch eine Post, eine Wechselstube, Restaurants und kleine Marktstände. Neben größeren Hotels werden hier mittlerweile auch viele Ferienwohnungen und Apartments von Privatpersonen angeboten. Kaffee inklusive großartiger Musikauswahl gibt es im Café Mačić, einen traumhaften Ausblick über das Meer bekommt man im Café Nipper gratis zum Cappuccino.



Im oberen Teil Brelas (Gornja Brela) gibt es einige vereinzelte Apartments, die einen wunderbaren Blick auf die Berge freigeben. Wer gerne wandert, kann das am Biokovo tun.



Zadvarje



Im Nachbardorf findet jeden Dienstagmorgen ein Markt statt, auf dem es frischen Käse, geflochtene Körbe und jede Menge Krimskrams gibt.



Split 



Besonders sehenswert ist die Altstadt mit ihren alten Mauern und dem Diokletianpalast. Ganz in der Nähe befindet sich außerdem das ehemalige Atelier und Zuhause des kroatischen Bildhauers Ivan Meštrović.



Imotski



Neben der Topana-Festung lohnt sich ein Blick auf den roten sowie den blauen See. Zum blauen See kann man sogar einen Weg hinunterlaufen, um sich eine Runde im kühlen Wasser treiben zu lassen.



Krka National Park (& Plitvicer Seen)



Der Krka Nationalpark ist eine kleine Oase mit Wasserfällen, Bächen und kleinen Wegen, die man entlang spazieren kann. Ein wenig imposanter sind die Plitvicer Seen, die allerdings auch eine dreistündige Autofahrt entfernt sind.



Omiš



In Omiš mündet der Fluss Cetina in das Meer, nachdem er sich seinen Weg durch eine riesige Felswand gebahnt hat. Neben kleinen Restaurants kann man auch hier eine kleine Festung bestaunen, von deren höchsten Punkt man einen wunderschönen Ausblick hat.



Makarska 



In der Hauptsaison warten am Strand jede Menge Stände, an denen mittlerweile jedoch leider viel Ramsch verkauft wird. Ab und zu gibt es aber auch ein paar schöne Mitbringsel oder Kitschigkeiten für das heimische Wohnzimmer. Mit etwas Glück findet auf dem Marktplatz im Zentrum ein Live-Konzert statt (wenn alle Plätze der umliegenden Cafés besetzt sind, dienen die Treppen und Mauern als Ersatz). Im Muschelmuseum warten Funde aus dem Meer, die mich vor allem in meiner Kindheit fasziniert haben. 



Trogir 



Hier gibt es jede Menge kleine, romantische Gassen, durch die man schlendern kann. Einen Blick in alle Himmelsrichtungen bekommt man vom Turm der Kathedrale des heiligen Laurentius.


Ausblick von einem wilden Strand in Brela

Wissenswertes:

In Kroatien zahlt man mit Kuna und Lipa. Für einen Euro bekommt man etwa 7 Kuna. Wechselstuben gibt es eigentlich in jedem größeren Ort, im Herbst sind die Öffnungszeiten allerdings etwas begrenzter als während der Hauptsaison. 



Wer an der dalmatinischen Küste unterwegs ist und sich ein paar Orte anschauen möchte, braucht einen Mietwagen (oder einen Roller), denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind hier nämlich nur in größeren Städten vorhanden.



In Kroatien kommen zum Großteil Fisch und Fleisch auf den Tisch, Vegetarier haben es also eher schwer. In Restaurants bestelle ich deshalb oft eine Zusammenstellung aus verschiedenen Beilagen, zumindest dann, wenn es weder Nudeln noch Pizza gibt.



Obst und Gemüse kauft man im besten Fall an den kleinen Ständen direkt an den Straßenrändern der kleinen Dörfer. Hier zahlt man einerseits wesentlich weniger, als an den Ständen am Strand, andererseits ist hier alles etwas frischer als in den Supermärkten.



ein Blick auf Makarska

Öfter mal aufs Dorf: Von kroatischer Gelassenheit, Naturschönheiten & der Suche nach sich selbst

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