Ein Hoch auf den Rentner*innen-Urlaub!

05.08.2019 Menschen, Wir, Leben

Die Erkenntnis kam gegen 11 Uhr vormittags. Meine Schwester und ich standen in Weimar, genauer gesagt, in der Anna-Amalia-Bibliothek. Wie alle anderen Besucher*innen starrten wir abwechselnd an die sehr beeindruckende Decke des Rokoko-Saals oder tippten auf unseren Audio-Geräten eine Zahl ein, um uns von einer freundlichen Stimme die Büste zu unserer Rechten oder die Architektur zu unserer Linken erklären zu lassen. Ich war gerade in die Betrachtung einer der zahlreichen Bücherwände vertieft, als meine Schwester sich zu mir beugte. „Ist dir eigentlich aufgefallen“, flüsterte sie in mein Ohr, „dass hier außer uns nur ältere Leute sind?“. Ich schaute mich um und erkannte: Sie hatte Recht. Ältere Menschen in Trekkingsandalen, mit riesigen Kameras und Sonnenhüten.

 
 
 
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Die Führung durch Friedrich Schillers Wohnhaus absolvierten wir nachmittags in Begleitung eines Ehepaars, das in seinen 60ern zu sein schien. Abends waren wir beim Essen im Biergarten zwischen Menschen ab 50+ die Jüngsten. Später ließen wir den Tag bei ein, zwei Gläsern („Stößchen!“) ausklingen und beobachteten von unserem Platz aus junge Menschen die, begleitet von einer nicht besonders guten, aber engagierten Band, aggressive Skateboard-Manöver hinlegten. „Oooooh“, seufzten wir, „das ist ja wie damals, als wir jung waren.“ Wir waren zu Rentnerinnen geworden – im Alter von knapp 30 und 31 Jahren.

Frei von Prätention

Tatsächlich ist der Rentner*innen-Urlaub der beste Urlaub überhaupt. Die Zutaten dafür sind simpel: Man nehme ein Reiseziel, das nicht zu angesagt ist oder sogar ein bisschen langweilig zu sein scheint.

Dort miete man sich in einem Hotel ein – auf gar keinen Fall in einem Airbnb, denn die Frühstücksunterhaltungen am Nachbartisch („Die Klimaanlage ist viel zu kalt eingestellt!“) sind entscheidend für ein authentisches Urlaubs-Erlebnis. Ebenfalls wichtig ist die Reisebegleitung: Man sollte sie schon so lange und gut kennen, dass man sich in ihrer Gegenwart nicht dazu verpflichtet fühlt, mit besonderer Dynamik oder sprühender Unterhaltung zu glänzen. Nun zum Programm: Dieses sollte vor allem Kultur umfassen – Kultur, Kultur, und nochmal Kultur. Unterbrochen von regelmäßigen Kaffee- und Verschnaufpausen, in denen der Reiseführer (bitte kein Google Maps) herausgeholt und konsultiert wird. Zu vermeiden sind sämtliche Dinge, die sich der Rubrik „trendy“ zuordnen ließen: Weder sollten alternative Cafés gegoogelt werden, noch besonders szenige Bars. Die Abendplanung ist flexibel, sollte aber frühes Schlafengehen beinhalten, um „morgen fit zu sein“. Zu den möglichen Aktivitäten gehören Fernsehen, Lesen sowie ausführliche Handygespräche mit Daheimgebliebenen.

Der Rentner*innen-Urlaub ist deshalb so gut, weil er frei von Prätentionen ist. Er will nicht mehr sein, als er ist: eine interessante, entspannte Zeit. Während ich (so wie andere Menschen in meinem Alter) im Urlaub vor allem damit beschäftigt bin, so untouristisch wie möglich auszusehen, könnte älteren Menschen nicht egaler sein, wie touristisch oder untouristisch sie rüberkommen. Sie holen unerschrocken den Stadtplan raus, sie haben selbstbewusst ihre Spiegelreflexkamera dabei, sie tragen lässig praktische Schuhe und Riesenrucksäcke.

Kurz: Sie müssen niemandem beweisen, wie weltgewandt und weitgereist sie sind. Sie müssen nicht ständig neue Dinge entdecken, um ihren Bekannten lässig erzählen zu können: „Ganz zufällig haben wir dieses makrobiotische Bistro entdeckt – der Wahnsinn.“

Absolutes Mittelmaß

Der Rentner*innen-Urlaub, er ist eine Geisteshaltung. Und deshalb steht er nicht nur älteren Menschen (die aus inhaltlichen Gründen in diesem Text dreist als eine alters- wie verhaltenstechnisch homogene Gruppe definiert werden) zur Verfügung, sondern allen. Er basiert auf Gelassenheit und der Bereitschaft, in seiner Urlaubsplanung und -durchführung absolut mittelmäßig zu sein. Darauf, zwar alles sorgfältig durchgeplant zu haben (siehe Reiseführer), aber sich im Zweifelsfall einfach bei Kaffee und Kuchen niederzulassen. Oder vormittags eine historische Bibliothek zu besuchen und sich von dieser etwa halbstündigen Anstrengung auf einer Parkbank zu erholen.

 
 
 
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5 Kommentare

  1. Katja

    So ein schöner Text. Ich liebe Rentnerinnenurlaub ebenfalls. Hatte nur noch keinen so treffenden Begriff dafür.

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  2. Sandra

    Ein ganz wunderbarer Text. Und Rentnerinnen Urlaub mit beschriebener Geisteshaltung was ganz Schönes

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  3. fira

    „Während ich (so wie andere Menschen in meinem Alter) im Urlaub vor allem damit beschäftigt bin, so untouristisch wie möglich auszusehen“ – ich fühle mich sowas von ertappt 🙂

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  4. Pingback: Cherry Picks #29 - amazed

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