Travel Diary // Palermo ist wie Neukölln – bloß mit Lemon Soda & Cantuccini

15.06.2017 Wir, box2, Travel

Mein gesamtes Umfeld scheint immerzu von Trips in die Tropen, nach Kroatien, Südafrika oder Portugal zu schwärmen. Oh, und vor allem von Indonesien! Bali! Ich denke dann nur „Whoa“. Und schweige etwas verlegen darüber, was ich selbst so während der letzten Wochen getrieben, oder eher nicht getrieben haben. Ihr kennt das.

Aber jetzt bitte nicht falsch verstehen: Ich meine das gar nicht böse. Jedem von uns und euch sei bitte ein unvergesslicher Urlaub gegönnt, sehr sogar. Ein bisschen Jammern muss in Zeiten des akuten Sommer-Social-Media-Fiebers aber doch erlaubt sein. Hundert fremde Urlaubsfotos können nunmal etwas pieksen, wenn man es selbst viel zu lange nicht mehr geschafft hat, die Koffer zu packen. Irgendwann dann habe ich aber gemerkt, dass es gar nicht so schwer ist, sich loszueisen: Einfach buchen und los, es muss ja nicht immer gleich das andere Ende der Welt sein. Wohin verschlug es mich also verschlug? Nach Sizilien – seit neustem mein liebstes Urlaubsziel, echt wahr. Es folgt die dazugehörige Erklärungen, sowie Schnappschüsse von Lemon Soda und Cantuccini:

Dank günstiger Flugmöglichkeiten ist eine Reise nach Palermo in der Nebensaison schon für einen schmalen Taler zu haben. Die Ferienwohnung ohne WLANZ ist ein Schnäppchen – einige Tage Digital Detox gibt es also gratis dazu. Perfekt also. Ein paar alte Tatort-Folgen habe ich dann doch präventiv heruntergeladen. Und die ??? Fragezeichen. Nur für den Fall.

Italien-Fan war ich schon immer, Palermo ist allerdings eine ganz andere Nummer – das muss man wirklich wissen, wegen all der Dolce Vita Assoziationen im Kopf, sonst verlässt man Sizilien am Ende als Trauerkloß. Nach dem Durchschauen von diversen Reiseberichten und sogar Vlogs, war ich einerseits ganz aus dem Häuschen, andererseits aber etwas besorgt. „Die schwierige Stadt in der ärmsten Region Italiens“, heißt es da zum Beispiel. Und „Viel Kriminalität in den dunklen Gassen der sizilianischen Hauptstadt“, sollte es geben. Ich habe es dennoch gewagt und mich rasch verknallt.

Palermo ist tatsächlich nicht vergleichbar mit italienischen Städten wie Lucca oder Florenz – genau über diese Erkenntnis habe ich mich am allermeisten gefreut. Berlin am Meer würde eher passen. Nein: Neukölln am Meer! Bloß in einem anderen Land. Ich liebe Neukölln und mit Palermo war es auf Anhieb ganz genauso, vielleicht wegen der vielen Parallelen, die man zwar nicht immer sehen, aber spüren konnte. Alles ist irgendwie hübsch, auf seine ganz eigene Art und Weise, allerdings meist erst auf den zweiten Blick – und genau das macht Palermo so charmant. Die Einheimischen kümmern sich so gut wie gar nicht um Touristen, warum auch: Zumindest der Nebensaison scheinen sich nur wenige Reisende für Palermo zu interessieren. Alles in der 600.000 Einwohner starken Küstenstadt geht gemächlich seinen Gang. Genau so wollte ich das. Wirklich.

Zu meiner Schande muss ich gestehen: Kulturprogramm à la Museumsbesuche und historische Altstadttouren gab es bei uns nur minimal. Die hübschen, orientalisch geprägten Bauwerke, die die Altstadt spicken, haben wir uns nur von außen angeschaut und für sehenswert befunden. Dies aber auch nur auf dem Weg zur nächsten Piazza, um einen kleinen Aperol oder eine heiße Tasse Espresso einzunehmen. Flanieren funktionierte dafür ausgesprochen gut. Der Innenstadtbereich ist fix erschlossen und voll von indischen Take out-Spots, Spätis, Graffitis und Märkten. Oh, die Märkte. Meistens waren wir auf dem Mercato il Capo unterwegs und kauften kiloweise Schwertfisch und Doraden ein. Und Käse und Wurst und Pane. Ja wir haben viel gegessen. Sehr viel. Selbstgemachte Antipasti gab es und Dolci und irgendwie hat sich klammheimlich innerhalb der ersten sieben Tage eine 1,5 Liter Flasche Olivenöl aus unserer temporären Küche verabschiedet. Urlaub!! Auch von allen Reise-Zwängen.

Überraschend für uns: Palermo konnte dann irgendwie auch einen gewisssen Grad an Nightlife bieten. Zum Glück handhabten es alle so, wie wir es von daheim gewohnt sind: Ein Birra Moretti auf die Hand, ab vor den Spätkauf, auf die milde Piazza oder eben vor den Club. Am Tag ein Wochenmarkt, in der Nacht eine kleine Partymeile ist die Gegend rund um die Vucciria und alles in Richtung Hafenbecken. Hier ist der Boden noch feucht vom Kühlwasser und ein stilechter Fischgeruch liegt in der Luft. Herrlich authentisch. Palle ist nur ein Mal im Jahr.

Zehn Tage Stadturlaub muss man allerdings erst einmal rumkriegen. Auch als Liebespaar. Da Planen nicht so richtig zu meinen Stärken zählt, haben wir uns spontan mit den raren innerstädtischen WLAN Hotspots darüber informiert, was auf dieser XXL Inse alles möglich ist. Da bleiben neben Wanderungen durch fast erloschene Vulkanfelder und Trips in die bergigen Küstengebiete vor allem allerhand hübsche Städtchen, die es zu erkunden gilt und die alle für sich in einem argen Kontrast zur Hauptstadt stehen.

Wir verbrachten einen Tag in Cefalú, schlenderten durch die Fischerstadt und verpassten quasi mit Absicht unseren Zug, um noch zwei Stunden länger zu bleiben. Wir besuchten Agrigento, flanierten verblüfft über die schicke Promenade und die luxuriöse Shoppingmeile. Wir kraxelten den Monte Pelligrino neben Palermo empor, genossen den Blick über die Stadt und suchten zu meiner Enttäuschung vergebens die oben vermutete St. Pelligrino-Quelle. Schadé. Das Umland hat, für alle die Berge lieben, viel zu bieten, zieht aber auch Küstenkinder wie mich in seinen Bann. Was kann eigentlich noch schöner sein als Berge und Meer direkt nebeneinander?  

In Palermo sollte man auf jeden Fall…

… jeden Tag auf den Markt gehen und frische Leckereien kaufen so viel es geht. Wir haben den Mercato il Capo und die Viccuria oft besucht und kamen jedes Mal mit prall gefüllten Taschen nach Hause. Abends ein Bier an der Hafenpromenade trinken und dabei zuschauen, wie die Sonne hinter den Bergen verschwindet. Und bitte auf die Berge ringsherum klettern und sich das ganze Spektakel von oben anschauen. Ciao ragazzi!

Wer bummeln mag ….

… und Lust auf schnieke Marken á la Prada und D&G, aber auch auf die üblichen Verdächtigen hat, startet am Piazza Ruggero Settimo und arbeitet sich langsam vor in Richtung Via Roma . Außerdem gilt: Der Schein trügt. So ramschig manche Geschäfte auch von Außen scheinen mögen, im Inneren sind wahre Schätze verborgen. Mit nach Deutschland kamen nebst einem Kilo Pecorino, ein bestickter Sweater aus Cefalú und ein Spice Girls T-Shirt. Ich konnte nicht widerstehen.

Hach Palermo – ich komme wieder! Wir haben einen unheimlich schönen und preiswerten Urlaub gehabt und hier wirklich ganz hervorragend gelebt. Im Sommer ohne richtigen Strand und in einem Tal gelegen vielleicht nicht die optimale Wahl, im April dafür schön leer und entspannt und vor allem immer um die 20 Grad warm. Da hat man alles ein wenig für sich und trifft auf den einen oder anderen grumpy Sizilianer. Für das richtige Zuhausegefühl.

4 Kommentare

  1. Josephine

    Selten habe ich einen Reisebericht so sehr genossen wie deinen- besonders die authentischen Bilder untermalen das ganze rundum! Danke dafür

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  2. Lisa

    Extrem sympathisch! Auch für mich einer der seltenen Reiseberichte, mit denen ich mal etwas anfangen konnte!

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