Keanu Reeves & Alexandra Grant – sie ist „nur“ 9 Jahre jünger als er, oder: Was in unserer Gesellschaft schief läuft

Das Internet ist verliebt in Alexandra Grant – das feministische Internet zumindest. Und Keanu Reeves sowieso, denn der ist, so wird gemunkelt, mit Grant zusammen. Zumindest wurden die beiden vor kurzem händchenhaltend auf dem roten Teppich gesichtet. So weit, so unspektakulär. Aber: Grant, eine visuelle Künstlerin, ist 46 Jahre alt – und somit „nur“ neun Jahre jünger als der 55-jährige Reeves. Und das ist in der jugendbesessenen Welt von Hollywood, wo Falten als der größtmögliche Feind gelten, dann doch etwas Spektakuläres.

„Natürlich hat Keanu eine seinem Alter angemessene Freundin. Er ist ein guter Mann“, schrieb die Autorin Britt Hayes in einem viel geteilten Tweet. Dass Reeves ein guter Mann ist, das steht schon länger fest, spätestens seit bekannt wurde, dass er auf Fotos mit Frauen seine Hände bei sich behält oder sie hinter den Damenrücken in der Luft schweben lässt – statt die Gelegenheit, wie so viele andere männliche Stars, für herzhafte Grabscher zu nutzen. „Keanu Reeves ist zu gut für diese Welt“, seufzte die Autorin Naomi Fry im New Yorker. Und Millionen Frauen seufzten mit.

Frauen über 40: ein einziges Klischee

Nun datet Reeves also – wie es scheint – eine Frau, die sich in dem befindet, was man wohl „mittleres Alter“ nennt. Das allein ist schon bemerkenswert, turtelt ein Leonardo DiCaprio sich doch mit einem Anfang-20-jährigen-Model nach dem anderen durch die Cocktailparties dieser Welt. Doch Alexandra Grant ist nicht nur 46, sie sieht auch so aus, begeistert sich Ali Drucker in der New York Times: „Und nicht nur die Hollywood-Version von 46.“ Grant habe silbergraues Haar und Falten, zwei Dinge, die man bei Hollywood-Damen im selben Alter niemals erblicken würde. Sie fühle sich entschieden anti-feministisches, so Drucker, weil sie das Aussehen einer anderen Frau kommentiere – aber man bringe die Diskussion nicht voran, indem man so täte, als sollten natürliche äußere Anzeichen des Alterns niemals beachtet, diskutiert oder sogar gefeiert werden.

Insbesondere, weil ältere Frauen (was bedeutet: alle über 40) immer noch so oft und gerne – und nicht nur in Hollywood – als irgendwie geschlechtslose Wesen ohne Libido gesehen und dargestellt werden. Als Muttis, Omis oder verzweifelte Dauersingles, die dank schwindender Jugend sowieso keine Chance mehr auf einen Mann haben. Frauen über 40: ein einziges Klischee.

 
 
 
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Eine Unsichtbarwerdung

Männer hingegen, das ist bekannt, werden nicht älter. Sie reifen. Wie guter Wein. Als vor einiger Zeit der Schauspieler Kai Wiesinger im Mittagsmagazin zu seinem neuen Buch Der Lack ist ab interviewt wurde, verstieg er sich zu der Aussage, bei Männern und Frauen gebe es in Sachen Altern keinen Unterschied: Man würde mit alternden Männern nicht anders umgehen als mit alternden Frauen und auch Männer seien ja nicht alle „George Clooneys“. Das mag sein. Trotzdem galt ein Sean Connery auch noch mit Mitte 70 als Sex-Symbol – eine Judi Dench im gleichen Alter hingegen wohl kaum. Alternde Männer werden im Zweifelsfall noch attraktiver. Alternde Frauen – unsichtbar.

Die Journalistin Sophie Heawood schreibt süffisant, sie habe sich als Studentin furchtbar über eine ältere Dozentin aufgeregt, die verkündete, man würde es vermissen, dass Männer einem auf der Straße hinterherpfeifen, wenn man erst einmal ein Alter erreicht habe, in dem das nicht mehr passiere: „Ich war 20, eine leidenschaftliche Feministin, und aufgebracht, dass sie uns mit irgendeinem mittelalterlichen katholischen Mist fütterte (…). Alles, was ich sagen kann, ist, es ist mir nun passiert und – nun, ich wünschte, ich hätte noch ihre Telefonnummer. Ich würde eine Nachricht schicken um zu sagen, dass ich es verstehe, endlich.“

Es geht nicht darum, das macht Heawood klar, dass „cat calling“ etwas Positives oder Wünschenswertes ist. Im Gegenteil. Es geht darum, dass Männern ohne Probleme zugestanden wird, auch nach Überschreitung der 40-Jahre-Grenze (und der 50-Jahre-Grenze, der 60-Jahre-Grenze…) sexuell aktiv, attraktiv und begehrenswert zu sein. Falten, Haarschwund und Hängebauch zum Trotz. Und Frauen? Die müssen schon aussehen wie Jennifer Lopez und ansonsten viel Zeit und Geld investieren, damit das Haar ja nicht grau, die Haut ja nicht schlaff, die Figur ja nicht speckig wird. Selbst dann werden sie in Hollywood-Filmen im Zweifelsfall mit Anfang 50 schon als grauhaarige, ältliche Muttis inszeniert (so geschehen u.a. 2016 mit Diane Lane in Batman vs. Superman).

Der weite Weg

Natürlich sollte Keanu Reeves keinen Applaus oder gar einen feministischen Orden dafür bekommen, dass er eine Frau datet, die nicht mehr Anfang 20 ist und offenbar keine Probleme mit äußeren Zeichen des Alterns hat. Schließlich, so die Hoffnung, mögen sich diese beiden Menschen einfach gerne, abseits von irgendwelchen Altersgrenzen. Und warum sollte Reeves Alexandra Grant nicht mögen? Sie ist offensichtlich attraktiv, kreativ, schlau und talentiert. Dass Reeves so viel Zuspruch für seine mutmaßliche Beziehung zu Grant erhält, zeigt letztendlich nur, wie weit der Weg noch ist.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Vintage Shit Posting (@vintageshitposting) am

Der Weg in eine Gesellschaft, wo es für ältere Männer nicht mehr als Bestätigung ihrer Attraktivität und ihres Erfolgs gilt, sich eine signifikant jüngere (und selbstverständlich hübsche) Frau zu schnappen. Wo junge Frauen keine Trophäen sind, die es zu sammeln gilt. Wo ältere Frauen, die mit signifikant jüngeren Männern zusammen sind, nicht mehr als verzweifelte „Cougars“ gelten, die dringend Selbstbestätigung brauchen. Und wo Männer wie Keanu Reeves nicht länger dafür abgefeiert werden, dass sie sich mit einer Frau wie Alexandra Grant „zufrieden“ geben, wenn doch irgendwo eine Horde jüngerer, hübscherer Frauen auf sie wartet.

Bild im Header: Vogue.de
Mehr Bilder vom jungen Reeves findet ihr hier.

4 Kommentare

  1. Svenja

    Aber warum dreht gerade das feministische Internet durch – wo solch eine Beziehung gerade da keine Besonderheit sein sollte?

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    1. Marlene

      Weil unsere Gesellschaft leider noch nicht so weit ist. Du siehst ja, was der Rest mit dieser Geschichte macht. Danke, Julia!

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    2. Julia

      Ich glaube, man kann Feminist*in und sich bewusst sein, dass so etwas wie Keanu Reeves + halbwegs gleichaltrige Freundin keine Besonderheit sein sollte – und sich trotzdem darüber freuen, dass Reeves eben kein Leo DiCaprio zu sein scheint. Und drauf hoffen, dass das irgendwann auch im Mainstream ankommt 🙂 Alles Liebe, Julia

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  2. Judith

    Danke für diesen Artikel und insbesondere für den Link mit den Bildern vom jungen Keanu ganz am Ende 😉

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