Wenn zwei Frauen sich küssen… Wie ein Instagram-Post von sich küssenden Disney-Prinzessinnen für Aufsehen sorgte

Gestern waren meine Tochter und ich das zweite Mal im neuen Teil von „Die Eiskönigin“, und zwar „Die Eiskönigin II“. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte dies schleunigst tun, einfach weil er extrem klug, bildgewaltig und musikalisch anspruchsvoll ist. Im gesamten Film küsst Anna, die kleine Schwester der Eiskönigin Elsa, Kristoff, ihren Partner. Sie küsst ihn auf die Wange und den Mund. Ganz selbstverständlich, denn in den meisten Disney-Filmen wird geküsst. In den älteren muss die weibliche Hauptdarstellerin oft den Prinzen küssen, um zu überleben („Arielle“), oder sie wird geküsst, um nicht mehr tot zu sein („Schneewittchen“), oder beide küssen sich am Ende, wenn geheiratet wird („Aschenputtel“). In den neueren Filmen finden wir mittlerweile viele emanzipierte Frauenfiguren, die im Falle von „Vaiana“ gar nicht mehr küssen oder bei „Eiskönigin II“ nur den, der nett ist und den sie auch wirklich lieben. Der Kuss spielt im Disney-Film also eine ganz zentrale Rolle. Umso erstaunlicher schienen mir die Reaktionen auf einen Instagram-Post der deutschen Vogue vor Kurzem.

Die Redaktion postete ein Bild: Arielle und Dornröschen sich küssend. Es ging darum, die super-diverse App und Dating-Plattform Lex vorzustellen, auf der sich nun alle frei entfalten können, die sich sonst bei den ausschließlich heteronormativ oder klassisch homosexuellen Dating-Apps eher verloren fühlen. Es dauerte nicht lange, bis sich die arme Social-Media-Managerin von Vogue mit über 400 Kommentaren rumschlagen musste, in denen sich vor allem Entrüstung wiederfand: Man könne doch nicht unschuldige Disney-Figuren sexualisieren. Das sei Porno. Gegen zwei sich küssende Frauen habe man nichts, aber Disney-Darstellerinnen zu benutzen, sei unmöglich.

 
 
 
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Ich scrollte mich durch alle Kommentare, um genau zu verstehen, was jetzt eigentlich das Problem war: Der Kuss zwischen zwei Disney-Figuren oder der Kuss zwischen zwei weiblichen Disney-Figuren? Denn dass es in jedem Disney-Film zu einem Kuss kommt, müssten jene Disney-Fans, die das Gefühl hatten, durch den Vogue-Post ihrer Kindheit beraubt worden zu sein, doch wissen, oder empfinden sie den Kuss zwischen einem Mann und einer Frau nicht sexualisierend? Und wieso eigentlich nicht? Hatten sie sich jemals über das Ungleichgewicht zwischen der weiblichen und männlichen Figur, insbesondere in den älteren Filmen, Gedanken gemacht, oder war die große Beschwerdewelle bezüglich des fehlenden „Consent“ bei Schneewittchen zum Beispiel an ihnen unbemerkt vorbeigegangen und hatte ausschließlich in geschlossenen feministischen Räumen stattgefunden?

Ich wusste es nicht genau, fühlte aber, dass der Unmut, der sich über dem Post ergoss, überhaupt nicht logisch war, sondern von Affekten geleitet schien. Ein paar der Kommentare waren homophob und wären auch unter jedem anderen Post erschienen, der zwei sich küssende Männer oder zwei sich küssende Frauen gezeigt hätte. Aber nicht alle Vorwürfe waren klassisch homophober Natur. Es ging ganz offensichtlich darum, dass das Küssen zweier weiblicher Disney-Figuren als sexualisierend empfunden wurde. Der alte Topos der verführenden Frau, beginnend mit Eva, die den armen Adam dazu brachte, vom verbotenen Baum der Erkenntnis zu essen, wurde hier bedient. Während ein heterosexuelles sich küssendes Paar nicht als sexuelle Aufforderung, sondern als auf sich selbst gerichtete Einheit begriffen wird, glauben Männer (und einige Frauen) bis heute, dass sich Frauen nur küssen, um Männern den Verstand zu rauben. Sie werden nicht als liebende Einheit gesehen, sondern nur als doppelte Eva. Also als geballte Verführungskraft, die nicht zweckfrei handelt, sondern ein niederes Ziel verfolgt: den armen Mann seiner Sinne berauben.

Frauen werden als Verführungsmaschine gesehen und zur Masturbationsfantasie erklärt. Der männliche Blick entmenschlicht Frauen und macht sie zum Objekt, das dem Mann und seiner Befriedigung dienen soll. Dabei ist dieser Blick selbstverständlich nur Projektion und nicht Realität. Aber weil Männer seit Jahrtausenden die Deutungshoheit innehaben, glauben wir, dass dieser Blick kein Blick auf die Frau, sondern das weibliche Selbstverständnis ist. Wenn also zwei weibliche sich küssende Disney-Figuren in den Instagram-Kommentaren von Frauen wie auch Männern als sexualisierend erlebt werden, dann nur, weil die männliche Vorstellung der Frau strukturell in unser Denken eingewoben ist.

Aber weder haben Frauen aktiv den Begriff „Lesbian“ unter die Top-5-Porno-Suchbegriffe bei Männern im Jahr 2018 katapultiert, noch sind zwei weibliche sich küssende Disney-Figuren sexualisierend. Solange wir denken, dass eine stillende Frau primär den auf dem Spielplatz sitzenden Familienvater verführen will und nicht ihr Kind ernähren möchte und zwei Frauen sich nur küssen, um alle um sie herumstehenden Männer sexuell zu erregen, haben wir den männlichen Blick internalisiert und projizieren unsere Vorstellung auf die anderen. Aber die Frau ist eine zweckfreie Person, die lebt, liebt und küsst, ohne dabei den Mann mitzudenken. So schmerzhaft das für Männer auch sein mag.

Dieser Text von Mirna Funk stammt aus unserer VOGUE COMMUNITY und erschien im Original bei der deutschen Vogue.

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