Wie Buchautorin Emma Dabiri gerade die Debatte über Afrohaare verändert

17.03.2020 Gesellschaft, box1

Die Autorin von „Don’t Touch My Hair“ – das Erfahrung und Unterdrückung bedingt durch schwarze Haare aufzeichnet – will dem diskriminierenden Verhalten gegenüber Afrohaar ein für allemal ein Ende setzen. Hier berichtet sie von ihren eigenen Erfahrungen und dem bis heute vorherrschenden gesellschaftlichen Stigma.

Afrohaare als Grund für Diskriminierung

Nach einem dreijährigen Rechtsstreit mit ihrer Schule im Osten Londons wurde der 18-jährigen Ruby Williams im Februar eine Summe von 8500 Pfund (rund 9800 Euro) ausgezahlt. Der Hintergrund: Das Mädchen wurde mehrfach aus dem Unterricht geholt und nach Hause geschickt, weil sein Afro der Schulordnung widersprach. Schockierenderweise bleibt dies kein Einzelfall, und immer mehr SchülerInnen werden in Großbritannien aufgrund ihres Afrohaars vom Unterricht ausgeschlossen.

Emma Dabiri, Autorin von „Don’t Touch My Hair“ (2019) und Dozentin an der SOAS University of London, kämpft gegen die derzeit in Großbritannien geltenden Bestimmungen für Afrohaare. Teil ihrer Kampagne ist eine öffentliche Petition zur Änderung des Equality Acts von 2010. Gegenwärtig schützt das Gesetz Individuen in Bezug auf ihre Hautfarbe, Nationalität und ethnische oder nationale Herkunft. Haar jedoch – insbesondere Afrohaar – zählt nicht als geschützte Charakteristik. Es ist eine Grauzone, die SchülerInnen und Angestellten dem Risiko aussetzt, für ihre Haare diskriminiert zu werden. Dabiri, die nigerianischer und irischer Abstammung ist, möchte, dass das Gesetz geändert wird, nicht zuletzt, weil die Mutter zweier Kinder befürchtet, dass ihre eigenen Kinder eines Tages mit dem gleichen Vorurteilen konfrontiert werden könnten. 

Emma Dabiri im Alter von etwa fünf Jahren © Courtesy of Emma Dabiri

„Ich habe einen siebenjährigen Sohn, der schon Frisuren hatte, für die andere Kinder ausgeschlossen wurden“, erzählt sie. „Ich möchte, dass sich das ändert, bevor er auf die weiterführende Schule kommt.“

Dabiri über ihr Buch und ihre Erfahrungen mit Afrohaar

Dabiri hofft, dass ihr Buch – das von Erfahrungen und Unterdrückung aufgrund von Afro-Haar erzählt– dazu beitragen wird, den Diskurs und das diskriminierende Verhalten gegenüber Schwarzem Haar zu ändern. Warum Emma Dabiri Menschen dazu aufruft, ihre Petition zu unterschreiben und warum die verzerrte Wahrnehmung von Schwarzem Afrohaar endlich aufhören muss:

Was hat Sie dazu veranlasst, sich für die Änderung des UK Equality Acts von 2010 einzusetzen?

Afrohaar wird oft übersehen, weil es auf einzigartige Weise mit Schwarzen Menschen assoziiert wird. Ein Argument, das ich in meinem Buch „Don’t Touch My Hair“ genannt habe, ist, dass Haare ebenso sehr für afrikanische Abstammung stehen wie Hautfarbe – also eine Charakteristik sind, die uns anfällig für Diskriminierung machen kann. Deshalb muss dies im Gesetz ausdrücklich aufgeführt werden. Wir Schwarzen Menschen wurden so oft für unsere Haare und die Vorstellung, dass sie abartig und falsch sind, beschämt.

Wie groß ist dieses Problem?

Das Problem, von der Schule ausgeschlossen zu werden, scheint schlimmer zu werden, was zum Teil mit den viel strengeren und härteren Schulordnungen und Richtlinien zusammenhängt. Das macht die Botschaft, seine eigenen Haare zu feiern und zu akzeptieren, völlig zunichte. Interessant finde ich zudem, dass das Natural Hair Movement, das circa 2010 begann, die Normen verschoben hat, sodass es jetzt mehr Schüler mit Afrohaar und traditionell Schwarzen Frisuren gibt – was bedeutet, dass es mehr Konflikte rund um dieses Thema gibt. Die meisten Schulen sagen, dass man seine Haare zurückbinden soll, aber Afrohaare lassen sich nicht so leicht zurückbinden. Meine Haare kann ich nur zurückbinden, wenn ich sie geglättet habe oder viele Stylingprodukte verwende. Wenn Sie Ihr Haar chemisch glätten, folgen Sie der Schulpolitik und vermeiden Konflikte. Das sind jedoch Regeln, die von Weißen für Weiße gemacht wurden.

Wie geht die Gesellschaft derzeit mit Schwarzen Haaren um?

Auf der einen Seite sehen wir Afrohaare in einer Vielzahl von natürlicheren Stilen, die in Mode und Medien in größerem Umfang repräsentiert sind. Durch die sozialen Medien, das Natural Hair Movement und den Aktivismus der Schwarzen haben wir eine Normalisierung von Afrohaaren in bestimmten Bereichen erlebt. Aber es gibt immer noch eine Menge Diskriminierung im Zusammenhang mit eher gekräuselten, lockigeren Texturen. Auch wenn die Leute den Ausdruck „Good Hair“ manchmal nicht verwenden, bleibt ihre Einstellung, wenn es darum geht, welche Art von natürlichem Haar am erstrebenswertesten ist.

In Ihrem Buch „Don’t Touch My Hair“ geht es um die Geschichte von Schwarzem Haar und ihre Stigmatisierung. Welche Erfahrungen hatten sie mit Afrohaar, als Sie klein waren?

Ich war in Irland, dort gab es eigentlich niemanden mit Haaren, die meinen ähnelten. Die wenigen Repräsentationen, die ich gesehen habe, waren hauptsächlich im Fernsehen. Ich erinnere mich, dass ich [die Singer-Songwriterinnen] Neneh Cherry und Ashley und Hilary in „Der Prinz von Bel-Air“ toll fand. Sie hatten jedoch eher die Art von Haartypen, wie sie die Menschen von Mixed Race People erwarten. Ich bin Mixed Race, aber mein Haar repräsentiert eher meine afrikanische Seite. Also dachte ich: „Was stimmt nicht mit meinen Haaren?

Emma Dabiri im Alter von etwa 15 Jahren © Courtesy of Emma Dabiri

Als ich etwa zehn Jahre alt war, schlug mir eine Freundin vor, mir eine gelockte Dauerwelle zu machen. Die Frau, die sie auftrug, ließ sie die doppelte Dauer auf meinem Haar, da sie meinte, dass es „kräftig“ sei. Danach hatte ich diese langen, seidigen Wellen – am nächsten Morgen aber war mein Haar einfach nur verfilzt. Das war meine erste Erfahrung mit Haarausfall und verbrannter Kopfhaut. Ich benötigte mehrere Anläufe, und oft sah es nicht so aus, wie ich es gern hätte. Das erste Mal, dass ich jemandem auf dem Bildschirm mit ähnlichen Haaren wie meinen sah, war in meinen Dreißigern, und zwar in der männlichen Hauptrolle in Terence Nance‘ Film „An Oversimplification of Her Beauty“ von 2012.

Wie sollen Schwarze Frauen Ihrer Meinung nach über ihre Haare denken?

Schwarzen Frauen wird seit sehr Langem von so vielen verschiedenen Leuten vorgeschrieben, was sie zu tun haben, also sage ich: Macht zu 100 Prozent, was ihr wollt. Schwarzes Haar ist so schön und von einer Kultur der Kreativität und des Ausdrucks geprägt. Es wurde absichtlich falsch dargestellt, und es herrscht eine regelrechte Entschlossenheit, uns davon zu überzeugen, dass unsere Haare minderwertig sind, und das ist Quatsch.

Shrinkage/Das Zusammenschrumpfen und die Vielseitigkeit sind nur zwei tolle Aspekte von Schwarzem Haar. Was gefällt Ihnen am meisten an Ihren Haaren?

Ich trage sie seit fast zehn Jahren natürlich und lerne immer noch, was mein Haar alles kann – es gibt unendlich viele Stile und Methoden. Die verbesserten Produkte und Tools sind echt toll. Ich habe neulich einen Föhn benutzt und es geschafft, meine Haare mit minimalem Aufwand zu glätten. Es hat für mich bis jetzt gedauert, um etwas zu erleben, das so viele meiner FreundInnen einfach für selbstverständlich hielten, und ich dachte: „Wow, die Welt wurde wirklich nicht für uns oder unsere Erscheinungsbilder konzipiert.“

Dieser Text von Eni Subair stammt aus unserer VOGUE COMMUNITY und erschien im Original bei der deutschen Vogue.

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