Ausstellungstipp: Die neue Dauerausstellung „Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland“ im Jüdischen Museum Berlin

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Vor ziemlich genau zweieinhalb Jahren begannen die Umbauten zur neuen Dauerausstellung „Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland“ im beeindruckenden, von Architekt Daniel Libeskind entworfenen, Gebäude des Jüdischen Museums Berlin (JMB) auf mehr als 3500 qm, um die Geschichte und Gegenwart des Judentums sowie das Leben von Juden und Jüdinnen in Deutschland, in spezifischen Themenräumen vom Mittelalter bis heute nahe zu legen.

Auch wenn sich die Türen des JMB durch die aktuelle Pandemie drei Monate später öffneten, könnte die Wiedereröffnung in Zeiten von immer stärker werdendem Antisemitismus und Rechtsradikalismus in Deutschland nicht passender, aktueller und wichtiger sein. Wir haben uns vergangenen Dienstag ganz exklusiv mit ein paar ausgewählten Medien auf den Weg gemacht, um die neue Dauerausstellung, die am Sonntag, den 23. August, ganz offiziell wiedereröffnet wird, zu erleben und euch eines ganz klar mit auf den Weg zu geben: Geht hin! Weil es wichtig ist, um (voneinander) zu lernen, um zu verstehen, um kritisch zu sein und zu bleiben – und natürlich, um mit wachen Augen, mit Herz und klugem Verstand in die Zukunft zu schreiten. Was euch erwartet? Verrückte Verzweigungen, verschiedenste Blickwinkel, verständliche Erklärungen, harte Fakten und schlimmstes Leid, aber auch schönste Erinnerungen, Hoffnung und sogar neue Perspektiven.

Das Kurator*innenteam für die neue Dauerausstellung um Chef-Kuratorin Cilly Kugelmann hatte ganz offensichtlich eine ziemlich warmherzige Mission: Eine Begegnung zu kreieren, die alle Sinne anspricht, indem verschiedenste Medien verwendet wurden, um die wichtigen, manchmal unübersichtlichen und gar verzweigten geschichtlichen Inhalte wiederzugeben: In Wort, Bild, Ton und in Form von Objekten. Und genau das ist ihnen in diesem nach wie vor ziemlich beeindruckenden Libeskind Bau, der für 31 Monate geschlossen war, um die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Deutschland mit anderen Schwerpunkten und vielleicht verständlicheren Einordnungen wiederzugeben, auch wirklich hervorragend gelungen. Das Jüdische Museum Berlin stand nämlich vor einer ganz besonderen Herausforderung:

 

 
 
 
 
 
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Lichtprojektion auf der Treppe zur Dauerausstellung. Entwurf: Arbeitsgemeinschaft chezweitz GmbH/ Hella Rolfes Architekten BDA

Es gibt nur noch wenige Menschen, die von den schrecklichen Erlebnissen des Holocausts berichten können und die Erinnerungskultur, so wie wir sie noch gerade eben kennen, droht allmählich zu verschwimmen. Um neue Perspektiven zu eröffnen, war es für das Kurator*innenteam also eine Herzensangelegenheit, neue Rahmenbedingungen zu schaffen, aus vergangenen Chancen und Risiken zu schöpfen und mit kritischem, scharfen Auge an die neue Ausstellung heranzugehen.

Als Willkommenspunkt wird künftig ein stilisierter, fünf Meter hoher Baum aus weiß gewachstem Holz die Besucher der neuen Dauerausstellung begrüßen. Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Die vorherige Dauerausstellung war seit Eröffnung des Museums im Jahr 2001 zu sehen und wurde von über elf Millionen Menschen besucht. In der neuen Dauerausstellung geht es nun vor allem darum, Raum für neue Begegnungen zu schaffen und aus gescheiterten Begegnungen zu lernen. Und so macht es nur Sinn, dass wir reflektieren, Schubladendenken beenden und voneinander lernen. Ein ganz wichtiger Aspekt ist demnach die Sichtweise verschiedenster Meinungen von Menschen und Gruppierungen auf das Judentum und die Chance, Vorurteile abzubauen, sich durch die geballte Ladung an Informationen ein eigenes Bild zu kreieren und Kontexte verstehen zu lernen. Die Idee dahinter? Interessierte sollen sich mit den verschiedensten Perspektiven auseinandersetzen und sich mit all den vorhandenen und bereitgestellten Informationen ihre eigene Meinung bilden, um in den Diskurs treten zu können und sich ganz neu mit dem Input auseinanderzusetzen.

Um Fragen wie diesen auf den Grund zu gehen, beginnt die Ausstellung im 2. Obergeschoss mit der Tora und dem Regelwerk vieler Juden und Jüdinnen, mit dem Ursprung jüdischen Lebens also. Und genau hier finden wir auch den symbolischen Baum, dem wir mit unseren Wünschen Blätter schenken können – und dessen Grundidee sich durch die gesamte Ausstellung zieht. Was aber bedeuten jüdische Wurzeln überhaupt?

Der Baum mit Blättern.

Die große, interaktive Medienwand „Familienalbum“ präsentiert einige unserer Familiensammlungen mit insgesamt über 400 Objekten. Foto: Yves Sucksdorff. Jüdisches Museum Berlin

Die JMB-App bietet Audios, Informationen, Spiele und kurze Filme. Porträt von Albertine Heine als Braut, August Theodor Kaselowsky, Berlin 1835; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Die Antwort darauf findet sich in Wort, Ton, Bild und den Objekten der Ausstellung. Der Baum gilt also als Sinnbild für Verästelungen, für verschiedenste Verzweigungen und für neue Wege – wie wir uns das jüdische Leben in Deutschland mit all seinen Einschnitten und wieder neu erblühenden Knospen, wie es noch heute für viele Menschen Realität ist, vorstellen können. Kurzum, diese Veranschaulichung ist so simpel wie klar: Dieser Baum ist auf seine Umgebung angewiesen und wächst, wenn man ihn eben auch lässt. Er trägt zur Schönheit seiner Umgebung bei, fordert ein und gibt, wenn er kann und man ihn gedeihen lässt. Er mahnt aber auch, Risiken zu vermeiden und Chancen zu nutzen, um ihn weiter wachsen zu lassen, wie Hetty Berg, neue Direktorin des JMB erinnert.

Für mich jedenfalls ist es eine schöne Metapher gleich zum Ausstellungsbeginn und ein roter Faden in diesem ebenso verzweigten und Labyrinth-artigen Aufbau der Ausstellung. Denn obwohl wir uns eigentlich nicht verlaufen können, in dieser modernen Ausstellung, wird der Eindruck erweckt, dass Verlaufen und Wiederfinden dringend erwünscht ist, zurückgehen eingeplant scheint und neu entdecken sowieso am schönsten ist. 

Die vergangene Dauerausstellung wurde von Chef-Kuratorin Cilly Kugelmann als durcheinander und lehrbuchgleich beschrieben, die neue dagegen sei besonnener, weil sie aus den Erfahrungen der vorangegangenen gelernt habe. Die Übersetzung der jeweiligen Themen kann jedenfalls als verständlicher, frischer verstanden werden und konzentriert sich auf verschiedenste Schwerpunkte, statt die volle Ladung an Informationen aus Angst vor Verlust in einen Raum zu stopfen.

Wir als aktive Teilnehmer*innen dieser geschichtlichen Reise dürfen also mit all unseren Sinnen entdecken: Und zwar in fünf chronologisch angelegten Epochenräumen, die von acht Themenräumen zu jüdischer Kultur, Tradition und religiöser Praxis ergänzt werden. Sie reichen von den Anfängen jüdischen Lebens in Aschkenas über die Emanzipationsbewegung im 19. Jahrhundert und deren gewaltsames Ende durch den Nationalsozialismus bis zur Vielstimmigkeit jüdischen Lebens heute.

Epochenräume: Achkenas
⇒ 300 – 1500

In der Frühen Neuzeit
⇒ 1500 – 1770

Auch Juden werden Deutsche
1770 – 1933

Katastrophe
1933 – 1945

Nach 1945
1945 bis heute

Ergänzende Themenräume: Tora als Zentrum des Judentums, Gebot und Gebet als gelebte Tradition, Klang ebenfalls als Tradition und Umgebungskultur, Kabbala – visualisiert als raumgreifende Installation von Anselm Kiefer, Familienalbum – das Herzstück der Sammlung: das historische Vermächtnis deutscher Juden & Jüdinnen aus aller Welt, das in den vergangenen 20 Jahren zusammengetragen wurde, die Hall of Fame als Verbeugung vor jüdischer Persönlichkeiten, Kunst und Künstler auf Glas-Stelen und Das jüdische Objekt, das sich den Fragen widmet „Was ist ein jüdisches Objekt?“ und „Was ist überhaupt heilig im Judentum?“

Ergänzt werden diese Epochen- und Themenräume durch mediale Installationen und szenographische Elemente wie die Treppeninstallation des Libeskind Baus, das Weimar Kino oder eine Prismenvitrine.  

Was ebenfalls nicht fehlen darf: Mehr Gegenwart! Und genau der widmet sich die Ausstellung nicht nur in der ausführlichen Darstellung der Zeit nach 1945, sondern auch durch zeitgenössische Deutungen historischer Phänomene. Auch die Themen-Räume Tora und Gebot und Gebet beschäftigen sich mit Überlieferung und religiöser Praxis in der heutigen Zeit.

Das Thema Antisemitismus durchzieht alle Epochen und wird zusätzlich in einem eigenen Segment behandelt: Vier Kurzfilme greifen antisemitische Fallbeispiele der Gegenwart auf, die aus unterschiedlichen Perspektiven von Historiker*innen und Sozialwissenschaftler*innen eingeordnet werden.

Höchste Zeit also, dem Jüdischen Museum Berlin einen Besuch abzustatten. Wir jedenfalls können euch die Begegnung mit der geschichtlichen Auseinandersetzung des Judentums und dem Leben von Juden und Jüdinnen in Deutschland nur von Herzen empfehlen. Also kommt vorbei, geht den Dialog (auch mit euch selbst) ein, entdeckt, versteht (zu lernen) und vor allem: erlebt!

Ab Sonntag, den 23. August öffnet die Daueraustellung, die schon ganz bald durch Wechselausstellungen ergänzt wird und sogar Akademie-Programme und Workshops anbieten wird. Das beste aber? Der Eintritt unter 18 Jahren ist kostenlos und beträgt auch für Erwachsene nur 8 Euro. Ein Zeitfensterticket ist allerdings unbedingt erforderlich. Oh, und bevor ich es vergesse: Die JMB App runterladen und noch mehr entdecken, verstehen und vor allem: Erleben!

 

– In freundlicher Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Berlin –

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