Turn on, Tune in, Drop out – was fasziniert uns 2020 so sehr an der Symbolik von Psychedelika?

02.09.2020 Leben, Gesellschaft

Psychedelische Patterns, Netflix-Dokumentationen, Batik und überall Mushrooms – woher kommt der Hype um die Symbolik der LSD-Erfahrung?

*  Triggerwarnung. Im Folgenden wird über LSD und andere Drogen gesprochen. Dies ist keine Werbung für deren Konsum. Bitte sucht euch Hilfe, wenn ihr das Gefühl habt, süchtig oder in Gefahr zu sein.

Es war im Sommer und die Abendsonne hing am Himmel wie ein Teller voll rosafarbenem Kuchen, ein paar Wolken hatten sich orange gefärbt und verhielten sich wie junge Pferde auf der Durchreise, die Luft war warm, der Wind ganz sanft und ein paar Bäume gegenüber schienen sich mit ihren wippenden, saftig grün behangenen Ästen gegenseitig ein wenig Liebe schenken und endlich berühren zu wollen. Ich war nüchtern, ganz und gar. Dachte aber sehr wohl: Das ist hier alles ein bisschen zu sehr wie auf LSD, dafür dass bloß Montag ist. Und: Schade auch irgendwie. Dass die Welt nicht viel häufiger so vollkommen und eigensinnig und phantastisch scheint.

Dabei könnte es ja immer so sein. Nur wäre das erstens illegal und zweitens eine eher schlechte Idee. Würde man jedenfalls meinen, der gängigen Moral entsprechend. Oder? Kommt drauf an. Wen man fragt (die US-Regierung oder Sarah Silverman sowie diverse Mediziner*innen zum Beispiel). Und darauf, was man sieht, bzw. beobachtet. Mich jedenfalls beschleicht seit geraumer Zeit das Gefühl, dass die Gesellschaft im Grunde genommen nichts lieber als high wäre, durchgehend, fehlt nur noch das Revival des Leary-Slogans „Turn On, Tune In, Drop Out“ an Hauswänden. Vielleicht ist es aber auch ganz simpel: Manch einer hat schlicht und ergreifend die Nase voll, von eigentlich allem. Was ich erstmal für vollkommen verständlich halte. Und so kommt es wohl, dass tatsächlich wieder mehr und mehr Menschen der Realität ein Schnippchen schlagen möchten. Oder Moment. So kann man das nicht sagen. Eventuell muss die Wirklichkeit ja erst aufgelöst werden, um anschließend zum ersten Mal richtig Sinn zu ergeben? Wer weiß das schon. „Ich glaube nicht, dass LSD die Antwort auf die Probleme unserer Welt ist“, meint zum Beispiel Musiker Sting, „aber es könnte ein Anfang sein.“ 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Tschiegg (@tschiegg69) am

Was ich hier überhaupt rede, denkt ihr jetzt vielleicht. Ich auch. Aber könntet ihr in meinen Instagram-Feed schauen, verstündet ihr sicher schon viel besser, was mich umtreibt: Es gibt da eine eindeutig halluzinogene Tendenz. Es gibt viele, viele Mushrooms (die nicht selten „magic“ sind) und naja, es gibt irgendwie auch jede Menge LSD. Ganz plötzlich? Nee.

Irgendwann, ich schätze, es muss 2016 gewesen sein, da las man bereits wahnsinnig viel vom mittlerweile fast schon langweilig gewordenen „Microdosing“, auf das angeblich die Sprösslinge des Silicon Valleys schworen und schwören. Fand ich ehrlich gesagt komplett scheiße, oder eher: entromantisierend. Der Einsatz von Halluzinogenen in winzigen Dosen (zur Förderung der Kreativität) schmeckte mir schon wieder viel zu arg nach Leistungssteigerung der Arbeit zuliebe. Schon wieder kein Spaß also. Keine Erleuchtung. Sollte LSD nicht vielmehr das Rätsel vom Ich lösen? Uns die Welt begreifen und so richtig kapieren lassen? Dass es mehr als Geld und Macht und Produktivität und Gier gibt? War LSD in den 70er Jahren nicht gerade deshalb so populär, weil es nachhaltig gegen das Establishment wirkte und dabei half, das eigene Hirn zu befreien?

Nicht umsonst lautet doch eines der heute bekanntesten Zitate Timothy Learys, seines Zeichens verurteilte LSD-Legende, „Galileo des Bewusstseins“ und außerdem ehemaliger Harvard-Dozent für Psychologie, dem Designerin Olympia Le Tan vor gar nicht allzu langer Zeit übrigens ein paar Taschen-Designs widmete:

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von LOVLI SILK (@lovlisilk) am

Mittlerweile braucht es jedenfalls keine große Begabung mehr, um relativ schnell auf die Omnipräsenz von psychedelischen Symbolen in den Sozialen Medien zu stoßen. Ach, nicht nur dort.

Die Verbindung zwischen dem gesellschaftlichem Wandel, sich überschlagenden Ereignissen, aktuellen Unruhen und eben der Kultur in all ihren Facetten, fällt auf: Überall Batik, 70er Jahre Klimbim, Mushrooms und psychedelische Muster, ob auf Kleidern, in der Kunst oder in Wohnungen. Influencerinnen benehmen sich mitunter, als seien sie irre geworden (aber im besten aller Sinne), selbst die kontrolliertesten unter ihnen tragen munter Pilze oder optische Täuschungen auf ihren Pullis. Ja, nicht nur Street Wear Marken, die schon lange auf den Fungi gekommen sind, sondern auch Luxusfirmen wie Gucci oder J.W. Anderson bestücken ihre Produkte mit niedlichen Analogien auf herrliche Trips. Fußmatten und (Murano)Lampen muten an, als kämen sie geradewegs aus dem Acid-Labor, Bands wie The Greatful Dead und Pink Floyd  tummeln sich so häufig auf T-Shirts wie zuletzt vor 50 Jahren und geführte „Selbsterfahrungs-Reisen“, bei denen man in fernen Ländern eine Handvoll Pilze nascht, um Kindheitstraumata und andere Schmerzen zu überwinden, werden mit jeder Saison populärer. Sogar in „The Goop Lap“ wird eine solche Reise dokumentarisch begleitet. Ihr wisst schon, die Serie von und mit Gwyneth Paltrow. Ja, genau. Nische ist das irgendwie nicht mehr. Aber was denn dann?

 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Maisie (@myfawnwy) am

Ist das Rebellion? Die Kanalisierung einer großen Sehnsucht? Ernstzunehmend oder gar lächerlich? Womöglich all das, zu etwa gleichen Teilen. Ich kenne das ja selbst. Und vielleicht ist diese neu entfachte Faszination für alles Psychdedelische, die unter anderem mit großen Netflix Original Dokumentationen wie „Have a good trip“ weiter manifestiert wird, nur die Kirsche auf der Torte der allgegenwärtigen Verzweiflung. Das Letzte, was uns zu begehren übrig bleibt, wenn wir schließlich kapiert haben, dass im Grunde alles, was die 68er-Bewegung sich herbei gewünscht hat, eingetreten ist. Nur eben auf eine ganz andere, eher unerwartete Art und Weise:

Kollaborative Arbeitsformen, mehr Freiheit, flache Hierarchien, Selbstverwirklichung und sogar gratis Yoga plus Bio Food – der Kapitalismus hat den Geist der Hippies schleichend vor den Karren gespannt und die Arbeitswelt zum Austragungsort innerer wie ethischer Konflikte erkoren. Was nicht völlig verkehrt, aber eben auch listig ist und fatal: Denn wie soll man am Kicker-Tisch gegen die Chefin rebellieren, die gestern noch das Feierabendbier spendiert hat und wie soll man überhaupt loslassen und sich auf „das Wesentliche“ besinnen, wenn doch sogar das Geldverdienen maximal sinnhaft und emotional erfüllend gestaltet werden soll? Mich jedenfalls wundert es nicht, dass die Leute gerade so zahlreich Acid wiederentdecken und eifrig  an der Entstigmatisierung dieser ambivalenten Droge mitzuwirken. Um es mit deutlichen Worten zu sagen: 

Gut möglich, dass der Mensch sich in letzter Konsequenz eben doch auf eine bewusstseinserweiternde Reise begeben muss, um endlich zu sich selbst zurück zu finden. Um das eigene Ego aufzulösen und schließlich zu erkennen, wofür er längst blind geworden ist.

Vielleicht geht es zum ersten Mal seit Langem sogar um echte Erfahrungen – nur dass die dazugehörigen Konsumgüter unser Gefühl des Dazugehörens auch diesmal verstärken sollen. Sei es wegen der Codes, die von jenen anderen gelesen werden, die eben auch längst „sehend“ sind, oder aber wegen des kleinen kaufbaren Stücks von einem Gefühl, auf das wir uns einzulassen in Wahrheit viel zu feige sind. Dabei ergäbe das Austesten der eigenen Wahrnehmungs-Grenzen in vielerlei Hinsicht vielleicht Sinn.

Michael Pollan ist eigentlich Food-Journalist, ein überaus berühmter sogar. 2019 allerdings hat er, wen wundert es noch, ein Buch über LSD geschrieben: „How to Change your mind.“. Warum, das erklärt er in diesem Interview. Und ja, es klingt selbstverständlich logisch:

 
 
 
 
 
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Man muss schon damit umgehen können, plötzlich Musik schmecken und den Boden wabern sehen zu können. Die Frage „Soll ich oder soll ich nicht?“ bleibt demnach unbedingt eine sehr persönliche. Eine, die niemals von Trends abhängig sein sollte, eine, die uns niemand abnehmen kann. Was nicht schlimm ist, denn offenbar drängt die Zeit ja nicht. Außer, man hat es eilig und mag der Wissenschaft Glauben schenken. Die nimmt mittlerweile nämlich wieder die Forschung an Acid (das der Chemiker Albert Hofmann übrigens am 16. April 1943 per Zufall entdeckte) in Zusammenhang mit Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen auf, weil endlich wieder staatliche Gelder fließen (dürfen), etwa in der Schweiz. Dabei kennt man es doch, dieses Zitat:

„Was das Mikroskop für die Biologie ist oder das Teleskop für die Astronomie, das ist LSD für die Bewusstseinsforschung.“

Die Ergebnisse? Unüberraschend überwältigend. Dabei war das eigentlich klar, nur eben nicht von den Mächtigen erwünscht, wie man zum Beispiel in der Doku „Explained, The Mind – Psychedelika“ erfährt.

Gerade wollte ich diesen Artikel übrigens abschließen und höchstens noch auf die extrem lehrreiche Reportage von Anuschka Roshani für Dummy verweisen, weil ich ich sowieso keine nennenswerte Quelle nennen konnte, die meinen Eindruck der Omnipräsenz von Psychedelika teilt, da stolpere ich auf den letzten Metern doch noch über den frisch erschienen Beitrag von Sydney Gore namens „Why Are Mushrooms Taking Over My Social Media Feed, My Medicine Cabinet, and My Closet?“. Aha, sag ich doch! Ich bin also immerhin nicht vollkommen Banane. Jedenfalls suchte Gore bei Tonya Papanikolov („certified holistic nutritionist and mycophile) nach Antworten und fand exakt jene hier:

Es fängt also wirklich gerade erst an. Und ich bin gespannt, wo diese Reise enden wird.

 
 
 
 
 
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