Editor’s Letter: Ist der September der bessere Januar?

03.09.2020 Wir, Leben, Kolumne

Und plötzlich ist September. Die Tage sind nun unbestreitbar kürzer, morgens wird es später hell, abends früher dunkel. In der Luft liegt der erste Hauch von Herbst und in meinen Posteingang flattert fast täglich eine Mail, in der ich dazu aufgefordert werde, die neue Jahreszeit mit dem Kauf eines Regenmantels oder Wollpullovers zu begrüßen.

Der September ist für mich mehr als endender Sommer und beginnender Herbst. Er ist eine Art Neuanfang. Ein Moment, in dem ich mich sortiere, den Rest des Jahres plane. Mich wehmütig von meiner liebsten Jahreszeit verabschiede und mich innerlich für den nahenden Berliner Winter rüste. In Frankreich spricht man von der rentrée: die Rückkehr aus den Sommerferien (die im zentralistisch regierten Frankreich überall von Anfang Juli bis Ende August dauern). Nach den langen, warmen und trägen Sommermonaten geht im September das öffentliche, kulturelle und politische Leben wieder los. Das tägliche Tempo zieht an, der Kalender füllt sich mit Terminen und zum ersten Mal seit Wochen wird morgens wieder der Wecker gestellt.

Der bessere Januar

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von ROSEMILK (@rosemilkceramics) am

In Deutschland macht man, anders als in Frankreich, nicht kollektiv Urlaub, und für die meisten sind die Sommerferien schon Mitte August vorbei. Und dank Corona ist in diesem Jahr sowieso alles anders. Trotzdem finde ich: Der September ist der bessere Januar. Traditionell gilt letzterer ja als Zeit des Neustarts: Die guten Vorsätze sind gefasst, nun soll alles anders, besser werden. Aber es ist eben Januar. Ein Monat, der – zumindest in Berlin – im besten Fall grau und mäßig kalt, im schlechtesten Fall sehr grau, sehr kalt und sehr nass ist. Januar bedeutet für mich nicht nur deprimierendes Grau, sondern auch ein unbestimmtes Angstgefühl, ausgelöst durch hohe Erwartungen an das neue Jahr und mich selbst, die Flut von Mails und die Sehnsucht nach den entspannten Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr. Ich nenne es „Jahresendzeithangover“. Ein anderer Begriff dafür wäre „Jahresanfangsmelancholie“.

Ganz anders im September: Energetisiert durch Tage am See, Sonnenschein und ausgedehntes Herumliegen im Park, stürze ich mich voller Tatendrang auf meinen Kalender und meine To-Do-Liste. Draußen ist es im schlechtesten Fall ein bisschen regnerisch und herbstlich, im besten Fall immer noch sonnig und sommerlich warm bis heiß. Das alles macht es mir leichter, die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen und zu überlegen, was in den vier Monaten bis Weihnachten noch passieren muss, was ansteht, was ich noch tun will.

 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Stella Maria Baer (@stellamariabaer) am

Back to school

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Gucci Official (@gucci) am

Um das „Back to school“-Gefühl so richtig auszukosten, gehe ich manchmal los und kaufe neue Stifte, ein neues Notizbuch – wie damals nach den Sommerferien, wenn meine Mutter mit meiner Schwester und mir zum nahegelegenen Schreibwarenbedarf fuhr, um all das einzukaufen, was wir für das neue Schuljahr brauchten. Ich schlage, im wahrsten Sinne des Wortes, eine neue Seite auf. Räume auf. Sortiere aus, putze, versuche, Ordnung in die verschiedenen Bereiche meines Lebens zu bringen. Gerade, weil dieses Jahr alles so durchgewirbelt hat, mir Einkommen und Veranstaltungen weggebrochen sind. Ich kann Corona nicht wegplanen.

Aber ich kann zumindest die Dinge ordnen, über die ich Kontrolle habe, und so hoffentlich dem, was kommt (oder auch nicht kommt) gelassener entgegenblicken.

Ich mache Frühjahrsputz – nur eben im Spätsommer.

Eure Julia.

2 Kommentare

  1. Leonie

    Liebe Julia, das hast du so schön und feinsinnig geschrieben. Das Gefühl kenn ich nur zu gut <3

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